Lebensgefahr als Job-Alltag_Vom Nahen Osten nach Tübingen: Patrick Leclercq prägt die Berichterstattung aus der arabischen Welt

20 11 2009

Jetzt gibt es mal wieder etwas Sportfernes. Ich fand das Treffen mit Patrick Leclercq damals sehr interessant, wollte den Text daher auch hier posten. Inzwischen konnte ich an der DJS den im Text angesprochenen Bundeswehr-Lehrgang für Journalisten in Krisen- und Kriegsgebieten auch besuchen. War echt gut.

Der ARD-Korrespondent Patrick Leclercq referierte am Montagabend bei der fünften Tübinger Mediendozentur. Zuvor verriet der Moslem im TAGBLATT-Interview, warum er „krankhafte Züge“ hat.

Tübingen. Seine Stimme ist stets ruhig und sonor. Die Gesten sind klar, aber nicht hektisch. Manchmal lacht er laut auf. Wenn er von seinen Erfahrungen erzählt, spürt man einen gewissen Stolz. Patrick Leclercq sitzt mit Anzug und Krawatte auf der Couch, lehnt sich meist nach vorne. Nur bei wenigen Antworten ruht er sich an der Rückenlehne aus. Das passt zu seinem persönlichen Berufscredo: „Korrespondenten haben immer Dienst“, sagt der 1950 in Baden-Baden geborene Sohn einer Deutschen und eines Franzosen. Er habe sich aber daran gewöhnt. „Es ist ein 24-Stunden-Job, der einen mit Haut und Haaren frisst. Aber wir haben es ja gern“, sagt Leclercq lachend bevor er zugibt: „Es hat schon krankhafte Züge, dass man ohne nicht mehr kann.“

Leclercq hat 1973 das Studium an der Berliner Filmakademie abgebrochen und seine journalistische Laufbahn beim damaligen Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart begonnen. „Wir sind damals gern nach Tübingen gekommen, hier war es einfach lustiger“, erinnert sich Leclercq. Er war vor der Festanstellung 14 Jahre lang Freier Mitarbeiter und ist „die Hühnerleiter hochgeklettert. Ich habe mir das Handwerk richtig angeeignet.“ Im Ausland war Leclercq erstmals 1982 – als Berichterstatter über den libanesischen Bürgerkrieg. „Ich wusste damals nicht, wie es geht. Das Fenster von innen abzukleben, damit bei einer Explosion keine Splitter reinfliegen, habe ich von meinen Kollegen gelernt“, berichtet der ARD-Korrespondent.

Der heutige Journalistennachwuchs bei der ARD wird für die Krisengebiets-Berichterstattung ausgebildet – auch von der Bundeswehr. „Ich selbst gehe mit den jungen Leuten am liebsten direkt raus und zeige ihnen beispielsweise, dass sie eine bestimmte Straße nicht nehmen sollen, weil man sie dort von einem Flieger aus entdeckt“, erklärt Leclercq. Bei einem Aufenthalt in Bagdad müsse man alles genau planen: Welchen Weg nehme ich, fahre ich mit einer Eskorte? Das müsse sich ein Korrespondent fragen. „Ich kenne den Irak, aber auch ich überlege mir das verdammt gut. Dennoch habe ich die Hosen voll, bis ich im Hotel bin“, verrät er.

Seine gefährlichste Erfahrung hatte Leclercq Ende der Achtziger. Nach dem Besuch bei einem libanesischen Kollegen sind er und sein Kameramann beinahe entführt worden. „Die Leute haben uns in ein Auto ohne Kennzeichen gesteckt. Aber unser Kollege hat es bemerkt und zusammen mit Freunden das Auto gestoppt. In dieser Nacht haben wir zu zweit eine Flasche Whiskey getrunken.“ Für den Einsatz in Kriegsgebieten gibt es keine Gefahrenzulage. Aber als Korrespondent bekomme er einen Auslandzuschuss. „Ich arbeite in einem unruhigen Berichtsgebiet, wo wir alle zwei Jahre einen Krieg haben. Wenn etwas passiert, ist es meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dort hinzugehen“, sagt Leclercq nüchtern. Aber Angst sollte immer dabei sein, sonst werde es lebensgefährlich.

