Floskeln als Identifikation

31 08 2009

Hatte gestern ein interessantes Gesrpräch mit einem Kumpel über die Arbeit von Journalisten. Es ging darum, für wen Journalisten eigentlich ihre Texte schreiben, ihre Beiträge im Radio oder Fernsehen machen. Ausgangspunkt war die elendige Diskussion unter Journalisten bezüglich der Verwendung von Floskeln. Im Endeffekt ist das keine Diskussion, Floskeln sind in der Branche verpönt.

Aber genau da wird es interessant. Findet ein Journalist eine Floskel oder meinetwegen auch das  Wörtchen „man“ schlecht, weil er es so gelernt hat, weil seine Vorbilder das verbreiten, weil seine Kollegen das sagen. Oder war das schon davor die eigene Meinung. Aber unabhängig davon wäre vor allem die Meinung des Lesers, Hörers, Zuschauers interessant. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich dieser in einer Floskel geborgen fühlt. Er hat den Satz vielleicht im Kopf selbst so beendet und ist daher stolz darauf, hat ein gutes Gefühl beim lesen.

Natürlich ist es toll, wenn der Konsument den Satz nicht selbst zu Ende denken kann. Zumindest fühlt es sich als Journalist gut an, wenn man einen Satz sinnvoll, aber eben nicht ausgelutscht gestalten kann. Aber genau da stellt sich wieder die Frage: Für wen schreiben, sprechen, filmen Journalisten eigentlich?

Ich finde das eine interessante, aber schwierige Diskussion. Persönlich bin ich für Kreativität, für Sprachkunst, für Innovation. Aber ist die Meinung, der Zielgedanken des Journalisten der entscheidende, wenn es um die sprachliche Komponente geht? Oder versucht man in der Medienbranche vor allem den Kollegen zu gefallen, vergisst dabei aber oft den Konsumenten.

Ein gewisser Anspruch an Sprache muss sicherlich sein. Wer schön schreiben kann, wird auch gern gelesen. Aber ich würde mich nicht vehement gegen Floskeln und Phrasen sperren.





Deutsche Teams bei der Goalball-EM_Keine Medaillen

31 08 2009

Er war die wichtigste Person für die Goalball-Fans, die nicht bei der Europameisterschaft im TUM-Campus im Münchner Olympiapark waren. Bill Teale kommentierte in der vergangenen Woche die EM-Spiele der besten Frauen- und Männer-Mannschaften Europas im Internet. Aber nicht aus der Sporthalle, sondern aus seinem Büro in North Carolina in den USA. Wenn die Spiele in München um neun Uhr begannen, war es bei Teale drei Uhr morgens. „Zwei Tage vor der EM habe ich meinen Schlafrhythmus umgestellt”, berichtete der Webdesigner nach den Finalspielen am Samstag. Er verfolgte das Geschehen über eine Webcam, bekam Informationen zu den Teams von Helfern vor Ort.

Nicht nur Sprache und Lautstärke des gebürtigen Engländers sind sehr lebendig. Auch mit Sätzen wie „Sie hält den Ball in der Manier eines Premier-League-Torwarts” unterhielt er das Online-Publikum während der EM. Geld bekommt Teale übrigens nicht – auch nicht für Weltmeisterschaften und Paralympics. Seit 2006 ist er die Internetstimme des Goalballs.

2000 Fans vor Ort, 300 online

300 Menschen weltweit haben während der Münchner EM die Live-Berichterstattung im Netz verfolgt. Im Männerfinale waren es 81. Da arbeitete Teale unter erschwerten Bedingungen: Zu Beginn der zweiten Hälfte zwischen Slowenien und Litauen stürzte der Hallenlaptop ab. Teale blieb nur die schlechtere Ersatzkamera. „Ich hatte keinen Sound und nur ein verschwommenes Bild”, sagte er. Prompt erkannte der Familienvater das letzte Turniertor nicht richtig, wusste danach auch nicht mehr, was er gesagt hatte. Nach dem Eigentor der Slowenen endete das Spiel beim Stand von 14:4 für Litauen vorzeitig – wie immer bei einem Zehn-Tore-Vorsprung im Goalball. „Ich wollte einfach irgendwie durchkommen”, sagte Teale.

Bei den Frauen kamen Großbritannien und Dänemark ins Finale durch. Mit einem 7:3-Sieg gewann das britische Team Gold. Finnland holte Bronze, bei den Männern wurde Schweden Dritter. Während die deutschen Männer mit dem letzten Platz enttäuschten, war Thomas Prokein, seit 2000 Frauen-Trainer, zufrieden: „Klar ist der siebte Platz im eigenen Land nicht super, aber unser junges Team bekam viel Spielpraxis und zeigte gute Leistungen.” Er sehe das Turnier vor allem als Lernprozess. Neben den Paralympics in Peking war die erste EM in Deutschland für Prokein bisher das am besten organisierte Goalball-Turnier: „München hat sich sehr ins Zeug gelegt, auch die Stimmung war gut.”

Thomas Kalix, Chef des Organisationskomitees, berichtete von insgesamt 2000 Besuchern. „Ich war von der hohen Aufmerksamkeit überrascht. Das ist für eine Nischensportart wie Goalball nicht selbstverständlich.” Robert ’t Hart, der seit 30 Jahren Goalball-Schiedsrichter ist, fand: „Hier waren alle Teams ungefähr gleich stark, das Level war sehr hoch.” Der Holländer setzt sich mit einer eigenen Homepage für die Verbreitung der paralympischen Sportart für Sehbehinderte ein – genauso wie Bill Teale.

