„Man muss doch den Leuten Hoffnung geben“_Teil 2 des Interviews mit Willi Lemke

24 03 2010

Es folgt der zweite Teil des Interviews mit UN-Sonderberater Willi Lemke. Der ehemalige Manager von Werder Bremen spricht über das „Leuchtturmland“ Südafrika, das Rezept für ein nachhaltiges Entwicklungsprojekt und darüber, wie sich eine Fußballmannschaft auf einer einsamen Insel zusammensetzt.

Wenn Sie einen Werbespot über Sport als Entwicklungs- als Friedensinstrument drehen könnten, welche Schlagworte hätte dieser? Respekt ist für mich die absolute Nummer eins. Gerechtigkeit, Miteinander, Begeisterung, Entwicklung, also Sozialisation durch Sport erfahren. Wenn man gewinnt, nicht gleich einen auf dicken Max machen, bei einer Niederlage nicht völlig verzweifelt sein. Durch Sport lernt man, dass man arbeiten muss, um etwas zu erreichen.

Sie werden oft als Menschenfänger beschrieben. Funktioniert das Menschenfangen auch dann noch, wenn es nicht nur darum geht, über Hilfe zu sprechen, sondern diese auch zu finanzieren? Das ist ein wichtiger Aspekt. Die eigentlichen Verantwortlichen für den Einsatz von Sport in Entwicklungsprojekte in den Ländern sind die Regierungen. Die müssen kapieren, dass sie sich irgendwann an den sportbezogenen Entwicklungshilfeprojekten finanziell beteiligen müssen…

…Und da ist noch viel Bedarf? Da ist noch viel, viel zu tun. Man muss den Personen klar machen, dass man Geld reinstecken muss, sonst gehen die Projekte wieder kaputt. Das ist ein harter, langer Kampf. Vor allem, weil es dann heißt: Herr Lemke, Sport ist doch nicht das Wichtigste und schon gar nicht der Breitensport.

Uli Hoeneß hat gesagt, es war die größte Fehlentscheidung von Sepp Blatter, die WM nach Südafrika zu vergeben. Wie sehr schaden solche Aussagen? Ich werde in keiner Weise auf das Zitat von dem Herrn aus dem Süden eingehen. Meine Position und die der Vereinten Nationen ist, dass die Fifa den Mut hatte, in die Subsahara, ins Leuchtturmland Afrikas eine WM zu vergeben. Die WM wird bunt, sie wird laut und ganz anders als hier. Ich habe die große Hoffnung, dass es innen- wie außenpolitisch ein Durchbruch werden kann. Eine erfolgreiche WM wird Investoren anziehen. Ich weiß, wie viele Menschen in Afrika stolz sind, dass solch eine Veranstaltung auf ihrem Kontinent stattfindet.

Was macht Sie so sicher, dass die Weltmeisterschaft ein Erfolg wird? Ich war beim Confed-Cup, bei der Auslosung auf den Straßen. Ich habe mit den Menschen dort gefeiert – locker, fröhlich, viel lauter, viel greller, viel farbiger als beispielsweise in Vancouver. Ich hatte keine Sekunde Angst gehabt, als ich mit einem Küster und einem Fernsehteam durch einen Township gegangen bin. Ich kann nicht nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die sagen: Das war eine Fehlentscheidung. Man muss doch den Leuten Hoffnung geben. Das kann ich nicht, indem ich sage, ich gehe da nicht hin. Wenn man sich vernünftig verhält, dann wird auch nichts passieren.

Haben Sie auch nach dem Anschlag in Angola nicht an der Entscheidung gezweifelt? Überhaupt nicht. Man kann doch nicht Angola mit Südafrika vergleichen. Wer das tut, sollte sich mal fragen, ob er es während des Kosovo-Krieges etwa nicht gewagt hätte, in Italien Urlaub zu machen. In Angola sind viele Dinge passiert, die in Südafrika nicht passieren werden, weil das Land viel besser vorbereitet ist.

Muss man bei all den positiven Aspekten des Sports nicht auch bedenken, dass durch Wettkämpfe Rivalitäten geweckt, Feindschaften gestärkt oder gar Übergriffe provoziert werden könnten? Ich gehe die Dinge positiv an. Ich kann es überhaupt nicht ab, wenn man einen Tag mit „Um Gottes Willen, es ist bewölkt“ beginnt. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen: Bad news are good news. Für mich sind gute Nachrichten gute Nachrichten, und ich will versuchen, diese in meinem Bereich zu vermitteln.

Frieden durch Sport: Ist das nicht übertrieben? Sport kann einen Beitrag dazu leisten, in Frieden und Respekt zu leben mit jemandem, der eine andere Hautfarbe, eine andere Religion, eine andere politische Meinung hat. Das kann man durch Sport trainieren – am besten schon im Kindergartenalter. Wenn man auf einer einsamen Insel mit 22 Leuten strandet und einen Fußball dabei hat, dann wird bei der Mannschaftszusammenstellung keiner nach der Hautfarbe, der Religion oder der politischen Einstellung fragen. Dann geht es nur darum, ob jemand Fußball spielen kann, sich in die Mannschaft integrieren, sich einbringen will und ein Teamsportler ist, der die Regeln respektiert. Das habe ich kürzlich bei einem Besuch in Qatar Kindern erzählt, die haben das sofort verstanden.

Schon vor zwei Jahren haben Sie gesagt, dass sich die Koordination der Projekte weltweit verbessern muss. Hat sich mittlerweile etwas geändert? Es sind viel zu viele Projekte, die am laufen sind. Und die Koordinierungschancen, die ich persönlich habe, sind gering. Das ist ein ganz dickes Holz, das ich durchbohren muss…

…und sind Sie noch am Anfang? Wenn ich es mit einem Marathon vergleiche, dann bin ich erst bei Kilometer fünf.

