Der VfB Stuttgart bremst den Meister

31 10 2011

So weit ist der VfB Stuttgart noch nicht. Zumindest noch nicht ganz. Ein Sieg gegen den Deutschen Meister aus Dortmund ist am elften Spieltag der Fußball-Bundesliga aber nicht utopisch gewesen. Lange hielt der VfB sehr gut mit, dominierte die Borussen über mehrere Spielminuten sogar. Doch am Ende hätte der BVB das Spiel auch noch drehen können, sodass die Punkte zwischen Stuttgart und Dortmund mit dem 1:1 (1:1) gerecht verteilt wurden.

Spielverlauf: Die Zuschauer in der Mercedes- Benz-Arena in Stuttgart haben erst einmal warten müssen. Weil der Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im Stau feststeckte und verspätet eintraf, wurde der Anpfiff 15 Minuten nach hinten verlegt. Der Meister hatte sich mit dem Weg vom Ludwigsburger Hotel nach Bad Cannstatt und dem Stadtverkehr offenbar verkalkuliert. Immerhin hatten die Fans somit etwas mehr Zeit, sich über die Aufstellung von Bruno Labbadia auszutauschen.

Der VfB-Trainer setzte gegen den amtierenden Deutschen Fußball-Meister wieder mehr auf Erfahrung. Er schickte Serdar Tasci, Shinji Okazaki und Zdravko Kuzmanovic für die jungen Patrick Bauer, Ibrahima Traoré und Christoph Hemlein, die beim 3:0-Pokalerfolg zu Hause gegen den FSV Frankfurt unter der Woche in der Startformation standen, von Beginn auf das Feld. Mit dabei war auch Cacau, der trotz einer Gesäßmuskelzerrung aus dem DFB-Pokalspiel auflaufen konnte.

Das sah der VfB-Manager Fredi Bobic, der am Sonntag seinen 40. Geburtstag feiert, schon einmal als Grundvoraussetzung für eine Chance gegen Dortmund. „Bei uns muss alles funktionieren, sonst geht es nicht. Wir müssen effektiv sein und dürfen keine Fehler machen. Aber das Wichtigste ist, dass wir als Team auftreten, dann kann es klappen“, hatte er vor der Partie gesagt. Die Aufstellung funktionierte also schon einmal.

Beide Mannschaften starten offensiv

Auch Labbadia hatte gab sich kleinlaut: „Wir backen kleinere Brötchen.“ Auf dem Feldwar das auch gleich von Beginn an zu beobachten, Dortmund startete wie schon beim 5:0-Kantersieg gegen Köln am vergangenen Wochenende offensiv und aggressiv. Nach nur drei Minuten setzte sich Robert Lewandowski im Strafraum gegen vier Stuttgarter durch und traf den Pfosten. Eine Minute später zielte Mario Götze auf die gleiche Ecke – und der Ball verfehlte nur um Zentimeter sein Ziel.

Dortmund ließ auch in den Folgeminuten nicht nach, aber Lukasz Piszczek schoss nach einem Eckball von der Strafraumgrenze aus neben das Tor von Sven Ulreich (6. Minute). Doch auch der VfB spielte jetzt mit. William Kvist leitete mit einem schönen Pass die erste Chance ein: Cristian Molinaro hatte sich im Rücken der Dortmunder Viererabwehrkette freigelaufen, schloss Kvists Zuspiel wuchtig ab, doch Roman Weidenfeller im BVB-Tor hatte keine Probleme (8.).

Eine Minute später wurde dann Martin Harnik auf der rechten Außenbahn schön freigespielt, doch seine Hereingabe verfehlte Cacau, der überrascht war, dass der Ball zu ihm durch kam. In der Folgezeit ebbten die Torraumszenen etwas ab. Erst ein Freistoß von Ivan Perisic flog dann mal wieder auf das Tor – doch fing den Schuss problemos ab.

Stuttgart übernimmt die Kontrolle

Auf der Gegenseite jubelten dann die VfB-Fans wie schon gegen Hoffenheim nach einem Freistoßtrick: Kvist schlug den Ball lang in den Strafrau, Harnik hatte sich dorthin freigelaufen, traf mit seinem Versuch noch den Pfosten, doch Tasci verwertete den Abpraller zur Führung der Schwaben (22.). Stuttgart setzte nun nach, doch Cacau verpasste mit seinem Kopfball das 2:0. Der VfB übernahm nun die Kontrolle, und Dortmund spielte nicht mehr so souverän wie gegen Köln und beim 2:0-Pokalerfolg gegen Dynamo Dresden am Dienstag.