Auf die Frage, warum er sich dieser Gefahr aussetze, antwortet Leclercq: „Ich habe mich in die arabische Welt verliebt. Mich interessiert außerdem, dass Arabien eine Krisenregion ist.“ In knapp zehn Tagen wird er in den Jemen reisen. „Wenn sie Pech haben, werden sie entführt, damit die eine Straße oder Schule bekommen“, sagt der mit einer Muslima verheiratete Vater zweier Kinder. Er selbst ist wegen der Hochzeit zum Islam konvertiert – Folgen für das tägliche Leben hat das aber nicht. „Ich esse weiter Schweinefleisch und trinke Bier“, erzählt Leclercq. Für den Job bringe die Islam-Zugehörigkeit Vorteile. Aber die Kooperation mit den arabischen Medien klappe ohnehin gut. „Wir bekommen im Zweifelsfall auch Material.“ Die Medienlandschaft sei im Nahen Osten aufgebrochen, als private Sender wie Al Jazeera oder Al Arabiya entstanden. „Sie arbeiten relativ frei, machen einen guten Job. Der Blickwinkel ist aber völlig anders. Al Jazeera unterstützt dennoch keine Terroristen“, konstatiert Leclercq.

Die Gesellschaften in der arabischen Welt haben einen in sich gesunden Kern, „einerseits aufgrund der Familie, andererseits wegen der Religion. Das Wertesystem ist noch nicht so angeschlagen wie bei uns.“ Er denkt, dass Christen und Moslems nicht gut nebeneinander leben können. „Ich bin inzwischen pessimistisch geworden. Man merkt es zwar nur an Kleinigkeiten – aber die sind kristallklar“, sagt der Konvertit, der dann noch den Grund anführt, warum die Region zunehmend religiöser wird: „Der Westen hat nicht mehr die Anerkennung, die er mal hatte, ist nicht mehr der Hoffnungsträger, der er mal war.“

Im Nahen Osten führe die Entstehung der neuen Regionalmacht Iran wohl bald zum nächsten Krieg. „Es wird eine Aktion geben – und zwar der größeren Art“, vermutet der Experte. Sollte es so sein, stellt sich die Frage, ob Patrick Leclercq dann noch berichtet – sein Korrespondentenvertrag läuft in zwei Jahren aus.

veröffentlicht im Schwäbischen Tagblatt (07. Mai 2008)

