Red Bull…äh ich meine Rasenball Leipzig

29 07 2009

In der aktuellen 11-Freunde-Ausgabe schreibt Christoph Ruf über den neuen Stern am Leipziger Fußballhimmel, RB Leipzig. Der Artikel ist lesenswert, beleuchtet auch die Fanlager von Chemie (FC Sachsen) und Lok Leipzig. Auf der Homepage hat das 11-Freunde-Team zudem den Betreiber des Leipziger Zentralstadions interviewt.

Das Thema Rasenball Sport Leipzig bringt natürlich gerade den Fußball-Osten in Wallung. Sollte der Aufstiegsplan klappen, werden sich bald aber auch die Sportschau und Premiere mit RB beschäftigen.

Wie bei Hoffenheim gibt’s verständlicherweise einige die schimpfen, Heuchelei, Spielbetrug und Verunglimpfung des Fußballsports mit dem neuen Verein verbinden. Nachdem Dietmar Hopp ja immerhin aus Hoffenheim kommt, ist das Engagement von Red Bull nicht ganz so sportlich zu sehen. Aber Fußball ist nun mal kommerzialisiert. Ich habe mir noch keine klare Meinung gebildet, ob ich das scheiße oder gut finden soll. Ich weiß aber, dass ich mich für die Region um Leipzig, für den kompletten Ostfußball freue, wenn das Projekt Rasenball klappt.

In dieses tolle Stadion, in diese schöne Stadt gehört einfach Spitzenfußball. Wenn sich Chemie und Lok nicht zusammenraffen können, einen Klub zu bilden – was vielleicht auch gut ist – dann geht es wohl nur durch einen Investorenarschtritt, den Leipziger Fußball zu verbessern.

Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf meinen ersten  Besuch in der Red Bull Arena. Wobei die Derbys gegen den FC Sachsen und Lok bestimmt jetzt schon – es ist immerhin Oberligafußball – interessant wären.

P.S.: Sehr lesenswert in der 11Freunde ist übrigens auch die Geschichte mit Valerien Ismael über die Saisonpause eines Fußballprofis.

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Kai Ebel bricht durch

26 07 2009

Man kann ja von Kai Ebel halten, was man will. Er zählt wohl aber zu den besten Privat-Sender-Reportern Deutschlands – wenn er nicht der beste ist. Er ist immer da, wo es brennt. Er boxt sich zu Nicole Scherzinger durch, wenn Lewis Hamilton Formel1-Weltmeister wird  – noch vor der Zieleinfahrt. Er fragt ungefähr jeden Promi bei einem Box-Event nach seiner Meinung. Dabei versucht er es erst gar nicht zuzuhören, weil er sich schon nach dem nächsten Star umschaut.

Er stellte am Freitag sogar die Fragen nach dem Abpfiff des Freundschaftsspiels zwischen Köln und Bayern. Heute war er schon wieder im Einsatz – in seiner Paradedisziplin als Formel1-Reporter und ist einen Schritt zu weit gegangen.

Er hatte gerade das Live-Interview mit Nick Heidfeld beendet, da schaukelte er einfach hinter die Absperrungsbänder und schnappte sich Timo Glock, verzog sich schnell wieder aus der Tabuzone und stellte seine Fragen. Beeindruckend und für seinen Job professionell. Und nen Anschiss hat er auch keinen bekommen. Zumindest hat es der Zuschauer nicht gesehen.

Das ist nicht jedermans Sache. Überall rumwurschteln, alle Fragen stellen, immer nerven. Kai Ebel scheint es zu lieben und hat damit Erfolg. Er schafft es, starke Abneigung und dennoch großen Respekt zu ernten. Jetzt wäre es wie immer interessant, ihn mal persönlich zu treffen. Vor einiger Zeit hatte er auf seiner Homepage (kaiebel.de) sogar einen Kai-Ebel-Song zum Download angeboten. Leider gibt’s den jetzt nicht mehr, aber vielleicht findet man das Lied ja irgendwo im Netz. Lohnt sich. Passt irgendwie zu Kai Ebel.





Mehmet Scholl braucht Handcreme_Ewald Lienen den Saisonstart

26 07 2009

Bei der Recherche für das DJS-Klartext-Magazin sollte oder durfte ich 1860-Trainer Ewald Lienen und Mehmet Scholl, heute Coach des FC Bayern II, kontaktieren.

Von Scholl hatte ich gehört, dass er medienscheu sei. Daher bin ich raus nach Oberschleißheim gefahren, um ihn persönlich anzusprechen. Sein Team gastierte zu einem Vorbereitungsspiel beim FC Phönix Schleißheim. Nach dem Kantersieg, ich glaube es war ein 12:0, wollte ich Scholl auf dem Weg in die Kabine abfangen.

