„Die Play-offs wären ein echter Erfolg“

29 09 2011

Der Teammanager Mario Probst spricht über das Saisonziel, den Zuschauermangel und die Zukunftssorgen des Clubs.

Herr Probst, wegen eines Tarifstreiks droht die kommende NBA-Saison verspätet oder gar nicht zu beginnen. Haben Sie schon einmal daran gedacht, Dirk Nowitzki zu fragen, ob er diese Zeit nicht in Ludwigsburg überbrücken will?
Man muss schon die Realität kennen. Die Wahrscheinlichkeit ist hier so gering, da würde sich die Anfrage nicht lohnen. Wenn wir jetzt ein EuroleagueTeam wären, dann könnten wir sicherlich ein Szenario aufbauen, dass er hier richtig ist. Aber in Deutschland kommen eigentlich nur Berlin, Bamberg oder Bayern München in Frage.

Käme ein anderer NBA-Profi für Sie in Frage?
Wir wollen eine gesunde Mannschaft haben, das heißt Spieler mit den richtigen Motiven. Da es bei uns nicht nur um individuelle Ziele geht, würde ich mich schon fragen, warum ein gestandender NBA-Spieler hier spielen sollte. Außerdem reden wir da von Gehältern, die sogar unseren Gesamtetat übersteigen. Der Grund, in Ludwigsburg zu spielen, kann nicht Geld sein.

Sie haben vier Starter aus dem Kader der vergangenen Saison behalten können, auch der Trainer Markus Jochum ist geblieben. Seit Jahren konnten sie die lang ersehnte Kontinuität in die Tat umsetzen. Auch die Neuzugänge sind diesmal rechtzeitig geholt worden. Merken Sie schon eine positivere Entwicklung im Vergleich zu den Vorjahren?
Wir sind erstmal extrem froh, dass wir diese Kontinuität umsetzen konnten. Dass wir nun sieben Spieler aus dem Zehn-Mann-Kader halten konnten, ist natürlich ein Riesenvorteil. Man hat die Voraussetzung geschaffen für einen Vorsprung gegenüber den neu zusammengestellten Teams. Aber ein Vorsprung in der Vorbereitung zählt nichts, den müssen wir mit in die Saison nehmen und weiter ausbauen.

Die drei Neuzugänge sind besonders für ihre defensiven Qualitäten bekannt, war die Verteidigung das Hauptproblem in der vergangenen Runde?
Wir waren eine sehr gute Offensivmannschaft mit sehr guten Werfern und konnten gegen jedes Team der Liga individuell und als Mannschaft mitspielen. Die offensichtlichen Schwächen lagen definitiv in der Defensive, wir waren beim Rebound im unteren Drittel der Liga, uns hat zudem die physische Spielweise und die notwendige Härte in den entscheidenden Spielsituationen gefehlt. Hier haben wir versucht, personell Schwerpunkte zu setzen. Mit Kurt Looby haben wir einen Center, der in Offensive limitiert ist, aber seine Stärken in der Verteidigung hat, gut bei den Rebounds ist und auch einen Wurf blocken oder verhindern kann. Die Gegner denken bei ihm vielleicht etwas mehr nach, wenn sie in die Zone ziehen. Hinzu kommt, dass es in der Liga viele schnelle Aufbauspieler gibt. Deswegen hat der Trainer die Guard-Rotation um einen Spieler erweitert. Mark Dorris bringt diese Schnelligkeit mit, er hat zudem Stärken in der Verteidigung.

Sie haben kürzlich den Neuzugange Seth Tarver schon wieder ersetzt. Für ihn kam Terrell Harris. Was erhoffen Sie sich davon?
Leider konnte Seth Tarver sich nicht in der Weise in die Mannschaft spielen, wie wir uns das erhofft haben, daher das Vertragsende in der Probezeit. Mit Terrel Harris haben wir einen Spieler verpflichtet, der bereits Erfahrung in Europa gesammelt hat und sowohl defensiv als auch offensiv sehr viel Potential besitzt. Wir erwarten uns mit seiner Integration eine weitere Verbesserung unseres derzeitigen Leistungsniveaus.