Ganz anders Labbadias Mannschaft: sie baute das Spiel in aller Ruhe von hinten auf, wechselte klug die Seiten. Nur die Pässe in die Schnittstellen der BVB-Defensive gerieten mitunter zu steil. In der 37. Minute hatte der VfB dann zumindest Glück, als sich Götze in den Stuttgarter Strafraum dribbelte und Molinaro ihn zu Fall bringt. Der Schiedsrichter Manuel Gräfe stand gut, entschied aber nicht auf Elfmeter. Nach solchen Aktionen wurden auch schon einmal Strafstöße gepfiffen.

Der Ausgleich kommt unvermittelt

Als einige Fans schon auf dem Weg zu den Pausengetränken und Stadionwürsten unterwegs waren, schlug der Meister dann plötzlich zu. Götze spielt halblinks Kagawa an, der Japaner schließt ab, und seinen Schuss staubt Piszczek zum Ausgleich ab. Das hatte sich in den vorherigen Minuten absolut nicht angedeutet. Stuttgart war läuferisch stärker als der Meister und von den Chancen her auch überlegen. Bei den Zweikämpfen war der VfB der Borussia aber unterlegen und hatte auch mehr Fehlpässe produziert. Dennoch wäre eine Pausenführung nach dem Spielverlauf in der erstenHälfte verdient gewesen.

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp brachte nach der Pause Moritz Leitner für den etwas defensiveren Sven Bender. Der BVB hatte dann auch die erste Torgelegenheit des zweiten Durchgangs: Shinjii Kagawa schoss aus 20 Metern auf Ulreich, der den Ball gerade noch parierte (50.). Wenig später wehrte der Torhühter eine Flanke von Marcel Schmelzer schlecht ab, doch Kagawa war überrascht und nutzte die Chance nicht (53.). Auf der anderen Seite nahm Kuzmanovic anschließend einen abgewehrten Eckball volley und prüfte Weidenfeller, der den Schuss jedoch zum Eckball klärte (56.). Die Strafraumszenen hörten weiterhin nicht auf, und Kagawa vergab in der 60. Spielminute die nach den Toren bislang beste Möglichkeit, als er aus elf Metern freistehend vor Ulreich über das Tor schoss.

Stuttgart hat in der Schlussphase Glück

Bis zur Schlussviertelstunde nahmen die spannenden Aktionen vor den Toren dann etwas ab, das Spiel plätscherte vor sich hin. Erst Harnik, der aber in seinen Schuss nicht genügend Power hineinbrachte (80.), sowie der eingewechselte Traoré, dessen strammen Versuch Weidenfeller gerade noch zur Ecke ablenken konnte (81.), brachten wieder Schwung in die Partie. Wenig später foulte Maza bei einem Dortmunder Konter den eingewechselten Kevin Großkreutz an der Strafraumgrenze. Doch Ulreich wehrte Schmelzers flachen und wuchtigen Freistoß ab (85.).

In den anschließenden Minuten hatte der VfB dann Glück, als die Dortmunder Götze und Neven Subotic (88. und 89.) gleich zwei gute Möglichkeiten ausließen. Somit konnte Stuttgart mit dem einen Punkt zufrieden sein, der gegen den BVB zudem höher anzurechnen ist als der beim 2:2 in Nürnberg am vergangenen Spieltag. Mit diesem Remis im Spitzenspiel des elften Spieltags dürfte vor allem der Rekordmeister zufrieden gewesen sein. Der FC Bayern München gewann parallel souverän gegen Nürnberg, konnte seine Führung an der Tabellenspitze wieder etwas ausbauen und liegt nun vier Zähler vor Schalke.

Entscheidende Szene: Als die meisten Stuttgarter Spieler wohl schon mit den Köpfen bei der Pausenansprache von Bruno Labbadia und den isotonischen Erfrischungsgetränken waren, versetzte der Meister den gesamten VfB kurz in einen schockähnlichen Zustand. Der Ausgleich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte war zum einen zu diesem Zeitpunkt unverdient und kam zudem absolut überraschend. Hier zeigt sich einerseits, dass der VfB eben in jeder Sekunde hellwach sein muss, wenn er in der Spitze der Fußball-Bundesliga mitspielen möchte. Zum anderen verdeutlicht das aber auch die Stärke des Deutschen Meisters.

