Wo bleibt der Trennstrich?

6 07 2011

Ortsschild – Jede Woche lösen wir ein Rätsel des Alltags. Heute: der Einzeiler Kammgarnspinnerei.

Dieser Stadtteil ist benachteiligt. Schließlich erkennt man beim Vorbeifahren am Ortsschild „Kammgarnspinnerei“ in Bietigheim-Bissingen aufgrund der kleinen und engen Buchstaben recht spät, was da eigentlich steht. Das Hirn hat somit weniger Zeit, Namensassoziationen und -kenntnisse hervorzuspülen. Tamm grüßt einen Fremden schneller.

Selbst wenn der Tourist wissen sollte, dass es sich um eine alte Fabrik handelt, die sich 1856 ansiedelte und in deren aus Ziegelsteinen gemauerten Wohn- und Fabrikgebäuden heute Kammgarnspinnereier wohnen oder sich Eisenbahnmodellfreunde treffen, fragt er sich vielleicht, warum das Wort auf dem gelben Ortsschildgrund so zusammengepresst ist. Wenn er nicht bereits von einem der bemerkenswert häufig auftauchenden Blitzerkasten erwischt wird. Wir haben uns das gefragt.

Schließlich böten sich den 17 Buchstaben mit einem Trennstrich so einige Möglichkeiten, in die nächste Zeile zu hüpfen. Wo bleibt also der Trennstrich? Die Recherche führt uns zu Petra Jahnle, Werbetechnikmeistern des Schilderherstellers Seitz in Tamm, seit 25 Jahren in der Branche tätig: „Eine Trennung hatte ich noch nie, aber eine konkrete Vorschrift kenne ich nicht.“ Wobei es viele gibt. Beispiele sind Schildgröße, Schrift oder Abstand. Vorgeschrieben ist die DIN-Schrift, zur Auswahl stehen eine Mittel- und eine Engschrift, jede einzelne Buchstabenkombination hat einen bestimmten Abstand. Fehler kosten, schlimmstenfalls den Verlust des Gütesiegels. Straßenmeistereien seien angehalten bei Güte-Firmen zu bestellen, sagt Jahnle.

Sie verweist noch auf die RWB, die Richtlinien für die wegweisende Beschilderung außerhalb von Autobahnen, die das Bundesverkehrsministerium einführte. Der Unterpunkt 3.4. informiert über „Trennungen“. Es heißt: „Kann eine Zielangabe nicht in eine Zeile geschrieben werden, können lange Namen auch getrennt werden.“ Na bitte, Kammgarn-spinnerei wäre also möglich. Da wir aber unsicher sind, ob mit „Zielangabe“ auch Ortsschilder gemeint sind, zur Sicherheit noch die Nachfrage beim Ministerium, ob Trennen verboten ist: „Eine solche Vorschrift ist uns nicht bekannt“, teilt eine Sprecherin mit. Aber Jahnle ergänzt: „Kammgarnspinnerei liegt noch im lesbaren Bereich. Es ist immer besser für die Lesbarkeit, wenn der Ortsname am Stück geschrieben wird.“ Nun gut, vielleicht waren wir einfach zu empfindlich.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (5. Juli 2011)





Im Landkreis grassiert das Supermarktvirus

23 06 2011

In mehreren Gemeinden diskutieren die Bürger über eine Verbesserung der Lebensmittelversorgung.

Es grummelt im Kreis – nicht im, aber wegen des Magens der Bürger. Wie ein flächendeckendes Virus beschäftigen Einkaufsmärkte derzeit die Bewohner und Politiker gleich in mehreren Gemeinden, doch die Diskussionen unterscheiden sich – eine Situationsanalyse.