Wünschen Sie sich mehr Personal in Ihrer Abteilung oder ein stärkeres Entgegenkommen der Verantwortlichen? Ich hätte natürlich gerne mehr Mitarbeiter. Entscheidender ist aber, dass unsere Ausarbeitungen ernst genommen werden. Entwicklungshilfeprojekte sollten beispielsweise nie isoliert laufen. Es bringt auch nichts, wenn drei Jahre in einen Brunnen investiert wird, und danach nicht mehr. Der versandet innerhalb kürzester Zeit, wenn er nicht gewartet wird. Man muss sicherstellen, dass die Menschen vor Ort dies selbst können. So ist es auch mit Sportprojekten. Wenn sich die lokalen Autoritäten nicht mit den Projekten identifizieren oder wenn es keine lokalen Träger gibt, die das Projekt übernehmen können und wollen, dann ist es sinnlos. Das ist das Problem der Nachhaltigkeit und Eigenverantwortung.

Liegt dieses Problem eher bei den Hilfsorganisationen oder vor Ort, wo die Projekte stattfinden? Es ist ein grundsätzlicher Fehler, dass Regierungen und Geberländer häufig isoliert helfen wollen. Es wäre besser, gemeinsame Projekte zu starten. Nach meiner bisherigen Erfahrung muss man vier Säulen ins Boot holen: Die örtliche Kommune bzw. Dorfgemeinschaft, die nationale Interessensvertretung, den nationalen und den internationalen Sportverband. Außerdem sollten die Regierungen gleich mit Finanzmitteln oder Sachmitteln aushelfen. Wenn man dann mehrere Regierungen hat und eine zurückzieht, läuft das Projekt trotzdem weiter. So erreicht man Nachhaltigkeit. Außerdem erlebe ich leider viele Entwicklungsprojekte, bei denen viel Geld sinnlos verplempert wird.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungsarbeit Deutschlands bezogen auf den Sport? Deutschland macht sehr, sehr viel. Sie fördern das Amt an sich, das ist ein wichtiger Beitrag. Ich finde das ausgesprochen schlau. Aber wir müssten aus dem einen Prozent Entwicklungshilfe zwei machen. Es gibt tolle einzelne Projekte, aber insgesamt fehlt es noch ein bisschen an der Unterstützung in Sachen Sport.

Was muss ein UN-Sonderberater für Voraussetzungen mitbringen? Erstmal muss er ganz umfassende Erfahrung aus dem Sport mitbringen. Dann muss man so etwas Ähnliches wie ein Menschenfänger sein, einen langen Atem haben, eine gute Konstitution. Topfit und gesund sollte man zudem sein. Eine klare Zielsetzung ist dabei genau so wichtig wie Visionen, und man darf sich nicht durch einzelne Rückschläge zurückwerfen lassen. Ich lasse mich nicht entmutigen, freue mich auch über kleine Dinge.

Haben Sie noch Lust weiterzumachen? Ja, klar.

Wie sieht das Ban Ki-moon? Er entscheidet das von Jahr zu Jahr, im März ist es wieder soweit. Vergangenes Jahr habe ich einen formlosen Brief bekommen. Ich bin optimistisch und hoffe, dass das auch dieses Jahr wieder der Fall ist.

Was würden Sie gerne als Fazit über sich lesen, wenn Sie das Amt einmal nicht mehr ausüben? Es würde mich freuen, wenn wir das Vorbild-System auf- und ausbauen könnten. Da würde ich etwas schaffen, das nachhaltig verändert. Wenn ich darüber hinaus noch lesen könnte, dass es einige israelisch-palästinensische Sportprojekte gibt, die es Kindern und Jugendlichen aus beiden Ländern ohne politisches Störfeuer ermöglichen, sich gegenseitig mit Respekt zu behandeln. wäre das toll. Das ist wahnsinnig schwer und ein langer Weg.

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Ein Tempodribbler in der Sackgasse

21 03 2010

Er stach schon beim Aufwärmen hervor. Es war, als wolle Arjen Robben in der Frankfurter Arena bei den Einspiel- und Dehnübungen die Diskussion um seine Kleiderordnung fortführen. Diesmal präsentierte sich der niederländische Linksfuß in langer blauer Trainingshose – als einziger Spieler der Startelf. Die Kollegen trugen weiße Shorts. Das erleichterte es, dem Münchner zu folgen. Lockere Doppelpässe, kurze, schnelle Antritte, Beinschüsse der Kollegen – Robben zeigte beim Aufwärmspiel, was er kann.

Nach der letzten Mannschaftsbesprechung vor Anpfiff kam der 1,81-Meter-Mann als Letzter aus der Kabine. Trotz der ersten frühlingshaften Temperaturen 2010 trug Robben ein langärmeliges Funktionsshirt. Das Trikot zog er erst im Spielertunnel an. Nicht nur damit war er spät dran. Während die Teams schon aufs Feld liefen, konnte Robben nur mit einer Jogging-Einlage in den Katakomben noch aufschließen. Motivationsmangel vor der Partie beim Mittelklasseklub aus Frankfurt?

Fehlanzeige! Der Sechsundzwanzigjährige war auf dem Rasen sofort hellwach. Eine gekonnte Ballmitnahme, ein kurzer Sprint – dynamisch, schwer zu unterbinden – und nach 54 Sekunden hatte Robben bereits zum ersten Mal auf das Frankfurter Tor geschossen. Nach fünf Minuten ermahnte ihn sein Kapitän und Landsmann Mark van Bommel jedoch, nach hinten zu arbeiten. Die erste Episode eines diskussionsintensiven Nachmittags. Robben sollte später noch Thomas Müller anmeckern, als dieser ihn nicht lang auf der Außenbahn schickte, sich nach eigenem Ballverlust bei den Mitspielern beschweren, dass diese sich nicht freilaufen und des öfteren mit Schiedsrichter Michael Weiner hadern.

Langsames Traben und explosive Tempodribblings

Zunächst lief es aber nach Plan. Am 1:0 des FC Bayern München durch Miroslav Klose war Arjen Robben beteiligt. Er stand im Abseits – das Schiedsrichtergespann entschied auf passiv – und der Niederländer sorgte damit zumindest für Verwirrung im Strafraum, sodass Klose ungehindert treffen konnte. Fast jeder erwartete nun ein Torfestival des Rekordmeisters, doch es kam anders.

