Ludwigsburgs erster Heimsieg_Beim 73:65-Erfolg gegen den Mitteldeutschen BC überzeugt die Mannschaft von Markus Jochum vor allem durch große Einsatzbereitschaft.

27 10 2010

Man könne jetzt mehr vom Team erwarten, hatte David McCray am Donnerstag gesagt, er rechne gegen den Mitteldeutschen BC mit einem Sieg. Der Guard des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg war mit seinen Teamkollegen beim Europa-League-Erfolg der Fußballer des VfB Stuttgart über Getafe zu Gast. Letztlich hielten die Ludwigsburger gestern das Versprechen, bescherten den 2100 Zuschauern mit 73:65 (34:31) den ersten Heimsieg der Saison – und McCray hatte die schönste Szene des Abends.

Sekunden vor dem Ende des ersten Viertels klaute der Spielmacher seinem Gegenüber den Ball, stopfte diesen mit einem Dunking in den Korb und grinste anschließend ins Publikum. „Ich versuche immer meine Athletik auszuspielen“, sagte er, „wenn ich ins Laufen komme, dann holen mich nicht so viele ein.“ Das Team habe gut gekämpft und immer an den Sieg geglaubt.

Die Partie startete mit intensivem und aggressivem Basketball. Beide Mannschaften verteidigten sehr offensiv, das Team des Trainers Markus Jochum erwischte den besseren Start, führte mit 5:0. Aber auch der MBC agierte gewohnt kämpferisch und blieb mit vier Punkten Rückstand nach dem ersten Viertel dran.

Im Folgedurchgang setzte sich Ludwigsburg gleich mit einem 7:2-Lauf ab. Das Team stand in der Defensive gut, war im Angriff effektiv. Anschließend wurde das Spiel zerfahrener. Gegen Ende der ersten Hälfte zogen die Schiedsrichter mit einigen knappen Entscheidungen gegen Ludwigsburg den Unmut der Fans und des Trainers auf sich. Jochum tobte an der Seitenlinie, wurde ermahnt, beruhigte sich und wies prompt seine aufgebrachte Auswechselbank zurecht. Der Vorsprung schmolz dennoch auf drei Punkte. „Wir hatten heute sehr, sehr viel Druck“, sagte Jochum.

Der MBC erwischte nach der Pause den besseren Start, übernahm mit sechs Punkten in Folge erstmals die Führung. Lischka mit einem Ballgewinn und zwei Punkten sowie Bingo Merriex mit zwei Dreiern nacheinander hielten Ludwigsburg im Spiel. Beide Teams lieferten sich nun einen spannenden Wettstreit, wobei abermals McCray kurz vor Viertelschluss die erneute Führung erzielte. „Heute ist immer ein Spieler aufgestanden und hat die anderen mitgezogen“, sagte Jochum.

Im letzten Durchgang übernahm Ludwigsburg wieder das Spiel, traf gut aus der Distanz, verteidigte so konsequent wie in der ersten Hälfte, kämpfte vor allem energisch um jeden Ball und verbuchte folglich verdient den zweiten Saisonsieg. Erfolgreichste Werfer bei Ludwigsburg waren John Bowler (21 Punkte), Alex Harris (16) und Merriex (11).

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (25. Oktober 2010)

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FC Facebook_Chancen, Risiken und Realitäten des Amateurfußballs in sozialen Netzwerken

20 10 2010

Der Amateurkicker Rasmus Joost aus Tübingen hat soeben erfahren, dass er acht Wochen gesperrt wurde. Es ist der Abend des 24. September 2010 und es regnet. „Ich bin gespannt, was er nachher in Facebook posten wird“, sagt ein Mitspieler beim Trainingsbeginn. Vier Stunden später ist auf der Internetplattform zu lesen: „Harmloses Foulspiel am 05.09.2010, alle sind der Meinung gelb hätte gereicht, die Gegner lachen sich schlapp, dass es rot gibt…Das Verbandsgericht braucht bis heute, um sich zu entscheiden. 8 Wochen Sperre. Vielen Dank.“ Es entspinnt sich eine Diskussion mit Mitleidsbekundungen, Erklärungen, Sticheleien.