Der Amerikaner muss sich jetzt wieder an die heimatliche Zeit gewöhnen. Warum er diesen Stress auf sich nimmt? „Das Spiel fordert Kopf und Körper. Es ist sehr speziell”, sagt er, „Goalball spielen Sehbehinderte, aber es wäre auch für Nicht-Blinde ein großer Sport.” Eine sehr spezielle Blinden-Sportart braucht eben auch einen sehr speziellen Sehenden.

veröffentlicht in der SZ (31. August 2009)





Der entscheidende Ausschnitt eines Studentenlebens

28 08 2009

Harald ist modern. Er studiert Eventmanagement. Harald ist außerdem zufrieden, hat Freunde, spielt Handball und genießt die Studienzeit. Er ist 22 Jahre alt und hat sich vor einiger Zeit von seiner Freundin getrennt. Die Liebe fiel der räumlichen Trennung zum Opfer. Fernbeziehungen sind nichts für ihn. Telefonieren statt treffen war einfach zu wenig. Seitdem hat Harald mehr Freiraum für das Studium. Seine Noten sind gut, die Dreier-WG macht ihm auch Spaß.

Heute klingelt der Wecker wieder sehr früh. Mittwochs muss er immer in die erste Vorlesung am Institut. Also aufstehen, kacken, duschen, Zähne putzen, anziehen, frühstücken und los geht’s. Es ist die dritte Einheit, Harald war bisher immer da. Aber auch diesmal langweilt er sich. Der Professor schwadroniert Detailinfos, theoretisches Palim Palim, gestikuliert wild. Sein Headset-Mikrofon rauscht. Das werden die wohl nie hinkriegen, denkt sich Harald. Er lehnt sich zurück, schließt die Augen, denkt nach: Was könnte ich jetzt nur alles machen? Ihm fallen viele Gründe ein, die Vorlesung nicht zu besuchen. Einer ist, dass er es einfach kann. Gab es in der Schule noch Unterschriftenfälschungs-Stress bei den Entschuldigungen der Eltern oder anstrengende Minuten beim Vorgaukeln eines Leidens zu Hause, so kann er als Student einfach nicht in die Vorlesung gehen. Das Tolle ist: Es stört niemanden. Außer vielleicht den Banknachbarn, der am gleichen Tag auch blau macht und gehofft hatte, den Mitschrieb zu kopieren.

Die vorlesungsfreie Zeit würde Harald so einige Möglichkeiten bieten. Schlafen wäre eine Idee. Kommt halt eher vormittags in Frage. Wenn er am Nachmittag Unterricht hat, muss es doch aber auch noch Schwänzgründe geben, denkt sich Harald. Kaffee trinken mit ner Freundin ist ne Möglichkeit, sich was Schönes kochen, vielleicht mal ein richtig protziges Menü. Oder auch ein, zwei Pullen Bier mit nem Kumpel. Harald nimmt keine Drogen, das kommt für ihn nicht in Frage. Aber feiern, feiern ist gut und sowieso immer möglich. Statt Pauken könnte er in der WG auch eine Schischa rauchen. Wie wär’s mit knutschen oder Sex – hier wollen doch bestimmt auch ein paar Mädels schwänzen, murmelt er vor sich hin. Vielleicht auch ne Partie Pro Evolution Soccer auf der XBox zocken, oder einfach mal laut Mucke hören – mit dem Funkkopfhörer unter der Bettdecke, mitschreiend. Das ist gut, um Aggressionen abzubauen. Marylin Manson würde sich hervorragend eignen, findet Harald.

Er schüttelt den Kopf, wundert sich über seine schrägen Ideen. Er hat die Augen mittlerweile wieder geöffnet, starrt vor sich hin, dummerweise direkt ins Dekolleté einer Vorderbänklerin. Sie schaut ihn an, er realisiert den Blick, schließt schnell wieder die Lieder, probiert erneut in Gedanken zu versinken. Ein Kurztrip raus aufs Land ist auch ne Idee. Oder ein Wellness-Vormittag im nahe gelegenen Thermalbad. Dort gibt’s Studententarife und vormittags ist es angenehm ruhig. Natürlich könnte er auch demonstrieren – gegen Studiengebühren, für kostenlosen Kaffee in der Vorlesungspause. Spaßig wäre es, den anderen Studenten von außen beim Langweilen im Hörsaal zuzuschauen und dabei mit Kommilitonen Wetten abzuschließen, welcher der Vorderbänkler sich als nächstes meldet. Man könnte auch eine universitäre Einrichtung besetzen. Aber nicht immer das Rektorat, lieber die Cafeteria, da gibt’s wenigstens Snacks. Wenn er doch nur in den Prüfungen so kreativ wäre.

Rechtzeitig zum besten Moment der Vorlesung erwacht Harald aus seiner Schwänz-Traum-Trance: Der Professor verlässt die Bühne. Schnell klopft er noch aus Gewohnheit und Anstand auf den Tisch. Ist das eigentlich ein Applaus für: Toll, es ist endlich vorbei. Oder: Toll, es war sehr gut, denkt er sich und verlässt das Hörsaalgebäude.

Draußen warten ein paar Kollegen. Harald fordert am besetzten Open-Air-Kickertisch. Kurz die Rübe frei bolzen, denkt er sich. Mike ist sein Partner. Harald hat diesmal keine Lust auf den Kicker-Trashtalk – seine und Mikes Spezialität, um den Gegner abzulenken. Lieber berichtet er von seiner Sammlung an Schwänzgründen. Prompt steht’s 0:2. Mike ist dennoch vom blau machen angefixt. Kino fällt ihm ein, oder Musik machen. Krafttraining fände er gut. Mike gehört zu den Leuten, die sich nach dem Pumpen gerne im Spiegel betrachten. Harald kann ihn dennoch leiden und hört weiter zu. Mit dem Auto durch die Gegend cruisen, ist ein weiterer Vorschlag. Und wenn einem nichts mehr einfällt, sagt Mike, dann besucht man halt den Unterricht und denkt sich neue Schwänzgründe aus.

