Im Landkreis grassiert das Supermarktvirus

23 06 2011

In mehreren Gemeinden diskutieren die Bürger über eine Verbesserung der Lebensmittelversorgung.

Es grummelt im Kreis – nicht im, aber wegen des Magens der Bürger. Wie ein flächendeckendes Virus beschäftigen Einkaufsmärkte derzeit die Bewohner und Politiker gleich in mehreren Gemeinden, doch die Diskussionen unterscheiden sich – eine Situationsanalyse.

Möglingen Im Löscher stehen die Bürger unter Druck. „Wir müssen die Chance jetzt wahrnehmen“, sagte der Bürgermeister Eberhard Weigele jüngst bei einem Anwohnertreffen im Topkar-Markt und meinte die Verbindung von türkischem Spezialitätenmarkt mit hiesigen Produkten. Schließlich fehlt den Bürgern das Sortiment eines Rewe- oder Edeka-Marktes im Topkar-Angebot. Dessen Inhaber Fuat Topaloglu steht dem prinzipiell offen gegenüber, baut dabei aber auch auf die Deutschen. Schließlich war deren Nachfrage vor drei Jahren zu gering, als eine ähnliche Idee aufkeimte und die 3000 Löscher-Bewohner diese Chance verpassten. Eine Auflistung von deren Warenwünschen wird nun nach den Pfingstferien der nächste Schritt zum interkulturellen Einkauf sein.

Besigheim Die Möglichkeit eines eigenen Einkaufsmarktes möchten die Ottmarsheimer nicht verpassen. Das zeigt eine neuerliche Umfrage, in der mehr als 90 Prozent der Anwohner für einen Supermarkt stimmten. Das bezieht sich auch auf einen Markt am Ortsrand, auch wenn Bürger wie Politiker die Waren lieber näher am Ortskern kaufen würden. Doch diese Option gab es letztlich nicht. Daher wird nun mit den Grundstücksbesitzern sowie mit den Discountern Norma und Penny verhandelt – diese wollten die Randlösung, um auch vorbeifahrende Bürger zum Kauf zu bewegen. „Die planungsrechtlichen Voraussetzungen werden derzeit geschaffen“, sagt Heike Eckert vom Amt für Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Umwelt.

Eberdingen Der Gemeinderat hat in der vergangenen Woche entschieden: zu Gunsten eines Netto-Marktes im Ortsteil Hochdorf und gegen einen Bürgerentscheid. Ein Anwohnerbegehren wäre bis sechs Wochen nach Beschluss möglich, schließlich befürchten die Projektgegner, dass durch den Discounter die Kunden des Edeka-Marktes im Ortskern verschwinden, dieser pleite- und somit den dortigen Anwohnern verloren gehe. An der Eberdinger Straße will ein Privatinvestor einen 800 Quadratmeter großen Markt bauen und ihn an Netto vermieten. „Wir haben alle Möglichkeiten abgefragt“, sagt der Bürgermeister Peter Schäfer, „die Lösung im Westen blieb als einzige übrig, weil dort auch Eberdingen und Riet profitieren.“

Löchgau Der Edeka-Markt in der Löchgauer Ortsmitte schließt. Da dort für eine größere Verkaufsfläche kein Platz ist, beantragte die Gemeinde eine Ausnahmegenehmigung für das Gewerbegebiet, weil das Planungsrecht große Vollsortimentmärkte in Zentrumsnähe vorschreibt, damit die Ortskerne nicht veröden. Diesen Antrag lehnte der Regionalverband Anfang Juni ab. Nun ist das Regierungspräsidium gefragt, das den Plan noch durchwinken kann. Die Stellungnahmen der Beteiligten sind kürzlich eingegangen, so dass in rund vier Wochen mit einem Ergebnis zu rechnen ist.

„Wir wollten ein bisschen Qualität reinbringen, aber zur Not müssen auch wir einen Discounter bauen“, sagt der Bürgermeister Werner Möhrer, der sich über den Regionalverband ärgert. Dieser „hinterlässt keine schöne Landschaft“, weil im Kreis überall die Discounter aus dem Boden sprießen. „In den meisten Discounter-Fällen haben wir gar kein Mitspracherecht“, entgegnet Thomas Kiwitt, Leitender Technischer Direktor des Regionalverbandes Stuttgart, und warnt vor Vollsortimentmärkten in Gewerbegebieten. Der Bau sei dort billiger, und je öfter man das erlaube, desto seltener würden sich Anbieter in dem hochumkämpften Markt auf eine zentrumsnahe Ansiedlung einlassen.

