Lagern, bauen, fertigen – und naschen

5 06 2012

Die gute Konjunktur beflügelt das Angebot für Studenten und Schüler, doch für Bewerbungen wird es höchste Zeit.

Diese Arbeitist ein Traum für Naschkatzen. Wer bei der Bonbonfabrik Jung in Vaihingen/Enz einen Ferienjob ergattert, darf Bonbons, Gummibärchen, Lollis und weitere Leckereien essen. „So viel, bis es zu den Ohren rauskommt“, sagt Gerd Bayerdörfer, der Abteilungsleiter Verpackung. Qualitätsmanagement basierend auf der süßen Versuchung – die Studenten und Schüler zieht das jedenfalls an. Die Nachfrage sei hoch, sagt Bayerdörfer, manche Interessenten meldeten sich für die Sommerferien schon in der vorausgehenden Weihnachtszeit – oder fragten noch während des Ferienjobs gleich für das kommende Jahr an.

In vielen Fällen der Stellenvergabe für die Stadt und die Region ist der Drops für die Sommerferien 2012 bereits gelutscht. Bei Daimler sind in manchen Werken „schon alle Jobs vergeben“ und die Interessenten „eigentlich fast schon zu spät“ dran für die Bewerbung auf einen der insgesamt 6500 Ferienjobs, wie Dominique Albrecht von der Presseabteilung des Unternehmens sagt. Insgesamt 1500 Stellen vergibt der Konzern im Untertürkheimer, 500 im Sindelfinger Werk, die Nachfrage ist sehr hoch.

Auch bei Bosch sind von den 4500 Ferienjobs, davon 1700 in der Region Stuttgart, bereits die meisten besetzt. Die Zahl der Ferienjobs sei gleichbleibend zu 2011, sagt der Pressesprecher Dirk Haushalter: „Der große Sprung nach oben war vom vorletzten ins letzte Jahr.“ Da zog die Konjunktur an, das beflügelt die Ferienjobbranche, wie die Kammern von Industrie- und Handel sowie Handwerk der Region Stuttgart bestätigen. „Viele Firmen überlegen, ob sie ihren Betrieb im Sommer stilllegen beziehungsweise reduzieren oder ihn flie- ßend weitergehen lassen“, sagt Gerd Kistenfeger von der Pressestelle der Handwerkskammer, frühe Bewerbungen seien daher sinnvoll, weil sie den Betrieben Planungssicherheit im Personal für die Ferienzeit gäben.

Auch die Bundesagentur für Arbeit spricht von einem Trend hin zu mehr Ferienjobs. Die Studenten und Schü- ler werden dabei laut Kistenfeger nicht ausgebeutet: „Es ist eine Win-win-Situation. Die jungen Menschen können ihre Interessen prüfen, die Betriebe ihre Personallücken füllen.“ PC-Kenntnisse seien nützlich, auch eine gute Sozial- und Kommunikationskompetenz. Indes lässt sich bei Ferienjobs in Stuttgart offenbar ein deutlicher Trend erkennen“, wie das Online-Portal Jobmensa.de meldet: „Die Firmen versuchen, die Jobs mit Studenten zu besetzen, die themenrelevante Studienschwerpunkte haben.“

Die Vermittlungen über die virtuelleWelt seien gerade bei großen Firmen beliebt, sagt Matthias Kastenmeier, der Geschäftsführer der Plattform Gelegenheitsjobs.de. „Die Bewerbungsverfahren sind einfacher zu handhaben, und es lassen sich besser Statistiken erstellen, beispielsweise darüber, welche Jobbörse sich rentiert.“ Dabei sei die Besonderheit einer Bewerbung, etwa die Optik oder eine pfiffige Überschrift, nicht mehr so wichtig. „Doch je höher die Anforderung des Jobs ist, desto mehr eignen sich die persönlichen Profile auf den Portalen“, sagt Kastenmeier. Er warnt aber davor, beispielsweise die eigene Facebook-Seite an eine Bewerbung anzuhängen. Das berge auch Risiken, je nachdem, was dort zu sehen ist.