Kaum ausgesprochen, hebt er den Zeigefinger – das nutzt der Gegner zum 4:1 – und sein Gesicht hat den Ausdruck, den ein Gesicht hat, wenn jemandem gerade eine geniale Idee eingefallen ist: Weit aufgerissene Augen, hochgezogene Brauen, offener Mund. Warum soll ich mir das Theoriegeblöke anhören, sagt Mike, wenn sowieso nur die Praxis zählt. Das ist sein Hauptargument fürs blau machen. Stell dir vor, du gehst zur Uni und schreibst super Noten, aber die anderen greifen die Jobs weg, weil sie parallel gearbeitet haben. Also jobbe ich doch gleich lieber. Harald nickt.

Wer in seinem Studium keine praktische Erfahrung gesammelt hat, ist in der Tat chancenlos, da muss Harald zustimmen. Dabei reichen nicht drei Praktika, es sollten schon mehr sein. Oder man hat einen Nebenjob über mehrere Jahre. Das heißt es doch immer, denkt sich Harald. Arbeiten könnte er während der Vorlesungszeit, Erfahrung sammeln, sich schleimig um Beziehungen kümmern, sabbernd netzwerken. Die Kohle kann er zudem gebrauchen. Nicht für jetzt, da die Eltern ja noch helfen, sondern fürs Alter. Es heißt ja auch, Renten könne man sich quasi abschminken. Wenn der Betrieb für das Praktikum kein Geld zahlt, ist es dennoch besser, die praktische Erfahrung schon während des Studiums zu sammeln. Dann ist es immerhin nicht so demütigend, sagt Harald, wie wenn man voll ausgebildet und mit Abschluss für umme Praktikant sein muss.

3:6 – die Niederlage am Kickertisch ist egal, denkt sich Harald, er hat jetzt das Argument fürs Schwänzen schlechthin. Das würde sich sogar in der Familie verkaufen lassen. In fiebriger Freude für die Idee lässt er die Folge-Vorlesungen gleich mal sausen, fährt nach Hause und schreibt der Eventagentur, in der er sein bisher einziges Praktikum gemacht hat, eine Mail: Hallo Peter, ich würde gerne meine Erfahrungen bei Euch über das Praktikum hinaus erweitern. Mein Studium ist zwar eine Grundvoraussetzung für mein Berufsleben, aber ich muss auch viele Arbeitsnachweise vorzeigen können, wenn ich im Eventmanagement Fuß fassen will. Das weißt Du besser als ich. Daher wollte ich fragen, ob ich denn bei Euch ab und an mal aushelfen kann. Ich kann mir dafür an jedem Tag in der Woche Zeit nehmen. Es wäre toll, wenn Du mir helfen könntest. Ich würde mich über eine Antwort freuen. Gruß, Harald.

Eine Woche später wird sich Peter melden. Sie waren zufrieden mit seiner Arbeit und könnten sich in der Tat vorstellen, ihm einen Nebenjob anzubieten. Es würde auch Geld geben. Er solle doch einfach mal am kommenden Mittwoch vorbeischauen. Das weiß Harald jetzt aber noch nicht. Er packt gerade die Sportsachen für das Handball-Training und fährt mit dem Rad zur Halle. Dabei denkt er über den Tag nach, über die Ideen des Schwänzens, das Dekolleté des Mädchens und über seine Mail.

Wenn es mit dem Job klappen sollte, dann wäre es stressig. Aber dennoch würde ihm das mehr bringen als die Vorlesungen, davon ist Harald mittlerweile überzeugt und beschließt für sich: Wenn ich dann mal keine Aufträge bekomme oder gerade Überstunden abbaue, werde ich dennoch blau machen und mich bilden – aber nicht in der Uni, sondern im Fernseher, im Radio oder in Magazinen und Zeitungen. Meinung ist wichtig, das hat er an der Uni auch schon öfters gehört. Eine Position sollte man beziehen können. Ohne Wissen ist das aber nicht möglich, denkt er sich. Er hasst Leute, die immer eine Meinung, aber keine Ahnung haben. So will er nicht sein. Uni-Wissen bedeutet zwar auch Ahnung haben, aber nur sehr speziell. Harald will in der Welt mitreden, dafür braucht er vor allem Allgemeinbildung. Medizinstudenten müssen sich bereits an der Uni viel Fachwissen aneignen, das sieht er schon ein, oder Juristen sollten das BGB einigermaßen kennen. Die meisten Berufe erlernt man aber während des Arbeitens, da ist er sich sicher, auf alle Fälle ist es in der Eventbranche so. Und da er dort Karriere machen möchte, will er sich allgemein bilden. Er will schließlich im Büro mitreden – bei den politischen und wirtschaftlichen Themen, beim Fußball, auch in der Kultur. Das ist wichtig für die Anerkennung bei Arbeitskollegen. Es ist aber auch schon vor dem Job wichtig, hat Harald im Internet gelesen. In den einwöchigen Assessment-Centern, die auf die Bewerbungsmappe, das Bewerbungsgespräch und das dreitägige Vorab-Assessment-Center, bei dem Allgemeinwissen auch schon entscheidend war, folgen.

Das Handballtraining ist intensiv, der Schweiß steht in der Halle. Haralds Team spielt um den Aufstieg in die Bezirksliga, dieses Jahr soll es endlich klappen – drei Mal sind sie in Folge nur knapp gescheitert. Er spielt links außen, ist klein, aber wendig und schnell. Heute wirft er vier Tore im Abschlussspiel, das hat er schon lange nicht mehr geschafft. Er ist gut drauf, trinkt noch ein Bier mit den Mannschaftskameraden und quatscht mit dem Kreisläufer über das Titelthema, das der Spiegel vor einigen Wochen veröffentlichte.