Daran konnte auch Robben nichts ändern. Egal, ob er nun den Ball artistisch mit dem Knie im Sprung weiterleitete, nach Mitleid suchte, als er umknickte, keines fand und sich sofort wieder anbot, oder im Zweikampf ein Foul markierte und sich mit schmerzverzerrtem Blick den Rücken hielt. Es klappte nicht viel, nicht bei Robben und damit auch nicht bei den Bayern. Der deutsche Rekordmeister steckte nach gutem Beginn in der Sackgasse.

Nun ist Robbens Spiel von langsamem Traben in der Rückwärtsbewegung und explosiven Tempodribblings in der Offensive geprägt – wie ein Induktionsherd, der in Schüben den Kochtopf heizt. Die Wärmphase (Offensive) so heiß, dass das Wasser schnell kocht, in den Pausen (Defensive) beinahe so kühl, dass man sich die Hand auf der Platte nicht verbrennt.

Robben ist gefährlich, wenn er Platz für Alleingänge hat

In Frankfurt stand Robben aber vor allem in den kühleren Phasen am Herd. Aber auch an schwächeren Tagen ist Robben immer gefährlich, wenn ihm der Ball in den Lauf gepasst wird, er Platz hat für seine Alleingänge. So auch dreimal in Frankfurt. Die ersten beiden Situationen (36. und 64. Spielminute) schloss er selbst ab, verzog den Ball aber.

Seine beste Aktion war ein Querdribbling am Eintracht-Strafraum. Er führte den Ball so eng, dass er Chris‘ Grätsche umkurven konnte, und diese den Frankfurter Kollegen Marco Russ zu Fall brachte. Robben hingegen behielt die Übersicht, spielte Anatolij Timoschtschuk schön frei. Hätte der Ukrainer in dieser 70. Minute das 2:0 erzielt, wäre die Partie zugunsten des FC Bayern entschieden gewesen, und Robben hätte für seine Ballkünste wieder Beifall bekommen.

Ohne gute Pässe kann Robben kein Spiel entscheiden

Diesen hat der niederländische Nationalspieler, der vor kurzem zum zweiten Mal Vater wurde, zweifelsohne manchmal verdient. Doch gewiss nicht in Frankfurt. Dort bot er sich bei einem Freistoß kurz an, van Bommel spielte jedoch den langen Ball – ein symbolisches Bild für das gesamte Auftreten des Titelaspiranten in Hessen. Doch Robben streckte den Daumen in die Höhe, machte weiter, vor allem unauffällig. Außer, wenn er sich benachteiligt fühlte. Die Dynamik des Armschwungs beim Abwinken nach einer Schiedsrichterentscheidung in der zweiten Hälfte, hätten sich die Bayern-Fans lieber öfter im Fußbereich des Außenbahnspielers gewünscht.

Arjen Robben war in einer schwachen Münchner Mannschaft aber noch einer der stärkeren – zumindest im Angriff. Wurde das Spiel einmal schnell und gefährlich, war der Niederländer nicht weit. Es wurde aber klar: Ohne gute Pässe und Mitspieler, die durch Laufwege Räume schaffen, kann auch ein Robben in der Bundesliga nicht immer ein Spiel alleine entscheiden. Nichtsdestotrotz zeigte der Abgang des Linksfußes, dass er noch Luft hatte für mehr Arbeit, für mehr Engagement: Nachdem sich Robben bei den Schiedsrichtern verabschiedet hatte, joggte der Bayern-Profi direkt in die Kabine zurück – und das mit höherem Tempo als in der Rückwärtsbewegung.

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veröffentlicht auf FAZ.NET (21. März 2010)





Zwei späte Aussetzer gefährden die Ernte

21 03 2010

Sie wollten nach der 1:2-Niederlage keinen Sündenbock benennen – zumindest nicht öffentlich. Ob Trainer, Manager oder Mitspieler, alle nahmen den jungen österreichischen Bayer David Alaba nach dem Schlusspfiff in der Frankfurter Arena in Schutz. Der Siebzehnjährige hatte kurz zuvor mit einem Fehlpass erst den Ausgleich der Eintracht durch den nur unwesentlich älteren Juvhel Tsoumou und anschließend mit schwachem Abwehrverhalten den Frankfurter Siegtreffer durch Martin Fenin ermöglicht. Beide Gegentore fielen über Alabas linke Abwehrseite. Die Ansicht, Trainer Louis van Gaal hätte dort schon früher wechseln sollen, empfand der Niederländer als „unglaublich“.

Van Gaal, bekannt als Trainer, der alles weiß, fast alles richtig macht und die wenigsten als Fußballexperten anerkennt, fand jedoch auch kritischere Worte. Er habe einen „nicht überragenden“ FC Bayern gesehen, mit vielen Ballverlusten. Frankfurt habe seine Mannschaft immer unter Druck gesetzt, sich viele Möglichkeiten erarbeitet. Man könne die Niederlage sogar als „verdient“ bezeichnen, aber „wir haben es selbst weggegeben“. Stimmt. Allerdings war der Rekordmeister nicht nur „nicht überragend“, sondern eher unglaublich schwach.

Es ist unverständlich, wie ein Favorit mit einer frühen Führung im Rücken ein Spiel bei einem Mittelniveau-Klub derart passiv gestalten kann. Frankfurt war aggressiver, druckvoller, engagierter. Hätte sich Halil Altintop bisweilen etwas schneller bewegt, hätten Benjamin Köhler, Caio und Pirmin Schwegler genauer gezielt oder hätte Daniel van Buyten nicht auf der Linie gestanden, wären die Münchner schon zur Halbzeit deutlich zurückgelegen. Den Bayern fehlte nicht nur Franck Ribéry, ihnen fehlte es fast in allen Belangen.