Tübingen. Seine Stimme ist stets ruhig
und sonor. Die Gesten sind klar,
aber nicht hektisch. Manchmal lacht
er laut auf. Wenn er von seinen Erfahrungen
erzählt, spürt man einen
gewissen Stolz. Patrick Leclercq sitzt
mit Anzug und Krawatte auf der
Couch, lehnt sich meist nach vorne.
Nur bei wenigen Antworten ruht er
sich an der Rückenlehne aus.
Das passt zu seinem persönlichen
Berufscredo: „Korrespondenten haben
immer Dienst“, sagt der 1950 in
Baden-Baden geborene Sohn einer
Deutschen und eines Franzosen. Er
habe sich aber daran gewöhnt. „Es
ist ein 24-Stunden-Job, der einen
mit Haut und Haaren frisst. Aber wir
haben es ja
gern“, sagt Leclercq
lachend bevor
er zugibt: „Es
hat schon krankhafte
Züge, dass
man ohne nicht
mehr kann.“
Leclercq hat
1973 das Studium
an der Berliner
Filmakademie abgebrochen und
seine journalistische Laufbahn beim
damaligen Süddeutschen Rundfunk
in Stuttgart begonnen. „Wir sind damals
gern nach Tübingen gekommen,
hier war es einfach lustiger“,
erinnert sich Leclercq. Er war vor der
Festanstellung 14 Jahre lang freier
Mitarbeiter und ist „die Hühnerleiter
hochgeklettert. Ich habe mir das
Handwerk richtig angeeignet.“
Im Ausland war Leclercq erstmals
1982 – als Berichterstatter über den
libanesischen Bürgerkrieg. „Ich
wusste damals nicht, wie es geht.
Das Fenster von innen abzukleben,
damit bei einer Explosion keine
Splitter reinfliegen, habe ich von
meinen Kollegen gelernt“, berichtet
der ARD-Korrespondent.
Der heutige Journalistennachwuchs
bei der ARD wird für die Krisengebiets-
Berichterstattung ausgebildet
– auch von der Bundeswehr.
„Ich selbst gehe mit den jungen Leuten
am liebsten direkt raus und zeige
ihnen beispielsweise, dass sie eine
bestimmte Straße nicht nehmen sollen,
weil man sie dort von einem
Flieger aus entdeckt“, erklärt Leclercq.
Bei einem Aufenthalt in Bagdad
müsse man alles genau planen:
Welchen Weg nehme ich, fahre ich
mit einer Eskorte? Das müsse sich
ein Korrespondent fragen. „Ich kenne
den Irak, aber auch ich überlege
mir das verdammt gut. Dennoch habe
ich die Hosen voll, bis ich im Hotel
bin“, verrät er.
Seine gefährlichste Erfahrung hatte
Leclercq Ende
der Achtziger.
Nach dem Besuch
bei einem
libanesischen
Kollegen sind er
und sein Kameramann
beinahe
entführt worden.
„Die Leute haben
uns in ein
Auto ohne Kennzeichen gesteckt.
Aber unser Kollege hat es bemerkt
und zusammen mit Freunden das
Auto gestoppt. In dieser Nacht haben
wir zu zweit eine Flasche Whiskey
getrunken.“
Für den Einsatz in Kriegsgebieten
gibt es keine Gefahrenzulage. Aber
als Korrespondent bekomme er einen
Auslandzuschuss. „Ich arbeite
in einem unruhigen Berichtsgebiet,
wo wir alle zwei Jahre einen Krieg
haben. Wenn etwas passiert, ist es
meine verdammte Pflicht und
Schuldigkeit, dort hinzugehen“, sagt
Leclercq nüchtern. Aber Angst sollte
immer dabei sein, sonst werde es lebensgefährlich.
Auf die Frage, warum
er sich dieser Gefahr aussetze,
antwortet Leclercq: „Ich habe mich
in die arabische Welt verliebt. Mich
interessiert außerdem, dass Arabien
eine Krisenregion ist.“
In knapp zehn Tagen wird er in
den Jemen reisen. „Wenn sie Pech
haben, werden sie entführt, damit
die eine Straße oder Schule bekommen“,
sagt der mit einer Muslima
verheiratete Vater zweier Kinder. Er
selbst ist wegen der Hochzeit zum
Islam konvertiert – Folgen für das
tägliche Leben hat das aber nicht.
„Ich esse weiter Schweinefleisch und
trinke Bier“, erzählt Leclercq. Für
den Job bringe die Islam-Zugehörigkeit
Vorteile. Aber die Kooperation
mit den arabischen Medien klappe
ohnehin gut. „Wir bekommen im
Zweifelsfall auch Material.“
Die Medienlandschaft sei im Nahen
Osten aufgebrochen, als private
Sender wie Al Jazeera oder Al Arabiya
entstanden. „Sie arbeiten relativ
frei, machen einen guten Job. Der
Blickwinkel ist aber völlig anders. Al
Jazeera unterstützt dennoch keine
Terroristen“, konstatiert Leclercq.
Die Gesellschaften in der arabischen
Welt habe einen in sich gesunden
Kern, „einerseits aufgrund
der Familie, andererseits wegen der
Religion. Das Wertesystem ist noch
nicht so angeschlagen wie bei uns.“
Er denkt, dass Christen und Moslems
nicht gut nebeneinander leben
können. „Ich bin inzwischen pessimistisch
geworden. Man merkt es
zwar nur an Kleinigkeiten – aber die
sind kristallklar“, sagt der Konvertit,
der dann noch den Grund anführt,
warum die Region zunehmend religiöser
wird: „Der Westen hat nicht
mehr die Anerkennung, die er mal
hatte, ist nicht mehr der Hoffnungsträger,
der er mal war. “
Im Nahen Osten führe die Entstehung
der neuen Regionalmacht Iran
wohl bald zum nächsten Krieg. „Es
wird eine Aktion geben – und zwar
der größeren Art“, vermutet der Experte.
Sollte es so sein, stellt sich die
Frage, ob Patrick Leclercq dann
noch berichtet – sein Korrespondentenvertrag
läuft in zwei Jahren aus.Der ARD-Korrespondent Patrick
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„Wenn ein Land die WM verdient hat, dann ein afrikanisches“_Interview mit Willi Lemke