Das Magazin hat seiner Generation vorgeworfen, unsichtbar zu sein. Ein Stück weit hat er sich darin durchaus wieder gefunden, gibt Harald zu. Das gefällt ihm aber nicht, unsichtbar will er nicht sein. Auch wenn es mit dem Nebenjob klappt, muss er daher gegen Semesterende wieder in den Hörsaal, das weiß Harald – um sich zu präsentieren, um aufzufallen, um Willen zu zeigen, um eben sichtbar zu sein. In der Agentur wird er dafür hoffentlich frei bekommen. Er muss die Stunden dann halt später abarbeiten. Das ist Harald klar. Denn Schwänzen, das kann er nur an der Uni.





Wie sollten Journalisten mit Doping umgehen

27 08 2009

Wir haben uns letztens im Interview-Unterricht einige grandionse Beispiele für Interviews anghört bzw. sind darauf hingewiesen worden. Ich habe mir daher nochmal das Gespräch zwischen Johannes B. Kerner und Michael Johnson in Peking angeschaut.  Der 200- und 400-Meter-Olympiasieger von Atlanta (1996) hat Kerner da ein ums andere Mal ganz schön auflaufen lassen. Aber Kerner hat sich gut geschlagen, ist ruhig geblieben und hat in meinen Augen gepunktet.  Diskutiert wurde dazu auch bei STEFAN NIGGEMEIER. Die Sache ist zwar schon älter, aber es lohnt sich. Jetzt gibt es auch den richtigen Link. Sorry.

Schade fand ich nur, dass das Publikum die ganze Zeit für Johnson geklatscht hat. Will der Leser, Hörer und Zuschauer jetzt eigentlich einen kritischen Journalisten oder nicht?

Ein Kollege meinte letztens, Usain Bolt sei hundertprozentig gedopt.  So denken sicherlich viele. Aber als Journalist darf man meiner Ansicht nach auf keinen Fall eine Verdachts-Berichterstattung machen. Man muss über Doping sprechen – das ist ganz klar – aber den Sportler darf man nur direkt konfrontieren, wenn Beweise oder Anschuldigungen da sind.

Das Thema Doping ist journalistisch in der Umsetzung schwierig aufzugreifen. Es muss dabei sein, darf aber auch nicht überpräsent sein. Der Sport leidet und der Zuschauer scheint starke Skepsis und Kritik nicht zu honorieren, zumindest im Fall des Kerner Interviews. Ich finde es jedenfalls schwer, mit dem Thema umzugehen.





Von Farben leben_Goalball-Paralympicssiegerin Conny Dietz beendet ihre Karriere

26 08 2009

Sie hat viel erreicht, sie war Welt- und Europameisterin, bestritt sechs Paralympics, lebte über ein Viertel Jahrhundert als Leistungssportlerin. Doch nun ist Schluss. Nationalspielerin Conny Dietz verabschiedet sich diese Woche bei der Goalball-EM in München, die am Montag begonnen hat. Frauen und Männer spielen bis Samstag auf dem TUM Campus im Olympiapark jeweils um den EM-Titel. „Der Sport gab mir viel Selbstbewusstsein“, sagt die 47-jährige gebürtige Schwäbin, „ich konnte meine Persönlichkeit entwickeln, lernte, Höhen und Tiefen zu meistern.“ Sie will zukünftig als Nachwuchstrainerin arbeiten und in Stuttgart ein Team aufbauen.

1980 fing Dietz mit dem Sport an, drei Jahre später spielte sie für das Goalball-Nationalteam. In Atlanta holte sie 1996 paralympisches Gold, in Peking trug sie 2008 die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier (PODCAST-INTERVIEW MIT CONNY DIETZ VOR DEN PARALYMPICS 2008). „Dass ich das machen durfte – irre“, sagt Dietz und geht mit der Stimme nach oben. Im Gespräch sitzt sie meist aufrecht auf der Couch in der Lobby des Marriott-Hotels, wo die Goalball-Teams während der EM wohnen.

Nur zwei Prozent Sehkraft hat Dietz seit ihrer Geburt. Sie leidet an der Stoffwechselkrankheit Albinismus, wie 5000 andere in Deutschland. Haut und Haare sind hell, Iris und Netzhaut nicht voll funktionsfähig. Sie erkennt Umrisse und Farben. „Davon lebe ich“, sagt die Bürokauffrau, deren Handicap vor allem in der Jugend Probleme bereitete: „Damals war blind gleich blöd.“ Erst mit dem Sport und dem Wechsel auf eine Blindenschule wurde ihr Leben angenehmer.

Sie würde gerne einmal Blickkontakt halten, Leute beobachten. „Manchmal bin ich aber auch froh, das ganze Elend nicht sehen zu müssen“, sagt sie und lacht. Wo andere Menschen sehen, riecht und hört Conny Dietz. Als Schiedsrichter Clive Spencer vor der Couch stehen bleibt, erkennt sie ihn, als er mit ihr spricht. Beide haben sich bei der EM in Dänemark kennen gelernt. Das war 1983 und das erste große Turnier von Dietz, die mit ihrem Lebensgefährten in Bonn wohnt. Seitdem hat sich der Behindertensport weiterentwickelt, „fristet aber noch ein stiefmütterliches Dasein, und Einiges liegt im Argen“. Im Goalball fehlt beispielsweise ein Liga-Betrieb. Über die Berichterstattung während der Spiele in Peking freute sich Dietz. Sie wünscht sich aber, dass das Medieninteresse auch nach den Paralympics anhält.