Möglingen Im Löscher stehen die Bürger unter Druck. „Wir müssen die Chance jetzt wahrnehmen“, sagte der Bürgermeister Eberhard Weigele jüngst bei einem Anwohnertreffen im Topkar-Markt und meinte die Verbindung von türkischem Spezialitätenmarkt mit hiesigen Produkten. Schließlich fehlt den Bürgern das Sortiment eines Rewe- oder Edeka-Marktes im Topkar-Angebot. Dessen Inhaber Fuat Topaloglu steht dem prinzipiell offen gegenüber, baut dabei aber auch auf die Deutschen. Schließlich war deren Nachfrage vor drei Jahren zu gering, als eine ähnliche Idee aufkeimte und die 3000 Löscher-Bewohner diese Chance verpassten. Eine Auflistung von deren Warenwünschen wird nun nach den Pfingstferien der nächste Schritt zum interkulturellen Einkauf sein.

Besigheim Die Möglichkeit eines eigenen Einkaufsmarktes möchten die Ottmarsheimer nicht verpassen. Das zeigt eine neuerliche Umfrage, in der mehr als 90 Prozent der Anwohner für einen Supermarkt stimmten. Das bezieht sich auch auf einen Markt am Ortsrand, auch wenn Bürger wie Politiker die Waren lieber näher am Ortskern kaufen würden. Doch diese Option gab es letztlich nicht. Daher wird nun mit den Grundstücksbesitzern sowie mit den Discountern Norma und Penny verhandelt – diese wollten die Randlösung, um auch vorbeifahrende Bürger zum Kauf zu bewegen. „Die planungsrechtlichen Voraussetzungen werden derzeit geschaffen“, sagt Heike Eckert vom Amt für Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Umwelt.

Eberdingen Der Gemeinderat hat in der vergangenen Woche entschieden: zu Gunsten eines Netto-Marktes im Ortsteil Hochdorf und gegen einen Bürgerentscheid. Ein Anwohnerbegehren wäre bis sechs Wochen nach Beschluss möglich, schließlich befürchten die Projektgegner, dass durch den Discounter die Kunden des Edeka-Marktes im Ortskern verschwinden, dieser pleite- und somit den dortigen Anwohnern verloren gehe. An der Eberdinger Straße will ein Privatinvestor einen 800 Quadratmeter großen Markt bauen und ihn an Netto vermieten. „Wir haben alle Möglichkeiten abgefragt“, sagt der Bürgermeister Peter Schäfer, „die Lösung im Westen blieb als einzige übrig, weil dort auch Eberdingen und Riet profitieren.“

Löchgau Der Edeka-Markt in der Löchgauer Ortsmitte schließt. Da dort für eine größere Verkaufsfläche kein Platz ist, beantragte die Gemeinde eine Ausnahmegenehmigung für das Gewerbegebiet, weil das Planungsrecht große Vollsortimentmärkte in Zentrumsnähe vorschreibt, damit die Ortskerne nicht veröden. Diesen Antrag lehnte der Regionalverband Anfang Juni ab. Nun ist das Regierungspräsidium gefragt, das den Plan noch durchwinken kann. Die Stellungnahmen der Beteiligten sind kürzlich eingegangen, so dass in rund vier Wochen mit einem Ergebnis zu rechnen ist.

„Wir wollten ein bisschen Qualität reinbringen, aber zur Not müssen auch wir einen Discounter bauen“, sagt der Bürgermeister Werner Möhrer, der sich über den Regionalverband ärgert. Dieser „hinterlässt keine schöne Landschaft“, weil im Kreis überall die Discounter aus dem Boden sprießen. „In den meisten Discounter-Fällen haben wir gar kein Mitspracherecht“, entgegnet Thomas Kiwitt, Leitender Technischer Direktor des Regionalverbandes Stuttgart, und warnt vor Vollsortimentmärkten in Gewerbegebieten. Der Bau sei dort billiger, und je öfter man das erlaube, desto seltener würden sich Anbieter in dem hochumkämpften Markt auf eine zentrumsnahe Ansiedlung einlassen.