Reicht das, um Toby Bailey zu ersetzen?
Wir können über keinen Spieler sagen, dass er Toby Bailey eins zu eins ersetzen kann. Er hat alles erlebt, hat schon in der NBA gespielt, in der Euroleague und mehrere Jahre in Deutschland. Die Erfahrung eines 35-Jährigen ist nicht zu ersetzen. Das muss in diesem Jahr das Team als Ganzes auffangen. Alex Harris, Johannes Lischka und Terrel Harris werden alle auf dieser Position Zeit verbringen. Aber noch mehr in der Pflicht sind die großen Drei: Jerry Green, Donatas Zavackas und John Bowler. Jerry hat in der Pause viel gemacht, John ist vielleicht in der besten Verfassung seiner Karriere, Donatas steht körperlich sehr gut da und ist mit seiner Spielintelligenz und Wurfqualität einer der gefährlichste Vierer in der Liga.

Ein weiterer Neuzugang ist Steven Key, er kam als Ersatz für den Assistenztrainer Steven Clauss, warum?
Es gab keinen speziellen Grund. Die Zusammenarbeit mit Clauss war auf ein Jahr geschlossen. Das Verhältnis Trainer zu Co-Trainer ist das engste, das es in einem Verein gibt. Da muss die Chemie hundertprozentig stimmen. Steven Key passt da vielleicht noch ein bisschen mehr ins Gesamtprogramm. Steven Key ist Amerikaner, der aber sehr gut Deutsch spricht, er ist ein tolles Bindeglied zwischen Mannschaft und Headcoach. Gleichzeitig hat Key sehr viel Wissen, das er jungen Spielen weitergeben kann. Er nimmt auch eine Schnittstellenfunktion zwischen Profimannschaft und Basketball-Akademie ein, Spieler wie Jonathan Maier, Tim Koch oder Besnik Bekteshi sind absolut in seinem Verantwortungsbereich.

Ausgewechselt wurde auch die Trikotfarbe, aus den Gelben Riesen wurden die weißen Riesen. Wie kam es dazu?
Wir spielen das zehnte Jahr in der Bundesliga und haben uns immer als innovativen Verein gesehen. Wir hatten beim Auszug aus der Rundsporthalle ein weißes Trikot, das bei den Fans extrem gut ankam. Aber die Vereinsfarben schwarz-gelb sind auch auf dem weißen Dress, daher sind wir weiterhin aber die Gelben Riesen. Wir wollten einfach etwas Frisches für die Saison reinbringen.

Die Kontinuität ist da, die Neuzugänge stellen zufrieden. Eigentlich kann es so doch nur ein Saisonziel geben: die Play-offs.
Vorbereitung ist Vorbereitung, die Ergebnisse spielen keine Rolle. Was zählt ist, was am 3. Oktober gegen Gießen passiert.

Aber die Mannschaft geht mit einem besseren Gefühl in die Runde.
Ich glaube, dass sich das Team schon ein gewisses Selbstvertrauen erspielt hat. Wir haben im Vergleich zu den neuformierten Mannschaften schon das ein oder andere gewisse Element mehr, und natürlich haben die Jungs ein gewisses Selbstverständnis. Aber darauf haben wir ja gesetzt. Es wäre schlimm, wenn das nicht so wäre.

Die Kontinuität ist diesmal da, die Neuzugänge haben die gesamte Vorbereitung mitgemacht. Eigentlich kann es nur ein Ziel geben: die Playoffs.
Es ist schwierig, jetzt ein anderes Ziel zu finden. Alle Spieler haben sich die Playoffs als Ziel gesetzt. Dafür benötigt man wohl mindestens 19 Siege. Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass wir nur eine Verletzung davon entfernt sind, ganz schnell nicht mehr über die Playoffs zu sprechen. Außerdem ist die Liga definitiv stärker als im vergangenen Jahr. Man kann sogar sagen, dass es die stärkste Beko BBL aller Zeiten ist.