Doch die Geschichte des Gymnasiallehrers beginnt früher, an jenem 5. September um 15.30 Uhr. Joost foult in der Kreisliga-Partie seines SV Pfrondorf gegen die TSG Tübingen II an der Mittellinie den gegnerischen Spielmacher. Es kracht laut, der Gegner wälzt sich, der Schiedsrichter entscheidet auf Platzverweis. Knappe drei Stunden später sitzt Joost an seinem Computer. „3:5 gegen TSG verloren, ich nach 30 minuten mit glatt rot runter…danke herr schiedsrichter.“ 15 Kommentare werden auf den Eintrag folgen. Sie kommen von überall her, von alten Kollegen aus Norddeutschland, von Mitspielern desselben Klubs, von Freunden aus dem Nachbarort. „Ich nutze Facebook, um mit Mitspielern zu sprechen, um uns gegenseitig zu motivieren, um witzige Sachen über Ereignisse zu lesen und zu schreiben“, sagt der 27-Jährige.

Für die Kommunikation der Kicker gibt es viele soziale Netzwerke wie beispielsweise StudiVZ, SchülerVZ, twitter, Lokalisten oder easy2coach. Der Kapitän im Team der Internetplattformen ist aber Facebook. Das Netzwerk entstand im Februar 2004, Mark Zuckerberg heißt der Erfinder. Das US-Magazin „Forbes“ schätzt sein Vermögen auf 6,9 Milliarden US-Dollar, er rangiert damit auf Platz 35 der Liste der reichsten Amerikaner. Zuckerbergs Werk ist ein Imperium. 500 Millionen Nutzer weltweit, die Hälfte ist täglich online, im Durchschnitt hat ein User 130 Freunde und produziert monatlich 90 Inhalte (Kommentare, Links, Fotos, usw.). Über elf Millionen Deutsche sind der Plattform bisher beigetreten, es sind fast genauso viele männliche wie weibliche Mitglieder. Mittlerweile nutzen auch Fußballvereine im Amateurbereich Facebook, meist wurden die Klubseiten von aktiven Kickern angelegt.

Der SV Pfrondorf veröffentlichte die eigene Seite im Dezember 2009. Chris Willems ist der Administrator, der Chef des Klubs im virtuellen Bereich. „Man erreicht deutlich mehr Leute als direkt über die Vereinshomepage“, sagt er. 123 Facebook-Fans hat der Klub. 50 bis 60 Personen besuchen die Homepage pro Tag, 14 Prozent kommen über Links von Facebook. „Die Fans machen aber kaum etwas selbst, sondern reagieren eher auf Beiträge des Vereins“, sagt Willems. Die Pfrondorfer kündigen auf Facebook aktuelle Partien an, vernetzen Spielberichte von der eigenen Homepage und Videos der lokalen Zeitung, diskutieren über die Spielverläufe, vor allem bei positiven Ergebnissen. Tiefgründige Analysen bleiben dabei aus, „es wird oft weniger über Fußball gesprochen als über irgendeinen verzerrten Gesichtsausdruck auf den Fotos“, sagt SVP-Verteidiger Matthias Schanbacher. Sein Sturmkollege Dominik Kuti ist ein Fan der Spielfotos. „Man kann seinen Freunden in Facebook zeigen, wie geil Fußball ist, wie geil das Team ist“, sagt er.

Andere Klubs machen es ähnlich, eine Regel ist Facebook im Amateurfußball aber nicht – noch nicht, denn die Tendenz steigt. Die Verantwortlichen des TSV Regglisweiler in der Nähe von Ulm verwenden Facebook als Organisationsmedium. Der Treffpunkt der jeweiligen Spiele wird genauso gepostet wie Termine für Mannschaftsausflüge. Der TV Nellingen im Raum Stuttgart dankt seinen Sponsoren auf virtuellem Weg. Im U18-Juniorenteam des Oberligaklubs TSG Balingen erleichtert Facebook die Kommunikation, „weil Spieler aus jüngeren und älteren Kadern dabei sind und im Netz alle direkt erreicht werden können“, sagt Jugendkoordinator Nico Willig. Bei den meisten Vereinsgruppen sind die Anwerbung von Zuschauern sowie Kommentare zu den eigenen Siegen am beliebtesten.