Kirchheim Eine Discounter-Lösung ist in Kirchheim angedacht, dort drohten vor einiger Zeit zwei Märkte wegzubrechen. Norma zögerte mit der Vertragsverlängerung, und Real wartete sehr lange mit einer Sanierung des alten Gebäudes, erklärt der Schultes Uwe Seibold. Der Gemeinderat wollte die Versorgung mit einem Fachmarktkonzept sicherstellen, bei dem drei Märkte zu maximal 800 Quadratmetern entstehen sollten. Da deren Größe zusammengezählt wird, wenn sie zu nah beieinanderstehen, wurde die 800-Quadratmeter-Grenze überschritten. Die Region war gefragt und lehnte das Vorhaben ab. Das Ergebnis: der Discounter im Gewerbegebiet.

Ludwigsburg Gestritten wird derzeit im Stadtteil Neckarweihingen über die ungewöhnliche Idee einer Kombination aus Schule und Supermarkt am Standort der Friedrich-von-Keller-Schule. Mittlerweile ist auch die Schulleitung von dem Konzept überzeugt, kritische Stimmen gibt es dennoch. Nun soll eine Bürgerbeteiligung entscheiden, deren Form aber noch geklärt werden muss. Ein Vollsortimenter, den der Regionalverband in den Neckarterrassen ablehnte, sei auf dem Schulgelände günstiger als der vormals angedachte Discounter am Ortsrand, erklärte der Oberbürgermeister Werner Spec neulich bei einem Bürgerforum. Dem Schultes schlägt die Kombinationsidee jedenfalls nicht auf den Magen.

Infokasten: Die Rolle der Behörden

Marktgröße Wenn eine Gemeinde einen Supermarkt mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche ansiedeln möchte, müssen der Verband Region Stuttgart und das Regierungspräsidium (RP) eine Stellungnahme zu diesem Vorhaben abgeben. Beide Behörden sind sogenannte Träger öffentlicher Belange, kurz TÖB. Das RP ist zwar die Genehmigungsbehörde, doch die Vorgaben des Regionalverbandes bilden letztlich in den meisten Fällen die Rechtsgrundlage.

Einflussfaktoren Der Regionalverband möchte die Nahversorgung sichern und den Einzelhandel auf die Ortsmitten konzentrieren, damit die Bürger kurze Einkaufswege haben. Außerdem sollen die neuen Märkte keine Nachbargemeinden beeinträchtigen. Da Vollsortimenter meist größer als 800 Quadratmeter sind, entstehen in vielen Gemeinden Discounter, weil diese in der Regel kleiner sind. Die Projektplanung betrifft dann weniger Behörden und ist somit einfacher.

Sonderfall Ein sogenanntes Zielabweichungsverfahren wird erforderlich, wenn die Bauvorhaben mit den Raumordnungsplänen kollidieren. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn in einem Grünzug in einer Stadt ein Supermarkt entstehen soll. Dann werden verschiedene Behörden wie der Naturschutz, die betroffenen Träger und die angrenzenden Kommunen angehört. Die Entscheidungsmacht liegt in diesem Fall beim Regierungspräsidium.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (22. Juni 2011)





Zwei Windsbräute rühren ihn zu Tränen

1 06 2011

Frieder Schwarz hat sich für den Wald engagiert. Jetzt geht der Forstamtsleiter in den Ruhestand.

Zweimal ist in Frieder Schwarz „etwas kaputtgegangen“. So nennt es der Amtsleiter des Fachbereichs Forsten des Ludwigsburger Landratsamtes. Am 28. Februar 1990 stürmte Wiebke, am 26. Dezember 1999 Lothar über das Land. Die Orkane zerstörten Unmengen von Bäumen. Schwarz „kamen die Tränen“ bei den Besprechungen für die Aufräumarbeiten. Allein Lothar „fegte uns 160 000 Festmeter Holz vor die Füße“, das Aufräumen dauerte 24 Monate. Jährlich schlagen die Förster in den elf Revieren, für die er zuständig ist, lediglich 25 000 Kubikmeter.

Mittlerweile schwingen auch positive Gefühle mit. „Ich bin schon ein wenig stolz, dass wir diese Katastrophen gut bewältigt haben“, sagt der Oberschwabe und meint beispielsweise die Wiederbewaldung und das Verhindern noch größeren Schadens. Ebenso gelang ihm und seinem Team die logistische Abwicklung des Holzverkaufs, auch wenn es durch das hohe Angebot „einen Preissturz gab, dass es nur so krachte“.