11 11 2009

Folgendes Interview habe ich mit Willi Lemke im Rahmen eines Journalistenseminars in Feldafing am Starnberger See zum Thema „Bildkorrekturen – Sport, Entwicklung und Medien“ von Inwent geführt. Während des zweitägigen Treffens hat Lemke dort auch einen Vortrag gehalten – neben Sportlern, Funktionären, Botschaftern und Journalisten. Das Überthema wurde anhand der Olympischen Spiele in Peking und der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika diskutiert.

Willi Lemke, Sportsonderberater des UN-Generalsekretärs, über seine Arbeit für die Vereinten Nationen, die Chancen und Gefahren des Sports sowie die Bedeutung der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Herr Lemke, Sie sind seit April 2008 als Sonderberater des Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden bei den Vereinten Nationen tätig. Wie haben Sie das erste Jahr im Amt erlebt? Es ist eine sehr anstrengende und dennoch faszinierende sowie dankbare Arbeit, die es mir ermöglicht, interessante Projekte zu besichtigen und wichtige Entscheidungsträger zu treffen. Ich bin weltweit unterwegs und setze mich für den Sport als Entwicklungsinstrument ein, um die UN-Millenniumsziele zu erreichen. Dabei versuche ich, die einzelnen Akteure zu koordinieren und zu unterstützen.

Es heißt immer, der Sport solle nicht politisch sein. Ist das überhaupt möglich? Nein, Sport ist niemals unpolitisch. Die eigentliche sportliche Handlung ist es. Aber die Gesellschaft, in der der Sport stattfindet, macht ihn automatisch politisch. Die WM in Südafrika soll innen- wie außenpolitisch ein Riesenerfolg werden. Und wenn ein Land die WM verdient hat, dann ein afrikanisches. Ist das Turnier neben dem leidenschaftlichen Fußball und den feiernden Fans auch gut organisiert, dann wird der Erfolg für Südafrika und somit für den ganzen Kontinent noch größer sein. Denn die Medienpräsenz wird so groß sein, wie noch nie. Weitaus mehr als in Peking.

Wo sehen Sie die Grenzen des Sports als Entwicklungsinstrument und wo lauern die Gefahren? Das Thema Doping ist im Augenblick etwas sehr Belastendes. Das haben wir noch nicht voll im Griff. Es gibt viel zu viele Schwachstellen und die Gegenseite versucht immer wieder neue Rezepte zu finden, um zu betrügen. Auch Gewalt im Sport gibt es leider viel zu häufig, genauso Rassismus. Wir haben zudem illegale Wettpraktiken, die die Spiele und Ergebnisse manipulieren sollen. Das sind die dunklen Seiten des Sports, die ich gar nicht ausblenden will. Aber die positiven Seiten, die für das Individuum und für die Gesellschaft bis hin zur Entwicklung der Nationen in Richtung Entwicklung und Frieden wichtig sind, überwiegen deutlich.