In ihrer Sportart überzeugt sie als Allrounderin, spielt in der Center-Position und als Werferin. Im dreiköpfigen Goalball-Team führt der Center die Mannschaft, ist vor allem für die Abwehr der gegnerischen Würfe zuständig. Die Werfer feuern den Ball mit seinen Glöckchen im Inneren in der Regel auf das Tor. „Im taktischen Bereich ist sie unschlagbar. Sie weiß, wann man das Spiel schnell machen muss“, sagt Nationaltrainer Thomas Prokein, „sie kann außerdem Motivation transportieren und auf dem Feld umsetzen.“ Der Coach kennt aber auch ihre Schwächen: „Sie hat immer ein 30-sekündiges Konzentrationsloch. Dann patschen die Dinger nur so rein. Das ist typisch Conny.“ Ohne Prokeins Motivation wäre Dietz nicht so lange beim Goalball geblieben. Für die SG Marburg spielte sie bei der deutschen Meisterschaft, trainieren muss ein Goalballer aber meist für sich allein. Es gibt wenig Vereine, die Nationalmannschaft trifft sich nur einmal im Monat.

Fit ist Dietz dennoch. Sie startete bei sechs Marathonläufen, wurde 2009 deutscher Meister im Blindenfußball und steigt ab und an ins Ruderboot. Zudem löst sie gerne Kreuzworträtsel – eine Lupe macht“s möglich – und besucht Fußballspiele von Borussia Dortmund oder dem VfB Stuttgart. „Goalball ist aber mein Leben“, sagt sie.

veröffentlicht in der SZ (25. August 2009, auch ONLINE)





Goalball-EM gestartet

24 08 2009

Heute habe ich mich erstmals ein Goalball-Spiel live angesehen. Nochmal kurz zur Info: Das ist ein paralympischer Sport für Sehbehinderte. Die Spieler dürfen maximal zehn Prozent Sehkraft haben, was auch akribisch im Vorfeld der Europameisterschaft, die heute in München auf dem TUM Campus gestartet ist, von Augenärzten überprüft wurde.

Beim Goalball spielen zwei Dreier-Teams gegeneinander, das Ziel ist ein 9 mal 1,30 Meter Tor. Das Spielfeld ist das gleiche wie beim Volleyball. Die Goalballer tragen aus Gerechtigkeitsgründen alle Pflaster und eine lichtundurchlässige Brille, sie sind also vollkommen blind.

Nun wird der Ball, der drei Glöckchen im Inneren hat, in Richtung gegnerisches Tor geworfen, vielmehr gerollt. Denn sechs Meter vor dem eigenen Tor endet die Zone, in der der Ball aufhüpfen muss. Sonst gibt es einen Strafwurf für das andere Team, der vergleichbar mit einem Penalty beim Eishockey ist. Also eins gegen eins.

Die drei Spieler stehen gestaffelt, das heißt der Mittelspieler (Center) agiert etwas nach vorne versetzt, damit Zusammenstöße ausbleiben. Er ist vor allem für die Abwehr zuständig. Die Werfer tragen ihre Funktion bereits im Namen. Bei einer Spielzeit von zwei Mal zehn Minuten wird dann immer abwechselnd versucht, den Ball ins Tor zu werfen.

Ich fand es beeindruckend, wie die Goalballer bei der Verteidigung hin und her gewetzt sind, keine Angst hatten, irgendwie zusammenzuprallen – auch wenn sie leicht versetzt stehen kommen sie sich gefährlich nahe. Es war auch interessant zu beobachten, wie schnell sie sich durch akustische Kommunikation und die aufgeklebten Linien sowie die Tore orientiert haben. Und einmal habe ich einen Aus-Ball gestoppt, vielmehr versucht ihn zu stoppen. Der ist ordentlich hart und schwer. Wenn man jetzt bedenkt, dass er bis zu 80 km/h beschleunigt werden kann, dann…

Wer in der Münchner Umgebung wohnt und am Samstag Zeit hat, kann ruhig mal an der alten ZHS-Anlage vorbeischauen. Da ist dann Finaltag. Sicherlich würde ich mir immer noch lieber ein Fußballspiel anschauen, aber ich kann es dennoch empfehlen.

Wen es interessiert, der kann auch mal auf den LIVE-STREAM der EM schauen – ist sogar mit Kommentar. In einem älteren Beitrag gibt’s hier auch nen Link auf ein youtube-Video.





Die Tastatur als Zauberstab_SZ-Sportredakteur Philipp Selldorf über Fußballspiele gegen Bundesliga-Traditionsteams, Fische gucken und die Überreizung der klebrigen Nähe im Sportjournalismus

24 08 2009

Der Treffpunkt für das Gespräch mit Philipp Selldorf ist Köln. Unterwegs mit dem Auto auf der A3 ein kurzer Anruf. „Ja, ich habe Ihre Mail erhalten. Wegen morgen. Das klappt.“ Eigentlich geht es um heute. „Ah, ok. Das geht auch in Ordnung. Jetzt ist es gerade nur eilig. Lassen Sie uns in einer Stunde noch einmal telefonieren.“ Kurz vor Köln ruft der Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung (SZ) zurück – er komme ins Hallmackenreuther. Die Szenebar im 50er/60er-Jahre-Design ist beliebt bei den Kölner Medienschaffenden. Passt also.