Kommentar: Der VfB spielte über weite Strecken sehr gut, Dortmund zeigte derweil besonders mit dem Ausgleichstreffer aus dem Nichts seine individuelle Klasse. Der Meister ist eben auch in schwachen Spielphasen gefährlich und kann Partien drehen oder entscheiden. Bei den Stuttgartern ist nach den zuletzt laut gewordenen Querelen zwischen Harnik und Cacau besonders deren Zusammenspiel zu loben.

Es war deutlich zu sehen, dass sich beide im Vorfeld der Partie ausgesprochen hatten. Auch die Intensität und der Einsatzwille der Schwaben war sehr gut. Gegen Ende des Spiels hatte das Team des Trainers Bruno Labbadia aber auch Glück. dass es nicht leer ausging. Somit ist das 1:1 unter dem Strich ein gerechtes Ergebnis, mit dem vor allem der VfB seine Zugehörigkeit zu den Teams im oberen Tabellendrittel festigt.

VfB Stuttgart: Ulreich – Boulahrouz, Tasci, Maza, Molinaro – Kvist, Kuzmanovic – Okazaki (70. Traoré), Hajnal (90. Gentner), Harnik – Cacau (78. Hemlein).

Borussia Dortmund: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – Kehl, Bender (46. Leitner) – Perisic (76. Großkreutz), Götze, Kagawa – Lewandowski (72. Barrios).

Schiedsrichter: Gräfe (Berlin).

Tore: 1:0 Tasci (22.), 1:1 Piszczek (45.).

Zuschauer: 60.000.

veröffentlicht auf www.stuttgarter-zeitung.de (30. Oktober 2011)





Eine Frage des Aufgebots

22 10 2011

Die TSG Backnang kämpft um die Deutsche Judo-Meisterschaft – zum ersten Mal. Tritt die Konkurrenz nicht in Bestbesetzung an, darf das Team auf eine Überraschung hoffen.

Die frohe Botschaft ist vom Gegner gekommen. Die Mannschaftsführerin des Gastgebers vom letzten Hauptrundenkampftag im September in Leipzig teilte den Judofrauen der TSG Backnang mit, dass sie bei den Play-offs dabei sind. Die Konkurrenz aus Wiesbaden hatte gepatzt, und die Judokas aus Schwaben qualifizierten sich somit als Dritter der Südstaffel erstmals in der Clubgeschichte für die Endrunde um den Titel des Deutschen Mannschaftsmeisters. Diese wird morgen (15 Uhr) in Brandenburg ausgetragen, um 5 Uhr früh fährt das Team mit den Fans im Reisebus in den Osten der Republik, direkt nach dem Wettbewerb geht es zurück. Ein Faktencheck.

Titelchancen Der Trainer Jens Holderle sieht seine Mannschaft als klaren Außenseiter, besonders weil Backnang mit dem JC Leipzig und der PSG Brandenburg schon in der Gruppenphase auf die Titelfavoriten trifft. Er schließt aber auch eine Überraschung nicht aus, schließlich „weiß man nicht, ob die Teams in Bestbesetzung antreten“. Denn der individuelle Wettkampfterminplan stehe im Spitzenjudo über den Teamwettbewerben, so dass bei Endrunden schon mal „Rumpftruppen“ auflaufen, wie Holderle sagt. Auch Backnang kann nicht in Bestbesetzung antreten. Einige Kämpferinnen sind verletzt, andere pausieren nach ihren Grand-Prix-Auftritten.