Welche Rolle spielen die Medien bei der sportlichen Entwicklungspolitik? Ich würde nicht fordern: Schreiben Sie nur über die positiven Programme. Es gibt in der Tat viele Dinge, die auch ich in Frage stelle. Daher ist es wichtig, kritisch zu sein. Aber ich denke gerade an eine Judohalle im Rebellengebiet an der Elfenbeinküste, die 120 Kinder und junge Erwachsene in einem fantastischen Projekt aufgebaut haben. Dort wird Nachwuchsarbeit von den ganz Kleinen bis zu den Großen gemacht. Der Gender-Aspekt ist genauso dabei wie die Erziehungsfunktion, also zum Beispiel der Grundgedanke, den Gegner zu respektieren – egal welche Religion, welche Hautfarbe er hat. Wir benötigen Journalisten, um das zu transportieren. Daher haben sie eine ganz wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe. Man sollte nicht nur die negativen Aspekte hervorheben. Medien haben eine Verantwortung und dieser müssen sie sich bewusst sein. Daher muss eine Berichterstattung auch immer ausgewogen sein – auch wenn die Quote das Leben der Journalisten belastet.

Sie haben in einem Vortrag für Nachwuchsjournalisten gesagt, durch Sport ließen sich mittel- oder langfristig Kriege verhindern. Das ist ein sehr hohes Ziel. Wie meinen Sie das? Ich bin mir darüber im Klaren, dass der Sport Kriege nicht verhindern kann. Das haben wir nach der Eröffnungsfeier in Peking gesehen, als in Georgien auf einmal Panzer rollten. Und das obwohl wir wenige Monate zuvor bei den Vereinten Nationen einstimmig den olympischen Frieden beschlossen hatten. Das war ein furchtbarer Schlag. Aber das Beste der Spiele war für mich, als die russische Medaillengewinnerin von der georgischen bei der Siegerehrung des Luftpistolenwettbewerbs umarmt worden ist. Das war ein unglaublich wichtiges Symbol und hat der Politik deutlich die Rote Karte gezeigt und gesagt: Wir sind die Menschen und wir kriegen das ohne Waffen hin. Das war ein Signal des Friedens an die Welt.

Sie haben auch betont, dass durch die WM in Südafrika ein ehemals gespaltenes Land zusammengeführt werden könne. Ja, absolut. Ich sehe das als eine ganz große Chance und Herausforderung. Warum: Weil wir der Auffassung sind, dass die Menschen mit Stolz darauf schauen werden, wenn sie eine positive WM zustande gebracht haben – nicht in sportlicher Hinsicht, sondern als Gastgeber. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen werden zusammenrücken. Fußball kann das schaffen, was andere Bereiche nicht können. In Südafrika können sie dann sagen: Guckt mal, auf diesem Kontinent kriegen wir was hin, alle sind sicher, wir sind logistisch gut drauf, wir können etwas von A bis Z perfekt organisieren. Das ist innen- wie außenpolitisch ein Signal und schafft Vertrauen. Investoren werden kommen – das ist dringend erforderlich, damit Arbeitsplätze geschaffen, Armut und Elend bekämpft werden können und sich das Land friedlich weiterentwickeln kann.

Das klingt nach einem wichtigen Projekt für die Vereinten Nationen. Die WM ist eine ganz große Aufgabe. Der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat mir gesagt: Südafrika muss ein Erfolg werden – nicht nur für das Land, sondern für den gesamten Kontinent. Das hat Priorität. Das Turnier ist Risiko und Chance zugleich. Es gibt natürlich Herausforderungen, aber auch unendlich viel Potential. Es war eine mutige Entscheidung der Fifa und wir werden sie unterstützen.