Kirchheim Eine Discounter-Lösung ist in Kirchheim angedacht, dort drohten vor einiger Zeit zwei Märkte wegzubrechen. Norma zögerte mit der Vertragsverlängerung, und Real wartete sehr lange mit einer Sanierung des alten Gebäudes, erklärt der Schultes Uwe Seibold. Der Gemeinderat wollte die Versorgung mit einem Fachmarktkonzept sicherstellen, bei dem drei Märkte zu maximal 800 Quadratmetern entstehen sollten. Da deren Größe zusammengezählt wird, wenn sie zu nah beieinanderstehen, wurde die 800-Quadratmeter-Grenze überschritten. Die Region war gefragt und lehnte das Vorhaben ab. Das Ergebnis: der Discounter im Gewerbegebiet.

Ludwigsburg Gestritten wird derzeit im Stadtteil Neckarweihingen über die ungewöhnliche Idee einer Kombination aus Schule und Supermarkt am Standort der Friedrich-von-Keller-Schule. Mittlerweile ist auch die Schulleitung von dem Konzept überzeugt, kritische Stimmen gibt es dennoch. Nun soll eine Bürgerbeteiligung entscheiden, deren Form aber noch geklärt werden muss. Ein Vollsortimenter, den der Regionalverband in den Neckarterrassen ablehnte, sei auf dem Schulgelände günstiger als der vormals angedachte Discounter am Ortsrand, erklärte der Oberbürgermeister Werner Spec neulich bei einem Bürgerforum. Dem Schultes schlägt die Kombinationsidee jedenfalls nicht auf den Magen.

Infokasten: Die Rolle der Behörden

Marktgröße Wenn eine Gemeinde einen Supermarkt mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche ansiedeln möchte, müssen der Verband Region Stuttgart und das Regierungspräsidium (RP) eine Stellungnahme zu diesem Vorhaben abgeben. Beide Behörden sind sogenannte Träger öffentlicher Belange, kurz TÖB. Das RP ist zwar die Genehmigungsbehörde, doch die Vorgaben des Regionalverbandes bilden letztlich in den meisten Fällen die Rechtsgrundlage.

Einflussfaktoren Der Regionalverband möchte die Nahversorgung sichern und den Einzelhandel auf die Ortsmitten konzentrieren, damit die Bürger kurze Einkaufswege haben. Außerdem sollen die neuen Märkte keine Nachbargemeinden beeinträchtigen. Da Vollsortimenter meist größer als 800 Quadratmeter sind, entstehen in vielen Gemeinden Discounter, weil diese in der Regel kleiner sind. Die Projektplanung betrifft dann weniger Behörden und ist somit einfacher.

Sonderfall Ein sogenanntes Zielabweichungsverfahren wird erforderlich, wenn die Bauvorhaben mit den Raumordnungsplänen kollidieren. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn in einem Grünzug in einer Stadt ein Supermarkt entstehen soll. Dann werden verschiedene Behörden wie der Naturschutz, die betroffenen Träger und die angrenzenden Kommunen angehört. Die Entscheidungsmacht liegt in diesem Fall beim Regierungspräsidium.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (22. Juni 2011)





Zwei Windsbräute rühren ihn zu Tränen

1 06 2011

Frieder Schwarz hat sich für den Wald engagiert. Jetzt geht der Forstamtsleiter in den Ruhestand.

Zweimal ist in Frieder Schwarz „etwas kaputtgegangen“. So nennt es der Amtsleiter des Fachbereichs Forsten des Ludwigsburger Landratsamtes. Am 28. Februar 1990 stürmte Wiebke, am 26. Dezember 1999 Lothar über das Land. Die Orkane zerstörten Unmengen von Bäumen. Schwarz „kamen die Tränen“ bei den Besprechungen für die Aufräumarbeiten. Allein Lothar „fegte uns 160 000 Festmeter Holz vor die Füße“, das Aufräumen dauerte 24 Monate. Jährlich schlagen die Förster in den elf Revieren, für die er zuständig ist, lediglich 25 000 Kubikmeter.

Mittlerweile schwingen auch positive Gefühle mit. „Ich bin schon ein wenig stolz, dass wir diese Katastrophen gut bewältigt haben“, sagt der Oberschwabe und meint beispielsweise die Wiederbewaldung und das Verhindern noch größeren Schadens. Ebenso gelang ihm und seinem Team die logistische Abwicklung des Holzverkaufs, auch wenn es durch das hohe Angebot „einen Preissturz gab, dass es nur so krachte“.

Frieder Schwarz feierte vorgestern seinen 65. Geburtstag, wird heute verabschiedet und startet morgen in einen neuen Lebensabschnitt. Er war fast 24 Jahre Amtsleiter, koordinierte in dieser Zeit die Abläufe und Aufgaben der Forstreviere im Kreis, organisierte den Holzeinschlag und den Holzverkauf, verwaltete die Finanzen. Zu seinen Aufgaben zählte außerdem, Stellung zu nehmen in Belangen, die den Wald betreffen – sei es ein Straßenbau oder neue Leitungen im Baumbestand.