Wer trotz eines Online- oder Printgesuchs noch keine Stelle bekommen hat, kann sich bei Anton Till in der Stuttgart Arbeitsagentur melden. Er ist zuständig für die Vermittlung und sagt, dass Stuttgart ein guter Arbeitsmarkt für Studenten sei und dass in der Region auch gut bezahlt werde. Mit 700 bis 1000 Vermittlungen von Minibis Vollzeitjob rechnet er für dieses Jahr. Die Bewerbungsphase beginnt bei der Arbeitsagentur aber erst im Juni, in diesen Tagen startet Till eine Rundschreibenaktion an 3500 Firmen. „Körperliche Belastbarkeit, geistige Flexibilität, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit sind immer gefragt“, sagt er und fügt hinzu, dass viele Mitarbeiterkinder in den Konzernen unterkommen: „Netzwerkverbindungen sind das halbe Leben. Wer keine hat, hat verloren.“ Und wer welche zur Bonbonfabrik Jung hat, kannim Optimalfall sogar noch ständig naschen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (4. Juni 2012)

Advertisements




Bombensplitter reduzieren die Einnahmen

2 02 2012

Zwei Millionen Euro fließen jährlich durch den Holzverkauf in die Stadtkasse.

Viele Stuttgarter Bäume haben ein Problem. Ihre Holzqualität ist zwar ähnlich gut wie in anderen Groß- städten, doch mit ihren Artgenossen auf der Schwäbischen Alb können sie kaum mithalten. Schuld daran sind die Bomben des Zweiten Weltkriegs, deren Splitter sich nach der Detonation in die Baumstämme gefressen haben. Das mindert die Güte des Holzes. „Es wird noch eine Weile dauern, bis wir Bäume ernten, die 100 Prozent splitterfrei sind“, sagt Michael Thiehoff, der Büroleiter des städtischen Forstamts im Stuttgarter Norden.

Derzeit werden Bäume gefällt, die 100 bis 150 Jahre alt sind. Rund 2500 Hektar Wald gehören der Stadt, in und um Stuttgart bieten zudem rund 1900 Hektar Staatswald des Landes und 300 Hektar aus Privatbesitz die Möglichkeit zur Naherholung. Mit weiteren knapp 160 Hektar Wald der Stadt Esslingen beim Katzenbacher Hof kommt der gesamte Waldbestand der Landeshauptstadt auf fast 5000 Hektar. Abgesehen von den Bombensplittern seien die Stuttgarter Bäume qualitativ „aber nicht groß anders als sonst in Baden-Württemberg“, so Thiehoff. Denn die Unterschiede der Wachsbedingungen seien nicht so gravierend, das Klima und der Boden ähnlich. Derzeit geht es den Bäumen an die Stämme, wie jüngst an der Karl-Kloß-Stra-ße. Von Ende Oktober bis Mitte März ist Holzernte.

In Stuttgart stehen vermehrt Laubbäume, bei ihnen ist das Fällen im Winter leichter und sicherer. Denn ohne die Blätter kann die Fallrichtung besser bestimmt werden. Der Forstbetriebsplan sieht vor, dass jährlich rund 30 000 Festmeter Holz geerntet werden. Diese Zahl ergibt sich aus Messungen der sogenannten Forsteinrichter, die im Zehnjahreszyklus den Durchmesser und die Höhe der Baumstämme und damit das Holzvolumen bemessen. Weil das an denselben Stellen geschieht, ist ein Vergleich im Längsschnitt möglich. 2012 werden die Messungen wieder vorgenommen, im Frühjahr geht es los. Laut Forstbetriebsplan wachsen pro Hektar und Jahr acht Festmeter im Stuttgarter Stadt- und Staatswald. Das sind insgesamt etwas mehr als 35 000 Festmeter. „Da wir in den Naturschutzgebieten und Biotopen aber bewusst Bäume stehen lassen, um das Totholz anzureichern, ernten wir nur 30 000 Festmeter“, sagt Thiehoff. Davon werde die komplette Menge wirtschaftlich genutzt – etwa für die Herstellung von Spanplatten, Holzfässern, für die Papierindustrie oder auch als Brennholz. „Die weniger wertvollen Sortimente boomen immer noch, das ist schon einige Jahre lang der Fall“, sagt Thiehoff. „Die Wertholzversteigerung ist im Februar, im vergangenen Jahr haben wir da gute Preise erzielt.“