Dass mittels Ankündigen in Facebook mehr Zuschauer zu den Spielen gelockt werden, ist nicht nachgewiesen, die Chance ist jedoch höher. Denn durch die Verbreitung im Netz kontaktieren die Klubs auch die Zeitungsverweigerer. Facebook bietet ehemaligen Spielern, die aufgrund von Beruf oder Studium wegzogen und nur manchmal zum Kicken anreisen, darüber hinaus die Möglichkeit in Kontakt mit dem Klub zu bleiben. „Das ist super für mich, um einen kleinen Einblick zu bekommen, wie das Spiel gelaufen ist und die Stimmung zu mir ins Wohnzimmer nach München zu holen“, sagt Lukas Rief, durch die Entfernung mittlerweile nur noch sporadisch aktiv im Bezirk Alb.

Jessica Vogt kickt in der Frauen Verbandsliga beim VfB Bad Mergentheim. Sie gehe aufgrund von stichelnden Facebookeinträgen durchaus motivierter in ein Spiel. Dabei werde jedoch seltener ihr Verein angegriffen als vielmehr der Frauenfußball im Allgemeinen beleidigt. Sie nutzt das soziale Netzwerk allerdings kaum, um sich über den Gegner oder die eigene Liga zu informieren. In diesem Punkt sind sich die Fußballspieler einig. Die Fakten der Kontrahenten suchen sie auf http://www.fussball.de oder der jeweiligen Vereinshomepage. In den Facebookgruppen der Klubs tummeln sich meist nur Vereinsangehörige, Diskussionen verschiedener Lager über das anstehende Derby oder die Tabellensituation bleiben aus.

Die Pforzheimer Zeitung plant, solche Debatten auf der Facebookseite des Blattes in Zukunft loszutreten. Bewusst bestücken die Journalisten die Plattform aber noch nicht, sagt Online-Ressortleiter Thomas Kurtz und erzählt vom Erfolg der Amateurfußball-Videos der Die Ligen GmbH: „Die Leute klicken die Kreisliga wie blöd. Sie möchten nicht nur die Sportschau gucken, sondern auch sehen, wie Kieselborn gespielt hat.“ Es kommt häufiger vor, dass er 5000 bis 6000 Videoklicks zu einer Partie zählt. Die Filmchen sind in die Homepages der Lokalzeitungen eingebettet und werden auf Facebook verlinkt. Noch populärer sind die Videos im sozialen Netzwerk geworden, als die Lokalzeitungen begannen darüber abstimmen zu lassen. Seither wird kräftig um Stimmen für den eigenen Klub geworben.

Das Schwäbische Tagblatt war Vorreiter, führte die Umfrage zur Rückrunde der abgelaufenen Saison ein. Die Leser können nun selbst auswählen, welche Amateurpartie sie im Netz sehen wollen. Gute 2000 Stimmen waren der Teilnahmehöchstwert. „Die User liefern sich teilweise richtige Kämpfe“, sagt Jonas Bleeser von der Online-Redaktion. Die Video-Klickzahlen seien nicht so „berauschend“ gewesen, daher haben die Tagblatt-Journalisten das Voting eingeführt. „Die Videos sind eine tolle Ergänzung zur gedruckten Zeitung“, sagt Bleeser, „sie leben von der semiprofessionellen Anmutung, davon, dass man die Leute brüllen hört.“