„Ich glaube nicht, dass uns das entscheidend zurückwirft“

Dribbelkünstler Arjen Robben haderte lieber mit dem Schiedsrichter Michael Weiner oder trabte in der Rückwärtsbewegung lustlos umher, anstatt nach innen zu ziehen und in Lionel-Messi-Manier abzuschließen. Gelang es dem Niederländer doch einmal, rutschte ihm der Schuss über den Spann. Die Münchner diskutierten und gestikulierten viel – jedoch aus Frust und nicht mit dem Gedanken der konstruktiven Kritik. Die Spieler verstanden sich auch bei manchen Pässen und Freistößen nicht.

Der Frankfurter Torwart Oka Nikolov war in der zweiten Hälfte schon so gelangweilt, dass er zwischenzeitlich Trockenübungen machte. Van Gaal sah aber nicht die Überlegenheit der Eintracht als Grund für die späten Tore, sondern die verletzungsbedingte Herausnahme von Verteidiger Daniel van Buyten, der eine Prellung des Jochbeins und der Augenhöhle erlitt. „Das war der Drehpunkt“, sagte sein Trainer.

Nun muss man den Bayern zu Gute halten, dass sie auch mit dieser schwachen Leistung beinahe gewonnen hätten. Meisterlich war aber nur die Gelassenheit nach der Niederlage. „Ich glaube nicht, dass uns das entscheidend zurückwirft“, sagte Manager Christian Nerlinger. Er könne nicht alles „in Schutt und Asche reden“, was in den vergangenen Wochen aufgebaut worden sei. „Jetzt müssen wir halt gegen die Mitkonkurrenten gewinnen“, fuhr Nerlinger fort, „und das traue ich dem Team zu.“

„Wir sind keine Maschinen“ – Schalke aber auch nicht

Kapitän Mark van Bommel machte sich indes keine Sorgen in Bezug auf die Meisterschaft; er habe „keine Panik“. „Wir waren schon einmal acht Punkte zurück“, sagte er mehrmals. Auch damals habe keiner an eine Rückkehr der Münchner geglaubt. „Und jetzt sind wir vorn.“ Noch. Leverkusen nutzte den Bayern-Patzer zwar nicht aus, verlor 0:3 in Dortmund. Aber Schalke kann mit einem Sieg in Hamburg am Sonntag (21.03.) die Tabellenführung übernehmen. Aber der Vorsprung auf Schalke ist durch das 2:2 der Gelsenkirchener in Hamburg auf einen Punkt geschmolzen.

Der FC Bayern verlor in Frankfurt am Samstag seit 19 Bundesliga-Partien wieder. Das ist in der Tat kein „Weltuntergang“, wie Bastian Schweinsteiger sagte. Außerdem spielen die Bayern noch gegen die beiden Titel-Mitkonkurrenten. Dennoch sollte die Spielweise in Frankfurt den Rekordmeister alarmieren, zumal der FC Bayern auch in den beiden vorherigen Auswärtspartien gegen Nürnberg und Köln nicht überzeugte. „Wir sind keine Maschinen“, sagte van Bommel.

Das sind die Schalker auch nicht. Das Team des ehemaligen Bayern-Trainers Felix Magath bewies aber vor zwei Wochen, wie man in Frankfurt (4:1) gewinnt und überzeugt. Genau gegen diese Schalker können sich die Bayern nun am Mittwoch im DFB-Pokal-Halbfinale rehabilitieren. Es ist das erste der „eminent wichtigen“ Spiele in den kommenden Wochen, wie es Nerlinger formulierte. „Wir wollen schließlich die Ernte einfahren.“ Zum Glück für die Bayern wurde die Saat nicht nur in Frankfurt verteilt.

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veröffentlicht auf FAZ.NET (20. März 2010)





Lokführer Lemke unter Dampf_Ob bei Werder oder als „World Wide Willi“: Der UN-Sonderberater glaubt an die soziale Kraft des Sports

19 03 2010

Es gibt ihn in zwei Versionen: als Bremer, der mit Herz und Seele beim Fußballklub Werder ist, und als Staatsmann, der im Auftrag der Vereinten Nationen für den Sport wirbt – und daher auch schon einmal „World Wide Willi“ genannt wird. Willi Lemke schafft den Spagat zwischen seinen Funktionen als Aufsichtsratsvorsitzender von Werder Bremen und als UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden. Hier werden Millionensummen für Fußballprofis verhandelt, dort geht es um Entwicklungshilfe an der Basis. Manchmal komme er bei diesem Wechsel schon ins Grübeln: „Es ist ungerecht, dass ein Spielervermittler für fünf Telefonate Millionen erhält und ich auf der anderen Seite um jeden Tausender kämpfen muss, der einem Afrikaner eine Chance ermöglicht.“ Ein Rückzug aus Bremen sei aber keine Option: „Werder ist mein Leben.“

Seit 2008 schwappt dieses Leben in die ganze Welt, in dieser Woche jährt sich die Berufung durch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zum zweiten Mal. Am Mittwoch erschien Lemkes Buch „Ein Bolzplatz für Bouaké“. Der Dreiundsechzigjährige fasst darin seine bisherigen Erfahrungen zusammen. Das Projekt in Bouaké in der Elfenbeinküste ist eine seiner Lieblingsgeschichten. Dort gibt es eine Judoschule mit 200 jungen Afrikanern – darunter viele Mädchen. Mit Hilfe des deutschen Außenministeriums konnte Lemke Judoanzüge für alle Teilnehmer zur Verfügung stellen. Bei einem Besuch zeigte ihm der örtliche UN-Kommandeur, wo ein Fußballplatz für die Soldaten entstehen sollte. Lemke fragte, ob ein Feld für alle mitten im Dorf nicht besser sei. Nach anfänglichem Murren wurde der Bolzplatz an Heiligabend 2009 offiziell eröffnet. „Das ist doch genial“, sagt Lemke.