Schwarz erwartet nun eine „große Umstellung“. „Mir wird natürlich etwas fehlen, aber ich habe mein Soll erfüllt“, sagt der Vater zweier Töchter, der seit mehr als 15 Jahren getrennt von seiner Frau lebt. In seiner Arbeit versuchte er „keinen Stress aufkommen zu lassen“, was durch die Langfristigkeit der Entscheidungen im Forstbereich eher möglich war. „Was ich heute gestalte, erlebe ich vermutlich nicht mehr.“

Dennoch lässt er den Spruch „am schönsten hat’s die Forstpartie, der Wald der wächst auch ohne sie“ nicht gelten. Arbeit hatte er genug, im Laufe seiner Dienstzeit hat sich die Größe seines Zuständigkeitsbereichs verdreifacht, „bei gleicher Gehaltsstufe“. Daher ist er auch weniger „raus in den Wald gekommen“, war mehr „an den Schreibtisch gefesselt“, aber dennoch mit Herzblut dabei: „Ich habe die Interessen des Waldes sehr konsequent vertreten.“

Dabei schaffte es Schwarz, der Bürokratie der Beamtenwelt pragmatisch zu begegnen. „Er konnte komplexe Probleme in ein bis zwei Zeilen zusammenfassen, trotzdem war es abgearbeitet“, sagt der Büroleiter Ralf Zellin, „das wird uns fehlen.“

Auch Frieder Schwarz wird das Arbeiten ein wenig fehlen, Pläne für den Ruhestand hat er keine geschmiedet. Vielleicht wird er seinem Hobby, der Fotografie, mehr nachgehen. Zu viele Träume seien aber nicht übrig geblieben, schließlich sei er niemand, der seine Vorhaben lange aufhebt. Und wenn alles gut läuft, wird er im November als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter des Landkreises für fünf Jahre wiedergewählt. Dann hat er weiterhin eine „große Selbstständigkeit und Verantwortung“, die er als Förster schätzte – und kann zudem verhindern, dass der Wald kaputtgeht.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (31. Mai 2011)





Warum steht die Ampel noch?

1 06 2011

Stau -Jede Woche lösen wir ein Rätsel des Alltags. Heute: Sinn und Unsinn eines Kreisverkehrs.

Ein Satellitenbild bestätigt den aufgebrachten Leser: Vor kurzem hat uns eine E-Mail von Gerhard Dörr aus Bietigheim-Bissingen erreicht. An der Kreuzung zwischen der Umgehungsstraße von Bietigheim und der Einmündung nach Tamm (Asperger Straße und Carl-Benz-Straße) seien täglich zu den Stoßzeiten lange Staus. Erst neulich sei er durch Tamm gefahren, die Autos hätten sich bis zur Ortsmitte zurückgestaut.

„Da regt sich jeder auf“, ergänzte Dörr dann telefonisch. Dass es dort keinen Kreisverkehr gebe, „versteht kein Mensch mehr“, Platz sei schließlich da. Eine Satellitenaufnahme im Internet zeigt einerseits, dass tatsächlich genügend Fläche für einen Kreisel vorhanden wäre, andererseits zeugen acht wartende Fahrzeuge davon, dass bei einem hohen Verkehrsaufkommen lange Wartezeiten an der Ampel für die aus Tamm kommenden Fahrzeuge drohen, schließlich ist die Straße erst ganz kurz vor dem Knotenpunkt zweispurig. Deshalb meint Dörr: „Die Kreuzung verkraftet den Verkehr nicht mehr“, und fragt: „Warum fehlt der Kreisverkehr?“

Wir haben diese Frage an die Stadtverwaltung in Bietigheim-Bissingen weitergeleitet und sind nun schlauer – ein wenig zumindest. Es seien zwar einige Kreisverkehre in der Planung, doch bei der beanstandeten Stelle böte sich die Kreisvariante nicht an. „Auf der Umgehungsstraße ist zu viel Verkehr“, sagt Anette Hochmuth, Pressesprecherin der Stadt Bietigheim-Bissingen, „daher würden sich an einer Einfahrstraße in den Kreisverkehr die Fahrzeuge zu sehr stauen.“

Wir verstehen das so: Da die Wagen im Kreisverkehr Vorfahrt haben, müssen die Einfahrenden warten. Ist ein Kreisel ständig blockiert, staut sich folglich der Verkehr an einer der Einmündungsstraßen. Klingt irgendwie logisch, auch wenn es verwunderlich ist, dass ein Kreisverkehr das Stauaufkommen vergrößern soll. Jedenfalls würde durch einen Kreisel nur noch mehr Blech durch Tamm rollen, und das wolle die Stadt ja gerade vermeiden. Die Lösung, sagt Hochmuth weiter, wäre ein zwei- oder dreispuriger Kreisverkehr: „Doch die Erfahrungen zeigen, dass das in Deutschland kaum funktioniert.“

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (31. Mai 2011)