Etwas verspätet trifft Selldorf ein, Sohn Moritz auf dem Arm. Daher kann er die schwarzen Lederhandschuhe auch nicht gleich ausziehen und begrüßt mit dem Handgelenk. Selldorf setzt Moritz kurz ab, zieht die Handschuhe aus, die Jacke bleibt an – für das gesamte Interview. Es sei etwas stressig gewesen, Moritz sehr aktiv und den Redaktionsschluss musste Selldorf ja auch noch beachten. Am nächsten Tag wird sein Artikel über die verwirrende Öffentlichkeitsarbeit von Schalke 04 „Falschmelder im Ruhrgebiet“ als Überschrift tragen. Selldorf ist bei der Süddeutschen Zeitung für die Westklubs der Fußball-Bundesliga und für die Nationalmannschaft zuständig. SZ-Artikel über Köln, Leverkusen oder Schalke stammen demnach häufig vom gebürtigen Kölner. Selldorf, dessen Eltern als Architekten tätig waren, arbeitet in Köln von zu Hause oder vom Büro eines Freundes aus. In seiner Funktion als Berichterstatter über den DFB hat der 45-Jährige, der dem Aussehen nach mit Harry Potter verwandt sein könnte, unter anderen Ex-Bayern-Profi Mehmet Scholl kennen gelernt und in dessen Abschiedsfilm als Befragter mitgewirkt.

Selldorf bestellt eine Cola und etwas zu Knabbern für den Kleinen. Moritz sitzt jetzt noch auf Selldorfs Arm, wird später aber im Café herumturnen – Papas Kontrollblick immer wieder auf sich gerichtet. Dessen Antworten sind dennoch gut überlegt. Wörter wie „klar, absolut, total“ fallen dabei häufiger. Wenn er länger nachdenkt, fährt er sich mit den Fingern über den Nasenrücken oder fasst sich an den Kopf. Selldorf bezieht deutlich Position, gesteht Schwächen, kennt seine Stärken und mischt zwei, drei kleine Gags unter seine Aussagen. Eine kurze Zigarette genehmigt er sich außerdem.
Philipp Selldorf wirkte beim Abschiedsfilm von Mehmet Scholl mit, weil er einen der zwei Filmautoren kennt. Außerdem habe Scholl immer ein gutes Verhältnis zur SZ gehabt. „Fußballspieler duze ich oft bis meistens, weil die das auch wollen“, sagt Selldorf. Bei Scholl war es genauso. Dem Vorwurf der klebrigen Nähe zwischen Journalisten und Sportlern des SZ-Kollegen Hans Leyendecker stimmt er nicht generell zu: „Der ist in dieser Frage sehr moralisch. Es ist wichtig, dass man Kontakte hat und Leute kennt. Daraus ergibt sich aber nicht automatisch persönliche Nähe, sondern das ist einfach die Basis, um Informationen zu erhalten und Zugang zu haben.“ Der Problematik sei er sich dennoch bewusst. Als Schalke-Fan, Schalke-Buchautor und durch die tägliche Arbeit mit Verantwortlichen sowie Spielern der Klubs, für die er zuständig ist, ergibt sich automatisch eine persönliche Ebene. „Das macht es auch schwer, Personen total neutral zu beurteilen“, sagt Selldorf. Er sei aber in einer besseren Situation als die Boulevard-Kollegen, „weil wir nicht zum täglichen Rapport gefordert sind“.

Im Film sagte Selldorf über die Auswechslung Scholls im EM-Finale von 1996: „Da hätte ich dem Vogts eine Klapperschlange ins Bett legen können.“ Das habe aber nichts mit Nähe zu Scholl zu tun gehabt, sondern sei lediglich eine ehrliche Antwort gewesen. „Fußball ist selbst für beteiligte Journalisten nicht ohne emotionale Anteilnahme zu verkraften“, sagt Selldorf, „sonst macht es keinen Spaß.“ Kosenamen wie „Scholli“ würde er hingegen nicht verwenden, TV-Kollege Waldemar Hartmann tat es in besagtem Film aber. „Das finde ich nicht gut. Außerdem sollte man vor allem im Fernsehen beim Sie bleiben, weil es sonst einfach schlecht aussieht.“ Viel gefährlicher sei jedoch die Nähe zu Sportfunktionären. Dann fange das System an zu gewinnen. „Wirklich mächtige Sportfunktionäre wie Thomas Bach sind sich natürlich im Klaren darüber, dass sie die öffentliche Meinung über die Medien gewinnen. Entsprechend interessiert sind sie daran, enge Kontakte zu Medienleuten aufzubauen“, sagt Selldorf – mittels Einladungen, Geschenken oder bevorzugter Informationsweitergabe, wodurch der Journalist denkt, er mache es besonders gut. Auch er selbst sei davor nicht sicher. „Diese Form der Selbsttäuschung ist natürlich menschlich, aber auch gefährlich. Mit der Erfahrung kann man das jedoch besser einordnen.“
Dennoch sei eine gewisse Anerkennung bei den Sportlern und anderen Protagonisten des Sports wichtig. „Die sollen einen ernst nehmen und die sollen einen Grund dazu haben, einen ernst zu nehmen – und wenn das gewährleistet ist, dann reicht es aus.“

Philipp Selldorf hat schon als kleiner Junge seinen Faible für den Journalismus entdeckt, jeden Tag Zeitung gelesen – und nicht nur den Sportteil. Seine Karriere beginnt 1985 mit einem Lokalpraktikum beim Kölner Stadtanzeiger. Es folgt das Politik-, Philosophie- und Geschichts-Studium sowie die freie Mitarbeit beim Stadtanzeiger in den Redaktionen Köln und Bonn. Selldorf berichtet über Bundespolitik, Gerichtsverfahren und Kriminaldelikte. Schließlich erhält der heute 45-Jährige eine Anstellung beim Kölner Stadtanzeiger, absolviert ein verkürztes Volontariat, wechselt 1997 ins Sportressort und im August 1999 zur Süddeutschen Zeitung. Nebenbei hat er für andere Zeitungen wie die taz, aber auch für Zeitschriften und Magazine geschrieben.

