Bauchspezialist mit kühlem Kopf

29 04 2011

Der Klinikdirektor Thomas Schiedeck zählt bundesweit zu den besten Ärzten in seinen Spezialgebieten.

Wo treffen sich ein Biochemiker und eine Theologe? In der Arztpraxis! Das ist kein Witz, sondern die Formel für die Berufswahl von Thomas Schiedeck gewesen. Der Ärztliche Direktor der Ludwigsburger Klinik für Allgemein- und Viszeral-, also Bauchchirurgie findet jedenfalls, dass die ärztliche Tätigkeit ein Mix aus biochemischer und religiöser Arbeit sei. „Ein Arzt muss seine Grenzen erkennen, und er braucht zwischenmenschliche Kompetenz“, sagt der 47-Jährige, dessen Klinik vom Magazin „Guter Rat Gesundheit“ in den Bereichen Verdauungstrakt- sowie Enddarm- und Hämorrhoidenchirurgie unter die bundesweit besten gewählt wurde.

Der Chefarzt nimmt die Würdigung aber nicht allzu ernst, denn „häufig ist nicht so ganz klar, wie diese Ergebnisse zustande kommen“. Dennoch freut er sich, weil er weiß, dass sich Patienten an solchen Kriterien orientieren. Schiedeck will mit der Skepsis gegenüber derartigen Ranglisten jedoch betonen, dass er besonders das „Urvertrauen zwischen Patient und Arzt“ als Behandlungsbasis sieht.

Den Familienvater reizt an seinem Job die „hohe Konzentration“, schließlich betreibe er eine „sehr feinsinnige Chirurgie“, in der mikroskopisch unter bis zu achtfacher Vergrößerung „subtil“ operiert wird. Die Eingriffe sollen gewebeschonend sein, was die Heilungschancen erhöhe.

Schiedeck wuchs im bayerischen Rothenburg auf, studierte in Würzburg, machte die Facharztausbildung in Lübeck, arbeitete eine Zeit lang in Bolivien und ist seit 2004 in Ludwigsburg. Sein Hang zur Viszeralchirurgie gründet darin, „dass mich die Stoffwechselfolgen des Menschen schon immer interessierten“. Er habe seine Berufswahl nie bereut und erfreue sich nach wie vor der „hohen Verantwortung“ als Mediziner.

Für ihn hat ein Klinikarzt gegenüber einem niedergelassenen Kollegen einen Vorteil, weil mit der Einrichtungsgröße bessere Behandlungsmöglichkeiten einhergingen. „Wir machen die komplette Chirurgie, das könnte ein Selbstständiger nicht stemmen.“ Schiedeck ist ein Anhänger sogenannter integrativer Therapie. Die Behandlung solle zwar auf schulmedizinischen Aspekten beruhen, aber auch andere Methoden wie die traditionelle chinesische Medizin mit einbeziehen. Generell dürfe man nie außer Acht lassen, „wie lange eine Behandlung unter menschenwürdigen Bedingungen gut“ ist – weshalb es der Tumorspezialist für wichtig erachtet, „keine falschen Hoffnungen zu wecken“. Dazu bedürfe es eines „offenen Gesprächs“ mit den Patienten.

Das belastet natürlich auch einen Arzt. Es dauere, mit den teilweise menschlichen Krankheitstragödien umgehen zu können. „Das wird nie zur Gewohnheit, man muss es richtiggehend lernen“, sagt Schiedeck, dem dabei auch Gespräche mit Kollegen und seiner Frau, die ebenfalls Ärztin ist, helfen. Zu Hause haben die medizinischen Sorgen aber auch mal Pause. Schiedeck schickt seine beiden Kinder nicht wegen jedem kleinen Kratzer zum Arzt.