Die Teams mussten einige Meter über das Gelände laufen, ehe sie in der Kabine waren. Das war die Chance, zumal es ja nicht um ein Foto ging. Denn: „Schreiben ja, aber keine Bilder“, sagte Scholl zu einem Vater und seinem Sohn. Im ersten Moment klingt das assi, aber es kann auch einfach Selbstschutz sein. Nach so einer Karriere – mit tausenden Anfragen für Autogramme, Fotos, Interviews – hat ein Profi vielleicht irgendwann einfach keinen Bock mehr. Das muss man respektieren. Aber dass sich Scholl in seiner Funktion als Trainer auch vor den Medien fast versteckt, geht gar nicht. Das ist nun mal seine Aufgabe. Es wäre verständlich, wenn er nicht überall auftritt – schließlich steht er diese Saison sehr unter Druck und es geht ja immer noch um die Spieler – aber ein paar Interviews muss er schon geben.

Jedenfalls wollte ich an diesem Samstag kein Foto, nur eine Audienz. „Herr Scholl“, legte ich los, streckte ihm die Hand hin. Seinen Gang verlangsamte er nicht, aber auch er reichte die Hand. Vielleicht lag’s ja daran, dass er an diesem Tag wohl zum ersten Mal „Herr Scholl“ statt „Mehmet“ hörte.

Kurz vorgestellt und gefragt, ob er bei unserem Sportler-interviewen-Sportler-Projekt mitmacht. Nach dem Wort Projekt schüttelte er schon mit dem Kopf. „Nein.“ Ein wenig hatte er mich schon abgehängt, aber der Ehrgeiz war geweckt. „Wirklich nicht? Haben Sie echt keinen Bock?“ Zweimal drehte er sich immerhin noch um, blickte beinahe mitleidend. Eine Zusage gab’s dennoch nicht. Ärgerlich, aber auch verständlich. Zumal ihm solche Auftritte nach der gestrigen 0:2-Auftaktniederlage in der 3. Liga gegen Ingolstadt wohl noch schneller Kritik einbringen würden, als das beim FC Bayern ohnehin passiert. Was blieb: Eine S-Bahn-Fahrt nach Oberschleißheim, zwölf Tore und das Wissen, dass Scholl äußerst rauhe Hände hat – und mehr oder weniger höflich absagen kann.

Bei Ewald Lienen ging es da schon anders zu. Er wurde aber auch am Telefon überrascht. Beim ersten Anruf antwortete er auf „…von der Deutschen Journalistenschule“ schlicht: „Ganz ungünstig.“ Zwei Stunden später der nächste Versuch. Das Klingeln verhallte.

Beim dritten Mal ging er wieder ran. Schnell das Projekt und die Anfrage erklärt, sogar auf Lienens Nachfrage nochmal, und dann ging’s los: „Was glauben Sie eigentlich. Einen Bundesliga-Trainer fragen, ob er Zeit hätte, jemanden zu interviewen.“ So fuhr er noch eine Weile fort. Lienen hatte aber auch gute Tipps. „Die Spieler haben den ganzen Tag Zeit. Da müssen Sie einfach mal hierher kommen, die laufen hier alle rum.“

Die Tatsache, dass Lienen keine Zeit hat, ist absolut verständlich. Und er hat Recht, wir hätten einfach zum Training fahren können. Aber die forsche Art war dennoch unnötig. Es wird Zeit, dass die Saison startet und Lienen seinen Druck an der Außenlinie und auf dem Schreibblock ablassen kann. In diesem Sinne: Heja TSV!





Krisen-Hohn statt Traumtor-Lohn

26 07 2009

Wolfsburgs Grafite hat sich am Samstag mit seinem 5:1 gegen den FC Bayern um das Tor des Jahres beworben. „Hilferufe in der Dämmerung: Die Krise des FC Bayern“ titelte die Süddeutsche Zeitung. Dieses mediale Krisengerede ist inflationär und schwachsinnig.

Bereits im November 2008 sprach der stern von einer Krise – 1:1 hatte München gegen Lyon in der Champions League gekickt. Vier Punkte aus zwei internationalen Partien und Platz neun vor dem siebten Bundesligaspieltag: Zu früh, um eine Krise heraufzubeschwören. Prompt ging es bergauf. Der Rekordmeister blieb in der Königsklasse bis jetzt ungeschlagen, schaffte die Vize-Herbstmeisterschaft in der Bundesliga.

Vor gut einem Monat wähnte Spiegel Online Jürgen Klinsmann als „Opfer der Krise“. Der FC Bayern hatte soeben einen Punkt aus Bremen mitgebracht, blieb mit vier Zählern Rückstand auf Schlagdistanz zum Spitzenreiter. Wo ist da die Krise?  Zumal drei Siege mit 9:1 Toren folgten. Zwar beendete der VfL Wolfsburg diese Serie am Samstag. Der  FC Bayern hätte mit einem Sieg aber selbst Tabellenführer werden können, verlor immerhin gegen den aktuellen Spitzenreiter und keinen Abstiegskandidaten – und war zudem nicht so schlecht, wie das 1:5 annehmen lässt.

Indes gastiert Bayern München heute Abend in Barcelona. Es ist das Viertelfinale der Champions League, mit den acht besten Klubs aus Europa. Das hört sich schwer nach Krise an. Die Teilnahme am nächstjährigen Champions-League-Wettbewerb, eines der Hauptziele der Bayern, ist mehr als nur möglich – selbst wenn die Münchner dieses Jahr ausscheiden und nicht Meister werden.