40 bis 60 Euro bringt ein Festmeter Industrie- oder Brennholz, bis zu 500 Euro kann die Stadt bei hochwertigem, splitterund astfreiem Holz erwirtschaften. Der Durchschnittserlös liegt bei rund 70 Euro, wodurch sich ein Gesamteinkommen von rund zwei Millionen Euro ergibt. „Damit wird ein beachtlicher Teil der Bewirtschaftungskosten abgedeckt“, sagt Thiehoff. Ohne den Holzverkauf müsste die Stadt deutlich mehr Geld ausgeben für die Instandhaltung der Erholungsgebiete. Auch die Förster tragen zur Steigerung des Erlöses bei, indem sie die Bäume richtig „erziehen“. Astfrei werden Bäume entweder durch eine dichte Bepflanzung. So erhalten sie wenig Sonne, die Äste sterben ab. Bei älteren Bäumen werden die Äste fachmännisch abgesägt. In beiden Fällen wächst der Stamm dann ohne die Fortsätze weiter in die Breite, die Holzqualität steigt.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (1. Februar 2012)





Wenn Schüler einen Laufverein gründen

21 04 2011

StZ-Lauf: Das Stuttgarter Heidehof-Gymnasium hat einen eigenen Ausdauersportclub – den ASC Heidehof.

Ein vorbeifahrendes Müllauto löst eine spontane La ola aus. Als sie das Fahrzeug beim Lauftraining am Rosensteinmuseum sehen, jubeln die Mitglieder des Ausdauersportclubs (ASC) des evangelischen Heidehof-Gymnasiums aus dem Stuttgarter Osten. Denn die Aufschrift „Wir mögen die Orangen“, eine Eigenwerbung der Müllabfuhr, übertragen sie auch auf sich selbst: Die 100 Kinder und Jugendlichen tragen bei ihrer Laufrunde im Rosensteinpark zur Vorbereitung auf den Stuttgarter-Zeitung-Lauf (28. und 29. Mai) fast alle T-Shirts im Orange ihrer Vereinsfarbe.

„Die Farbe steht für Energie, Lebensfreude und Optimismus“, sagt Eric Pajot, ein Lehrer am Heidehof-Gymnasium sowie der Mitbegründer des ASC, „und genau das wollen wir versprühen.“ Schon immer seien die Schüler an Sport und Bewegung interessiert gewesen, viele nahmen bereits öfter an Wettbewerben wie dem StZ-Lauf teil. Irgendwann hat der Fitnesstag der Schule nicht mehr ausgereicht, der Bedarf war größer, auch Ehemalige, Eltern und Lehrer wollten aktiv werden. Das ging jedoch nicht im Unterricht, also gründeten einige Lehrer und Schüler im Oktober 2009 den Ausdauersportclub Heidehof.