Während Selldorf über seinen Werdegang berichtet, fängt der Sohn an zu heulen – das einzige Mal im gesamten Interview. „Da haben wir noch eine Geheimwaffe“, sagt Selldorf und steckt Moritz einen Schnuller in den Mund – Ruhe. Der Sportredakteur hört nun wieder geduldig zu und antwortet.

Was war das coolste Erlebnis in Ihrer bisherigen Laufbahn? (Selldorf lacht) „Das coolste Erlebnis war letztes Jahr bei der Weihnachtsfeier von Schalke. Wir haben gegen die Traditionsmannschaft mit Klaus Fichtel, Klaus Fischer und Olaf Thon gespielt. Das war das Beste, mal gegen diese Leute zu kicken. Aber rein journalistisch gesehen – ich war zweimal bei der Tour de France. Das war großartig. Das waren wirklich Höhepunkte, richtig toll.“
Sie haben über 2000 Artikel für die SZ geschrieben. Welcher ist Ihr Lieblingsartikel und warum? „Über 2000 Texte, das ist ja super. Ich bin auf jeden Fall einer der Fleißigsten. Bei Lesungen habe ich immer mal wieder einen Artikel über Fortuna Köln vorgetragen. Der müsste so aus dem Jahr 1999 sein, es ging um die Entlassung Toni Schumachers als Trainer in der Halbzeitpause. Der Artikel erzählt den Sachverhalt eigentlich ziemlich gut.“
Auf die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, haben Sie einmal geantwortet: „Die Fische im Wasser beobachten.“ (Selldorf lacht) Sind Sie ein Genussmensch? „Joa, schon auch. Ich gucke gerne in Seen und Flüsse. Fische haben mich schon immer fasziniert.“
Jetzt kennen wir Ihre Freizeitbeschäftigung, wie sieht es mit dem Job aus? Was haben Sie für eine journalistische Philosophie? „Joa, korrekt berichten. Dem Leser helfen, es zu verstehen. Ihn dabei nicht langweilen – auf gar keinen Fall, das ist ein tödliches Vergehen – und fair bleiben.“
Wie viel Emotion sollten Sie als Sportjournalist dabei mitbringen? „Gute Frage. Empathie sollte man eigentlich immer haben. Was nicht heißt, dass man sich vollkommen von den Gefühlen des Geschehens mitreißen lässt. Und schon gar nicht sollte die Empathie so stark ausfallen, dass man sich davon leiten lässt.“
Was bei einigen Journalisten aber der Fall ist. Was stört Sie sonst noch an Kollegen, deren Arbeit sie nicht schätzen? „Voreingenommenheit, Mangel an Inspiration, Mangel an Bemühung zur Wahrheitsfindung. Und natürlich Besserwisserei, das stört mich irrsinnig. Und Vorurteile, also Dinge einfach nach vorgegebenen Kriterien aburteilen.“
Schreiben Sie für den Fußballkritiker, den Fußballfan, den Otto Normalverbraucher oder andere Sportjournalisten? „Man sollte wirklich nicht für andere Kollegen schreiben, wobei das natürlich im Hinterkopf ist. Man sollte auf jeden Fall für den Leser schreiben, sodass es jeden interessiert – auch wenn das nie der Fall sein wird. Da es viele gibt, die regelmäßig Fußballartikel lesen, kann man zudem einen bestimmten Wissensstand voraussetzen.“
Sie sind 2004 unter die zehn besten Sportjournalisten Deutschlands gewählt worden. Es hieß, Sie seien „hartnäckig“ und hätten eine „witzige Schreibe“. Sehen Sie das auch so? „Dass ich einen amüsanten Stil pflege, ist gewollt und sicherlich eine meiner stärkeren Eigenschaften. Mit hartnäckig kann ich nichts anfangen. So einen Wettbewerb darf man aber nicht zu ernst nehmen – zumal ich nicht gewonnen habe.“
Was sind weitere Stärken? „Stil und Sprache. Vielleicht auch das Engagement, bis zur letzten Zeile…“
…Das war vielleicht mit hartnäckig gemeint…„…Das kann sein. Es gibt Kollegen, die sehen sich nur als Informationsvermittler, was auch ok ist. Mir kommt es aber auch auf die Ästhetik an…“
…Also die Liebe zum Detail…„…Ja, das spornt mich an. Und inzwischen mehr denn je: Etwas erfahren zu wollen.“
Und welche Schwächen haben Sie? „Die große Reportage habe ich nie wirklich gelernt. Es ist auch nicht so mein Ding, Seiten zu planen. Genauso wenig mag ich Bürokratisches und Finanzsachen.“
Erinnern Sie sich an Situationen, in denen Sie keine Lust mehr auf Ihren Job hatten? „Die gab es schon auch. Wenn die eine Saison beendet ist, fängt gleich die nächste an. Das ermüdet in der Tat ein bisschen. Aber dann kommt auch immer mal wieder etwas Neues. Außerdem ist es ein Vorzug an diesem Beruf, dass man Geschichten fortschreiben kann und in der Materie drin ist.“

Philipp Selldorf hat sich indes eine Zigarette angezündet, raucht sie hastig runter. Er trinkt noch eine zweite Cola. Der Sohn sitzt inzwischen vor der geöffneten Küchentür und guckt dem Treiben gespannt zu, Selldorf läuft einmal zu ihm – nicht dass Moritz den Treppenabsatz hinunterfällt. Beim zweiten Mal klettert er die drei Stufen geschickt auf- und abwärts. Selldorf freut sich und ist stolz.
Der Sportredakteur liest in seiner Freizeit gerne, spielt Fußball. „Wenn man nie Fußball gespielt hat, fehlt der praktische Zugang für den Job“, sagt Selldorf. Ab und zu fährt er auch Rad.