Das könnte auch wieder mehr Zuschauer anlocken. Die Ludwigsburger Arena hat laut der Beko BBL ein Fassungsvermögen von 5300 Besuchern, und in der abgelaufenen Spielzeit kamen im Schnitt aber lediglich 2900 Zuschauer – 300 weniger als das Jahr zuvor. Hier haben Sie sich bestimmt mehr erhofft?
Wir müssen erst einmal die Zahlen zurechtrücken. Wir haben 4500 Plätze. Es gab zwar in der Bauphase Pläne für über 5000 Plätze, aber die Realität war dann doch anders. Bei dem jetzigen Zuschauerschnitt ist da sicherlich noch Potential vorhanden.

Warum wird dieses nicht ausgeschöpft?
Wir müssen selbstkritisch sagen, dass wir bisher sehr wenig Kontinuität hatten. Zudem waren die Ergebnisse nur zum Teil zufriedenstellend. Aber ich glaube, das ganze Umfeld hat die abgelaufene Saison in der Nachbetrachtung als positiv wahrgenommen und als ersten Schritt in die richtige Richtung. Wir haben Identifikationsfiguren wie Jerry Green, David McCray oder John Bowler und auch noch den Beko BBL ALLSTAR Day im Januar, was vielleicht einen Extraschub gibt. Aber die Ergebnisse müssen natürlich stimmen. Natürlich ist es unser Ziel, den Zuschauerschnitt zu steigern und über 3000 zu kommen. Wenn wir bei 3500 liegen, haben wir schon gut gearbeitet. Man muss das aber auch in Relation zu den 2200 Zuschauern in der Rundsporthalle setzen. Man darf ja nicht vergessen, wo wir herkommen.

Sie haben in der abgelaufenen Saison viele Zuschaueraktionen wie den Familienmonat oder den Spielertalk veranstaltet. Was haben Sie sich für die kommende Runde überlegt?
Die Jugend spielt bei uns definitiv eine große Rolle, das ganze Schul- und Vereinsprogramm, Ferien- und Schulcamps, wo wir es schaffen, über die Kinder ganze Familien für den Basketballsport zu begeistern. Es geht vor allem darum, dass man einen Bezug von der Mannschaft, von den Spielerpersönlichkeiten zu den Fans schafft, und dieser muss direkt sein. Unsere Mannschaft muss präsent sein und am öffentlichen Leben teilnehmen.

Diese ganzen Aktionen kosten natürlich auch Geld. Wie hoch ist der Ludwigsburger Gesamtetat?
Wenn man eine Rangliste in der Liga aufstellt, befinden wir uns irgendwo zwischen Rang neun und zwölf, was das Gesamtbudget angeht. Aber wir haben den Anspruch, sportlich mehr als Rang neun aus unserem Budget zu machen. Wir wollen eine Underdog-Rolle im Konzert der Großen einnehmen und zu Hause gegen jeden um den Sieg mitzuspielen.

Das ist natürlich mit Platz neun bis zwölf in der Budgettabelle schwieriger. Wo positioniert sich Ludwigsburg eigentlich: Mitläufer in der Liga, Überraschungsteam, Sprungbrettclub, Ausbildungsverein?
Wir stehen ziemlich genau in der Mitte der Liga. Wir können uns nicht die beste Qualität kaufen und damit in sehr kurzer Zeit Erfolg einfahren. Wir brauchen eine Mischung aus erfahrenen und jungen Kräften. Um unser Gerüst an Erfahrung müssen wir eine Gruppe aufbauen, die Entwicklungspotential hat – unabhängig davon, ob das jetzt jüngere ausländische oder deutsche Spieler sind. Wir brauchen Nachwuchsspieler, die sich in ein, zwei Jahren weiterentwickeln, wie beispielsweise Alex Harris. Vielleicht ist für ihn Ludwigsburg ein Sprungbrett. Für Jerry Green war es das damals, aber ich würde uns nicht als Ausbildungsverein bezeichnen. Eher als Verein, in dem Entwicklung und Ausbildung eine große Rolle spielt, und damit größtmöglichen sportlichen Erfolg erzielt.