Der Verein hat seine Wurzeln in der Schule, ist aber für alle offen. „Das ist ein Stück weit einzigartig“, sagt Pajot, „schön ist, dass Jung und Alt dabei sind.“ Das Angebot richtet sich an alle Alters- und Leistungsgruppen. Der Club hat 40 Mitglieder, und die Verantwortlichen möchten wachsen, neue Abteilungen (Schwimmen, Triathlon, Rad) gründen. „Der Verein entwickelt sich von alleine, weil viele Macher dabei sind“, sagt Pajot, „gerade die Jüngeren wollen einfach was tun – nicht nur sportlich, auch organisatorisch.“ So gehen die Finnbahn an der Schule, eine selbst organisierte Laufveranstaltung, die Vereinshomepage und auch das Clublogo stark auf den Tatendrang der Schüler zurück.

Fabian Bazlen, Johannes Alber, Christopher Miola und Jan Swiatkowski gehen in die Oberstufe und sind Gründungsmitglieder des ASC. „Wir sind schon seit der fünften Klasse beim StZ-Lauf dabei“, sagt Alber, „aber die Identifikation als Schulmannschaft war damals nicht da. Jetzt guckt man eher auf die Teamwertung als auf die Einzelleistung. Außerdem hat man so auch mehr Chancen.“ Diese Identifikation kam mit der Vereinsgründung – und mit den orangefarbenen T-Shirts. „Das hat zusätzlich gepuscht“, sagt Miola.

Die Schüler wissen, dass es ohne den Eifer einiger Lehrer nicht funktioniert hätte. Timo Schuh ist neben Pajot auch so ein Antreiber. „Die Schüler sind Feuer und Flamme für den Laufsport, das hätten wir nicht gedacht. Und sie bekommen auch Anerkennung in der Schule“, sagt der Lehrer und hofft, dass die Vereinsarbeit einmal ganz in die Hände der Schüler übergeht.

Vielleicht auch in die von Lennart, Lucian und Aaron. Die drei zählen zu den Jüngsten, gehen in die fünfte Klasse und haben vor allem an der gemeinsamen Bewegung mit Freunden Spaß – so wie bei dem Trainingslauf mit der Orange-Welle. Felix ist in der sechsten Klasse. Er joggt öfter mit seinem Vater und geht beim StZ-Lauf ambitioniert an den Start: „Ich möchte unter die Top 100.“ Felix ist einer von zurzeit 150 Heidehof-Teilnehmern – inklusive Lehrern, Eltern, Ehemaligen. „Wir haben was in Richtung Podest vor – und zwar in allen Kategorien“, sagt Pajot. Der dritte Platz in der Halbmarathonstaffel in Freiburg dieses Jahr soll nur der Anfang gewesen sein.

Die Fünftklässlerinnen Kiara und Tanja haben das Training an diesem Montag verpasst, weil die U-Bahn ausgefallen war. Sie sind mit Pajot etwas zu spät am Rosensteinmuseum angekommen. Gedämpft hat das ihren Ehrgeiz aber nicht. Beide wollen sich noch für den StZ-Lauf anmelden. Kiara gefällt am Ausdauersport das „Auspowern“. „Wir wollen zwei Kilometer schaffen“, sagt Tanja – dann auch in den orangefarbenen T-Shirts des ASC Heidehof. „Wir möchten, dass unsere Farbtupfer zahlreich verstreut sind“, sagt Eric Pajot. Um beim StZ-Lauf richtig viel Lebensfreude zu versprühen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (20. April 2011)





Ehrenamtliche Blattmacher werben für das Ehrenamt

8 03 2011

Freiwilligenmagazin. Das neue Heft „Win“ soll mehr Stuttgarterinnen und Stuttgarter zur Nächstenhilfe animieren.

Dankbarkeit ist ein gutes Gefühl. Danke sagen zu können, oder es selbst zu hören, erheitert, wärmt, erfreut, befriedigt. In Stuttgart sollen nun noch mehr Menschen Dankbarkeit spüren – als Geber und als Nehmer. Das plant die Freiwilligenagentur der Landeshauptstadt, die zur Stabsstelle Förderung Bürgerschaftliches Engagement gehört.