Der Bayer, der auch vielseitig ehrenamtlich aktiv ist, beschreibt sich als „ungeduldig“, wenn er möchte, dass sich eine Situation ändert, und findet seinen Stressausgleich unter anderem im „ausgedehnten Wandern mit dem Hund“. Der 47-Jährige arbeitet gerne in der Gruppe. Zudem sei er „sehr sachlich, aber manchmal auch richtig witzig“, wie seine Sekretärin Birgit Kunkel sagt. Und wenn er sauer werde, dann „kriegt er sich schnell wieder ein“. Sie ist „heilfroh, dass ich ihn erwischt habe“, und die Patienten seien von ihm „begeistert“.

Thomas Schiedeck scheint demnach ein guter Arzt zu sein, der zudem auf ein klares Berufscredo baut: „Krankenhäuser haben den Zweck, Kranke gesund zu machen“, sagt er, und sie sollten keine „reinen Wirtschaftsunternehmen“ werden. Der pure Fokus auf den monetären Gewinn wäre ja irgendwie ein schlechter Witz.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 28. April 2011





Noch elf Zentimeter bis zum Abschied

28 04 2011

Der Schwimmmeister Rainer Schweisser hört nach 35 Jahren auf. Das Hallenbad verliert eine Marke.

Rainer Schweisser zelebriert seinen Abschied. Am gelben Poloshirt des Schwimmmeisters im Freiberger Hallenbad baumelt ein Maßband. Elf Zentimeter zeigt die Längenangabe, jeden Tag schneidet der 59-Jährige eine Ziffer ab – und zählt somit bis zu seinem letzten Arbeitstag. Denn er geht im Mai nach 35 Jahren in den Vorruhestand. Bei 150 Zentimetern fing er an, rückwärts zu zählen.

„Ich hatte hier eine glorreiche Zeit, aber mit ch“, sagt Schweisser und lacht. Schließlich kam er beinahe täglich mit dem Desinfektionsmittel Chlor in Berührung. Seine Nase und seine Bronchien sind leicht in Mitleidenschaft gezogen worden, er schnupft ein wenig. „Das stört mich aber nicht wirklich“, sagt Schweisser. Trotzdem besitzt er wegen dieser Probleme und aufgrund eines Hüftleidens einen Behindertenausweis. Der Freiberger will sich aber gar nicht lange mit seinen Wehwehchen aufhalten, er erzählt lieber über sein Bademeisterdasein, über seine Erlebnisse. Hier im Becken hat er eine Frau aus dem Wasser gezogen, die ihm daraufhin ein trockenes T-Shirt lieh, dort hat er einen Jungen „zusammengebügelt“, der Apnoetauchen übte und lange am Beckenboden schwebte. Das habe ihm einen „Riesenschreck“ eingejagt.

Denn während der Aufsichtszeit des Bademeisters ist auch einmal jemand gestorben: Ein Triathlet trainierte im Hallenbad, trieb plötzlich reglos im Wasser. Schweisser sprang sofort ins Becken, versuchte den Mann zu reanimieren. Es half nichts, der Gast hatte bereits Bypässe, starb an einem plötzlichen Herztod, Rainer Schweisser traf keine Schuld. Der Familienvater wollte danach keine Pause, machte weiter – „und mittlerweile habe ich es verkraftet“.

Er befolgte auch in diesem Fall sein Credo: „Man muss die Aufsichtspflicht immer gewährleisten“ – ob am Beckenrand oder im Aufsichtsraum. Dabei ist er „auch manchmal laut geworden“. „Ich denke aber, dass ich insgesamt ein lockerer und ruhiger Schwimmmeister bin.“

Auf alle Fälle ist Rainer Schweisser aufmerksam. Als eine Schwimmerin vor dem Aufsichtsraum steht, greift er automatisch zur richtigen Schwimmhilfe und gibt sie der Frau. „Ich kenne meine Kandidaten“, sagt er. 35 Jahre als Bademeister bringen eine gewisse Erfahrung mit sich. Aber auch ein Repertoire an Tricks, denn Schweisser ist ebenso ein Schelm. Als er gebeten wurde, die Wassertemperatur zu erhöhen, drehte er an einem Schalter in seinem Räumchen. „Das hat aber gar nichts bewirkt, die Leute dachten dennoch, es wäre wärmer“, erzählt er, der einst eine Ausbildung zum Werkzeugmacher absolvierte.