Er mag Superlative. Im Einzelgespräch in seinem Bremer Lieblingshotel hält er sich mit Gesten zurück – ganz im Gegenteil zu Vorträgen. Man merkt, dass er oft über sein Amt spricht. Erachtet er etwas für wichtig, ist die Stimme sofort lauter, der Oberkörper nach vorn gebeugt, die rechte Hand gestikuliert. Es zeigen sich beide Rollen: Diplomat und Fußballfan. Er drückt sich vorsichtig aus, verwendet aber auch Begriffe wie „totale Party-Time“ oder „bollstrackenfertigweg“ in Bezug auf seine Müdigkeit wegen des Jetlags vom vielen Fliegen. Manchmal umgeht er Fragen, indem er seine Antwort auf Werder Bremen lenkt.

Willi Lemke gilt als Motivator, als Macher, als einer, der die Ärmel hochkrempelt, der gerne anpackt. Er konzentriert sich in seinem UN-Amt auf fünf Hauptpunkte: Afrika fokussieren, Gleichstellung fördern, Vorbilder schaffen, Behindertensport unterstützen, Nahost-Konflikt entschärfen. Er ist überzeugt von sich und seiner Arbeit – und er ist glücklich. „Es ist eine Lebenstraumerfüllung“, sagt Lemke. Im Rücken die große Organisation der UN, aber im Angesicht den Staub in einem afrikanischen Dorf – von der Spitze in die Breite. Das gefällt Lemke. Er weiß, er braucht die Sportstars, die großen Institutionen wie den Fußball-Weltverband Fifa oder das Internationale Olympische Komitee. Ihm sind aber die Vorbilder vor Ort wichtiger. Das verdeutlicht der Vater von vier Kindern an einer Eisenbahn-Metapher. In der Lokomotive sitzen die Stars, die Drogbas, die Eto’os. Sie bringen Kinder dazu, Sport zu treiben. In den Waggons fahren Sportler mit, die nicht ganz so gut wie die Profis sind, sich aber für die anderen Passagiere einsetzen, ihnen ein Vorbild sind. Alle können sich mit dem Zug identifizieren, und alle fahren mit: Frauen, Männer, Kinder, Senioren, Behinderte. „Die Vorbilder aus der Nachbarschaft zeigen den anderen: Wir haben eine Chance“, sagt Lemke. Deshalb vermittelt er afrikanische Jugendliche als Praktikanten nach Europa, auch zu Werder Bremen. Sie sollen in ihre Länder zurückkehren, das Gelernte weitertragen – und später Führungskräfte in ihrer Heimat werden.

Neben dem Initiieren von Projekten repräsentiert Lemke den Generalsekretär Ban Ki-moon, koordiniert Tätigkeiten innerhalb der Vereinten Nationen, führt mögliche Kooperationspartner und Geldgeber zusammen. Außerdem setzt er das Bemühen seines Schweizer Vorgängers Adolf Ogi fort, den Sport als Instrument für Entwicklung und Frieden hervorzuheben – „ein schwieriger und zäher Prozess“. Beide messen dem Sport besondere Stärken zu: Respekt, Integration, Fairplay, Solidarität, Ehrgeiz, Entwicklung. Die Liste ist lang. Sport könne einen Beitrag zum Frieden leisten. Diese Ideen treiben Lemke an. „Er hat ein Herz für die Aufgabe“, sagt Ogi über seinen Nachfolger, „das ist wichtig.“ Lemkes Chef, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, ist zufrieden mit dessen Arbeit. „Den Sport als Entwicklungs- und Friedensinstrument innerhalb und außerhalb des UN-Systems zu stärken, hat er erfolgreich fortgeführt“, ließ Ban auf Anfrage verlauten. Er freue sich, dass Lemke „ohne Berührungsängste viele Projekte und Programme initiiert und gleichermaßen nach Unterstützern sucht“.

Lemke selbst erfährt bei der Bundesregierung Unterstützung, sie zahlt jährlich 450 000 Euro für sein Amt. Davon werden seine Mitarbeiter und die Spesen bezahlt, er selbst erhält symbolisch einen Euro pro Jahr. Geld für Projekte steht ihm nicht zur Verfügung. Der Bremer freut sich über die Subvention, wünscht sich aber, dass die Regierung die Entwicklungshilfeausgaben für den Sport verdoppelt. Derzeit fließt nur rund ein Prozent des Gesamtvolumens in sein Metier.

„Der Job zehrt an mir“, sagt Lemke. Er will aber noch ein paar Jahre weitermachen und ist optimistisch, in nächster Zeit einen Brief von Ban Ki-moon zu erhalten. Er hat jedoch schon einen Titelwunsch für seinen Abschied, wenn es irgendwann nicht mehr geht: „Willi Lemke hat ein nachhaltiges Vorbild-System aufgebaut.“ Als Geschenk würde sich dann eine Miniaturausgabe seines Eisenbahnmodells eignen.

veröffentlicht in der FAZ (19. März 2010) 





„Sport eignet sich hervorragend für Entwicklungsarbeit“_Teil 1 des Interviews mit UN-Sonderberater Willi Lemke

17 03 2010

Für die FAZ habe ich mich mit Willi Lemke in Bremen getroffen. Der Sonderberater der Vereinten Nationen für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden hat sich viel Zeit genommen. Er trinkt gerne Tee und war aufgrund des Jetlags schon seit 3.13 Uhr nachts wach, er wusste noch den genauen Zeitpunkt. Für die FAZ habe ich darüber einen Artikel geschrieben, der demnächst erscheint. Das Interview hat mir Willi Lemke freundlicherweise für Sportlich autorisiert. Ich bringe es in zwei Teilen. In Part eins spricht Lemke über Vorbilder in einem Slum, die Werte des Sports sowie die Vorzüge des paralympischen gegenüber dem olympischen Sport.

Herr Lemke, Sie sind vor ein paar Tagen von den Olympischen Winterspielen zurückgekehrt. Wie war Ihr Eindruck von Vancouver? Als Besucher war es phänomenal, die totale Party-Time mit ausgelassener und fröhlicher Stimmung. Man war überall willkommen. Der multikulturelle Aspekt ist in Vancouver nicht zu übersehen. Furchtbar allerdings war der Unfall des georgischen Rodlers. Ich sage: Leute, kommt runter, ihr müsst nicht immer einen Weltrekord haben. Spannende Wettkämpfe genügen. Es soll niemand Angst haben um seine Gesundheit, um sein Leben. Insgesamt habe ich aber eine unglaublich positive Rückmeldung bekommen. Sotschi wird sich anstrengen müssen, solche Spiele zu veranstalten.