Und der Titel selbst schwächt den Segelwind der Krisenmacher wohl am meisten. Der Rückstand auf Wolfsburg beträgt drei Zähler. Acht Spieltage vor Saisonende wäre das selbst zu Zeiten der Zwei-Punkte-Regel kein Hindernis für den aktuellen Meister gewesen.

Daher bitte nicht fünf Mal pro Saison von einer Bayern-Krise reden. Das ist so kreativ wie das Weizenbrot eines Fast-Food-Burgers kross ist und motiviert die Münchner doch nur. Mehr Beiträge über das Traumtor von Grafite wären viel angebrachter.

DJS-Text (Kommentar-Ausbildung bei Jochen Weiss)





Afrodisierende Missionarseinstellung

26 07 2009

Es war verwunderlich, dass ein Mensch ungestraft so etwas von sich geben darf. Kondome können das Aids-Problem vergrößern, sagte Papst Benedikt XVI. kürzlich in Afrika. An Ostern schien er nun geistig wieder anwesend zu sein. Der afrikanische Kontinent solle zu den Waffen der Wahrheit und der Liebe greifen, predigte das Kirchenoberhaupt vom Balkon des Petersdoms. Zwischen den Zeilen waren die Aussagen aber nicht so harmlos gemeint, wie der Papst in der darauffolgenden Nacht verriet, als er schlafwandelnd noch einmal auf den Balkon stieg und seine wahren Gedanken verkündete.

Seit Fürstin Gloria von Thurn und Taxis weiß man: „Der Neger schnackselt gern.“ Um neue Gläubige zu casten, dachte sich Benedikt, bietet sich das doch an. Erst missionieren, dann die Verhütung verteufeln und schließlich eine Massenvermehrung ultrakonservativer Christen herbeiführen. Der heilige Pontisex plant, beim Abendmahl die Hostie mit einem Anti-Anti-Babypillen-Stoff zu bestäuben. In den Messwein wird flüssiges Viagra gepanscht, der Weihrauch mit einer aphrodisierenden Substanz angereichert. Am besten sollen die Kirchengänger noch im Gotteshaus schnackseln.

Papst Benedikt will seine Einrichtung zudem modernisieren: eine Abwrackprämie, schoss ihm ein heiliger Geistesblitz in den Kopf, für Spiralen. Jede Frau, die das Verhütungsmittel in der Kirche abgibt, erhält 1.000 Euro – plus die getunte Variante. Dass bei der neuen Spirale die Verhütungswirkung verpufft, bleibt natürlich verschwiegen. Ein Teufelszeug juchzte Benedikt. In einer groß angelegten Sabotage-Aktion, sollen Glaubenshelfer zudem in regelmäßigen Abständen flächendeckend Kondome einpieksen und verteilen. Der Clou ist die Hagebutten-Beschichtung von innen. Kondom-Träger werden doppelt bestraft. Eigentlich wollte Benedikt XVI. solche Give-Aways vom Balkon des Petersdoms werfen, vergaß die Marketingaktion jedoch im Fieber der coitalen Gedanken. Er hat sich aber gleich was Neues überlegt. TroPiKos – Babys, die trotz Pille und Kondom zur Welt kommen – werden automatisch zum Ministrantenchef ernannt. Und Billy Boy wird der neue Satan der jungen Generation.

Auf der Backstageparty zur Osterpredigt tischte der Vatikan dann auch Osterlämmer in Reiterstellung auf. Corporate Identity muss ja schließlich sein – auch nach innen. „So wie früher, früher, früher, ohne Gummiüberzieher“, pfiff Benedikt XVI. dabei fröhlich vor sich hin.

Südlich der Sahara leben mehr als zwei Drittel aller von HIV betroffenen Menschen. 2007 starben weltweit zwei Millionen an Aids. 1,5 Millionen Tote allein in Afrika, lieber Papst. Coitus Interruptus, Afrika Destructus!Urbi et Orgie – Amen!

DJS-Text (Glosse-Ausbildung bei Jochen Weiss)





Die Waffe das Mikrofon, der Gegner Matthias Sammer oder wovor haben Sportjournalisten eigentlich Bammel?

26 07 2009

Angst haben, übervorsichtig sein, schwarz malen – das wird Deutschen gerne unterstellt. Als Sammelbegriff heißt das international „German Angst“. Dabei sollte diese Bezeichnung ausgewechselt werden. Denn gerade einige deutsche Sportjournalisten beweisen Mut zum Risiko – in Interviews mit Uli Hoeneß, Matthias Sammer und anderen Verbalbomben.

„Sie sind wirklich vom FC-Bayern-TV? Sie müssen sich in der nächsten Woche einen neuen Job suchen“, raunzte der Bayern-Manager im vergangenen Oktober einem Fernseh-Reporter laut der Online-Ausgabe der Rheinischen Post (rp-online.de) entgegen. Doppelt peinlich war’s, da Journalistenkollegen daneben standen. Schlimmer geht’s nicht: Anschiss vom Chef – und dann auch noch vor versammelter Mannschaft. Der mickrige Hauch leiser Kritik war für Hoeneß’ Gemüt wie Brause im Prosecco. Von den „Dusel-Bayern“ hatte der TV-Mann gesprochen – absolut verständlich nach dem knappen 1:0-Sieg beim Karlsruher SC. Kritische Fragen gehören zu einem seriösen, professionellen Medienmenschen – flauschiger Flies ist out, schroffes Schmirgelpapier in. Hoeneß sah das anders. Trotzdem arbeitet der Bayern-TV-Reporter weiterhin beim Rekordmeister.