Rainer Schweisser illustriert die Anekdote, indem er sie nachstellt. Er spricht gern mit Händen und Füßen. Das sagt auch Larissa Brucker, die seit 2008 im Hallenbad aushilft. „Er geht schon manchmal forsch auf die Leute zu und macht Witze, die manche erst nicht verstehen“, sagt die Studentin, „aber er ist ein toller Mensch und ein netter Chef“, der strenger wirke, als er ist. „Es ist schade, dass er aufhört.“

Irgendwie ist das Freiberger Hallenbad ohne Rainer Schweisser schwer vorstellbar, er war eine Marke und bezeichnet seine Arbeitsstätte als „mei Bädle“, das er weit über seine Pflichten wie Aufsicht, Abrechnung, Putzen hinaus pflegte. „Ich war immer gerne hier, aber ich freue mich auch auf die Zeit danach“, sagt er, „Langeweile wird es keine geben.“ Schließlich warten daheim ein Enkel und bald das Haus des Sohnes, das renoviert werden muss. Für diese Arbeit sollte er sich dann aber noch ein neues Maßband zulegen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 27. April 2011





Diesmal soll der große Umbruch ausbleiben

28 04 2011

Der Ludwigsburger Bundesligist will trotz der verpassten Play-off-Teilnahme die meisten Spieler halten.

Das Motto lautet Kontinuität. Davon lassen sich die Verantwortlichen des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg auch nach dem erneuten Verpassen der Play-off-Plätze nicht abbringen. Ob Trainer, Manager, Vereinsboss oder Teambetreuer: alle werten die abgelaufene Saison mit dem neunten Rang positiv und sehen in ihr eine gute Basis für die Zukunft. „Es besteht ein großer Unterschied zu den vergangenen Spielzeiten“, sagt der Vorstandsvorsitzende Alexander Reil, „diesmal will ich nicht am liebsten 80 Prozent der Spieler nach Hause schicken.“

Die Mannschaft habe sich „Kredit zurückerspielt“ und „Sympathiepunkte gewonnen“. Reil ist optimistisch, den Großteil des Teams halten zu können, „aber vereinzelt werden wir Veränderungen vornehmen müssen“. Schließlich war das größte Problem der Saison die Verteidigung, weshalb der Clubchef dafür plädiert, „die Mischung des Teams ein wenig zu ändern“. Eine Spielerrochade wie in den vergangenen Jahren gebe es aber definitiv nicht.

Auch der Trainer soll diesmal länger bleiben. Hier scheint das einzige Fragezeichen die Sondersituation von Markus Jochum zu sein, der als Lehrer beim Staat angestellt ist und daher nicht ganz unabhängig entscheiden kann. Jedenfalls ist seine „Motivation weiterhin groß“. Schließlich wertet er die Saison „als positive Entwicklung mit vielen schönen Spielen“.

Zudem ist die aktuelle Runde die erfolgreichste seit 2007: Ludwigsburg erspielte sich endlich wieder mehr Siege als Niederlagen. „Das Besondere dieser Mannschaft war das Miteinander, die Harmonie, dass sich jeder für den anderen einsetzt“, sagt der Ludwigsburger Teambetreuer Dieter Schöninger. Für die nächste Saison ist er daher zuversichtlich und baut mit einem Verweis auf das Erfolgsbeispiel Brose Baskets Bamberg, den Hauptrundensieger der Bundesliga, auf Kontinuität.

Mit ganz anderen Voraussetzungen als Bamberg startete Ludwigsburg in die am Samstag mit der 79:94-Heimniederlage gegen Frankfurt abrupt beendete Spielzeit. Die komplett neu und recht spät zusammengestellte Mannschaft brauchte einige Zeit, um zu funktionieren. Hinzu kamen Verletzungen wie die des wichtigen Flügelspielers Donatas Zavackas. Das Team verlor sechs der ersten acht Spiele.