Sie sind bald zwei Jahre im Amt als Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden. Wird man in einer solchen Funktion ein anderer Mensch? Nein. Wenn du 50 überschritten hast, dann änderst du dich nicht mehr. Das ist ja bekannt. Ich bin kein anderer Mensch, aber ich habe die Welt gesehen, wie sie ist. Ich hatte Afrika beispielsweise vorher nie so erlebt, kannte nur den Norden. In meinen Dienstreisen, vor allem in der Subsahara, habe ich dann aber Leid und Elend direkt erlebt. Darüber täglich nachzudenken und zu reflektieren, das verändert einen.

Wenn man es negativ betrachtet, könnte Ihre Tätigkeit angesichts der unzähligen Problemfelder in der Welt die Überschrift tragen: Hoffnungslosigkeit eines Weltverbesserers. Ist der Druck unter vielen Hilfsbedürftigen den einen auszuwählen, nicht riesig? Ich finde es genau umgekehrt: total befreiend. Es ist gut, dass ich in meiner Position etwas bewirken kann. Ich will etwas umsetzen, das können auch kleine Dinge sein. Ich kann nicht die Welt verbessern, ich bin aber auch kein Weltverbesserer. Die fantastischen Projekte möchte ich unterstützen. Ich sauge diese Ansätze auf und versuche sie woanders angepasst einzusetzen. Dann habe ich in kleinen Schritten etwas verbessert.

Erfährt man in Ihrer Tätigkeit auch Dankbarkeit oder hört man immer nur Bittstellungen? Auf jeden Fall viel mehr als in der Kommunalpolitik. In der Bildungspolitik konnte ich alles machen, und es war immer falsch. Wenn ich jetzt Afrikaner nach Bremen hole, um dort Praktika bei Werder oder im Radio zu machen, werden sie das ihr Leben nicht vergessen. Und sie sind die wirklichen Vorbilder – nicht die Drogbas und Eto’os. Die anderen sehen dann: Der war fleißig, hat die Ärmel hochgekrempelt. Der hat die Schule zu Ende gemacht, der hat aufgehört zu kiffen, zu klauen. Der hat sich integriert, hat ein Sportprojekt mitgemacht, war ehrenamtlich tätig und hat sich dann so hochgearbeitet, dass er ein Praktikum in Bremen machen konnte. Das ist für mich ein Vorbild in einem Slum.

Dennoch benötigenSie die prominenten Vorbilder als Zugpferde. Würden Sie lieber die Stars, die Fifa, das IOC beiseite lassen und sich nur auf die Nachbarschafts- Idole konzentrieren? Nein, ich brauche beides. Es wäre völlig falsch, wenn ich sagen würde: Wir brauchen nur Eto’os und Drogbas, weil die Kinder millionenfach frustriert wären. Denn die meisten schaffen den Sprung zum Star eben nicht. Dabei vergessen sie auch noch ihre Schulbildung, denken nicht daran, dass sie auch studieren könnten. Sie verplempern ihre Sozialisation, ihre Erziehung. Da ist es mir lieber, wenn sie weiterhin von Eto’o träumen, aber eine Ausbildung machen und später im eigenen Land aushelfen, anstatt nach Amerika oder in ein anderes westliches Land zu gehen. Die Vorbilder aus der Nachbarschaft zeigen den anderen: Wir haben eine Chance.

Sie brauchen den Superstar und die großen Institutionen aber auch als Geldgeber. Natürlich. Ich vergleiche das gerne mit einer Bahn. In diesem großen Zug sind alle drin: Frauen, Männer, Kinder, Seniorensportler, Behindertensportler. Mit dem Zug können sich alle identifizieren. In der Lokomotive sitzen die Drogbas und Eto’os. Sie bringen Kinder dazu, Sport zu treiben. In den einzelnen Waggons gibt es Sportler, die nicht so gut wie die Stars sind, sich aber für die Mitreisenden einsetzen – und genau dieses Bild zeigt, dass wir Spitzen- und Breitensportler als Vorbilder brauchen.

Bei Amtsantritt haben Sie gesagt, dass Sie den minimalen Anteil, der in Deutschland von der Gesamtentwicklungshilfe in den Sport fließt, verdoppeln wollen. Das wäre mein großer Wunsch. Deshalb gucke ich hoffnungsvoll auf den neuen Entwicklungshilfeminister. Ich habe im April einen Termin bei ihm und hoffe, ihn überzeugen zu können, dass Sport ein ganz, ganz wichtiges Instrument der Entwicklungshilfe ist, viel wichtiger als andere.

Ihr Vorgänger Adolf Ogi meinte, er musste während seiner Amtszeit stets für die Bedeutung des Sports kämpfen. Müssen Sie diesen Kampf immer noch fortführen? Ja, ganz klar. Da hat sich nichts Grundlegendes geändert. Ich habe das Staffelholz von ihm bekommen und versuche es weiterzutragen. Das ist ein ganz schwieriger und zäher Prozess, weil nicht überall in den Ministerien sportbegeisterte Leute sitzen. Auch in den afrikanischen Ländern heißt es oft: Wozu brauchen wir Sport, das ist doch Luxus.

Was entgegnen Sie in diesen Situationen? Sport hat unglaublich viele Werte für die Menschen. Die soziale Entwicklung ist durch nichts so gut voranzubringen wie durch den Sport. Der Geschlechter-Aspekt ist ein weiterer Punkt. Viele Millenniumsziele können durch Sport umgesetzt werden, er eignet sich hervorragend für Entwicklungsarbeit. Man kann die Menschen durch Sport im positiven Sinne verändern. Ein Sportler weiß, dass man hart arbeiten muss, dass man sich motivieren muss, dass man sich selbst zwingen können muss, um eine gute Leistung zu bringen.