Man denkt bei Entwicklungshilfe daran, die Wasserqualität zu verbessern oder Krankheiten zu bekämpfen. Was nützt es denn, in einer Schule den Sportunterricht einzuführen? Es ist für einen Bürgermeister irgendwo in Afrika wichtiger, eine Wasserleitung zu haben als einen Basketballkorb. Das ist völlig klar. Natürlich müssen die Grundbedingungen erst einmal gegeben sein. Wenn du die aber hast, darfst du auf den Sport nicht verzichten. Der Sport gehört dazu, die Kinder haben ein Recht auf Sport, ein Recht zu spielen und sich zu bewegen. Denn das hat eine Vielzahl von Funktionen, beispielsweise im pädagogischen Bereich. Wenn man einem Kind klar macht, dass es jeden Tag üben muss, um die Bananenflanke eines Tages zu beherrschen, wird es leichter kapieren, dass auch beim Vokabeln-Lernen das Üben wichtig ist. Genauso ist es bei Mathematik und Biologie.

Aber ist es überhaupt möglich, den Sport bei all den Problemen in den hilfsbedürftigen Ländern als entwicklungspolitisches Instrument einzusetzen? Natürlich ist mir klar, dass sie im Slum von Nairobi keine Mutter-Kind-Krippe finden, sondern verzweifelte Frauen, die versuchen, das Leitungswasser zu erhitzen, damit sie es trinken können. Das ist ein viel wichtigeres Problem als die sportliche Bewegungsstunde. Aber trotzdem hat das Kind ein Recht darauf, und daher sollten wir von den Vereinten Nationen versuchen, ganz gezielt Projekte im Sport anzubieten, die auch fortgesetzt werden, wenn die Entwicklungshilfe ausläuft. Das ist nämlich der entscheidende Punkt. Es dürfen keine Disteln auf der Sportanlage wachsen, weil sich keiner verantwortlich fühlt, wenn das Projekt abgeschlossen ist. Ich möchte eine Entwicklungspolitik, die die Menschen vor Ort mitnimmt. Sie müssen von sich aus sagen, wir wollen nicht mehr ohne Sport klar kommen und kümmern uns darum. Dann ist es optimal gelaufen…

…was in welchen Projekten der Fall ist? Ich kann da einige nennen. Das erwähnte Judo-Projekt finde ich sehr beeindruckend, weil es ausschließlich von Menschen aus der Elfenbeinküste selbst umgesetzt wird. Ich habe zudem ein Projekt in Durban gesehen, dass sehr meiner Auffassung entsprach – unterstützt von der Kommunalverwaltung. In einem Township mit tausenden von Teilnehmern, in sieben Sportarten, verschiedenen Locations und mit eigenen Übungsleitern. Das Tolle war, dass sich so viele zusammengeschlossen haben, um Sport zu treiben und Veranstaltungen zu organisieren. Die Menschen im Township wurden involviert und das ist besser und nachhaltiger, als es ohne dieses Potential, nur von oben herab, zu organisieren.

Es werden aber hauptsächlich westliche Sportarten verbreitet. Spielen bei Ihnen auch lokale Sportarten eine Rolle? Eine Kontinentalmeisterschaft im Bambuswerfen wird man sich nicht anschauen und man wird keine Sponsoren finden. Das ist das Problem. Aber ich möchte betonen, dass traditionelle Veranstaltungen unbedingt gefördert werden sollten, unter anderem auch von der Unesco. Wenn ich da etwas bewegen kann, würde ich mich immer für eine besondere Förderung durch die Vereinten Nationen oder deren Unterorganisationen einsetzen.