Vereinsgeschichte Im Jahr 2002 sind die Backnangerinnen in die erste Judo-Bundesliga aufgestiegen. Seither schrammte die Mannschaft in der „wahnsinnig starken Südgruppe“ (Holderle) schon einige Male knapp an der DM-Endrunde vorbei, für mehr als Platz vier hat es bisher nie gereicht. „In diesem Jahr hat aber alles gepasst“, sagt Holderle, der das Team 2007 übernahm. „Wir hatten keine Verletzungen, und die Frauen hatten meistens Zeit, das ist schon fast das Wichtigste.“

Clubphilosophie Auf Sportler aus der Region bauen und Nachwuchskämpferinnen fördern – so beschreibt Holderle das Konzept des Vereins. In den sieben Gewichtsklassen kämpfen derzeit fünf Eigengewächse. Er weiß aber auch: „Wenn du oben ankommen willst, musst du auch auswärtige Kämpferinnen holen. Alles aus dem Ländle geht halt nicht.“ Diese Topleute erhöhen zudem die Attraktivität des Sports, sind Werbung für den Club und ermöglichen dem Nachwuchs ein Messen auf internationalem Spitzenniveau.

Mannschaft Michaela Baschin (Olympianeunte 2008, EM-Dritte 2006 und 2009) und Luise Malzahn (EM-Dritte 2011) sind die Erfolgreichsten im Team. Für Holderle ist aber auch Antoinette Hennink wichtig. „Sie bringt gute Laune und auch viel Ruhe rein.“ Insgesamt spricht der Trainer von einer guten Chemie, auch wenn es kein gemeinsames Training gibt. Denn einige Kämpferinnen kommen aus anderen Bundesländern oder dem Ausland. Auf Lehrgängen und bei Trainingslagern tauschen sich die Frauen aber aus.

Aufstellung Weil auch der Trainer seine Judokas, die ein Doppelstartrecht haben, wegen der örtlichen Distanzen nicht so häufig sieht, entscheidet er aufgrund der Wettkampfergebnisse auf der Matte und mittels Gesprächen über die Formation. „Ich bin da nicht der Zampano“, sagt Holderle, „wir versuchen, das im Team zu machen und uns abzustimmen.“ Schließlich wissen die Frauen selbst am besten, welche Gegnerin ihnen liegt und welche nicht.

Wahrnehmung „Frauenjudo wird von vielen mit einem Lächeln betrachtet“, sagt der Trainer Jens Holderle. Dabei sei der Sport im Spitzenbereich sehr attraktiv. Während bei den Männern Kraft und Taktik den Reiz teilweise reduzieren, überzeugen die Frauen mit schönen Techniken. Manchmal fehlt jedoch die Dynamik, weshalb die Männerduelle häufig spektakulärer sind, sagt Holderle. Generell sei das Spannende im Judo, dass jeder jeden schlagen kann. „Auch wenn man körperlich und technisch unterlegen ist, kann man trotzdem den optimalen Zeitpunkt erwischen und den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen.“

Darauf hoffen die Backnanger Judokas nun auch bei der morgigen Endrunde in Brandenburg an der Havel. Schließlich macht die knapp sechsstündige Heimfahrt mit dem Bus mehr Spaß, wenn es etwas zu feiern gibt. So oder so – das Team ist diesmal jedenfalls nicht auf eine Nachricht von den Gegnerinnen angewiesen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (21. Oktober 2011)





Der Wille gibt den Ausschlag – Ludwigsburg erkämpft sich 98:77-Sieg über Oldenburg.

14 10 2011

Der Ball ist eigentlich schon weg gewesen. Doch der Ludwigsburger Donatas Zavackas stemmt seinen Körper gegen den von Ronnie Burrel – 105 Kilogramm treffen auf 102 – und reißt das Spielgerät wuchtig an sich. Burrells Oldenburger Teamkollege eilt herbei, foult Zavackas, und der Litauer darf an die Freiwurflinie. Danach steht es 65:45, und als wenig später Jerry Green auch noch einen Dunking trifft, lässt sich der Basketball-Bundesligist EnBW Ludwigsburg im zweiten Saisonheimspiel vor 2234 Zuschauern gegen die EWE Baskets aus Oldenburg den zweiten Sieg nicht mehr nehmen – und gewinnt deutlich mit 98:77 (52:34).

„Der Vorsprung ist auch in dieser Höhe okay, weil wir heute die richtige Einstellung hatten“, sagte der Ludwigsburger Trainer Markus Jochum. „Die Intensität hat die ganze Zeit gestimmt, egal wer auf dem Feld stand.“ Sein Team legte mit großem Engagement los, und der Wille, die schwache Vorstellung vom vergangenen Wochenende in Göttingen wiedergutzumachen, war spürbar. Nach vier Minuten führte das Heimteam mit 10:6, hatte bis dahin den Oldenburgern schon zweimal den Ball geklaut und war insgesamt wacher.