„Wir sind nach Rückschlägen aber immer wieder aufgestanden und haben trotz der enormen Anspannung im Saisonverlauf eine sehr gute Stimmung gehabt“, sagt der Teammanager Mario Probst. Mit der Zeit stellte sich auch der Erfolg ein. Das lag einerseits an Zavackas‘ Rückkehr, andererseits änderte der Trainer die Taktik im Spielaufbau, um den Kapitän Jerry Green besser ins Spiel zu bringen. Darüber hinaus verteidigte Ludwigsburg in vielen Partien geschlossener und stabiler.

Die Mannschaft dominierte aber selten über die gesamten 40 Minuten. „Im Vergleich zu den Spitzenteams haben wir in der Breite nicht so einen stark besetzten Kader. Da spiegeln sich die wirtschaftlichen Verhältnisse wider“, sagt Probst. Der Manager freut sich daher umso mehr, dass „sich die Jungs alle zerrissen haben und uns letztlich nur ein kleiner Schritt fehlte“.

Er weiß aber auch, dass es in Ludwigsburg wieder mal an der Zeit wäre, ein Play-off-Spiel zu bestreiten. Der Zuschauerdurchschnitt sank von 3200 auf 2900 Besucher im Vergleich zum Vorjahr – während die Bundesliga einen Rekord (3813 Fans pro Partie) vermeldete. Probst ist sicher: „Für die Fans zählt eher die Art und Weise als nur der sportliche Erfolg, wir haben mit einem ganz neuen Team schon diese Saison eine gute Identifikation geschaffen.“

Um auch wieder eine Beständigkeit bei den Spielern zu gewährleisten, wird der Club in den nächsten Tagen mit den Profis wie John Bowler verhandeln. Einige Akteure wie Jerry Green, David McCray oder Johannes Lischka haben noch einen Vertrag, bei anderen „hat der Verein Optionen geschaffen“, sagt Probst, ohne zu konkretisieren, was das bedeutet. Es dürfte aber schwer werden, manche Leistungsträger zu halten. Alex Harris beispielsweise weckte mit seinen guten Leistungen Begehrlichkeiten bei anderen Clubs mit einem größeren finanziellen Spielraum als Ludwigsburg – und Toby Bailey sprach schon mehrmals vom Karriereende.

Das Gute ist, dass der Sponsorenvertrag mit der EnBW noch für die nächste Saison gilt. Und zu den Personalverhandlungen sollte der Club einfach immer Dieter Schöninger mitnehmen: Der Betreuer ist schließlich bald 22 Jahre in Ludwigsburg und damit ein vorbildliches Beispiel für die gewünschte Kontinuität.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 27. April 2011





Ohrenschmerzen in der Arena?

27 04 2011

Lautstärke – Jede Woche lösen wir ein Rätsel des Alltags. Heute: strapazierende Sirene.

Da platzt fast das Trommelfell. Eine stimmungsvolle Atmosphäre und somit unweigerlich lautstarke Hintergrundkulisse wünscht sich zwar jeder Basketballfan bei den Spielen in der Ludwigsburger Arena, im Optimalfall sollten dafür aber die Anhänger selbst sorgen und nicht die Lautsprecherboxen in der Halle, wie es bei den Bundesliga-Basketballern der Fall ist. Da wird jeder Gesprächsfaden durchschnitten, wenn die Sirene beim Testlauf im Vorfeld einer Partie schrill und viel zu laut über die Beschallungsanlage in den Gehörgang dröhnt. Da fragen sich einige Besucher: Warum muss dieses Signal meine Ohren so strapazieren?