Welche Funktionen soll der Sport in Zukunft übernehmen und was haben Sie persönlich vor? Ich bin froh, dass mir Ban Ki-moon erneut Vertrauen geschenkt hat und ich für ein weiteres Jahr diesen tollen Job fortführen darf. Ich möchte mich für die Kinder in Gaza einsetzen und bin gerade dabei, mit meinem Büro in Genf nach Möglichkeiten zu suchen, wie ich die UN-Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge im Nahem Osten bei den Sommersportspielen in Gaza unterstützen kann. Außerdem möchte ich Schulen aus Entwicklungsländern mit Schulen aus Industrieländern zusammenbringen. Von Kind zu Kind, von Schule zu Schule, von Land zu Land. Es kostet keinen einzigen Pfennig, kein Steuergeld, keinen UN-Dollar. Du musst nur die Herzen der Kinder erreichen. Erst vor wenigen Monaten habe ich eine Partnerschaft zwischen einer südafrikanischen und einer Bremer Grundschule organisiert. Die Kinder haben gejubelt. Die Auseinandersetzung mit dem Lebensumfeld Anderer halte ich für unglaublich wichtig, damit man seine eigene Lebenssituation einzuschätzen lernt. Ich glaube, dass Sport ein Mittel zur positiven Veränderung der Welt sein kann…

…und auch zur Veränderung Ihres Gemütszustandes, wenn Werder gewinnt. Wie oft sind Sie denn noch im Weserstadion? Fast immer. Ich richte meinen Terminplan nach den Werder-Spielen. Ich schaue, dass ich mit dem Flugzeug immer so lande, dass ich um 15.30 Uhr ins Stadion kann. Wenn ich dann allerdings am Sonntag schon wieder weg muss, meckert meine Frau.

veröffentlicht im Magazin des Journalistenseminars
„Bildkorrekturen – Sport, Entwicklung und Medien“ von Inwent in Feldafing vom 27.-29. November 2008





Bundesliga-Kommentar_Magath der Fuchs

7 11 2009

18 Jahre jung, 1,93 Meter groß, Bundesligadebüt auf Position sechs. Der Schalker Nachwuchskicker Joel Matip hat zudem in seinem ersten Profispiel gleich ein Tor geköpft. Und dann auch noch gegen Bayern München in der Allianz Arena. Viel besser kann es nicht laufen. Matip zeigte zwar – verständlicherweise – einige Abspiel- und Stockfehler (Marcel Reif nannte das passend „Lehrgeld“.), spielte insgesamt aber ordentlich. Dass ein junger Spieler in seinem ersten Bundesliga-Spiel nervös ist, muss auch im Profigeschäft Fußball möglich sein.

Möglich gemacht hat das alles Felix Magath. Beim Schalker Monarchen denkt man da automatisch auch an eine kleine Stichelei in Richtung Ex-Verein Bayern München. Das passt einfach zu Magath. Und irgendwie hat Uli Hoeneß ja auch selbst provoziert, als er bei der Vorankündigung des Audi-Deals  eine Spitze in Richtung Gelsenkirchen nicht unterdrücken konnte. Aber jetzt mal weg von den Provokationen und eventuellen Sticheleien. Joel Matip war selbst zwar ein wenig von seiner Aufstellung überrascht, hätte die Chance aber nicht erhalten, wenn er Magath fußballerisch nicht überzeugt hätte.

Felix Magath hat jedenfalls im Nachhinein alles richtig gemacht, auch wenn Schalke beim 1:1 in München in der zweiten Hälfte das Offensivspiel fast ganz vergaß. Das dritte Unentschieden gegen einen Topklub nacheinander – vor allem in München ein Erfolg – und ein junger Spieler mit ordentlich Selbstvertrauen nach einem gelungenen Debüt. Matip erfüllte die Rolle im defensiven Mittelfeld in befriedigender bis guter Art und Weise.