Als Matthias Sammer noch über die Fußballplätze furchte, schaffte der heutige DFB-Sportdirektor mit ähnlichen Wutausbrüchen die Aufnahme bei YouTube. Zu Sammers aktiver Kicker-Zeit war die Premiere-Konferenz das Aufwärmen. Danach ging’s erst richtig los. Sammer als Interviewpartner nach dem Abpfiff – herrlich! Ausraster vorprogrammiert. Journalisten mussten sich vor der  Blutgrätsche fürchten. Schade, dass Sammer mittlerweile, durch die DFB-Schule weichgespült, besonnen antwortet. Dank YouTube geht die Show aber weiter:

Toll ist der offensive Ich-knutschden-Reporter-gleich-ab-Antwortstil. Abtippen lohnt sich! Sammer und Hoeneß könnten die komplette TV-Total-Knopfleiste füllen.

Dennoch wagen sich Journalisten weiter an die beiden Explodier-Ikonen heran. Wohl auch, weil sie nicht nur gequirlten PR-Mist verbreiten. Genial wäre es, wenn Sammer die Interview-Schulung der Profis übernehmen und sich währenddessen an seine Spieler-Ära erinnern würde. Dann bekäme der Zuschauer wenigstens nicht nur Honigkuchen-Parolen. „Es hat heute an Einsatz gefehlt“ oder „Einige wissen wohl noch nicht, in welcher Lage wir uns befinden“ rangieren in der Beschimpfungs-Hitliste ja schon im oberen Drittel. Vielleicht werden manche Sportjournalisten auch deshalb wagemutig und halten ihre Mikros Uli Hoeneß hin. Verbaldresche als Arbeitskick!

Wirklich Angst vor dem nächsten Treffen hatte hingegen wohl ein SWR-Reporter, nachdem ihm Jürgen Klopp quasi Arbeitsverbot erteilte:

Der Sportjournalist ist pulstechnisch beim darauffolgenden Mainzer Auswärtsspiel bestimmt auf der Überholspur gefahren.

Nicht nur im Profisport beweist der Journalist seine Waghalsigkeit. Angstschweiß fließt auch beim Dorfverein. Macht der Lokalreporter einen Fehler, schlägt ihm prompt Häme der Sportler entgegen. Wagt er gar zu oft kritische Kommentare, darf er vielleicht gar nicht mehr in die Sporthalle oder es heißt trotz einiger brutzelnder Würste: „Nee, wir haben keine Rote mehr.“ Etwas subtiler wäre die Rache in Form der Arbeitsbehinderung. Der Ergebnis-Nachfragedienst ist ohnehin das schwärzeste Schwarzbrot journalistischer Tätigkeit. Auf Lokalebene ist es aufgrund der teils embryonalen Strukturen der Pressearbeit noch härter. Wenn der Sportjournalist dazu in Ungnade gefallen ist, reicht man ihn im Vereinsheim einfach weiter. Das Telefon stört die klirrenden Biergläser dann nicht wirklich. Insofern können Angst und Verunsicherung schon mal Körper und Geist bei der Anwahl des Sportheims oder der Anfahrt zum Dorfsportplatz durchlaufen. Muffensausen im Redaktions-Panda.

Für den deutschen Sportreporter-Kader nominierte German Angstler sollten aber stets bedenken: Verbale Prügelantworten sind ein Segen. Sportler und Funktionäre könnten sich weitaus fieserer Techniken bedienen. Offensichtliche 22-Millimeter-Alustollen sind allemal fairer als Multinocken mit Spike-Aufsatz. Denn: „Wie Sie ja wissen“ oder „Wie ich schon gesagt habe“ outen den Reporter als schlechten Zuhörer und sagen gar nichts aus. Beliebt sind auch „Ja“ oder „Nein“ als Segelwind-Klauer. Die geplanten 20 Antwortsekunden brechen in nur einem Augenblinzler weg. Na gut, dann also nächste Frage – diesmal auch ohne einsilbige Antworten in der Lösungsmenge. Und dann: „Na, was denken Sie denn“, fragt der Interviewte zurück. Äh, halt, da hat einer was missverstanden. Bibbern und zitternde Mikros sind in diesen Fällen viel eher angesagt als beim Mecker-Kamikaze.

Von daher lieber ein bisschen Angst haben und provozierende Fragen stellen als nur Rosenduft ins Mikro hauchen!

veröffentlicht im Magazin Sportsirene (3, März 2009)





Vollgas auf UKW, in Lettern und über die Bildröhre

26 07 2009

Die Autohupe im Stakkatostil drücken, weil gerade das 2:0 des KSC gegen Schalke wie Honig aus dem Radio fl ießt. Die Fernbedienung auf den neuen Parkettboden knallen, weil die nächste Flanke von Ludovic Magnin im A-Block landet. Mit dem Marmeladenmesser völlig perplex durch die Hausmacherleberwurst fahren, weil die Tabelle für den SC Freiburg besser aussieht, wenn man die Zeitung dreht. Jeder kennt diese und ähnliche Reaktionen. Und wer hat Schuld daran? Die Medien! Die SportSirene war mit den Übeltätern unterwegs.