Die Antwort lautet: die Basketballer können im Prinzip nichts dafür, sie folgen nur den Vorschriften. Die Sirene muss bei diesem Spiel bei Auswechslungen und Auszeiten ertönen, was doch recht häufig in den 40 Minuten Spielzeit vorkommt. Und der Ludwigsburger Teammanager Mario Probst berichtet, dass der Club in der vergangenen Saison vom Verband kritisiert worden sei, weil diese Sirene zu leise sei. Die Lautstärke wird letztlich durch eine Hallenabnahme der Verbandsvertreter festgelegt. Vielleicht hören diese Damen und Herren ja schlecht oder registrieren durch die ständigen Abnahmen die Schmerzen in ihren eigenen Ohren gar nicht mehr.

Aber „vielleicht ist die Sirene auf dem Feld ja auch weniger zu hören“, sagt Probst, „oder die Stimmung ist bei uns einfach so gut, dass das Signal lauter sein muss als in anderen Arenen“. Oder der Club dreht absichtlich auf, um auch ja alle Zuschauer vor dem Spielbeginn wachzurütteln. Möglicherweise hat der Lärm am Samstagabend aber sogar einem Besucher geholfen, und zwar demjenigen, der den 1000-Euro-Wurf in einer Spielpause von der Mittellinie im Korb versenkte. Schließlich fährt die Arenasirene in jede Zelle des Körpers, so dass alle Muskeln und Nerven bereit sind für eine Höchstleistung.

Genau die hat den Bundesligaspielern bei der Niederlage im letzten Hauptrundenspiel vor drei Tagen leider gefehlt: Sie verpassten knapp die Play-offs. Daher noch ein Tipp für die Profis gegen kritische Stimmen: Ohren zu und durch.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (26. April 2011)





Frust statt Freibier

27 04 2011

EnBW Ludwigsburg verliert das letzte Hauptrundenspiel 79:94 gegen Frankfurt und verpasst erneut die Play-offs. Die Verantwortlichen hadern mit dem schlechten Saisonstart.

Ludwigsburg ist vorbereitet gewesen. Am Samstagabend war die Fantribüne in der Arena schon 20 Minuten vor dem Spiel gefüllt, gelbe T-Shirts bestimmten das Bild auf den Rängen, auch die Clubmitarbeiter trugen die Vereinsfarbe. Die Besucher hielten Anfeuerungsschilder und speziell angefertigte Play-off-2011-Schals in die Höhe, außerdem sollte Freibier nach dem erhofften Sieg ausgeschenkt werden – bei einer Endrundenparty in einer Bar neben der Halle.

Selbst die Deutsche Bank Skyliners aus Frankfurt schienen der EnBW Ludwigsburg den Festabend nicht vermiesen zu wollen, zumindest zeugte das Gähnen von Quantez Robertson bei den Dehnübungen während des Aufwärmens nicht von allzu großer Anspannung. Aber der Bundesligazweite aus Hessen spielte dann doch nicht so, wie die Ludwigsburger es gerne gesehen hätten, gewann deutlich mit 94:79 (47:32) und schmiss sie aus den Play-off-Rängen.

Denn gleichzeitig gewannen Göttingen sowie Bremerhaven, und da den Ludwigsburgern im direkten Vergleich mit den Norddeutschen sieben erzielte Punkte fehlen, dürfen die Bremerhavener dorthin, worauf sich die 3850 Ludwigsburger Zuschauer am Samstag so sehr gefreut hatten. Ihr Team verpasst damit zum vierten Mal nacheinander den Sprung in die Endrunde.

„Es fühlt sich an, wie wenn dir jemand den Stecker rauszieht“, sagte der Teammanager Mario Probst, „dass es so knapp ist, tut besonders weh.“ Einige Spieler hätten in der Kabine geweint. „Wir waren immer an den Play-offs dran, aber nie richtig drin“, betonte Probst. Die Ursache lag letztlich nicht an der Niederlage gegen die starken Frankfurter, die sehr intensiv, kämpferisch und schnell agierten. Vielmehr machten die Verantwortlichen den schlechten Saisonstart und einige besonders bittere Niederlagen als Hauptgrund des Scheiterns aus. Der Trainer Markus Jochum nannte die gegen Oldenburg nach einer hohen Führung oder die beim bis zuletzt akuten Abstiegskandidaten Bayreuth.