Sie fliegen demnächst wieder nach Vancouver zu den Paralympics. Inwiefern unterscheiden sich ihre Aufgaben im Behindertensport von denen im Fußgängersport? Es ist ganz besonders wichtig, den Behindertensport zu unterstützen. Ich habe fünf Prioritäten: Erstens Afrika. Das ist ein Hauptpunkt. Zum Zweiten Vorbilder suchen, identifizieren, fördern, nach Europa bringen, damit sie in ihren Heimatländern als Vorbilder dienen und wichtige Position übernehmen können. Der dritte Punkt ist der Gender-Aspekt. Hier sehe ich weltweit viel, viel Handlungsbedarf. Der vierte Punkt sind die Behindertensportler. Ich weiß, wie viele Millionen Menschen immer noch völlig isoliert leben, weil sich ihre Eltern oder Angehörigen schämen, sie in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich aber auch daran, wie diese mit Menschen mit Behinderung umgeht. Und die fünfte Priorität ist der Konflikt im Nahen Osten zwischen Israel und Palästina.

Sie haben über den Behindertensport einmal gesagt, dass dort die Freude am größten ist. Was kann der olympische Sport vom paralympischen lernen? Die unbändige Freude über die eigene Leistung ohne Hintergedanken. Wenn sich ein Behindertensportler freut, tut er das auf eine unglaublich schöne und natürliche Weise. Man merkt, wie glücklich er über seine eigene Leistung ist. Das ist für mich olympisch. Wenn einer bei den Olympischen Spielen seine Bestleistung zeigt und Vierter wird, beißt er sich vor Wut in den Hintern und bekommt bestenfalls eine kleine Fußnote.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Das ist der Druck der Gesellschaft, der Druck, der von überall herkommt: von den Sponsoren, von den Medien, vom gesamten Umfeld.

Sie galten früher als eine Person der deutlichen Worte. In Ihrer jetzigen Funktion sind Sie sehr diplomatisch. Ist es aber nicht gerade als UN-Sonderberater wichtig, auch einmal auf den Tisch zu hauen? Es ist in der Tat so, dass ich keine klaren Worte sprechen kann, sondern mich immer sehr diplomatisch ausdrücken muss. Der Generalsekretär darf auf den Tisch hauen, aber als höchster Diplomat überlegt auch er sich das sehr gut. Ich würde das manchmal gerne machen, aber ich darf es nicht.

Ihr neues Buch „Ein Bolzplatz für Bouaké“ erscheint am 17. März. Darin fassen sie ihre bisherige Amtszeit zusammen. Wie zufrieden sind Sie? Persönlich bin ich mit dem, was ich umgesetzt habe, sehr zufrieden. Ich hätte gerne noch viel mehr gemacht. Aber ich bin über 60 und mein Körper ist nicht mehr so strapazierfähig. Ich bin manchmal sehr erschöpft, wenn ich von einer Zeitzone in die nächste rutsche. Es geht Woche für Woche, Schlag auf Schlag. Ich wäre gern noch einmal zehn Jahre jünger, damit ich noch mehr Energie hätte.

Machen sich Ihre Mühen bezahlt? Ich habe mal gesagt, dass es sich gelohnt hat, wenn ich nur ein einziges Menschenleben retten kann. Dann war der Job für mich in Ordnung. Wenn es mir gelingt, viele Schicksale zu ändern – und ich bin ziemlich sicher, dass mir das schon nach zwei Jahren gelungen ist – dann ist das für mich absolut zufrieden stellend. Ich will mich jetzt nicht selbst beweihräuchern, aber ich kann jeden Morgen in den Spiegel gucken.

Was sagt Ihre Frau zu den Strapazen? Die ist einerseits besorgt, dass ich überpace, irgendwann in eine Sauerstoffschuld komme, von der ich mich nicht mehr erhole. Andererseits sagt sie: Du bist total glücklich. Das kriegt sie ja mit. Der Job ist für mich eine Lebenstraumerfüllung.





Fußball als Modell für den Kampf gegen Rassismus

17 03 2010

Am Montag sind die „internationalen Wochen gegen Rassismus“ gestartet, die bis zum 28. März laufen. „Das Ziel sind viele Aktionen gegen Rassismus und für eine friedliche interkulturelle Gesellschaft“, sagte Britta Graupner, Projektleiterin beim Interkulturellen Rat Deutschland, am Dienstag in Frankfurt.

Das Engagement gehe von Schulen, Gewerkschaften, Vereinen, Initiativen aus, gebündelt werden die Aktionen vom Interkulturellen Rat. Der Deutsche Fußball-Bund, die Deutsche Fußball Liga, die Koordinationsstelle (KOS) sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte unterstützen den Rat. Nach zwei Tagen konnten die Organisatoren bereits auf 750 Veranstaltungen gegen Rassismus in 250 Städten und Gemeinden blicken – so viele wie vergangenes Jahr nach dem gesamten Zeitraum.

In Fußballstadien werden Anti-Rassismus-Spots gezeigt, Texte verlesen, Banner hochgehalten. Einen wichtigen Faktor im Kampf gegen Rassismus bilden die einzelnen Fanprojekte. In der Region haben Frankfurt, Mainz und Darmstadt solche Initiativen. „Der Fußball ist ein Modell für andere gesellschaftliche Bereiche“, sagte KOS-Fanprojekteleiter Michael Gabriel, „keiner darf sich der Verantwortung entziehen, weder Fans und Spieler noch Verein und Funktionäre.“ Hier müssten die Vereine dauerhaft noch „greifbarer für einen direkten Kontakt“ sein, es reiche nicht aus, sich nur an Aktionen zu beteiligen.

veröffentlicht in der FAZ (17. März 2010)





Magath, der Meister der Ablenkung

6 03 2010

Er wehrt sich schon wieder. Wie in der vergangenen Saison. Felix Magath – damals noch beim VfL Wolfsburg – wollte nichts hören von einem möglichen Gewinn der deutschen Fußball-Meisterschaft. Am 25. Spieltag hatten die Niedersachsen soeben mit 3:0 in Bielefeld gewonnen und Magath sagte: „Nach dem Spiel gegen die Bayern können sie mich gerne nach der Meisterschaft fragen.“ Wolfsburg stand zu diesem Zeitpunkt auf Platz zwei, einen Punkt hinter Hertha BSC Berlin, punktgleich mit Bayern München.