Von 2013 an werden die Stadtwerke das Stromnetz in Ludwigsburg alleine betreiben, ihr Hauptsponsor EnBW ging bei den jüngsten Verhandlungen leer aus – und lässt bislang auch ein klares Bekenntnis für eine Fortsetzung des Sponsoringvertrages mit den Basketballern vermissen. Der Vertrag läuft 2012 aus. Wie gehen Sie mit dieser Situation um, denn ohne den Energieversorger wäre Erstligabasketball in Ludwigsburg nicht möglich?
Absolut. Das ist aber Chefsache. Ich weiß, dass sich der Vorstand und der Beirat des Vereins seit mehr als zwei Jahren sehr intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen. Für uns ist es wichtig, das Thema Basketball in Ludwigsburg weiterhin nachhaltig betreiben zu können. Die EnBW AG hat einen wichtigen Anteil, an der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Vereins. Fakt ist, dass es aktuell noch keine Lösung zum Thema Hauptsponsor gibt. Viel mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Aber Sie können generell sagen, welche Probleme mit der Abhängigkeit von nur einem Sponsor mitschwingen?
Der ganze Profisport hängt heutzutage von Geldgebern aus der Wirtschaft ab, das ist keine neue Situation.

Aber in vielen Fällen beschränkt sich die Abhängigkeit nicht nur explizit auf einen Sponsor.
Natürlich ist die EnBW AG ein Partner, ohne den das hier nicht möglich wäre, ohne den wir keinen Erstliga-Basketball auf die Beine stellen könnten. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Hauptsponsor so eine Wichtigkeit hat. Wie gesagt, es ist absolut Chefsache.

Okay, kommen wir zurück auf das Parkett. Sie haben es angesprochen. Koch, Maier, Bekteshi und auch McCray entspringen der hiesigen Ausbildung. Es kommen U16-Nationalspieler nach. Die Liga hat Ihre Nachwuchsarbeit jüngst ausgezeichnet. Wie können Sie dieses Potential in Ludwigsburg halten?
Die Jungs brauchen ein Umfeld, in dem sie spüren: Ich komme weiter. Die schulische und die basketballerische Ausbildung müssen gut sein. Hier sind wir auf einem guten Weg. Wir haben ein Spitzensportteam bei den Trainern, wir haben ein Internat, insgesamt eine sehr gute Grundlage. Die medizinische Profiabteilung kümmert sich auch um den Nachwuchs. Die Plattformen JBBL, NBBL und Regionalliga helfen bezüglich der Spielpraxis. Und dann kommt der entscheidende Punkt, ob sie sich in der Pro A in Kirchheim oder in der Bundesliga bei uns durchsetzen. Wenn ein Spieler wie David spielt, dann gibt es Motivation in das ganze Programm. Auch ein Spieler wie Tim Koch hat gezeigt, dass man mit einer guten Einstellung sehr weit kommt. Und wenn ein 17-Jähriger wie Bekteshi im vergangenen Jahr aufs Feld kommt, wird den Jungs klar: Da gibt es einen Weg. Hinzu kommt das nötige Vertrauen der Trainer. Nur so gelingt es uns als Verein, mit diesen Spielern langfristige Verträge zu schließen.