Aber auch am Samstag verärgerte die Mannschaft ihren Trainer des Öfteren. Als Frankfurts Carl Lindbom zu Beginn des Schlussviertels einen Dreipunktewurf vergab, sich selbst den Abpraller holte und per Korbleger zum 78:56 für die Gäste traf, breitete Jochum fragend die Arme aus, tippelte energisch auf dem Boden und schrie in Richtung seiner Spieler. Die Szene konnten die Zuschauer mehrmals an diesem Abend beobachten, und Jochum wirkte dabei ratlos, wütend und enttäuscht zugleich. „Man kann nur über eine gute Verteidigung zurück ins Spiel finden“, sagte er, „das haben wir heute keineswegs geschafft.“ Sein Team hätte sich die eigenen Würfe zudem „hart erarbeiten“ müssen und habe diese dann auch noch schlecht getroffen.

Das lag einerseits an dem großen Druck in diesem entscheidenden letzten Spiel, andererseits auch an dem starken Gegner aus Frankfurt. „Ich weiß gar nicht, worüber ich mehr enttäuscht bin. Darüber, dass wir die Play-offs verpasst haben oder dass wir im entscheidenden Spiel chancenlos waren“, sagte der Vorstandsvorsitzende Alexander Reil, „ich glaube Letzteres.“ Der geplante Ludwigsburger Festabend endete schließlich mit dem Abschied in die Sommerpause und großer Ernüchterung.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 26. April 2011





Ein Brunnen plus zwei Stäbe ist gleich Russlandreise

22 04 2011

Der Abiturient Randolf Scholz präsentiert ein Matheprojekt bei einer Wissenschaftskonferenz in Moskau.

Der virtuelle Randolf Scholz verrät schon einiges über den realen. In seinem Facebook-Profil hat der Abiturient aus Ingersheim sechs Interessensfelder angegeben – Schach, Zauberwürfel, Mathematik, Segeln, Tischtennis und Judo. „Ich lebe nach dem Motto: für den Geist und für den Körper“, sagt der 19-Jährige, „hier möchte ich eine Balance halten.“

Das scheint ihm zu gelingen. Jedenfalls macht er einen sportlichen und cleveren Eindruck zugleich. Er spricht gern über sein Segelboot, das er zurzeit restauriert. Genauso gern erklärt er seine „Faszination“ für Mathematik und verwendet dabei Stift und Block, um die Zusammenhänge zu erklären. Er sucht stets den Blickkontakt und untermalt seine Erläuterungen mit Gesten. Danach versteht auch ein Zahlenfeind zumindest den Grundgedanken seines komplexen Betätigungsfelds.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass er vom 24. bis 29. April an einer internationalen Konferenz junger Wissenschaftler in Moskau teilnimmt und dort ein Mathematikprojekt vorstellen wird – auf Englisch.

Im vergangenen Jahr hat er sich für das Kepler-Seminar in Stuttgart beworben, eine Einrichtung, die seit einem Vierteljahrhundert mathematisch und naturwissenschaftlich-technisch besonders interessierte Oberstufenschüler fördert. Scholz wurde angenommen, besucht seither freitags vom Kepler-Seminar organisierte Vorlesungen an der Universität Stuttgart und lernte dort zwei Schüler kennen, mit denen er eine Mathematik-AG gründete. Die drei arbeiten unter der Mithilfe eines ehemaligen Professors an einem Projekt zum Thema „diophantischer Brunnen“. So nennen es jedenfalls Scholz und seine Kollegen Felix Dörre und Dean Hrle. Vereinfacht dargestellt, handelt es sich dabei um das Herausfinden eines Lösungswegs für einen Brunnen, dessen Seitenlängen ganzzahlig sind, und in den zwei Stäbe hineingeworfen werden. Dabei soll auch der Schnittpunkt der Stäbe in einer ganzzahligen Höhe möglichst flach über dem Brunnenboden liegen. Hier haben die Schüler herumgetüftelt und schließlich basierend auf dem Satz des Pythagoras, also Rechengesetzen bei rechtwinkligen Dreiecken, einen Lösungsweg gefunden. Diesen wird Scholz mit Hilfe von Computeranimationen in Russland vorstellen. „Das ist toll, um Kontakte zu knüpfen und um sich zu beweisen“, sagt der Schüler.