Lischka und Co. trafen im Anfangsviertel fünfmal aus der Distanz. Nur in der Verteidigung hatte die Mannschaft Probleme mit den schnellen Angriffen des Meisters aus dem Jahr 2009, sodass die Führung nach dem ersten Durchgang nicht höher ausfiel (32:25). Ludwigsburg ließ auch im Folgeabschnitt nicht locker und kämpfte jetzt auch hinten verbissen. Die Oldenburger konnten sich kaum gute Wurfpositionen erspielen und vergaben daher oft. Zur Halbzeit stand es 52:34 für Ludwigsburg.

Oldenburg kam aggressiver aus der Kabine zurück, doch auch die Ludwigsburger waren fokussiert auf ihre Aufgabe. Die Zuschauer sahen nun ein intensives, gutes Basketballspiel, in dem sich besonders die Gäste häufig nur mit einem Foul zu helfen wussten. Ludwigsburg vergab allerdings zu viele Freiwürfe, und die Differenz blieb bei 18 Punkten (76:58). Im Schlussviertel bauten die Schwaben die Führung dann jedoch weiter aus. Die besten Ludwigsburger Werfer waren Bowler (20 Punkte), Zavackas und Green (je 16). Am Samstag (19.30 Uhr) kommt nun Bremerhaven.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (13. Oktober 2011)





Zwischen G 8 und Eisen 7: Gymnasium bremst Talente

13 10 2011

Die von Martin Kaymer monierten Nachwuchsprobleme liegen nicht nur am fehlenden Eifer der Jugend.

Eigentlich hätte es Platz sieben werden müssen. Schließlich waren die U-14-Junioren des Stuttgarter Golfclubs Solitude im Startfeld der Deutschen Meisterschaft mit ihrem Durchschnittshandicap auf diesem Rang gelegen. Doch sie spielten dann so gut, dass sie den Titel gewannen. „Das war schon etwas überraschend“, sagt der baden-württembergische Landestrainer Tobias Heim, der die elf- bis 14-jährigen Jungs betreute.

Heim freute sich natürlich über den Erfolg – und bestätigt zu großen Teilen die Aussagen des deutschen Golfstars Martin Kaymer, der bei einem seiner seltenen Auftritte in Deutschland vor Kurzem den Nachwuchs hierzulande als faul beschrieb. „Ich glaube, dass die jungen Spieler viel zu schnell zufrieden sind. Sie spielen ein, zwei Turniere und ruhen sich dann darauf aus“, sagte der Golfprofi und bemängelte die fehlende Breite im deutschen Spitzenbereich.

Dabei ist die Anzahl der Golfer in den vergangenen Jahren stets gestiegen, über 600 000 Menschen schwingen in der Republik derzeit den Schläger. Doch nur rund zwölf Prozent davon sind 21 Jahre und jünger, mehr als die Hälfte ist über 50. Baden-Württemberg ist der drittgrößte Landesverband, der Nachwuchs gewinnt regelmäßig den deutschen Jugendländerpokal.

Der Landestrainer Tobias Heim berichtet aber, dass die nachkommenden Jugendspieler etwas schlechter werden, was sich im Handicap und ihrer Leistung zeigt. Neben der fehlenden Disziplin sei auch die verkürzte Gymnasiumszeit durch das G8 schuld: „Die Jugendlichen haben nicht mehr so viel Zeit für das Training, dieses Schulsystem ist ein Killer.“ Außerdem werden die Kinder „viel zu früh als Talente gesehen und von den Eltern sowie den Heimatclubs gelobt“. Der Nachwuchs lässt daraufhin beim Training nach. Nicht so Kaymer. „Er war und ist einer der fleißigsten, der stundenlang Bälle schlagen kann“, sagt Heim, „viele geben da heute zu früh auf.“

Susanne Leimeister ist beim Deutschen Golf Verband (DGV) für die Jugend zuständig und hält diese „persönlich nicht für faul“. Die Anforderungen im Spitzengolf seien höher als früher, die Konkurrenz stärker – und die Schulbelastung größer. Sie sieht Golf zudem gegenüber anderen Sportarten im Nachteil: „Viele Golfanlagen sind selten mit dem Bus erreichbar, daher müssen die Eltern ihre Kinder hinfahren.“ Das ist eine Barriere, gerade bei dem Aufwand, der im Leistungssport notwendig ist. Generell sieht aber auch sie noch „vorhandenes Potenzial“ bei der Motivation der heranwachsenden Golfer.