Sie haben früher selbst in der ersten und zweiten Liga gespielt. Wie unterscheidet sich der heutige Nachwuchs von früher?
Er hat um ein Vielfaches bessere Bedingungen als vor rund 15 Jahren. Da hat sich in Deutschland sehr viel getan. Schon die Ligen JBBL und NBBL bringen die Vereine dazu, das Ganze professioneller anzugehen. Auch die Sportinternate gab es in der Form nicht. Dadurch ist die Vereinbarkeit von Schule und Leistungssport besser geworden. Aber dadurch hat sich die Einstellung natürlich auch geändert. Wir vermitteln daher immer wieder, dass sich die Prinzipien, wie man im Sport erfolgreich ist, nicht ändern. Dirk Nowitzki ist hier das beste Beispiel. Er hatte auch immer ein gutes Umfeld, aber er selbst hat immer noch mehr getan. Die besten Trainer, das beste Umfeld, die besten Bedingungen machen noch lange keinen guten Spieler. Der Spieler macht sich immer auch selbst. Wenn schon viel da ist, ist der Antrieb, sich etwas zu holen etwas kleiner. Aber die Jungs verinnerlichen schon, dass man selbst sehr viel tun muss – auch dank solcher Beispiele wie Nowitzki.

Die Zukunft sieht gut aus in Ludwigsburg. Aber steht die aktuelle Mannschaft nach vier Spielzeiten ohne den Einzug in die Playoffs nicht schon unter Druck, um nicht Gefahr zu laufen, dass Basketball in Ludwigsburg bald nur noch eine Nebenrolle spielt?
So dramatisch würde ich es nicht formulieren. Ludwigsburg hat ein fachkundiges Publikum. Das kann schon beurteilen, wie eine Mannschaft spielt, ob sie Kampf, Herz, Leidenschaft zeigt. Und wenn man dann Playoffs so knapp verpasst wie in der vergangenen Saison, dann ist das nicht lebensbedrohlich. Man muss mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. In jeder Saison ist es das erste Ziel, zehn Siege einzufahren. Dann hat man in der Regel den Klassenverbleib geschafft. Und wenn wir es am Ende in die Playoffs schaffen, dann wäre es ein echter Erfolg.





Die Favoriten auf den Titel eint das B

29 09 2011

Basketball Bamberg, Berlin und Bayern gelten als stärkste Teams der Liga.

Robin Benzing verpasst den Ulmer Neuanfang. Der Flügelspieler des Basketball-Bundesligaclubs an der Donau ist zum Aufsteiger Bayern München gewechselt. Während er wohl um den Titel spielt, werden seinem ehemaligen Verein zumindest Außenseiterchancen auf den Einzug in die Endrunde zugetraut. Das hat verschiedene Gründe.

Die Ulmer ziehen von der Kuhberghalle in die neue Arena in der Nachbarstadt Neu-Ulm um. Dadurch wurde nicht nur die Erstligazugehörigkeit gesichert, die Spielstätte bietet mit ihren 6200 Plätzen auch mehr Raum für die Fans. Neu ist zudem der Großteil der Mannschaft, neun Zugängen stehen elf Abgänge – darunter der Trainer Mike Taylor – gegenüber . Ihn ersetzt Thorsten Leibenath. Neue Halle, neues Team, neuer Trainer: das verspricht trotz Benzings Wechsel frische Euphorie bei den Ulmern.

Ludwigsburg peilt hingegen definitiv die Endrunde an und kämpft wohl um die Plätze sechs bis acht – so wie Braunschweig, Bremerhaven und Göttingen. Zwischen 18 und 20 Saisonsiege dürften für die Play-off-Teilnahme reichen, mit zehn ist in der Regel der Klassenverbleib gesichert. Daran denken die Verantwortlichen in Bamberg, Berlin und bei den Bayern sicherlich nicht.

Die drei „großen B“ sind die Titelfavoriten. Der amtierende Meister aus Bamberg hat ein eingespieltes Team. Berlin konnte sich gut verstärken, unter anderem kam der MVP, der beste Spieler der abgelaufenen Saison, DaShaun Wood aus Frankfurt. Und von den Münchnern erwarten viele Wunderdinge. Der Aufsteiger hat mit dem ehemaligen Bundestrainer Dirk Bauermann einen der besten seines Faches an der Außenlinie, hinzu kommen starke Neuzugänge wie die Nationalspieler Benzing oder Philipp Schwethelm. Und auch das Engagement des Präsidenten Uli Hoeneß ist dem Club sicher – sprich: das Geld. Da ist trotz des Weggangs von Sharrod Ford der Titel im Aufstiegsjahr möglich.