2005 hatte Markus Kleber die Idee, Fußballvideos von Amateurkicks zu produzieren. Er dachte sich: Der unterklassige Fußball ist eine Nische, die in der Breite viele Leute interessiert. Fünf Jahre später hat Die Ligen GmbH vier Vollzeitkräfte, einen Pool von 30 Videoproduzenten und arbeitet für 125 Tageszeitungen. Die Firma produziert auch das „Spiel der Woche“ vom Württembergischen Fußballverband. Neben Fußball kamen andere Sportarten hinzu, Sponsoren, Trainer und Scouts erweiterten den Kundenkreis, das Thema Videoanalyse wurde wichtiger. „Als Amateurfußballer sind solche Aktionen toll“, sagt Frank Merkle vom TSV Dietenheim im Alb-Donau-Kreis, „man ist stolz, wenn man sich und seinen Verein auf öffentlichen Netzwerken und nicht nur auf der eigenen Homepage wieder findet.“ Andere Amateurkicker archivieren die Filme von besonderen Partien als Erinnerungsstücke. „Für uns sind die Videos von die-ligen.de natürlich Pflicht, um zu sehen, was der Gegner im vorigen Spiel richtig und falsch gemacht hat“, sagt der Balinger Nico Willig. Amateurfußball trifft hier auf Professionalität, Videoanalyse im Internet gibt es mittlerweile von der Kreis- bis in die Verbandsliga. Auch der komplette 90-Minuten-Film ist als Sichtungsmaterial zu erwerben. „Die Fußballvideos sind auf einen engen lokalen Kreis begrenzt, durch die sozialen Netzwerke kann man das ausweiten“, sagt Die-Ligen-Chef Kleber. Auf Facebook könnten sich Themen maximal entfalten, weil jeder an die Videos heran kommt. Er weiß aber auch, dass diese Offenheit Nachteile und Risiken mit sich bringt. Sie reichen von beleidigenden oder fremdenfeindlichen Kommentaren über Ausgrenzung internetscheuer Menschen bis zu einem Missbrauch der Vereinsnamen. Virtuelle Beleidigungen – oftmals im Schutz der Anonymität – stören die Amateurkicker allerdings nicht so sehr wie die Angriffe von Angesicht zu Angesicht. Affronts im Netz bergen für den Pfrondorfer Schanbacher vielmehr Motivations- als Aggressionspotential. „Weil es jeder lesen kann, ist man besonders heiß darauf, das Gegenteil zu beweisen“, sagt er.

Dass Rivalität auf Facebook betrieben wird – und das auch auf eine amüsante Weise – zeigt die „Feindschaft“ zwischen den Tübinger Vereinen TSV Lustnau und SV Pfrondorf. Ein TSV-Anhänger gründete nach Schaffung der Pfrondorfer Facebookseite die Gruppe „Kann diese Haselnuss mehr Fans als der SV Pfrondorf haben“, in Anlehnung an das Eichhörnchen im Vereinswappen des SVP. Das Ziel war zügig erreicht, 159 Personen haben mittlerweile den Gefällt-mir-Button geklickt, 123 Fans hat der SVP. Die Mitglieder erfreuten sich an Pfrondorfer Misserfolgen oder an Bildergalerien von toten Eichhörnchen. Der Eintrag der Gegengruppe „Ich wette dieses Klärwerk kann mehr Fans als der TSV LUSTNAU haben!!!!!“ (in Lustnau steht das Tübinger Klärwerk) folgte prompt, und die Pfrondorfer Anhänger haben diesen virtuellen Wettstreit mit 254 Mitgliedern bisher gewonnen.

Die Chancen von Amateurvereinen, Facebook sinnvoll zu nutzen, gehen aber über die reine Unterhaltung hinaus. Die Klubs können sich bei ihren Sponsoren bedanken, den Geldgebern eine Plattform bieten. Sie können selbst Marketing betreiben, neue Spieler und Financiers umwerben, auf sich aufmerksam machen, die Jugend durch zeitgemäße Kommunikationswege im Verein halten. Die Teams können sich organisieren, Zuschauer – vor allem auch mehr weibliche – anlocken, Spielberichte, Fotos und Videos präsentieren. Schwächen und Stärken des Gegners können analysiert, eigene Spielzüge auf Fehler untersucht werden. Die Chancen der Cyber-Community sind groß, die Gefahren schätzen die Amateurkicker dahingegen eher gering ein.

Soziale Netzwerke und Amateurfußball sind aber erst im Flirtstadium. Potential für eine große Liebe scheint vorhanden. Sportler, Klubs und Lokalmedien müssen dafür mehr auf die interaktiven Netzwerke setzen. Die Chancen stehen gut, denn „jeder freut sich, seinen Namen irgendwo zu lesen oder ein Bild von sich zu sehen“, sagt Mittelfeldspieler Michael Radunski aus der Nähe von Pforzheim. „Es hat etwas von Prominenz.“

(veröffentlicht im Magazin „im Spiel„, Ausgabe 05/2010)





Doppelter Befreiungsschlag _Der FC Bayern hat sich durch drei Treffer von Mario Gomez in der Bundesliga zurückgemeldet