Vier Typen, drei Medien, zwei Halbzeiten und eine Leistung: Schnell, präzise und trotzdem kreativ arbeiten. Das sind die Grundanforderungen an einen modernen Reporter beim Fußballspiel. Die Rubrik „Herzblut“ zeigt, welche Leistung die Bundesligapartie des VfB Stuttgart gegen den MSV Duisburg einem Sportjournalisten abverlangt. Marko Schumacher und
Peter Stolterfoht an den Stiften, Oli Frick am Mikrofon und Tom Bartels in der Fahrerkabine des Lastwagens vor dem Gottlieb-
Daimler-Stadion.

Samstagmittag, 13:30 Uhr – Bereits zwei Stunden vor Anpfi ff stehen Redakteure, Kameramänner, Tontechniker und Tom Bartels, heute Reporter für den Sportschaubeitrag in der ARD, zur Lagebesprechung vor dem Gottlieb-Daimler-Stadion in Stuttgart  zusammen. Bartels erfährt: Um 19:10 Uhr ist er für 8:30 Minuten auf Sendung. Die Sportschau gibt zudem die Vorgabe, dass der VfB-Stürmer Mario Gomez der Einstieg in seine Story sein soll.

14:45 Uhr – Im Pressezentrum unter der Haupttribüne des Stadions herrscht reges Medientreiben. Vor allem die  Presseinformationen, mit den Teamaufstellungen, den Verletzten und den Statistiken drauf, sind schnell vergriffen. Beim Blick auf die Tabellensituation wird klar: Der VfB, der nur einen Zähler aus den ersten beiden Saisonspielen sammelte, muss unbedingt punkten, um nicht auf Platz 15 kleben zu bleiben. Was wäre das für ein Deutscher Meister, der zu Hause gegen einen Aufsteiger nicht gewinnt?

15:00 Uhr – Peter Stolterfoht, der Sportchef der Stuttgarter Zeitung, und sein Kollege Marko Schumacher trudeln im Presseraum an der Medientribüne ein. „Bei Heimspielen sind wir immer zu zweit“, sagt Schumacher und nimmt sich erst mal ein großes Glas Wasser an der Bar. „Denn am Montag haben wir eine ganze Seite über den VfB und das Spiel im Blatt.“ Fußball ist sein Beruf – er ist in der Sportredaktion ausschließlich für den VfB zuständig. Außerdem ist der 36-Jährige auch mit der Fußball-Nationalmannschaft unterwegs.

15:10 Uhr – Der SWR1-Stadionreporter Oli Frick begibt sich mit einem Aktenkoffer bewaffnet zu seinem Arbeitsplatz auf der Medientribüne. Dort steht für ihn ein Flachbildschirm bereit, der die aktuellen Kamerabilder des Spiels zeigt. Seine wichtigsten Werkzeuge sind sein Mikrofon und der Kopfhörer. Der Radioreporter checkt deren Lautstärke, blickt eine Reihe nach unten und begrüßt den TV-Mann Tom Bartels.

15:20 Uhr – Bartels rührt seinen Kaffee auf der Medientribüne mit zwei Milch an, nippt kurz am Aufputschgetränk und richtet seinen Arbeitsplatz ein: Zwei Bildschirme – das Livebild und das Bild vom Schnittplatz im Ü(bertragungs)-Wagen vor dem Stadion – eine Headsetleitung zu seinem TV-Team im Stadion sowie nach Köln zur Sportschauredaktion und sein Handy.

15:25 Uhr – Das Duo der Stuttgarter Zeitung macht es sich links auf der Medientribüne auf ungepolsterten Plastikstühlen bequem. „Jeder der 40 Zeitungsreporter hat hier seinen festen Sitzplatz“, sagt Marco Schumacher, der in der untersten Reihe sitzt. Hinter
ihm sind auch schon die Kollegen der Esslinger Zeitung, der Schwäbischen Zeitung, des Reutlinger Generalanzeigers und der Bild Zeitung da. Keiner von ihnen wird heute jubelnd aufspringen, wenn der VfB ein Tor schießt, keiner wird die Faust auf den Tisch knallen, wenn Thomas Hitzlsperger das Leder in die Wolken donnert – denn prinzipiell müssen die Reporter objektiv berichten. „Ich bin von klein auf VfB-Fan“, meint Schumacher, der in Bad Cannstatt geboren ist. „Aber wenn ich berufl ich im Stadion bin, muss ich neutral sein. Ich habe dann eine professionelle Distanz.“

15:29 – Die 22 Kicker aus Stuttgart und Duisburg betreten unter den Jubelschreien der Fans den Rasen. Bartels schreibt bereits die ersten Textzeilen für seinen Beitrag: „Denn er ist wieder zurück, der Fußballer des Jahres. Mario Gomez überraschend von Beginn an im Angriff des VfB Stuttgart“, wird später der Sportschaugucker hören.