Bei Martin Kaymers Kritik an der Etikette des Golfsports, beispielsweise in Bezug auf den Dresscode, ist Leimeister hingegen anderer Meinung. Schließlich könnten die Kinder anziehen, was sie möchten. Dennoch sagt ihre Kollegin Katja Bayer, die Leistungssportkoordinatorin beim DGV, dass der Golfsport „kindgemäß“ sein und „seine Attraktivität für Jugendliche erhöhen“ sollte. Das steigert die Chancen, Kinder an den Schläger zu bringen, wodurch sich wiederum das Kontingent an Talenten vergrößert. Denn: „Wir sind nicht ausreichend breit aufgestellt, was den Nachwuchsleistungssport angeht“, sagt Bayer.

Deshalb entwickelt der Verband zurzeit ein Konzept, das die Leistungssportkultur im Golf verbessern soll. Zum Beispiel soll das Wettkampfsystem umstrukturiert werden, damit der Nachwuchs häufiger Turniere spielt – ein weiterer Kritikpunkt Kaymers. Kooperationen mit den Schulen sollen den Jugendlichen auch bei der größeren Anforderung durch das G-8-System das Golfspielen erleichtern. Schule und Golf ist auf der Breitensportebene ein großes Anliegen des Verbandes, der dafür jährlich fast eine Million Euro investiert.

Auch beim Jugendgolfkongress Mitte November, bei dem Trainer und Jugendwarte vor allem über das olympische Comeback des Golfs bei den Spielen 2016 diskutieren werden, ist der Schulsport sicherlich ein Thema. Denn in der Regel lösen nur die Sportler ein Olympiaticket, die von klein auf am Ball sind. Und dann entscheiden letztlich besonders die Disziplin und das Engagement der Jugendlichen über den Erfolg, wie Baden-Württembergs Landestrainer Tobias Heim sagt. Er verweist dabei auf eine Untersuchung des US-Psychologieprofessors Anders Ericsson. Diese besagt, dass jemand 10 000 Stunden Training bis Anfang 20 benötigt, um in einer Sache Weltklasseleistungen erbringen zu können. „Um richtig Gas zu geben, muss man eben mehr tun“, sagt Heim. Die U-14-Junioren des GC Solitude haben dafür ja noch Zeit.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. Oktober 2011)





Ohne die Bilder sagen Zahlendaten kaum etwas aus

10 10 2011

Die Abteilung Spielanalyse verknüpft beim VfB Stuttgart statistische Werte mit Videomaterial und hilft damit den Profis.

Mathias Munz kann kaum noch auf den Bolzplatz. Seit 2008 leitet der frühere Amateurkicker die Abteilung Spielanalyse beim VfB Stuttgart, befasst sich intensiv mit Profifußball und sagt daher mit einem Schmunzeln: „Wenn man ein gewisses Verständnis für das Positionsspiel und die Laufwege entwickelt hat, erträgt man das eigene Gekicke mit den Kumpels nur sehr schwer.“

Der Sportwissenschaftler professionalisierte in den vergangenen drei Jahren seinen Fußballsachverstand, und der VfB seine Spielanalyse. Heute arbeiten in der Abteilung zwei Festangestellte und zwei Studenten. Sie kümmern sich um die Drittligamannschaft sowie die Junioren, beschaffen und schneiden für die Scouts Videomaterial über potenzielle Neuzugänge und bereiten als Kerngeschäft die Spiele der Profis vor und nach – für die Analyse des vergangenen Bundesligaspiels und die Vorbesprechung des kommenden.

Konkret sieht Letzteres dann so aus: Die Spielanalytiker sichten die vergangenen Partien des nächsten VfB-Gegners, schneiden pro Spiel rund 50 Szenen raus – anhand der Vorgaben, die das Trainerteam Bruno Labbadia und Eddy Sözer zum Start seines Engagements vorgestellt hat, sowie der Informationen der Scouts, die das Spiel vor Ort angeschaut haben. Anschließend wählen sie mit dem Co-Trainer Sözer die endgültigen Szenen für die Mannschaftsbesprechung aus.