Frieder Schwarz feierte vorgestern seinen 65. Geburtstag, wird heute verabschiedet und startet morgen in einen neuen Lebensabschnitt. Er war fast 24 Jahre Amtsleiter, koordinierte in dieser Zeit die Abläufe und Aufgaben der Forstreviere im Kreis, organisierte den Holzeinschlag und den Holzverkauf, verwaltete die Finanzen. Zu seinen Aufgaben zählte außerdem, Stellung zu nehmen in Belangen, die den Wald betreffen – sei es ein Straßenbau oder neue Leitungen im Baumbestand.

Schwarz erwartet nun eine „große Umstellung“. „Mir wird natürlich etwas fehlen, aber ich habe mein Soll erfüllt“, sagt der Vater zweier Töchter, der seit mehr als 15 Jahren getrennt von seiner Frau lebt. In seiner Arbeit versuchte er „keinen Stress aufkommen zu lassen“, was durch die Langfristigkeit der Entscheidungen im Forstbereich eher möglich war. „Was ich heute gestalte, erlebe ich vermutlich nicht mehr.“

Dennoch lässt er den Spruch „am schönsten hat’s die Forstpartie, der Wald der wächst auch ohne sie“ nicht gelten. Arbeit hatte er genug, im Laufe seiner Dienstzeit hat sich die Größe seines Zuständigkeitsbereichs verdreifacht, „bei gleicher Gehaltsstufe“. Daher ist er auch weniger „raus in den Wald gekommen“, war mehr „an den Schreibtisch gefesselt“, aber dennoch mit Herzblut dabei: „Ich habe die Interessen des Waldes sehr konsequent vertreten.“

Dabei schaffte es Schwarz, der Bürokratie der Beamtenwelt pragmatisch zu begegnen. „Er konnte komplexe Probleme in ein bis zwei Zeilen zusammenfassen, trotzdem war es abgearbeitet“, sagt der Büroleiter Ralf Zellin, „das wird uns fehlen.“

Auch Frieder Schwarz wird das Arbeiten ein wenig fehlen, Pläne für den Ruhestand hat er keine geschmiedet. Vielleicht wird er seinem Hobby, der Fotografie, mehr nachgehen. Zu viele Träume seien aber nicht übrig geblieben, schließlich sei er niemand, der seine Vorhaben lange aufhebt. Und wenn alles gut läuft, wird er im November als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter des Landkreises für fünf Jahre wiedergewählt. Dann hat er weiterhin eine „große Selbstständigkeit und Verantwortung“, die er als Förster schätzte – und kann zudem verhindern, dass der Wald kaputtgeht.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (31. Mai 2011)





Warum steht die Ampel noch?

1 06 2011

Stau -Jede Woche lösen wir ein Rätsel des Alltags. Heute: Sinn und Unsinn eines Kreisverkehrs.

Ein Satellitenbild bestätigt den aufgebrachten Leser: Vor kurzem hat uns eine E-Mail von Gerhard Dörr aus Bietigheim-Bissingen erreicht. An der Kreuzung zwischen der Umgehungsstraße von Bietigheim und der Einmündung nach Tamm (Asperger Straße und Carl-Benz-Straße) seien täglich zu den Stoßzeiten lange Staus. Erst neulich sei er durch Tamm gefahren, die Autos hätten sich bis zur Ortsmitte zurückgestaut.