Das Stichwort Radfahren passt, Doping steht noch auf dem Fragen-Zettel. Die Kommunikationswissenschaftlerin Manuela Köstner hat 2005 die Sportberichterstattung der Bild-Zeitung und der SZ verglichen. Beide Medien riskieren laut Köstner einen Qualitätsverlust, da sie beschönigend und oberflächlich berichten, um den Sport als sauber zu verkaufen – obwohl er das längst nicht mehr sei. Gerade bei der Vermittlung von Unwerten wie Doping gebe es Mängel. „Man kann ja der SZ einiges vorwerfen – dass die Artikel zu lang sind und manche nicht immer den richtigen Ton treffen – aber die Haltung zu Doping ist total stringent und engagiert“, entgegnet Selldorf. Er sieht vielmehr eine Überreizung des Themas Doping in der Sportberichterstattung, „so extrem wichtig es auch ist“. Heute seien Sportjournalisten anfällig für schnelle Beschuldigungen und Anklagen.
Selldorf schildert das – wie oft an diesem Abend – an einem Beispiel. Angenommen im Fußball behauptet jemand, es werde gedopt. „Dann würde es bei uns schnell heißen: Seht ihr, das ist der Beweis. Wobei die Aussage einer Person noch gar nichts belegt. Insofern ist eine kritische Haltung auch manchmal in der Gefahr zu einer inquisitorischen Haltung zu werden. Das ist beim Thema Doping bei uns der Fall, aber auch bei der FAZ oder im Fernsehen.“ Selldorf distanziert sich von einer Vorwurfsberichterstattung, sieht darin die Konstruktion einer großen Anklage aus einem kleinen Verdachtsmoment.
Einige Doping-Frontbekämpfer haben sich 2005 im „sportnetzwerk“ zusammengeschlossen, einer Initiative zur kritischeren Sportberichterstattung. Selldorf engagiert sich dort nicht. „Die Rigorosität, mit der die Dinge betrachtet werden, geht mir manchmal eine Spur zu weit. Sagen wir das mal so, es sind ja auch Kollegen von mir dabei“, erzählt er und grinst.

Als Sportjournalist sei es schwierig, eine Familie zu haben. Auch schon ohne Kind sei das eine Herausforderung. Passend ruft kurz darauf die Freundin an. Er komme bald heim, Moritz fühle sich sauwohl. Philipp Selldorf wollte früher Korrespondent im Ausland werden. Das gelte auch jetzt noch, sei mit der Familie aber schwieriger. Das zweite Kind kommt bald. Aber: „Wenn mir jemand anbieten würde, als Korrespondent nach Rom zu gehen, dann würde ich das wahrscheinlich machen.“ Er könne sich auch gut Gerichtsberichtsreportagen für seine Job-Zukunft vorstellen. „Das ist das wahre Leben, was sich vor Gericht abspielt“, sagt Selldorf dazu. Andere Kollegen haben aus der Sportredaktion heraus direkt in ein Korrespondentenbüro oder ins Reportage-Fach gewechselt,
Sportjournalisten schreiben Leitartikel. Exoten seien sie früher einmal gewesen. „Seitdem ich bei der SZ bin und wahrscheinlich auch deswegen, hat der Sport einen riesigen Stellenwert bekommen“, sagt Selldorf, „außerdem haben die Medien erkannt, wie wichtig Sport ist – für das Publikum und auch für den eigenen Unterhalt.“

Der Erfolg der Sportberichterstattung ergibt sich dabei aus dem Zusammenspiel zwischen Protagonisten und Journalisten. Im Abschiedsfilm von Mehmet Scholl hat Selldorf die Pflicht der Profis zur Öffentlichkeitsarbeit betont. Was kann man aber machen, wenn die Sportler dieser Pflicht nicht nachkommen oder es kritische Themen zu bearbeiten gibt? „Das ist jetzt eine schwierige Frage. Man sollte die Leute nicht zu aggressiv anquatschen, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und sagen: Was ist los, habt Ihr ’ne Krise? Es ist wichtig, sich dem Thema durch sachliches Erkunden der Situation zu nähern, und wenn man ein wenig ins Gespräch gekommen ist, kann man auch mal unangenehmere Fragen stellen.“
Selldorf gibt indirekt einen weiteren Tipp für den Nachwuchs: „Viele Journalisten setzen voraus, dass das, was sie tun, immer richtig ist. Das ist aber nicht der Fall.“ Man solle sich daher stets hinterfragen. Auch er hat im Laufe der Zeit seine Arbeitsweise geändert. „Am Anfang habe ich eine sehr zynische Haltung gepflegt, die Leute hart attackiert. Ich dachte, das wäre cool. Heute denke ich: Polemik ist grundsätzlich nicht schlecht, aber auch nicht grundsätzlich gut.“ Dem Journalistennachwuchs würde er empfehlen, viel zu lesen, sich das Beste zu merken, in Maßen zu kopieren und „ganz, ganz, ganz wichtig – den eigenen Stil finden.“ Und auch dahinter stehen? „Auf jeden Fall. Total. Absolut.“

Eine Stunde und sechs Minuten sind vorbei. Sohn Moritz hat das gesamte Café ausgekundschaftet. Es reicht jetzt. „Ist ja auch schon irre viel.“ Der Abschied erfolgt mit einem richtigen Händedruck, dann zieht Philipp Selldorf die Handschuhe an und geht mit seinem Kind auf dem Arm nach Hause.

DJS- bzw. LMU-Text (Porträt bei Markus Behmer)