Rund 23 Prozent der Stuttgarterinnen und Stuttgarter engagieren sich ehrenamtlich. Eine große Zahl, die aber noch größer werden soll, denn einerseits wächst die Nachfrage nach Hilfe, andererseits verschiebt sich das Ehrenamt von der Dauer- zur zeitlich begrenzten Projekthilfe, was noch mehr Helfer erfordert. Aus diesem Grund hat die Freiwilligenagentur nun das Magazin „Win“ publiziert, ein Heft mit einer Auflage von 12 000 Stück, das zweimal jährlich erscheinen soll und in öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Schulen, Theatern oder Rathäusern ausliegt. Die elektronische Variante ist zudem unter http://www.stuttgart.de/freiwilligenagentur herunterzuladen. „Das hat in Stuttgart noch gefehlt“, sagt die Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport, Susanne Eisenmann, „,Win‘ ist eine tolle Form der persönlichen Ansprache, wenn man die Ehrenamtlichen selbst erzählen lässt.“

Als Zielgruppe sehen die Macher alle Ehrenamtsinteressierten, unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht oder Bildung. Das Magazin will um diese werben, die Bandbreite der Freiwilligenarbeit aufzeigen, Unternehmen vom Sinn des gesellschaftlichen Engagements überzeugen, aber auch den persönlichen Gewinn der Nächstenhilfe hervorheben. So steht in dem Erfahrungsbericht eines freiwilligen Helfers der Schwäbischen Tafel, „dass ich mit fast fünfundsiebzig noch mal so froh bin, Leuten zu helfen, ohne Bezahlung, nur der dankbaren Blicke wegen, das hätte ich nicht gedacht“. Doch auch Jugendliche sollen in dem Magazin mittels Wettbewerben zur Freiwilligenarbeit motiviert werden.

Die 24 Seiten umfassende erste Ausgabe des Heftes berichtet beispielsweise über Theatervorführungen in Altersheimen und vor Menschen mit Handicap, erzählt von Museumsführungen für Demenzkranke. Die Autoren fingieren ein Interview mit der herzenswarmen Königin Olga von Württemberg oder sie zeigen auf, wie sich Unternehmen gesellschaftlich und ökologisch engagieren können. „Das Besondere ist, dass 16 Freiwillige das Heft gestaltet, getextet, lektoriert haben“, sagt die Stuttgarter Ehrenamtsbeauftragte Ilona Liedel. „Es ist ein Magazin von Freiwilligen für Freiwillige, weil die am besten wissen, wie man fürs Ehrenamt motiviert.“

Somit fallen bei der Herstellung nur die Druckkosten an, die im besten Fall mittels Anzeigen gedeckt werden. Sonst bezuschusst die Stadt das Projekt, dessen Ziel aber die Unabhängigkeit von zusätzlichen Mitteln ist. Mit dem Titel „Win“ – ein Ausrufezeichen ersetzt das „i“ – zielen die Verantwortlichen auf den Effekt der ehrenamtlichen Arbeit ab. „Jeder gewinnt“, sagt Liedel, „das Klientel, dem geholfen wird, die Organisation, welche die Aktionen plant, und nicht zuletzt die Helfenden.“

Einer ist Jürgen von Bülow, dem durch die Mitarbeit klar wurde, „dass ohne ehrenamtliches Engagement vieles gar nicht funktionieren würde“. Das sollen auch die Leser merken: Wo ist es wichtig zu helfen, und wie kann ich einen Teil dazu beitragen, um Dankbarkeit zu ermöglichen – und diese auch selbst zu erfahren.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (7. März 2011)





Eleganz, Luxus und eine Prise Humor

18 02 2011

Friedrichsbau. Die neue Show „Magic de Luxe“ will das Publikum in einen übersinnlichen Rausch versetzen.