„Da regt sich jeder auf“, ergänzte Dörr dann telefonisch. Dass es dort keinen Kreisverkehr gebe, „versteht kein Mensch mehr“, Platz sei schließlich da. Eine Satellitenaufnahme im Internet zeigt einerseits, dass tatsächlich genügend Fläche für einen Kreisel vorhanden wäre, andererseits zeugen acht wartende Fahrzeuge davon, dass bei einem hohen Verkehrsaufkommen lange Wartezeiten an der Ampel für die aus Tamm kommenden Fahrzeuge drohen, schließlich ist die Straße erst ganz kurz vor dem Knotenpunkt zweispurig. Deshalb meint Dörr: „Die Kreuzung verkraftet den Verkehr nicht mehr“, und fragt: „Warum fehlt der Kreisverkehr?“

Wir haben diese Frage an die Stadtverwaltung in Bietigheim-Bissingen weitergeleitet und sind nun schlauer – ein wenig zumindest. Es seien zwar einige Kreisverkehre in der Planung, doch bei der beanstandeten Stelle böte sich die Kreisvariante nicht an. „Auf der Umgehungsstraße ist zu viel Verkehr“, sagt Anette Hochmuth, Pressesprecherin der Stadt Bietigheim-Bissingen, „daher würden sich an einer Einfahrstraße in den Kreisverkehr die Fahrzeuge zu sehr stauen.“

Wir verstehen das so: Da die Wagen im Kreisverkehr Vorfahrt haben, müssen die Einfahrenden warten. Ist ein Kreisel ständig blockiert, staut sich folglich der Verkehr an einer der Einmündungsstraßen. Klingt irgendwie logisch, auch wenn es verwunderlich ist, dass ein Kreisverkehr das Stauaufkommen vergrößern soll. Jedenfalls würde durch einen Kreisel nur noch mehr Blech durch Tamm rollen, und das wolle die Stadt ja gerade vermeiden. Die Lösung, sagt Hochmuth weiter, wäre ein zwei- oder dreispuriger Kreisverkehr: „Doch die Erfahrungen zeigen, dass das in Deutschland kaum funktioniert.“

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (31. Mai 2011)





Eine rollende Heizung mit Trendpotenzial

11 05 2011

Seit April betreibt die Stadt ein mobiles Blockkraftwerk für das Mineralfreibad und das Schulzentrum.

In Bönnigheim gibt es jetzt Energie auf Rädern: Seit April steht am stadteigenen Mineralfreibad ein erdgasbetriebenes Blockheizkraftwerk (BHKW), welches das Wasser erwärmt. Nach der Badesaison wird der Anhänger, auf dem das Kraftwerk montiert ist, zum Schulzentrum rollen, um die dortige Heizungsanlage für ein halbes Jahr zu unterstützen. Das mobile BHKW ist einzigartig in der Region.

Werner Schlenker, Amtsleiter für Stadtpflege in Bönnigheim, begründet den Zuschlag für die rollende Variante mit der größeren Wirtschaftlichkeit der Anlage. Schließlich erhöhten sich die Betriebsstunden durch die Doppelfunktion. Den Denkanstoß gab jedoch der Wunsch, das Mineralfreibad steuerrechtlich in die Stadtwerke zu integrieren, und dieser sogenannte steuerliche Querverbund ist nun mit dem BHKW möglich. „Da wollten wir noch eins draufsetzen und sind auf die pfiffige Lösung mit dem beweglichen Kraftwerk gekommen“, sagt Schlenker.

Auch Adi Golbach, der Geschäftsführer des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung, nennt das Konzept „pfiffig“. „Ich kann mir vorstellen, dass das ein gutes Geschäftsmodell ist“, sagt er. Dennoch habe er seit der Installation des ersten mobilen BHKWs 1995 nichts mehr davon gehört. Insofern „kann man nicht von einem Trend sprechen“. Das sieht der Besigheimer Heinrich Blasenbrei, dessen Firma das BHKW in Bönnigheim installiert hat, ganz anders: „Die Gemeinden trauen sich da nur nicht ran.“ Für alle Kommunen mit großen Gebäudekomplexen und Freibädern eigne sich die bewegliche Heizung. „Hoffentlich gibt Bönnigheim einen Impuls“, sagt er.