17 10 2010

Er war beinahe verdammt zum Tore schießen. Doch diesmal hat er dem Druck Stand gehalten – und gleich drei Mal getroffen. Mario Gomez schoss sich mit seinen ersten drei Saisontoren an die vereinsinterne Torjägerspitze des FC Bayern München. Beim 3:0-Sieg des deutschen Rekordmeisters gegen Hannover 96 machten andere die Flüchtigkeits- und Stockfehler, die Gomez bei seinem Club und in der Nationalmannschaft oft Kritik einbrachten. Am Samstag versprangen dem Stürmer keine Bälle, er schirmte die Kugel meist gut ab, behauptete sich auch in schwierigen Situationen, spielte sogar mit der Hacke Pässe. Der 25-Jährige agierte selbstbewusst – und nutzte seine Chance, die sich durch die verletzungsbedingten Ausfälle der Offensivkollegen Miroslav Klose (Muskelfaserriss) und Ivica Olic (Nasenbeinbruch) ergab. „Jedem macht Fußballspielen nur Spaß, wenn er spielt”, sagte Gomez und ergänzte: “Bis zum ersten Tor hatte ich keine Chance. Wäre ich erst nach der 70. Minute eingewechselt worden, hätte ich vielleicht gar kein Tor geschossen.“

Gomez braucht Rückendeckung, die er in Spielminuten bemisst, er benötigt eine auf ihn abgestimmte Angriffstaktik mit vielen Pässen in den Lauf. So kann der gebürtige Schwabe seine Schnelligkeit ausspielen und Torgefahr ausstrahlen. „Heute hat es funktioniert, ich habe aber auch drei wunderschöne Bälle bekommen“, sagte der Angreifer. Mario Gomez ist nicht der Typ für die aufbrausenden Worte, keiner, der jetzt abhebt. Er analysiert seine Situation ruhig und sachlich, das hat er auch gemacht, als es nicht so gut lief wie in der vergangenen Woche: vier Tore in fünf Tagen – eins gegen Kasachstan im EM-Qualifikationsspiel und nun drei gegen Hannover. Gomez hoffe, dass er nächste Woche wieder Ratschläge bekomme “von all den schlauen Kritikern. Dann nehme ich mir wieder einen Tipp raus und setze ihn um.“ Der humorvolle Seitenhieb verdeutlicht die Erleichterung.

„Die Tore sind wichtig für sein Selbstvertrauen“, sagte Bayern-Trainer Louis van Gaal, „ich denke, dass wir in den kommenden Tagen einen sehr guten Gomez sehen werden.“ Der Niederländer war vor allem in der zweiten Hälfte mit dem Spiel seiner Mannschaft zufrieden, erfreute sich am Umsetzen seiner Lieblingsredewendung „Chancen kreieren“. Während Anatoli Timoschtschuk  (33. Minute), Toni Kroos (67.) und Hamit Altintop (81.) das Tor verfehlten, wuchtete (72,5 km/h!) Gomez den Ball zum 1:0 per Kopf über die Linie (21.), spielte beim zweiten Treffer – der Schiedsrichter übersah dabei ein Handspiel des Stürmers – seinen Gegenspieler cool aus (77.) und traf abermals per Kopf artistisch zum Endstand (90.). Das Gefühl von drei Toren hatte Gomez zuletzt im Trikot des VfB Stuttgart im Mai 2009 erlebt. Eigentlich lassen sich dreifache Torschützen nach dem Spiel von den Fans feiern, meist stimmen sie ein „Humba Tätärä“ an. Doch Gomez verschwand sofort in den Katakomben, genoss seinen Erfolg in Stille – während der Rest des Teams draußen mit den Zuschauern jubelte.

Hannover hatte sich schon vor dem Spiel bei seinen Fans bedankt. Kurz vor Anpfiff liefen die Spieler des Trainers Mirko Slomka in Richtung des Gästefanblocks in der mit 69000 Zuschauern ausverkauften Münchner Arena und klatschten den mitgereisten Anhängern zu. Gebracht hat es nichts. Hannover agierte meist ängstlich und zurückhaltend. Vom Selbstvertrauen des guten Saisonstarts war wenig zu sehen. Die Niedersachsen ließen in der ersten Hälfte zwar kaum Chancen zu, taten in der Offensive allerdings gar nichts. Möglichkeiten ergaben sich erst nach der Pause, im Abschluss fehlte dann aber die Präzision. „Bis zur ersten Bayern-Chance haben wir gut mitgehalten, und die haben die Münchner dann eiskalt genutzt“, sagte Slomka. „Deshalb sind sie der FC Bayern.“