Abgefahren, mystisch und elegant.“ Ein Motto, das viel verspricht. Jetzt können Varieté-Besucher im Friedrichsbau beurteilen, inwiefern der Slogan zu der neuen Show „Magic de Luxe“ passt – von morgen, Freitag, an in der Ersatzbesetzung und vom kommenden Mittwoch an mit allen Stars. Der Vorverkauf läuft gut, das Versprechen ist groß: sägen, tricksen, lachen. Damit werben die Veranstalter – und damit, dass der Besucher in einen „Rausch aus anarchistischer Comedy, schleierhaften Machenschaften und abgedrehter Körperkunst“ eintauchen werde.

„Eine spannende und unterhaltsame Show lebt von ihrer Gesamtkomposition und einer großen emotionalen Bandbreite“, sagt der Regisseur Ralph Sun, „Gegensätze sind genauso wichtig wie gefühlvolle Momente, rasante und humorvolle Passagen.“

Beispielhaft gegensätzlich sind der Franzose „Mika Quartz“ mit seiner Einlage „Crystal Magic“ und Gaetan Bloom, einer der großen Magier der Welt. Die Zuschauer verfallen bei Quartz‘ federleichter Jonglage mit Kristallkugeln, die bei ihm wie Seifenblasen schier schwerelos durch die Luft schweben, verschwinden und größer wieder auftauchen, in einen mystischen, fast psychedelischen Zustand, bevor sie von Bloom wieder wachgerüttelt werden. Zum einen, weil der französische Magier viel, schnell und sehr laut redet, zum anderen, weil seine Gesten und Aktionen so zackig ineinander übergehen, dass Wachsamkeit die Grundvoraussetzung dafür ist, seinen Tricks zu folgen. Dabei sollte der Zuschauer mehr die Art und Weise der Darstellung als die Streiche selbst genießen. Nicht, weil diese langweilig wären, besonders nicht die Schlusspointen, sondern vielmehr, weil die Bloom’sche Präsentation komisch, erheiternd und animierend ist. Er spielt mit dem Publikum und bezieht es außerdem mit ein.

Angekündigt werden die Auftritte von Jorgos Katsaros, der 2002 schon mal im Friedrichsbau auftrat und nun zurückhaltend, gewürzt mit humoresken Einlagen, durch den Abend führt. Für seine vielen Wortwitze und seine kleinen Sketche erntet er nicht die großen Brüller, aber sehr viele Schmunzler. Das passt aber auch viel besser zu Noblesse und Luxus.

De Luxe steht für luxuriös einerseits, aber in der Jugendsprache auch für einzigartig, super, genial. Wenn etwas als „de Luxe“ bezeichnet wird, muss es nicht nur protzen, sondern auch gefallen, schmecken, verzaubern, erfreuen, befriedigen, cool sein. So wie das akrobatische Schauspiel von „Sasha Babiy“. Als charmantes Häschen aus dem Zylinder spielt die Ukrainerin nicht nur mit der Musik, ihren Sehnen und Muskeln, sondern auch neckisch, frech mit dem Publikum, vor dem sie sich ab und an im Zylinder versteckt, um spielerisch, tänzelnd und leichtfüßig auf den Hutrand zurückzukehren und ihren Körper gefährlich zu verwringen.

Beim kanadischen Humorduett „Strange Comedy“ aus dem Cirque du Soleil verdrehen sich nicht nur deren Körper(-Teile), sondern auch die Augen der Gäste. Clownerie lebt eben von Einlagen, die ad absurdum geführt werden.

Völlig verrückt sind auch die Künste des preisgekrönten US-amerikanischen Zauberstars Kevin James, der das Publikum verblüfft – und dabei immer wieder auch emotional bewegt. James steht jedoch erst vom 23. Februar an auf der Bühne. Bis dahin wird der Zauberweltmeister Topas Magie und Comedy verbinden, denn James hat noch ein Engagement in Spanien zu erfüllen und kommt über den Landweg nach Stuttgart, schließlich, so heißt es, könnten die Requisiten am Flughafen Probleme bereiten.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (17. Februar 2011)





Klamauk, Poesie und gutes Essen

10 02 2011

Palazzo – Das neue Moderatorenduo hat auf der Suche nach Liebe das Gespür für den falschen Moment.