Markus Keller ist Vertriebsingenieur bei der Firma Sokratherm. Der BHKW-Hersteller hat die mobile Variante erstmals auf den Markt gebracht. Der Vorteil liege im Ausbleiben von „Übertragungsverlusten“, die bei dezentraler Energieversorgung durch Leitungssysteme automatisch entstünden. Zudem bedeute eine größere Anzahl der Betriebsstunden des BHKWs, die durch zwei Standorte gewährleistet sei, einen ökonomischen Vorteil. Ein weiteres Argument sei der Verschleiß: Wenn die Anlage „wenig läuft, hat sie keine optimalen Betriebsbedingungen, was die Wartungskosten erhöhen kann“, sagt Keller. Auch er sieht jedoch keinen Techniktrend.

Genauso wie Andreas Weigel von KW Energie, dem Hersteller des Bönnigheimer Kraftwerks. „Aber das Potenzial ist vorhanden“, sagt der Geschäftsführer. Ausgeschöpft wurde es bisher aber nicht, wie die Statistik des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) zeigt. 26 mobile BHKWs deutschlandweit sind dort zugelassen. Das bedeutet zwar nicht, dass in der Republik nur 26 solcher Anlagen betrieben werden, doch eine Bafa-Sprecherin bestätigt die Seltenheit der mobilen Energiemodule. Woran aber liegt das?

In der Breite verhindern offenbar die Bedingungen einen Boom. So müssen zunächst überhaupt zwei Objekte vorhanden sein, die noch in keine Heizungsanlage integriert sind. In Bietigheim beispielsweise steht das Frei- direkt neben dem Hallenbad, somit ist eine Wärmeversorgung ganzjährig notwendig, eine mobile Variante sinnlos. Investitionskosten für die Anschlüsse an den Heizungsanlagen in den Freibädern, Schulen oder Rathäusern müssen genauso in die Wirtschaftlichkeitsrechnung einbezogen werden wie Transportkosten und der Installationsaufwand, der jedes halbe Jahr anfällt. Hinzu kommen Faktoren wie der Gas- und Strompreis. Außerdem ist ein mobiles BHKW nur bis zu einer bestimmten Leistungsgröße sinnvoll, „weil es sonst zu schwer für einen Anhänger ist“, sagt der Ingenieur Keller. „Und wenn eine Anlage ohnehin an einem Standort schon wirtschaftlich ist, dann ist der Reiz auch nicht mehr so groß.“

Der Besigheimer Blasenbrei konzentriert sich dennoch auf die Vorteile. „Bevor die Bäder bei den gestiegenen Energiekosten ganz schließen, sollen sie sich lieber mit solchen mobilen Anlagen retten“, sagt er, „sonst haben wir in ein paar Jahren viele Nichtschwimmer.“ In Bönnigheim wird das erst mal nicht passieren, das Freibad hat heute den zehnten Tag in dieser Saison geöffnet – und das Wasser ist warm.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 10. Mai 2011





Bauchspezialist mit kühlem Kopf

29 04 2011

Der Klinikdirektor Thomas Schiedeck zählt bundesweit zu den besten Ärzten in seinen Spezialgebieten.

Wo treffen sich ein Biochemiker und eine Theologe? In der Arztpraxis! Das ist kein Witz, sondern die Formel für die Berufswahl von Thomas Schiedeck gewesen. Der Ärztliche Direktor der Ludwigsburger Klinik für Allgemein- und Viszeral-, also Bauchchirurgie findet jedenfalls, dass die ärztliche Tätigkeit ein Mix aus biochemischer und religiöser Arbeit sei. „Ein Arzt muss seine Grenzen erkennen, und er braucht zwischenmenschliche Kompetenz“, sagt der 47-Jährige, dessen Klinik vom Magazin „Guter Rat Gesundheit“ in den Bereichen Verdauungstrakt- sowie Enddarm- und Hämorrhoidenchirurgie unter die bundesweit besten gewählt wurde.