Der Doublegewinner aus dem Vorjahr hat sich zurückgemeldet, die Fans besangen bereits wieder den Meistertitel. Am Dienstag empfangen die Bayern in der Champions League nun aber erst einmal den CFR Cluj und spielen drei Tage später in der Bundesliga beim Hamburger SV. „Wir haben wichtige Spiele vor der Brust“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, „ich hoffe, dass wir den Schwung mitnehmen können.“

Um nicht schnell wieder gebremst zu werden, sollten die Bayern bald ihre elf verletzten Profis aufpäppeln, den belastenden Streit mit dem niederländischen Fußballverband – wie auch immer – beenden und einen Weg finden, Martin Demichelis bei Laune zu halten. Denn der wechselfreudige argentinische Nationalspieler musste trotz der zahlreichen Ausfälle – darunter Innenverteidiger Daniel van Buyten – auf der Bank Platz nehmen.

Ein anderer bayerischer Problemfall ist aber erst einmal vom Tisch: Mario Gomez hat sich selbst aus seinem Krisenkokon geschossen und damit nicht nur für einen persönlichen Befreiungsschlag gesorgt. „Jetzt bin ich wieder mittendrin, und das genieße ich.“





Furioser Start, lahmer Abgang_Ludwigsburg verliert zum Auftakt der Bundesligasaison gegen die Artland Dragons

7 10 2010

Lieblinge werden nicht vergessen. Als Domonic Jones am Sonntag zum ersten Saisonspiel seiner Artland Dragons in die Ludwigsburger Arena einlief, brandete Applaus unter den 2400 Zuschauern auf. Der Guard, vergangene Saison noch in Diensten des Basketballbundesligaklubs ENBW Ludwigsburg, stand zu Spielbeginn bei der 55:70-(31:31)-Niederlage seines Ex-Vereins allerdings keinen alten Bekannten gegenüber.

Fünf Neuzugäge im Team von Trainer Markus Jochum starteten furios gegen die Niedersachsen aus Quakenbrück. Allein John Bowler steuerte sechs Punkte zur 8:0-Führung bei. „Wir haben zu Beginn alles umgesetzt, was wir besprochen haben“, sagte Jochum und meinte den großen kämpferischen Einsatz sowie das schnelle, aber kontrollierte Basketballspiel. Hinzu kam eine starke Leistung bei den Rebounds unter dem eigenen Korb.

Danach fanden die favorisierten Dragons jedoch besser ins Spiel, allerdings unterstützt von unkonzertrierten Ludwigsburgern. Dennoch beendeten Bowler und seine Kollegen das erste Viertel der 45. Bundesligasaison mit einer knappen Führung. Im zweiten Durchgang verteidigten die Schwaben nicht mehr so aggressiv, Quakenbrück übernahm mit einem 11:0-Lauf das Spiel. Coach Jochum schimpfte und kommunizierte an der Seitenlinie. Seine Mannschaft reagierte, punktete und glich zur Halbzeit zum 31:31 aus. Neben dem treffsicheren Bowler überzeugte besonders Rückkehrer Jerry Green mit selbstbewusster Spielgestaltung in der ersten Hälfte.

Gegen Ende des dritten Viertels fragte Jochum seinen Assistenten Steven Clauss: „Was sollen wir machen?“ Ludwigsburg verlor gerade den Anschluss, hatte die schlechteste Phase im Spiel. „Der Knackpunkt war, dass wir ein, zwei Würfe nicht getroffen und dann zu frustriert reagiert haben“, sagte Jochum, „wir waren wie gelähmt.“ Die Viertelpause kam gelegen – die Trainerworte halfen dennoch nichts. Die Schwaben verloren weiterhin zu viele Bälle und verfehlten den Korb zu häufig. „Wir haben unsere Schützen Bailey und Harris nicht gut ins Spiel gebracht“, sagte der Trainer, „und hatten keine realistische Chance mehr, zurückzukommen.“ Folglich verlor Ludwigsburg verdient mit 55:70, und die Fans der Barockstädter konnten sich nur über den Erfolg eines ehemaligen Akteurs freuen. Jones erzielte zehn Punkte in seiner alten Heimat.