Dieser Schubser ist bestimmend – aber liebevoll zugleich. Fritz stößt zu Beginn der Show „Es(s)kapaden“ im Palazzo-Zelt auf dem Cannstatter Wasen seinen Halbbruder Anton von der Bühne, und die Rollenverteilung des Komikerduos wird damit sofort deutlich: Fritz führt durch den kulinarisch-artistischen Abend, Anton assistiert.

Fritz heißt abseits der Bühne Bernhard Altfeld, wurde im Jahr 1964 geboren, ging auf die Züricher Mimenschule, studierte Kunstpädagogik und -therapie und ist Halbschweizer. Anton alias Ralf Hafner ist vier Jahre älter und Schwabe, lernte Schlosser und Heilerziehungspfleger, spielt aber schon seit der Kindheit gerne Theater. 1994 lernten sie sich kennen, das Komikerduo „die Kavaliere“ entstand. Seit zwei Wochen führen sie als Conférenciers durch den Palazzo-Abend.

„Komik kann alles sein“, sagt Bernhard Altfeld, „es ist immer ein Bruch, eine Erwartung, die nicht erfüllt wird.“ Der Zuschauer muss die Situation kennen, erst dann könne eine Aktion die Lachwürze hineinbringen. Daher basiert ihr Auftritt auf der Grundidee, Anton mit einer Frau zu verkuppeln. Fritz versucht den Flirtprozess zu beschleunigen, aber Anton zerstört die Fortschritte durch plumpe, sexuelle Verbalvorstöße.

Dieser Gegensatz wird auf der Bühne zu einem amüsanten Zusammenspiel, zum Reizimpuls der Lachmuskeln, zum Garant des Erfolgs. „Ich bin der Gib-ihm-auf-die-Zwölf-Part“, sagt Hafner, „er sorgt für den Anspruch.“ Die klare Zuordnung des „weißen“ und des „roten“ Clowns, des seriösen und des doofen Spaßvogels, hat die Zusammenarbeit erleichtert. Die gleiche Ebene kann für Komiker aber recht schnell zum Nährboden der Konkurrenz werden. „Früher haben solche Konflikte lange gegärt, heute sprechen wir Probleme gleich an“, sagt Hafner, „aber durch die neuen Rollen gibt es kaum Schwierigkeiten.“ Ein Rollentausch findet auch beim Wechsel vom Rampen- ins Tageslicht statt.

Hier ist Hafner eher der Ernsthaftere und Altfeld spielt öfter den Schelm. Das zeigen auch die Profilbilder der Komiker auf der Internetplattform Facebook. Bei Hafner schmückt ein schlichtes Foto die Seite, Altfeld hat sich für einen Baumstamm entschieden, auf dem das Wort „Niveau“ eingeritzt ist. Das wiederum passt zu seinem Anspruch während der Vorführung, die auch voll von „Poesie“ sein solle. So rezitiert er im Laufe des Abends verschiedene Gedichte, macht ein Glockenspiel aus Gläsern oder singt.

Hafner steht ihm in nichts nach, seine Gedichte sind jedoch ungeschickt, seine Instrumente sind Flaschen, auf denen er Altfeld flötend begleitet. Beide bespaßen die Gäste auch während des Essens – ein gewagter Moment für eine Störung, doch das Publikum goutiert die Einlagen. Es ist eine durchdachte Show, die Elemente sind gut abgestimmt. In einer Szene blödelt Anton so lange herum, dass er zwar viele Publikumslacher erntet, aber Fritz ihn auch strafhypnotisiert und durch die Luft entschweben lässt. Das Publikum klatscht – ein Bild mit Symbolcharakter.