Der Chefarzt nimmt die Würdigung aber nicht allzu ernst, denn „häufig ist nicht so ganz klar, wie diese Ergebnisse zustande kommen“. Dennoch freut er sich, weil er weiß, dass sich Patienten an solchen Kriterien orientieren. Schiedeck will mit der Skepsis gegenüber derartigen Ranglisten jedoch betonen, dass er besonders das „Urvertrauen zwischen Patient und Arzt“ als Behandlungsbasis sieht.

Den Familienvater reizt an seinem Job die „hohe Konzentration“, schließlich betreibe er eine „sehr feinsinnige Chirurgie“, in der mikroskopisch unter bis zu achtfacher Vergrößerung „subtil“ operiert wird. Die Eingriffe sollen gewebeschonend sein, was die Heilungschancen erhöhe.

Schiedeck wuchs im bayerischen Rothenburg auf, studierte in Würzburg, machte die Facharztausbildung in Lübeck, arbeitete eine Zeit lang in Bolivien und ist seit 2004 in Ludwigsburg. Sein Hang zur Viszeralchirurgie gründet darin, „dass mich die Stoffwechselfolgen des Menschen schon immer interessierten“. Er habe seine Berufswahl nie bereut und erfreue sich nach wie vor der „hohen Verantwortung“ als Mediziner.

Für ihn hat ein Klinikarzt gegenüber einem niedergelassenen Kollegen einen Vorteil, weil mit der Einrichtungsgröße bessere Behandlungsmöglichkeiten einhergingen. „Wir machen die komplette Chirurgie, das könnte ein Selbstständiger nicht stemmen.“ Schiedeck ist ein Anhänger sogenannter integrativer Therapie. Die Behandlung solle zwar auf schulmedizinischen Aspekten beruhen, aber auch andere Methoden wie die traditionelle chinesische Medizin mit einbeziehen. Generell dürfe man nie außer Acht lassen, „wie lange eine Behandlung unter menschenwürdigen Bedingungen gut“ ist – weshalb es der Tumorspezialist für wichtig erachtet, „keine falschen Hoffnungen zu wecken“. Dazu bedürfe es eines „offenen Gesprächs“ mit den Patienten.

Das belastet natürlich auch einen Arzt. Es dauere, mit den teilweise menschlichen Krankheitstragödien umgehen zu können. „Das wird nie zur Gewohnheit, man muss es richtiggehend lernen“, sagt Schiedeck, dem dabei auch Gespräche mit Kollegen und seiner Frau, die ebenfalls Ärztin ist, helfen. Zu Hause haben die medizinischen Sorgen aber auch mal Pause. Schiedeck schickt seine beiden Kinder nicht wegen jedem kleinen Kratzer zum Arzt.

Der Bayer, der auch vielseitig ehrenamtlich aktiv ist, beschreibt sich als „ungeduldig“, wenn er möchte, dass sich eine Situation ändert, und findet seinen Stressausgleich unter anderem im „ausgedehnten Wandern mit dem Hund“. Der 47-Jährige arbeitet gerne in der Gruppe. Zudem sei er „sehr sachlich, aber manchmal auch richtig witzig“, wie seine Sekretärin Birgit Kunkel sagt. Und wenn er sauer werde, dann „kriegt er sich schnell wieder ein“. Sie ist „heilfroh, dass ich ihn erwischt habe“, und die Patienten seien von ihm „begeistert“.

Thomas Schiedeck scheint demnach ein guter Arzt zu sein, der zudem auf ein klares Berufscredo baut: „Krankenhäuser haben den Zweck, Kranke gesund zu machen“, sagt er, und sie sollten keine „reinen Wirtschaftsunternehmen“ werden. Der pure Fokus auf den monetären Gewinn wäre ja irgendwie ein schlechter Witz.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 28. April 2011





Noch elf Zentimeter bis zum Abschied

28 04 2011

Der Schwimmmeister Rainer Schweisser hört nach 35 Jahren auf. Das Hallenbad verliert eine Marke.