Ludwigsburg verteidigte insgesamt ordentlich, besonders bei Distanzwürfen sowie einigen Ballverlusten und zu hastig abgeschlossenen Angriffen offenbarte das Team allerdings Verbesserungsbedarf. Beste Werfer bei Ludwigsburg waren Bowler (15 Punkte), Alex Harris (12) und Green (7). Für Quakenbrück trafen Ruben Boumtje Boumtje (19), Adam Hess (17) und Bryan Bailey (12) am häufigsten.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (4. Oktober 2010)





„Ich bin nicht herzinfarktgefährdet“

4 10 2010

Er ist zurück an der alten Wirkungsstätte: in Ludwigsburg. Doch diesmal ist Markus Jochum nicht Spieler, sondern Coach. Am Sonntag, 17 Uhr, trifft er zum Saisonauftakt in der Basketball-Bundesliga (BBL) mit seinem neuen
Teamzu Hause auf die Artland Dragons.

Herr Jochum, Basketball, Tennis und Surfen sind Ihre drei Lieblingssportarten. Alle verbinden Kraft, Schnelligkeit und Kreativität. Sind das auch die Hauptmerkmale Ihrer Spielphilosophie?
Ja klar. Basketball hat sich gewandelt. Das Spiel ist heute sehr athletisch, hat eine hohe Intensität. Es wird anders verteidigt, weil am Mann viel mehr Körperkontakte zugelassen werden. Von daher braucht man Kraft und Athletik. Und die Kreativität macht dann den Unterschied aus in der Qualität der Spieler. Es geht darum, wie schnell man entscheidet, und wie oft die Entscheidungen richtig sind. Wenn die Denkprozesse zwischen den Handlungen zu lange dauern, dann funktioniert es nicht.

Wie sieht es mit der Kreativität in Ihrer Mannschaft aus?
Mit Jerry Green, Toby Bailey und Donatas Zavackas habe ich für die Startaufstellung drei dominante Spieler, die sehr ideenreich sind. Sie sind es gewöhnt besondere Rollen zu übernehmen, können gut mit Freiheiten auf dem Feld umgehen. Die Verletzung von Donatas hat einen sehr großen Einfluss auf unser Spiel, weil unsere Spielzüge einen sehr guten Werfer und Passgeber auf seiner Position voraussetzen. Das wirft uns zurück, aber wir schauen nach vorne und versuchen das zu kompensieren.

Bei der Saisoneröffnung gegen Nancy waren fünf Neuzugänge in der Startaufstellung. Warum haben Sie nicht mit alten Führungsspielern wie Domonic Jones weiter gearbeitet?
Ich habe die Mannschaft im letzten Jahr sehr genau analysiert. Da waren ein, zwei Spieler dabei, die hätte ich gerne behalten. Gerade Domonic Jones, der ein sympathischer Spieler ist, der sehr viel Energie mitbringt. Aber er hat nicht die Starterqualität, die ich erwarte. Ausschlaggebend war jedoch, dass ich David McCray mehr Verantwortung geben wollte und daher mit drei Guards rotieren möchte. Außerdem haben wir mit Besnik Bekteshi einen weiteren Guard, der langsam an die BBL-Aufgaben herangeführt werden soll.

Jones hat demnach nicht in Ihr Konzept gepasst. Wie sieht dieses denn konkret aus?
Das Spiel muss eine Struktur haben, es darf kein Hopp-oder-Topp-Basketball sein. Ich möchte einen schnellen Basketball spielen, der kontrolliert abläuft. Das heißt, nicht jeder Fastbreak muss abgeschlossen werden, wenn die Verteidigung bereits gut steht. Der Übergang von freiem, kreativem Spiel zu einem organisierten Aufbau muss passen. Das ist für mich sehr wichtig und war mit den Spielern aus dem letzten Jahr nicht möglich.