Das Ergebnis ist ein zwölfminütiger Film auf DVD. Darauf ist beispielsweise zu sehen, dass bestimmte Außenverteidiger das Spiel oft mit einem langen Diagonalpass eröffnen, oder dass gewisse Stürmer sich immer auf Höhe der gegnerischen Viererkette bewegen, um von dort aus in die Tiefe zu starten – Namen will Munz allerdings nicht nennen. Betriebsgeheimnis. Weitere Inhalte der Analyse-DVD können Standardsituationen, das Spiel gegen den Ball oder das Verhalten des Gegners bei Kontern sein. Das alles sind Informationen, die die Vorbereitung der Profis verbessern sollen.

Als Videomaterial können die Analysten auf das Fernsehbild des Senders Sky zurückgreifen, in Stuttgart verwenden sie jedoch vor allem den sogenannten Scoutingfeed der DFL. Elf Bundesligaclubs haben diesen Service abonniert, bei dem ein Extrakameramann das Spielgeschehen aus einer noch totaleren Perspektive verfolgt. Das Bildmaterial wird mit Zahlen der Firma Impire ergänzt. „Das Wichtigste bei der Analyse ist, dass man die Quantität, also die Daten, mit der Qualität, also den Videos, verknüpft“, sagt Munz. „Die Daten allein helfen kaum.“ Doch ganz perfekt funktioniert dieses Auswertungssystem noch nicht (siehe auch „Die Leiden der durchleuchteten Profis“).

Perfekt lief hingegen Munz‘ Werdegang beim VfB. Nach einem Praktikum sollte der gebürtige Schwäbisch Gmünder nach der Entlassung von Armin Veh mithelfen, eine Spielanalyse-Abteilung aufzubauen. Er hat seither einen großen technischen Fortschritt erlebt, der sich beispielsweise in größeren Speichermedien und schnelleren Downloads ausdrückt. „Der Fortschritt erleichtert die Arbeit ungemein, aber die Arbeit wird auch mehr, weil die Daten und Anforderungen immer differenzierter werden“, sagt Munz.

Ein Analyst kann mittlerweile herausfiltern, wie viele Zweikämpfe in der Luft (A) die zwei Sechser (B) im Angriffsdrittel (C) zwischen der 60. und 75. Spielminute (D) gewonnen haben (E). Die Punkte A bis E sind mögliche Stellschrauben für eine Abfrage. Viele solcher Abfragen bedeuten ein riesiges Datenmaterial, pro Spiel sind es etwa 4,5 Millionen. Munz hat sie nicht gezählt. Er und seine Kollegen synchronisieren diese nur mit den Videos, damit die Trainer Schlüsse daraus ziehen können.

Der 31-Jährige hat schon drei Übungsleiter beim VfB erlebt. Für Markus Babbel waren besonders die Bilder, weniger die Daten entscheidend. Christian Gross sichtete sehr viel selbst. Und die Akribie von Labbadia und Sözer wirkt sich auch auf das Arbeitspensum der Analysten aus. „Das finde ich sehr gut“, sagt Munz, „zumal die Zusammenarbeit perfekt klappt.“

Seine Abteilung rangiert in der Liga „im oberen Drittel“, was Hardware, Software, Personal und Erfahrung angeht. Der FC Bayern und Borussia Dortmund sind führend. Ausbaupotenzial ist noch vorhanden. Zum Beispiel ist es denkbar, irgendwann einmal ausgewählte Szenen schon in der Halbzeitpause in die Kabine zu schicken, damit der Trainer je nach Bedarf die erste Spielhälfte direkt analysieren kann.

Auch Individualpakete für jeden Spieler sind möglich, also eine DVD oder eine Datei zum Herunterladen, mit allgemeinen Sequenzen, aber auch Szenen vom Athleten selbst und von dessen Gegenspieler in der nächsten Partie. Schließlich macht der 1. FC Köln das schon. Dort bekommen die Profis portable Geräte, auf denen Videomaterial abrufbar ist. So etwas hätte Mathias Munz wohl auch gern für den VfB – sowie für sich und seine Kumpels auf dem Bolzplatz.

 veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (6. Oktober 2011)





Sieg mit Anlaufschwierigkeiten

6 10 2011

Ludwigsburg startet erfolgreich in die Bundesligasaison, dominiert den Außenseiter Gießen aber erst nach der Pause und gewinnt 73:56.