15:32 – Kurz nach Anpfi ff beginnt der Radioreporter Oli Frick mit seiner ersten Einblendung. Insgesamt hat er über 50 davon an einem normalen Bundesligatag. Vor ihm liegt der Schaltplan, der vorgibt, für welchen regionalen Hörfunk der ARD er wann und wie lange berichten muss. „Ich habe keinen Spielraum und muss zu 100 Prozent funktionieren.“ Denn Oli Frick muss sich exakt an die Zeitvorgaben des Schaltplans halten. So auch heute. „Und der VfB kommt mit Farnerud, der legt den Ball in die Mitte! Und jetzt müsste das 1:0 fallen, für den VfB Stuttgart. Das gibt’s ja überhaupt nicht! Meine Güte! Da war Marica völlig frei vor dem Tor des MSV Duisburg, wurde abgedrängt, der Winkel wurde immer ungünstiger, und dann hat es der Rumäne nicht geschafft, den Ball am herausstürmenden Torhüter Tom Starke vorbei ins Tor zu schieben. Die erste gute Möglichkeit für den VfB Stuttgart hier. Nach sechs Minuten bleibt es bei dem Spielstand von 0:0“, reportiert Frick auf die Sekunde genau und rutscht dabei unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Seine Anspannung ist förmlich zu spüren.

15:35 Uhr – Marko Schumacher kritzelt ein paar Notizen in seinen Block, nachdem dem Stuttgarter Stürmer Ciprian Marica fast das
1:0 gelungen wäre – hätte der MSVler Iulian Filipescu seinen Schuss nicht von der Torlinie gekratzt. „Dass der VfB Deutscher Meister geworden ist, hat sich auch auf uns ausgewirkt. Das Umfeld, die Trainer und Spieler sind viel entspannter und erzählen mehr. Wenn Stuttgart verliert und wir kritisch berichten, dann haben die meisten keinen Bock mehr, mit uns zu sprechen“, erklärt Schumacher.

15:48 Uhr – Marica wird kurz vor dem Strafraum von Duisburgs Mihai Tararache gefoult. Die Fans sind aufgebracht. Zudem eine Rangelei in der Mauer, der VfB-Kapitän Fernando Meira verteilt einen leichten Schlag, die Gemüter sind erhitzt. Bartels bleibt gelassen, analysiert die Szene mit seinem Stadionredakteur Jürgen Schieck und bekommt trotz der Hektik noch den anschließenden guten Freistoß des VfB Stuttgart mit. „Ich will alles sehen, alles wissen, muss zudem perfekt vorbereitet und dazu fähig sein, das Spiel so wiederzugeben, wie es war. Also objektiv beschreiben und bewerten und dabei am Mikrofon originell und leidenschaftlich sein“, beschreibt Bartels seine Leistung als Sportreporter.

15:50 Uhr – Zeit für eine Zigarette, viel Stress hat der Zeitungsredakteur Schumacher gerade nicht. Eine Notizblockseite ist voll, markante Szenen hat er festgehalten. „Es ist schon ein entspanntes, privilegiertes Arbeiten“, schmunzelt der Sportjournalist. Jetzt lächelt er noch, doch nach der Partie tobt bei ihm auf der Suche nach Statements und Zitaten von frisch geduschten Kickern das Chaos.

16:04 Uhr – 1:0 durch Gomez: Oli Frick hält es dabei kaum noch auf seinem Stuhl, voller Spritzigkeit und Elan schallt es aus den Radiogeräten: „1:0 für den VfB Stuttgart. Und Mario Gomez hat ein Näschen bewiesen, hat sich durchgesetzt und schiebt den Ball aus fünf Metern ein zur Führung – zur verdienten Führung für den VfB Stuttgart.“ „In der 35. Minute waren aber alle Duisburger Abwehrversuche vergeblich, als Mario Gomez das geschickte Zuspiel von Ricardo Osorio zum 1:0 nutzte“, wird Peter Stolterfoht in seinem Spielverlauf morgen Abend in die Stuttgarter Zeitung schreiben. Marko Schumacher notiert sich dagegen, dass Mario Gomez, der wochenlang verletzt gewesen ist, nach seinem Treffer den VfB-Physiotherapeuten Gerhard Wörn umarmt. Dieses Jubelszenario wird der Aufhänger zu seiner Story sein – das ahnt er jetzt schon. Während das Stadion den 1:0-Treffer feiert, geht Fernsehreporter
Tom Bartels in aller Ruhe den Ablaufplan durch, und sagt noch schnell zu seinem Stadionredakteur „Pass auf, wo Gomez hinläuft“.
Wie die Stuttgarter Zeitung wird auch der Sportschau-Beitrag die Umarmung zwischen Gomez und Physiotherapeut Gerhard Wörn
bildlich festhalten. „Ich war als Jugendlicher fanatischer Gladbach-Fan, bin heute aber neutral. Da bin ich gegenüber Kollegen, die Fans sind und das auch zeigen, in einer komfortablen Situation. Denn es gibt keinen anderen Weg, als jede Spielerleistung ehrlich und objektiv zu bewerten“, begründet Bartels seine Gelassenheit beim Gomez-Treffer.