Manche Fans haben sich darüber beschwert, dass in Ludwigsburg schon wieder ein Neuanfang geplant ist. Was entgegnen Sie diesen Kritikern?
Mit einem neuen Trainer kommen immer auch neue Ideen, und in den letzten vier Jahren bin ich der vierte Trainer. Ein Neuaufbau sieht ja immer so aus, dass man nach seinen Vorstellungen einen Kader zusammenstellt. Und den ergänzt man im zweiten und dritten Jahr. Optimal ist es, wenn sich die Spieler von Jahr zu Jahr entwickeln und man jedes Jahr weniger Spieler verpflichten muss. Die Neuzugänge müssen dann nicht erst eine Struktur schaffen, sondern können sich in eine bestehende hineinfinden.

Einer Ihrer Neuzugänge ist Jerry Green. Wie wichtig ist seine Rückkehr?
Die Aufbauposition ist die wichtigste in der Mannschaft. Ein Guard muss die Mannschaft führen können, den Ball auch in die Hand nehmen, wenn es brennt. Jerry war als Spielertyp mein Wunschkandidat. Dass er hier zudem eine Identifikationsfigur ist, verbessert die Voraussetzung für eine optimale Entwicklung der Mannschaft.

Wer soll noch Führungsqualitäten beweisen?
Die Spieler der Startaufstellung haben Einfluss auf dem Feld und auch daneben. Das läuft bisher sehr gut, auch wenn die Ergebnisse aus den Vorbereitungsspielen – ohne die Umstände betrachtet – nicht so toll aussehen. Wir haben mit John Bowler einen positiven Spieler, der Stimmung macht, der aber auch mal laut wird, wenn es nicht läuft. Toby Bailey hat viel Erfahrung, spricht viel mit den Mitspielern. Ich muss gar nicht so viele Erwartungen formulieren, weil sich vieles von selbst entwickelt.

Verletzungen, späte Transfers, sieben Niederlagen in elf Testspielen. Die Vorbereitung lief nicht optimal. Haben Sie Bauchschmerzen, dass der Saisonstart misslingen könnte?
Klar. Bauchschmerzen hat man als Trainer immer. Wenn wenigstens die Starting Line Up die letzten vier Wochen in der Vorbereitung zusammen hätte trainieren können, wäre es gut gewesen. Aber wir haben 34 Hauptrundenspiele und die Saison wird nicht in den ersten drei Wochen entschieden. Trotzdem ist ein guter Start wichtig, das gibt ein gutes Gefühl.

Was ist dieses Jahr möglich?
Ich kann noch keine Prognose wagen. Das geht nur, wenn man weiß, wie stark die eigene Mannschaft in Relation zu den anderen Teams wirklich ist. Hier wird etwas Neues in Bewegung gesetzt und da braucht man vor allem Geduld. Wir wollen das nächste Spiel gewinnen. Das wird das Ziel sein, das von Anfang bis Ende gelten wird.

Im Leistungssport geht es immer darum, sich zu steigern. Wo kann sich der Trainer Markus Jochum verbessern?
Ich arbeite als Coach jetzt erstmals mit extremen Persönlichkeiten, mit reinen Profis. Daraus resultieren andere Ansprüche und Erwartungen. Ich merke einfach, dass manche Ideen nicht umsetzbar sind, da die Spieler andere Ideen im Kopf haben oder es anders sehen. Da lernt man als Trainer immer dazu, eine gesunde Balance zu finden, welche Dinge man durchsetzt und wo man sich den Spielern anpasst. Mit Steve habe ich aber auch einen sehr guten und erfahrenen Berater, von dem ich viel lernen kann.

Sie gelten immer noch als genauso ehrgeizig wie zu Ihrer aktiven Zeit. Wollen Sie manchmal vielleicht zu viel?
Nein, das glaube ich nicht. Das würde heißen, ich verlange etwas, dass nicht möglich ist. Ich fordere ja nicht, dieses Jahr Deutscher Meister zu werden. Für mich ist es wichtig, aus jeder Trainingseinheit das Optimale herauszuholen. Nur so kann man auch im Wettkampf gut spielen.

Ehrgeizige Menschen können manchmal schlecht abschalten. Finden Sie nach nervenaufreibenden Arbeitstagen einen Ausgleich?
Jemand, der in sich ruht, bin ich sicherlich nicht. An den Tagen und in den Nächten nach den Spielen laufen diese komplett vor mir ab. Das bedeutet auch wenig Schlaf. Ganz abschalten kann ich nie. Aber ich bin nicht herzinfarktgefährdet und habe auch kein Magengeschwür.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (29. September 2010)