Frankfurt, Oldenburg und die Artland Dragons sind die Favoriten auf die Plätze vier bis sechs. Tübingen, Bayreuth, Würzburg, Bonn , Trier, Gießen und Hagen werden wohl im hinteren Tabellendrittel landen. In dieser Saison ist aber jedes Team für eine Überraschung gut. Die Experten sprechen von der besten Basketball-Bundesliga aller Zeiten, und der BBL-Geschäftsführer Jan Pommer hat schon eine Vision: „Bis 2020 soll die Bundesliga die stärkste Nationalliga in Europa sein.“

 veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (28. September)





„Ralf Rangnick wird zu alter Stärke finden“

25 09 2011

Die Diplompsychologin Manuela Kracheletz spricht über Burn-out und die Sonderstellung des Spitzensports.

Mit seinem Rücktritt als Schalker Fußballtrainer hat Ralf Rangnick eine Diskussion über psycho-physische Erkrankungen ausgelöst. Der prominente Fall könnte auch vielen anderen helfen, glaubt Manuela Kracheletz.

Frau Kracheletz, hat es Sie gewundert, dass Ralf Rangnick an einem vegetativen Erschöpfungssyndrom leidet, oder wurde es Zeit, dass auch mal ein Spitzenfußballtrainer wegen dieser Erkrankung kürzertritt?
Es ist nicht nur für ihn gut, dass er das tut. Er hilft damit auch vielen anderen Menschen, die betroffen sind und sich wegen ihres Arbeitgebers nicht trauen, solch ein Leiden zuzugeben. Viele sagen mir oft: „Es darf niemand wissen, denn dann verliere ich mein Ansehen.“ Je mehr sich outen, desto besser ist es. Ein prominenter Fall wie Rangnick nimmt vielen die Scham und macht Mut.

Wie weit ist es vom Burn-out zur Depression?
Das kommt immer darauf an, wie sehr ein Patient ausgebrannt ist. Es gibt eine Erschöpfungsdepression. Das ist eine reaktive Depression, bei der man keinen Antrieb und keine Lebensfreude mehr spürt. Die ist aber nur vorübergehend und hört auf, wenn die Ursachen verändert werden.

Auch Ralf Rangnick hat sich antriebslos und müde gefühlt. Deswegen hat er sich dem Schalker Mannschaftsarzt Thorsten Rarreck im Juli anvertraut. Die ersten Therapiemaßnahmen haben aber nicht geholfen.
Die Frage ist, welche Maßnahmen durchgeführt wurden. Letztlich ist es im Umfeld Spitzensport aber auch sehr schwierig, denn dieses erwartet, dass man permanent funktioniert, und gesteht einem keine Auszeit zu. Wenn sich Ralf Rangnick diese jetzt nimmt, hat er die ganz, ganz große Chance, sein Leben und seine Arbeit so zu verändern, dass es ihm bald besser gehen wird, er wieder leistungsfähig ist und Lebensfreude verspürt.

Ist der Spitzensport anfälliger für Burn-outs als andere Bereiche?
Ich glaube, es macht überhaupt keinen Unterschied, ob man Spitzensportler, Topmanager oder Krankenpfleger ist. Es ist immer die Frage, ob die Energie, die aus dem Menschen herausgenommen wird, auch wieder zurückgeführt wird.

Aber Akteure des Leistungssports müssten doch durch den ständigen öffentlichen Druck anfälliger für diese Erkrankung sein als beispielsweise ein Bankmanager.
Der wird bei schlechter Leistung aber auch rausgekickt. Es gibt einfach Menschen, die mögen die Öffentlichkeit, und dann ist es egal, ob 10 oder 100 000 zuschauen. Wesentlich ist, was einen dazu bringt auszubrennen. Da spielt die Öffentlichkeit eine geringe Rolle, denn es brennen ja Menschen aus allen Berufsbereichen aus, sogar Schüler und Studenten.