Beim Wettbewerb „Jugend forscht“ gewann das Team bereits den dritten Platz, für Moskau hofft Scholz auf mehr. „Dort zählt auch die Präsentation viel, und diesbezüglich haben wir ein gutes Feedback erhalten“, sagt er, „die Leute waren froh, Mathematik einmal verstanden zu haben.“ Scholz selbst kann das bereits länger von sich behaupten. Er mochte Zahlen schon immer, sein großes Faible begann in der neunten Klasse, als es in der Schule mit den Beweisen losging. Es reizt ihn, „Lösungswege selbst zu finden“, denn da ist „Kreativität gefordert“. Rechnen müsse der Mensch heute nämlich nicht mehr, das mache der PC, sagt Scholz. Daher gefällt ihm auch der aktuelle Mathematikunterricht an der Schule nicht. „Man rechnet nur, sollte aber lieber Verständnisaufgaben machen, um Mathematik auch wirklich zu verstehen“, sagt der 19-Jährige, der sein Lieblingsfach auch studieren möchte.

„Es ist schade, dass Mathematik in der Gesellschaft so einen schlechten Ruf hat“, sagt Scholz, „sie ist zwar kompliziert, aber das Logischste auf der Welt.“ Seine Mitschüler gratulieren ihm mittlerweile zu seiner Nominierung für Moskau, aber in der Mittelstufe fühlte er sich teilweise „außenseitermäßig“. Als Mathefan hat „man teilweise das Problem, als Freak zu gelten, aber mittlerweile bin ich akzeptiert“, sagt der Abiturient des Ellental-Gymnasiums in Bietigheim-Bissingen, der sich selbst als „ehrgeizig, aber bescheiden“ beschreibt.

Scholz kam mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder in der zweiten Klasse aus Sachsen nach Württemberg, entwickelte hier seine Zuneigung für Zahlen, Zusammenhänge und Beweise. „Faszinierend ist die Ewigkeit der Mathematik“, sagt Scholz, „der Satz des Pythagoras wird auch noch in Millionen Jahren Bestand haben.“ Einen ähnlichen mathematischen Zusammenhang zu entdecken, das wäre für Randolf Scholz ein Traum. Über Facebook könnte er diesen zumindest schneller verbreiten, als Pythagoras das einst konnte.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 21. April 2011





Wenn Schüler einen Laufverein gründen

21 04 2011

StZ-Lauf: Das Stuttgarter Heidehof-Gymnasium hat einen eigenen Ausdauersportclub – den ASC Heidehof.

Ein vorbeifahrendes Müllauto löst eine spontane La ola aus. Als sie das Fahrzeug beim Lauftraining am Rosensteinmuseum sehen, jubeln die Mitglieder des Ausdauersportclubs (ASC) des evangelischen Heidehof-Gymnasiums aus dem Stuttgarter Osten. Denn die Aufschrift „Wir mögen die Orangen“, eine Eigenwerbung der Müllabfuhr, übertragen sie auch auf sich selbst: Die 100 Kinder und Jugendlichen tragen bei ihrer Laufrunde im Rosensteinpark zur Vorbereitung auf den Stuttgarter-Zeitung-Lauf (28. und 29. Mai) fast alle T-Shirts im Orange ihrer Vereinsfarbe.