Am Samstag, ein knappes Jahr später – Magath „herrscht“ inzwischen auf Schalke – besiegte seine Mannschaft Eintracht Frankfurt mit 4:1. Und Magath sagte: „Wir haben in den kommenden Wochen schwere Spiele vor uns. Erst danach können wir sagen, wohin wir uns orientieren.“ Das klingt wohlbekannt, und am Ende dieser Serie an schwierigen Partien – gegen Stuttgart, Hamburg und Leverkusen – gastiert abermals der FC Bayern bei Magaths Team.

Auch wenn sich der Meistertrainer der vergangenen Saison weiter wehren wird, Parallelen zur Überraschungsmeisterschaft des VfL Wolfsburg anno 2009 kann auch er nicht wegreden. Dennoch versucht es Magath. Das klang nach dem Sieg in Frankfurt so: „In Wolfsburg arbeitete das Trainerteam bereits im zweiten Jahr.“ Oder: „Mit Dzeko und Grafite hatten wir den besten Sturm der Liga, mit Misimovic den besten Vorbereiter.“ Oder so: „Es ist anders als in der letzten Saison, da hat meine Mannschaft selten in einem blauen Trikot gespielt.“

„Wir haben unsere Chancen eiskalt genutzt“

Magath möchte den Druck, verständlicherweise, so gering wie möglich halten. Schalke überzeugte in Frankfurt in der Tat nur mit dem Ergebnis – und dem Verwerten der Torchancen. Die Gelsenkirchener konzentrierten sich vor allem auf Standardsituationen, „aus dem Spiel heraus haben wir zu wenig entwickelt“, sagte Magath. Und dennoch reichte es zu einem 4:1 gegen die Eintracht, die Magath selbst kürzlich zu den Mitbewerbern um die Europa-League-Plätze zählte.

Dabei fehlten den Königsblauen verletzungsbedingt Stürmer Jefferson Farfán und Innenverteidiger Marcelo Bordon. Edu und der wieder genesene deutsche Nationalspieler Heiko Westermann rückten ins Team, genauso wie Carlos Zambrano. „Unser Kader ist durch die Transfers im Winter breiter“, sagte Magath, „dadurch können wir die Ausfälle kompensieren.“

Schalke hat neben einem breiten vor allem einen jungen Kader. Die Torschützen zur frühen 2:0-Führung sind erst achtzehn (Joel Matip) und zweiundzwanzig (Benedikt Höwedes) Jahre alt. Umso erstaunlicher ist die abgeklärte Schalker Art, Fußball zu spielen. „Wir haben unsere Chancen eiskalt genutzt“, sagte Torhüter Manuel Neuer, selbst erst 23 Jahre jung, und verriet das Rezept: „Die jungen Spieler bekommen das Vertrauen des Trainers, sind schon Stammspieler, und auch die älteren vertrauen den jungen.“

„Wir müssen erst die kommenden Spiele überstehen“

Es passt derzeit einiges beim FC Schalke, da lässt sich Neuer auch nicht durch die Entscheidung Joachim Löws zugunsten René Adlers als Stammtorhüter für die Weltmeisterschaft in Südafrika verärgern. „Hauptsache wir haben heute gegen die Adler gewonnen“, sagte er mit einem Schmunzeln und meinte damit die Frankfurter, deren Wappentier ein Greifvogel ist. Zur Titelfrage fügte Neuer an: „Es ist der falsche Zeitpunkt, um über die Meisterschaft zu sprechen. Wir müssen erst einmal die kommenden Spiele überstehen.“ Magath hat auch seine Spieler mit Zurückhaltung geimpft.

Und dennoch: Schalke ist aufgrund des Remis der Bayern in Köln auf zwei Punkte an die Münchner herangerückt, Leverkusen kann jedoch noch vorbeiziehen; es reicht dafür schon ein Unentschieden am Sonntag in Nürnberg (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker). Auch wenn die Leistung der Gelsenkirchener in Frankfurt tatsächlich nicht meisterlich war, zählt Magaths Team zu den Titelanwärtern – und bringt auch neben dem Platz Qualitäten dafür mit. Es ist in der Bundesliga eher die Ausnahme, dass Fans bei einem Auswärtsspiel die eigenen Anhänger singend zum Aufstehen auffordern, und sich nicht nur in diesem Block, sondern in der gesamten Arena zahlreiche blau-weiß gekleidete Menschen erheben.

Joachim Löw: „Schalke steht über den Erwartungen“

Genauso meisterlich ist das Gespür des Schalker Trainers. Als sich die Angriffe über die rechte Abwehrseite mehrten, wechselte Magath umgehend den müden Zambrano aus („Er war nicht mehr so auf der Höhe.“) und bremste somit den Offensivdrang der Frankfurter. So verhinderte Schalke nach dem Anschlusstreffer durch Alexander Meier (52.) den Ausgleich und ermöglichte die Tore drei und vier durch Ivan Rakitic (80.) und Kevin Kuranyi (89.). Damit hat Schalke einen echten Toptorjäger. Denn mit dreizehn Treffern hat Kuranyi so viele wie der Leverkusener Stefan Kießling. Das ist Ligaspitze.

Nun darf man Schalke angesichts der folgenden Aufeinandertreffen mit den anderen Meisterschaftsanwärtern nicht als Topfavorit sehen, aber vom Titel und der Champions League reden muss auf und um Schalke erlaubt sein. Das tat auch Bundestrainer Löw in der Frankfurter Arena, der sich in der Halbzeitpause an Wolfsburg erinnert fühlte: „Schalke steht über den Erwartungen und kann ohne Druck aufspielen.“ Gut, dass Magath das nicht hörte. Unter dem Strich bleibt ein hervorragender Nährboden für dessen zweiten Streich.

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veröffentlicht auf FAZ.NET (6. März 2010)