Nimmt denn der Spitzenfußball eine Sonderstellung ein?
Sicherlich ist der Druck dort am größten, weil dort das meiste Geld fließt und das System auch werbetechnisch sehr gepusht wird. Man muss sich daher überlegen, ob man in diesem System agieren will und mit welchen Strategien man dort gut zurechtkommen kann.

Ralf Rangnick wollte in diesem System arbeiten. Er hatte sich nach dem Abgang in Hoffenheim eigentlich selbst eine Erholungsphase verordnet, diese dann aber wegen des Schalker Angebots nicht durchgezogen. Will der Mensch nicht akzeptieren, wenn er eine Pause braucht?
Sich das selber eingestehen zu müssen ist so schwer. Hier hat der Spitzensport aber tatsächlich eine kleine Sonderstellung, weil es in besonderem Maß um Leistung und Stärke geht. Da hat man schnell das Gefühl, ich verliere das Gesicht, wenn man Schwäche zeigt. Außerdem ist immer die Hoffnung da, dass es schon nicht so schlimm ist. Und so ein Angebot wie Schalke reizt dann natürlich auch. Das ist doch ganz menschlich und ginge jedem so.

Psychologen sagen, im Sport werde der Leistungsgedanke quasi pervertiert. Ist das nicht genau das Problem?
Ja, es ist aber in den Wirtschaftsunternehmen genauso. Im Spitzensport wird immer Topleistung gefordert, am besten immer besser zu sein als beim vergangenen Mal. In Wirtschaftsunternehmen soll dafür mit immer weniger Menschen in immer kürzerer Zeit ein noch höherer Gewinn erzielt werden. Wir gehen zunehmend menschenunwürdig mit uns selbst und den Menschen in unserem Umfeld um. Es fehlt häufig der Respekt vor dem anderen. Das ist aber ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Aber vor allem der Spitzenfußball ist medial sehr präsent. Profis, Trainer und ihre Arbeit werden immer gläserner. Inwiefern steigt dadurch die Gefahr des Burn-outs?
Je höher der Druck ist, desto unangenehmer und belastender ist es. Daher ist die Gefahr dann auch größer. Wenn man bestimmt, alle Leistungsfaktoren öffentlich zu machen, muss man sich auch überlegen, welche enormen Konsequenzen das haben kann und ob man das verantworten kann.

Das ist dann eher eine Problematik des Systems Spitzenfußballs. Hier sollte wohl mehr hinterfragt werden, welche Folgen gläserne Profis auf die Menschen haben könnten.
Ja, aber ich bin natürlich Idealistin. Bei mir steht die Wertschätzung des Menschen an erster Stelle, im Spitzensport aber wohl eher die Leistung und der Erfolg. Jeder ist in der Verantwortung zu überlegen, ob ein bestimmtes Ziel es wert ist, Menschen zu „verbrennen“.

Warum erkranken Menschen eigentlich am vegetativen Erschöpfungssyndrom?
Weil sie sich überfordern oder überfordert werden und weil sie sich nicht gut genug um sich selbst kümmern. In der professionellen Beratung lernen sie, auf sich zu achten und mit sich selbst im Einklang zu sein.

Ralf Rangnick wird allseits gelobt, dass er sich getraut hat, seine Erschöpfung öffentlich zu machen. Rechnen Sie nun mit einer Flut von Sportlern, die sich bekennen?
Ich könnte mir vorstellen, dass nun mehrere Sportler Unterstützung bei einem psychologischen Berater suchen.