Der Kollege Anton animiert die Palazzo- Besucher eher zum Lachen, Fritz vor allem zum Applaus. So geben die Komiker einander Vorlagen, die der Partner verwertet. Eine Abstimmung, die funktioniert. Das wissen beide. „Jeder für sich, das wäre nicht so gut“, sagt Hafner. Motivieren muss sich aber jeder selbst. Lustlose Momente gibt es während des Auftritts kaum. Animiert wird das Duo durch die „erwartungsvollen Augen des Publikums“ (Altfeld) oder durch die „Erfahrung des Ankommens, das macht mich auch immer noch stolz“ (Hafner).

Auch im Gespräch wird das spürbar. Beide erzählen mit Elan von ihrer Arbeit, die Rollenverteilung ähnelt bezüglich der Präsenz jener auf der Bühne. Altfeld redet mehr, gestikuliert viel, fällt Hafner ins Wort. Er hält seinen Kollegen für „suchend, liebenswert und verspielt“, Hafner beschreibt Altfeld als „gewissenhaft, vertrauenswürdig und ehrlich“. Beide wohnen in Alfter bei Bonn, treffen sich privat aber kaum – das berge zu viel Streitpotenzial sagen die beiden Künstler.

Der Hauptkonflikt des Abends wird jedoch gelöst. Anton bekommt seine Frau, diesmal ist es die Zuschauerin Gertrud. Der vorgetäuschte Wangenkuss wird zum Mundbussi, und Anton verabschiedet sich mit den Worten: „Ein jeder Topf hot soin Deggel gfonda, und i bin glei mit Gertrud verschwonda.“ Irgendwie charmant, irgendwie doof, einfach komisch.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (9. Februar 2011)





Warum?

28 10 2009

Jens Lehmann findet BALLJUNGEN betrügerisch, Günther Jauch mischt sich in TRANSFERS ein und ein SCHALKLAUER bekommt sechs Monate auf Bewährung.

Es war eine witzige Aktion, als der Hannoveraner Aron Schulz in seiner Funktion als Balljunge Jens Lehmann narrte und den Ball über ihn hinweg warf. Es war sicherlich unfair, aber dass Lehmann gleich von Betrug sprach und es als Zeitschinden verurteilte, ist total übertrieben. Jens Lehmann halt selbst für so manch sonderliche, wenn auch spaßige Aktion gesorgt. Daher frage ich mich, warum macht er so etwas?

Moderator Günther Jauch hat am Sonntag bei der Sky-Diskussion mit Franz Beckenbauer um eine Kiste Rotwein gewettet, dass Manuel Neuer von Schalke 04 im Winter zum FC Bayern München wechselt. Er wisse das aus einer sicheren Quelle. Es mag ja sein, dass er gute Kontakte hat und einiges weiß, aber warum plaudert er das aus und tritt damit eine Diskussion los. Für die Medien ist das natürlich eine grandiose Geschichte, aber irgendwie gehört das einfach nicht zu seinen Aufgaben und da hat er auch nichts beizusteuern.

Es war im Juni 2008, als ein Dortmunder Fan bei einem Spiel der BVB-A-Jugend gegen den Rivalen Schalke 04 einem Schalke-Anhänger den blau-weißen Fan-Schal klaute. Nun musste der Fan seine Dortmunder Dauerkarte abgeben und ist vom Landgericht Dortmund zu sechs Monaten Bewährungsstrafe verurteilt worden. Hallo? Was ist denn da los? Es heißt zwar auch, er sei gewaltbereit gewesen, aber für eine eventuelle Bereitschaft und ein geklautes Stück Stoff ein Stadionverbot und dann auch noch eine Bewährungsstrafe auszusprechen: warum?

Eine Frage, drei Fälle. Die sind zwar unterhaltsam, aber irgendwie auch unnötig. Das Gute ist, man hat was zu schreiben.