16:15 Uhr – Halbzeit: Im Presseraum gibt es Saitenwürstle für die Sportjournalisten. Doch während die Trainer Armin Veh und Rudi
Bommer in der Pausenansprache mit Körpersprache Laufwege erklären, gestikuliert Bartels von der Tribüne zu seinem Fieldreporter
am Rasen – irgendwie ein Bild zum Schmunzeln, angesichts des heutigen Hightech. Grund der Armakrobatik: Bartels möchte vom
Mann am Feld den Sitzplatz der verletzten VfB-Spieler Cacau, Boka und Khedira für sein Halbzeitbild wissen.

16:35 Uhr – Oli Frick bewältigt seine 27. Radioeinblendung am heutigen Tag – erneut sekundengenau. Er versieht seine Schilderungen stets mit einer kleinen regionalen Note. Für den Südwest-Rundfunk reportiert der 47-Jährige deutlich mehr „pro VfB“ – verglichen mit seinen Statements für den Mitteldeutschen-Rundfunk beispielsweise. Frick spricht ins Mikro, streicht die Einblendungen auf seinem Schaltplan ab, notiert sich Auswechslungen, und beeindruckt dabei durch seine Multitasking-Leistung.

16:41 Uhr – „56’ – Hitzlsperger-Schuss gehalten“, notiert Marko Schumacher in den karierten Block und erklärt aber: „Tormöglichkeiten sind nicht so wichtig. Ich verschaffe mir eher einen Gesamteindruck vom Spiel, ich will Zusammenhänge herausarbeiten.“ Wer will am Montag schon etwas über Torchancen und Rote Karten lesen, wenn die Partie schon zigmal über den Fernsehbildschirm gefl immert ist? Marko Schumacher muss deswegen Hintergründe herausfi ltern und besondere Storys suchen – das ist die Leistung eines Sportreporters im Printbereich. Seit die Tageszeitung gegenüber dem Fernsehen, dem Radio und dem Internet an Aktualität verloren hat, hat sich das Profi l verändert. Hintergründiges Berichten kann also ein Zwang sein – aber auch eine Chance. „Heute liegt meine Story auf der Straße“, sagt Schumacher und fantasiert sich schon mal eine Headline zusammen: „Nach langer Verletzung schießt Gomez das Siegtor.“

16:50 Uhr – Aus Köln kommt die Anweisung, dass die Länge des Sportschau-Beitrags nur noch 8:15 Minuten beträgt. Tom Bartels
gibt seiner MAZerin, die den Beitrag schneidet, den Hinweis, wie lange er welche Einblendung gerne hätte. Mit seinem Fieldreporter
bespricht er, welche Interviews dieser einholen soll. Prompt kommt die Anweisung aus Köln, dass Bartels nur noch acht Minuten Zeit hat – Flexibilität ist gefragt.

16:51 Uhr – Oli Frick spricht seine letzte Einblendung und hat nun endlich mal ein bisschen Luft – bis zur großen Bundesliga-Schlusskonferenz in vier Minuten: Hier spielen sich die Reporter aus der Allianz-Arena, der BayArena oder dem Signal Iduna Park gegenseitig die verbalen Doppelpässe zu. Torschrei hier, Torschrei da. Bis zu zehn Millionen Hörer befeuern die regionalen Radioreporter während der Schlussviertelstunde mit den aktuellen Spielszenen.

17:15 Uhr – 90 Minuten sind vorbei und Armin Veh reißt zum Abpfiff die Arme hoch: Der VfB hat 1:0 gewonnen – der erste Saisonsieg für den Deutschen Meister. Während die Kollegen von Premiere schon Mario Gomez das Mikrofon unter die Nase halten, fragt Marko Schumacher auf der Medientribüne seinen Chef: „Machen wir die Gomez-Story?“ Peter Stolterfoht nickt und macht sich langsam auf den Weg in die Pressekonferenz.

17:22 Uhr – Frick spricht einen Kurzbeitrag – einen Flash – für den SWR. Den nächsten legt er sich dabei bereits im Kopf zurecht.

17.30 Uhr – In der Mixed Zone, dem Weg zwischen Kabine und Spielerausgang, drängt sich schon ein Knäuel von gut 20 Journalisten um den begehrtesten Kicker des Tages: Nationalspieler Mario Gomez, der vor der Kamera gerade in ein Mikrofon des ZDF spricht. Auch die Zeitungsredakteure versuchen, ein Stück vom Zitatekuchen abzubekommen, und kritzeln eifrig mit. „Ich komme gleich wieder“, vertröstet Gomez die schreibende Presse und verschwindet in der Spielerkabine. Für Marko Schumacher heißt das: Warten. „In der Mixed Zone braucht man schon manchmal Ellenbogen, um an seine Stimmen zu kommen“, sagt er.

17:32 Uhr – Inzwischen hat Oli Frick auch den zweiten Flash eingesprochen, und gibt pünktlich sein Statememt im SWR1-BaWü-Analysegespräch ab.