Ein Dunking von John Bowler, ein erfolgreicher Dreipunktewurf von Donatas Zavackas und das sich anschließende Offensivfoul der Gießener: die alles entscheidenden Sekunden beim 73:56-(33:33-)Sieg des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg gegen Gießen in der Mitte des dritten Durchgangs haben nicht nur den Erfolg des Heimteams eingeleitet, sondern die 2796 Zuschauer auch bestens unterhalten.

„Wir sind mit einer schlechten Konzentration in die Partie gegangen, waren anfangs in der Verteidigung zu lasch und haben schwer ins Spiel gefunden“, sagte der Ludwigsburger Trainer Markus Jochum. „In der zweiten Hälfte sind wir in den Rhythmus gekommen und haben wichtige Würfe getroffen, das gab Stabilität.“

Auf dem Papier war Ludwigsburg ohnehin als Favorit in die Partie gegangen. Neben der individuellen Klasse der Spieler zählte hier besonders die Tatsache, dass die Mannschaft eingespielter war. Schließlich standen vier der gestrigen fünf Startspieler bereits in der vergangenen Runde auf dem Parkett, während Gießen lediglich drei Akteure aus dem kompletten Kader der Vorsaison hielt. Drei Neuzugänge stießen darüber hinaus erst in der vorletzten Vorbereitungswoche dazu.

Neu war allerdings auch beim Heimclub einiges: die Hallensprecher, der heroische Einspielfilm kurz vor der Partie, die weißen Trikots, die Cheerleader sowie die drei Neuzugänge Kurt Looby, Mark Dorris und Terrel Harris. Dessen Namensvetter Alex sorgte dann für den ersten Punkt und die erste Führung in der neuen Saison. In den Folgeminuten überzeugte allerdings Gießen mit einer aggressiven Verteidigung, Ludwigsburg suchte hingegen noch die Abstimmung und Treffsicherheit. Beim 3:7 nahm Jochum die erste Auszeit und schickte wenig später Dorris, Johannes Lischka und David McCray auf das Feld. Als die Schiedsrichter dann ein fragwürdiges technisches Foul gegen Dorris ahndeten, übertrug sich die Energie der aufgebrachten Fans auf das Ludwigsburger Team, das zum Ende des ersten Abschnitts allerdings wieder abbaute und mit 16:21 in die erste Pause ging.

Auch danach lief das Spiel der Hausherren nicht rund, die Treffsicherheit fehlte genauso wie das Erspielen guter Wurfpositionen, einige Aktionen beendeten die Ludwigsburger zu hektisch. Erst mit der Einwechslung des Eigengewächses Tim Koch, der den ersten Dreipunktewurf der Ludwigsburger versenkte, legte Jochums Team wieder los, und Green verkürzte auf 25:26. Vor allem die gute Arbeit unter den Körben (14 Rebounds in der Defensive, sieben im Angriff bis hierhin; insgesamt 26/11) hielt Ludwigsburg im Spiel.

Bis zur Halbzeitpause egalisierten sich beide Mannschaften anschließend, und John Bowler glich dementsprechend zum 33:33-Halbzeitstand aus. Vier Punkte für Gießen eröffneten den dritten Durchgang. Mit einem Dunking von Bowler wachte dann auch Ludwigsburg auf, und ein weiterer von Alex Harris sorgte für die Führung (39:37). Als wenig später auch noch Dorris per Dunking traf, nachdem ihm Gießens Bozo Djurasovic den eigenen Einwurf in den Lauf passte, dominierte der Favorit das Spiel erstmals und startete mit einem 55:44-Vorsprung in das Schlussviertel. In diesem stoppte ein Alley Oop – ein in der Luft gefangener und direkt verwandelter Dunking – von Looby nach einem Dorris-Zuspiel die letzte Gegenwehr der Gießener.

„Das war ein verdienter Sieg“, sagte Gießens Trainer Björn Harmsen, „der Hauptunterschied war, dass Ludwigsburg eingespielter ist.“ „Wir haben es sehr souverän nach Hause gespielt“, sagte Jochum. Jerry Green (16 Punkte), Dorris (13), Zavackas, Johannes Lischka und Alex Harris (alle 10) punkteten zweistellig.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (4. Oktober 2011)