Rainer Schweisser zelebriert seinen Abschied. Am gelben Poloshirt des Schwimmmeisters im Freiberger Hallenbad baumelt ein Maßband. Elf Zentimeter zeigt die Längenangabe, jeden Tag schneidet der 59-Jährige eine Ziffer ab – und zählt somit bis zu seinem letzten Arbeitstag. Denn er geht im Mai nach 35 Jahren in den Vorruhestand. Bei 150 Zentimetern fing er an, rückwärts zu zählen.

„Ich hatte hier eine glorreiche Zeit, aber mit ch“, sagt Schweisser und lacht. Schließlich kam er beinahe täglich mit dem Desinfektionsmittel Chlor in Berührung. Seine Nase und seine Bronchien sind leicht in Mitleidenschaft gezogen worden, er schnupft ein wenig. „Das stört mich aber nicht wirklich“, sagt Schweisser. Trotzdem besitzt er wegen dieser Probleme und aufgrund eines Hüftleidens einen Behindertenausweis. Der Freiberger will sich aber gar nicht lange mit seinen Wehwehchen aufhalten, er erzählt lieber über sein Bademeisterdasein, über seine Erlebnisse. Hier im Becken hat er eine Frau aus dem Wasser gezogen, die ihm daraufhin ein trockenes T-Shirt lieh, dort hat er einen Jungen „zusammengebügelt“, der Apnoetauchen übte und lange am Beckenboden schwebte. Das habe ihm einen „Riesenschreck“ eingejagt.

Denn während der Aufsichtszeit des Bademeisters ist auch einmal jemand gestorben: Ein Triathlet trainierte im Hallenbad, trieb plötzlich reglos im Wasser. Schweisser sprang sofort ins Becken, versuchte den Mann zu reanimieren. Es half nichts, der Gast hatte bereits Bypässe, starb an einem plötzlichen Herztod, Rainer Schweisser traf keine Schuld. Der Familienvater wollte danach keine Pause, machte weiter – „und mittlerweile habe ich es verkraftet“.

Er befolgte auch in diesem Fall sein Credo: „Man muss die Aufsichtspflicht immer gewährleisten“ – ob am Beckenrand oder im Aufsichtsraum. Dabei ist er „auch manchmal laut geworden“. „Ich denke aber, dass ich insgesamt ein lockerer und ruhiger Schwimmmeister bin.“

Auf alle Fälle ist Rainer Schweisser aufmerksam. Als eine Schwimmerin vor dem Aufsichtsraum steht, greift er automatisch zur richtigen Schwimmhilfe und gibt sie der Frau. „Ich kenne meine Kandidaten“, sagt er. 35 Jahre als Bademeister bringen eine gewisse Erfahrung mit sich. Aber auch ein Repertoire an Tricks, denn Schweisser ist ebenso ein Schelm. Als er gebeten wurde, die Wassertemperatur zu erhöhen, drehte er an einem Schalter in seinem Räumchen. „Das hat aber gar nichts bewirkt, die Leute dachten dennoch, es wäre wärmer“, erzählt er, der einst eine Ausbildung zum Werkzeugmacher absolvierte.

Rainer Schweisser illustriert die Anekdote, indem er sie nachstellt. Er spricht gern mit Händen und Füßen. Das sagt auch Larissa Brucker, die seit 2008 im Hallenbad aushilft. „Er geht schon manchmal forsch auf die Leute zu und macht Witze, die manche erst nicht verstehen“, sagt die Studentin, „aber er ist ein toller Mensch und ein netter Chef“, der strenger wirke, als er ist. „Es ist schade, dass er aufhört.“

Irgendwie ist das Freiberger Hallenbad ohne Rainer Schweisser schwer vorstellbar, er war eine Marke und bezeichnet seine Arbeitsstätte als „mei Bädle“, das er weit über seine Pflichten wie Aufsicht, Abrechnung, Putzen hinaus pflegte. „Ich war immer gerne hier, aber ich freue mich auch auf die Zeit danach“, sagt er, „Langeweile wird es keine geben.“ Schließlich warten daheim ein Enkel und bald das Haus des Sohnes, das renoviert werden muss. Für diese Arbeit sollte er sich dann aber noch ein neues Maßband zulegen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 27. April 2011