Der Schalker Mannschaftsarzt hat gesagt, Ralf Rangnick wird wieder zu alter Stärke finden. Werden die Fußballfans ihn auch wieder auf der Trainerbank sehen?
Natürlich wird er zu alter Stärke finden. Der Punkt ist dann: Wie wird er sein Leben gestalten, und was wird ihm Freude machen? Er hat die Wahl, das frei zu entscheiden, und wird diese Frage zu einem anderen Zeitpunkt beantworten.

Zur Person Manuela Kracheletz hat ihr Studium in Gießen absolviert und sich im Beratungs- und Coachingsektor weitergebildet. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Lebensqualität, Neuorientierung und Stressbewältigung. Seit 1995 ist die 42-Jährige als Coach im Raum Stuttgart tätig und führt seit August in Ditzingen im Kreis Ludwigsburg eine Burn-out-Ambulanz – die erste Süddeutschlands. Informationen rund um das Thema Burn-out sind im Internetauftritt von Kracheletz unter http://www.burnoutambulanz.de oder unter Telefon 0 71 56/17 49 77 erhältlich.

 veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (24. September 2011)





„Man sieht nur Wasser“

25 09 2011

Der Tübinger Wildwasserschwimmer Axel Schwedat über hohe Wellen, Steine am Flussboden und den Kick der Strömung.

Der Tübinger Schwimmtrainer Axel Schwedat (29) hat am Samstag an der 4. Internatiionalen Deutschen Meisterschaft im Wildwasserschwimmen im Ötztal teilgenommen. Er schwamm bis zur totalen Erschöpfung und sagt: „Der Reiz ist der Kampf Mensch gegen Natur.“

Herr Schwedat, was geht in einem vor, wenn man in einem Wildwasserfluss schwimmt?
Ich wusste nicht, auf was ich mich einlasse. Von außen sah es spektakulär aus. Man hat Respekt, und wenn die Knie absinken, kommen die Steine. Außerdem sieht man im Fluss überhaupt nichts, nur Wasser.

Wie läuft so ein Rennen ab?
In den rund 1,5 Kilometern mussten wir dreimal am Flussrand eine Plane berühren. Es ist sehr anstrengend, die Strömung in der Mitte zu verlassen, und wenn man das zu spät macht, hat man keine Chance mehr, zurück zu diesen Checkpoints zu kommen. Danach wieder in die Strömung zu schwimmen ist auch nicht leicht. Im oberen Streckenteil waren die Wellen hoch und der Wasserstand niedrig, unten wurde es ruhiger, und man musste anständig paddeln.

Hohe Wellen, starke Strömung und Steine: wie schützen sich die Schwimmer?
Wir haben alle einen Helm, eine Schwimmweste und einen Neoprenanzug getragen. Das war bei einer Wassertemperatur von zwölf Grad wichtig. Ich hatte auch noch Schuhe. Zum Glück, denn einige andere haben sich Schürfwunden und Verletzungen an den Füßen zugezogen. Auch eine Schutzbrille konnte man tragen.

Warum suchen Sie dieses Risiko?
Mich hat das ursprüngliche Mensch gegen Natur motiviert. Außerdem ist es reizvoll, einen Wettkampf zu bestreiten, der noch nicht so etabliert ist, und es macht unglaublich Spaß. Wildwasserschwimmen ist eine tolle Möglichkeit, einen Kick zu finden.

Auch mit einem Bandscheibenvorfall, der bei Ihnen vor zwei Monaten festgestellt wurde?
Ich habe da erst gedacht, dass ich den Wettkampf nicht machen kann. Aber die Reha lief gut, und ich habe von meiner Physiotherapeutin grünes Licht bekommen.

Mit 12:15,11 Minuten war nach dem Vorlauf Schluss, der Sieger brauchte etwas mehr als acht Minuten. Sind Sie dennoch zufrieden?
Auf jeden Fall. Es ging mir darum, ins Ziel zu kommen und keinen Checkpoint zu verpassen. Danach hätte ich ohnehin keine 100 Meter mehr schwimmen können. Aber nächstes Jahr will ich wiederkommen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. September 2011)