17:49 Uhr – „Ich bin durch“, sagt Bartels nach zehn Seiten handgeschriebenem Text vor sich hin, während die Kicker bereits auslaufen und die Zuschauer das Stadion verlassen haben. Für die Zusatzinfos zum Spiel erhalten die Redakteure im Voraus eine 70-seitige Pressemappe.

17.50 Uhr – „Mario ist ein Weltklasse-Stürmer, aber wir sind uns jetzt nicht alle in den Armen gelegen und haben geweint vor Freude, dass er nach seiner Verletzung wieder da ist“, sagt der VfB-Torhüter Rafael Schäfer zu Marko Schumacher. Ludovic Magnin erklärt: „Das war heute typisch, er hat eine Möglichkeit und der Ball ist drin.“ Doch Mario Gomez selbst fehlt immer noch in der Mixed Zone. Wie soll Marko Schumacher eine Story hinbekommen, ohne mit der Hauptperson gesprochen zu haben? „Ich glaube, er kommt nicht mehr“, sagt Schumacher und wirkt etwas verzweifelt.

17:52 Uhr – Nach zwei weiteren Beiträgen hat Oli Frick kurz nach 18 Uhr Feierabend, nachdem er sich drei Stunden am Stück den Mund trocken geredet hat.

18:10 Uhr – Tom Bartels ist inzwischen im Ü-Wagen angekommen. Er übt seinen Text, während die fertigen Schnittbilder laufen, und überprüft die O-Töne, die Zitate der Spieler und Trainer. Sein Aufschrieb ist sehr strukturiert, die einzelnen Szenen sind bildlich durch einen Strich getrennt und die zu betonenden Wörter neonfarben markiert.

18.30 Uhr – Nach einer Stunde kommt Mario Gomez endlich in die Mixed Zone. Natürlich schnappt sich zuerst wieder das ZDF den
Stürmer. Als die Fernsehjournalisten fertig sind, fragen alle Schreiberlinge wild durcheinander. „Es war ein Traum, dass ich heute ein Tor geschossen habe“, sagt Gomez, und: „Unser Physiotherapeut hat täglich sein Bestes für mich gegeben, für ihn war es fast härter als für mich, deswegen habe ich ihn nach dem Treffer umarmt.“ Marko Schumacher hat, was er benötigt. Bei einer letzten Zigarette tauscht er mit Peter Stolterfoht, der in der Pressekonferenz auf Stimmenfang ging, die Zitate aus. Während für die Radio- und Fernsehjournalisten heute Abend das Fußballspiel Vergangenheit ist, beginnt für die Zeitungsredakteure erst am morgigen Sonntag die Arbeit. Der Spielbericht, der Spielverlauf, die Gomez-Story, die aktuelle Bundesligatabelle und zwei farbige Bilder – so wird am Montag die erste Sportseite der Stuttgarter Zeitung aussehen.

18:55 Uhr – Tom Bartels steigt in die Fahrerkabine des Ü-Wagens vor dem Stadion. Neben Lenkrad und Schaltknüppel stehen zwei Bildschirme und ein Headset bereit – krass, dass Bartels hier jetzt gleich den Text für die Sportschau live einspricht, also die Zuschauer zeitgleich vor ihren Fernsehern hören, wie er das Spiel kommentiert. „Ich muss auf den Punkt fi t sein“, beschreibt der SWR-Fernsehreporter seine Herausforderung, „es ist schwierig, dass sich Worte und Hintergedanken nicht überschlagen. Aber nachdem ich zuerst eine Banklehre gemacht und dann in einer Fabrik gearbeitet habe, weiß ich meinen Job sehr zu schätzen.“

18:59 Uhr – Marko Schumacher fährt jetzt mit seinem Fahrrad heim und sagt trotzdem: „Ich könnte mir wirklich keinen schöneren Job vorstellen.“

19:10 Uhr – „Und außerdem gab es ja heute noch eine gute Nachricht zu vermelden, Tom Bartels“, sagt Reinhold Beckmann in der
Sportschau, und Bartels legt in seiner Fahrerkabine los. Während er gestikuliert und seinen Text lebhaft, fehlerfrei und professionell auf die Bilder abstimmt, knackt die Tür, an der er lehnt. Sie ist nicht richtig zu. Aber das stört den ehemaligen Verbandsligakicker nicht, er ist ja schon seit 1995 dabei. „Der Lichtblick des VfB Stuttgart. Mario Gomez lässt wenigstens den Ausblick für den Deutschen Meister nun wieder freundlicher erscheinen“ sind seine letzten Worte. „Da drin waren es 40 Grad, ich hab geschwitzt wie ein Schwein“, sagt Bartels, als er aus der Fahrerkabine steigt. Morgens aus Köln angereist, dann zehn Seiten Text kreiert, diesen lebhaft live eingesprochen, und nun wieder zurück nach Köln – das ist wirklich eine Leistung, die Herzblut bedarf. Beim Heimfahren im silbernen 5er-BMW kann er auf der Rückbank wohl etwas entspannen, denn jetzt geben erstmal die anderen Gas.

Text: Lukas Eberle, Justus Wolf, Fabian Schmidt; veröffentlicht im Magazin Sportsirene (1, Januar 2008)