„Die Farbe steht für Energie, Lebensfreude und Optimismus“, sagt Eric Pajot, ein Lehrer am Heidehof-Gymnasium sowie der Mitbegründer des ASC, „und genau das wollen wir versprühen.“ Schon immer seien die Schüler an Sport und Bewegung interessiert gewesen, viele nahmen bereits öfter an Wettbewerben wie dem StZ-Lauf teil. Irgendwann hat der Fitnesstag der Schule nicht mehr ausgereicht, der Bedarf war größer, auch Ehemalige, Eltern und Lehrer wollten aktiv werden. Das ging jedoch nicht im Unterricht, also gründeten einige Lehrer und Schüler im Oktober 2009 den Ausdauersportclub Heidehof.

Der Verein hat seine Wurzeln in der Schule, ist aber für alle offen. „Das ist ein Stück weit einzigartig“, sagt Pajot, „schön ist, dass Jung und Alt dabei sind.“ Das Angebot richtet sich an alle Alters- und Leistungsgruppen. Der Club hat 40 Mitglieder, und die Verantwortlichen möchten wachsen, neue Abteilungen (Schwimmen, Triathlon, Rad) gründen. „Der Verein entwickelt sich von alleine, weil viele Macher dabei sind“, sagt Pajot, „gerade die Jüngeren wollen einfach was tun – nicht nur sportlich, auch organisatorisch.“ So gehen die Finnbahn an der Schule, eine selbst organisierte Laufveranstaltung, die Vereinshomepage und auch das Clublogo stark auf den Tatendrang der Schüler zurück.

Fabian Bazlen, Johannes Alber, Christopher Miola und Jan Swiatkowski gehen in die Oberstufe und sind Gründungsmitglieder des ASC. „Wir sind schon seit der fünften Klasse beim StZ-Lauf dabei“, sagt Alber, „aber die Identifikation als Schulmannschaft war damals nicht da. Jetzt guckt man eher auf die Teamwertung als auf die Einzelleistung. Außerdem hat man so auch mehr Chancen.“ Diese Identifikation kam mit der Vereinsgründung – und mit den orangefarbenen T-Shirts. „Das hat zusätzlich gepuscht“, sagt Miola.

Die Schüler wissen, dass es ohne den Eifer einiger Lehrer nicht funktioniert hätte. Timo Schuh ist neben Pajot auch so ein Antreiber. „Die Schüler sind Feuer und Flamme für den Laufsport, das hätten wir nicht gedacht. Und sie bekommen auch Anerkennung in der Schule“, sagt der Lehrer und hofft, dass die Vereinsarbeit einmal ganz in die Hände der Schüler übergeht.

Vielleicht auch in die von Lennart, Lucian und Aaron. Die drei zählen zu den Jüngsten, gehen in die fünfte Klasse und haben vor allem an der gemeinsamen Bewegung mit Freunden Spaß – so wie bei dem Trainingslauf mit der Orange-Welle. Felix ist in der sechsten Klasse. Er joggt öfter mit seinem Vater und geht beim StZ-Lauf ambitioniert an den Start: „Ich möchte unter die Top 100.“ Felix ist einer von zurzeit 150 Heidehof-Teilnehmern – inklusive Lehrern, Eltern, Ehemaligen. „Wir haben was in Richtung Podest vor – und zwar in allen Kategorien“, sagt Pajot. Der dritte Platz in der Halbmarathonstaffel in Freiburg dieses Jahr soll nur der Anfang gewesen sein.

Die Fünftklässlerinnen Kiara und Tanja haben das Training an diesem Montag verpasst, weil die U-Bahn ausgefallen war. Sie sind mit Pajot etwas zu spät am Rosensteinmuseum angekommen. Gedämpft hat das ihren Ehrgeiz aber nicht. Beide wollen sich noch für den StZ-Lauf anmelden. Kiara gefällt am Ausdauersport das „Auspowern“. „Wir wollen zwei Kilometer schaffen“, sagt Tanja – dann auch in den orangefarbenen T-Shirts des ASC Heidehof. „Wir möchten, dass unsere Farbtupfer zahlreich verstreut sind“, sagt Eric Pajot. Um beim StZ-Lauf richtig viel Lebensfreude zu versprühen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (20. April 2011)