Solche Entscheidungen passen zu Magath und machen außerdem Spaß. Trotz finanzieller Probleme macht er bei Schalke bisher einen guten Job und holt das Maximum aus dem Schalker Team heraus. Und dazu gehört auch die Aufstellung eines 18-jährigen Debütanten im Auswärtsspiel bei Bayern München auf einer der wichtigsten Position in einer Fußballmannschaft – mit viel Verantwortung.

Auf der anderen Seite läuft es hingegen nicht gut. Louis van Gaal wird noch „unerfolgreicher“ als Jürgen Klinsmann. Uli Hoeneß sagt zum Interview von Philipp Lahm in der Süddeutschen Zeitung: „Sie können sich sicher sein, dass er das noch bedauern wird.“ Luca Toni verlässt nach seiner Auswechslung in der Halbzeit direkt das Stadion. Da geht’s noch rund. Auch das wird Magath wohl ein wenig schmunzeln lassen.

Weitere Infos zu den Spielen im BUNDESLIGA-AKTUELL BLOG.





Pause / Der SPORTLICHe Wochenrückblick vom 1. bis 5. November 2009

7 11 2009

Leider macht die Rubrik Wochenrückblick erstmal etwas Pause. In der DJS ist es gerade intensiv, die Ausbildung frisst viel Zeit. Gebloggt wird aber weiterhin, nur etwas weniger.

Sonntag (1.11.)

Deutschland gewinnt Super Cup: Die deutsche Handballnationalmannschaft hat im Finale Dänemark mit 30:26 geschlagen und damit den Cup-Sieg errungen.

Vettel wird Vize-Weltmeister: Mit dem Sieg beim Abschlussrennen der Formel1-Saison in Abu Dhabi hat sich Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel Platz zwei in der Gesamtabrechnung hinter Weltmeister Jenson Button gesichert.

New York Marathon: Deartu Tulu aus Äthopien gewinnt bei den Frauen in 2:28:52 Stunden vor der Russin Ludmila Petrowa und Christelle Daunay aus Frankreich. Bei den Männern sorgte Meb Keflezighi für den ersten amerikanischen Triumpf seit 1982. Nach 2:09:15 Sekunden lief der Olympiazweite von Athen vor dem Kenianer Robert Cheruiyot und Jaouad Gharib aus Marokko ins Ziel.

Vos gewinnt: Bei den Radcrosseuropameisterschaften in Belgien hat die niederländische Weltmeistern Marianne Vos den Titel geholt.

Freiburgs Präsident Stocker gestorben: Im Alter von 74 Jahren ist Achim Stocker den Folgen eines Herzinfarkts erlegen. 1972 übernahm Stocker den SC Freiburg und hat in 37 Jahren aus einem bescheidenen Fußballverein einen Bundesligaklub gemacht. Michael Eder schrieb in der FAZ einen Nachruf.

Auslosung DFB-Pokal-Viertelfinale: VfL Osnabrück gegen FC Schalke 04, Bayern München gegen Spvgg Greuther Fürth, Werder Bremen gegen 1899 Hoffenheim, FC Augsburg gegen 1. FC Köln

Montag (2.11.)

Bayern verklagt 1860: Die Arena GmbH und somit auch der FC Bayern München haben beim Münchner Landgericht eine Klage gegen den TSV 1860 München eingereicht. Der Grund sind ausstehende Miet-Zahlungen für die Allianz Arena. Seit Saisonbeginn sollen die Löwen nicht den vollen Mietbetrag zahlen.

Hülkenberg zu Williams: Nico Hülkenberg aus Emmerich steigt in die Formel1 ein. Der 22-jährige GP2-Sieger wird in der kommenden Saison für den britischen Rennstall Williams fahren und dort Nachfolger von Nico Rosberg werden, der wohl zu Brawn GP wechselt.

Bridgestone steigt aus Formel1 aus: Mit dem Ablauf der Saison 2010 wird auch eine lange Tradition zu Ende gehen. Der Reifenlieferant Bridgestone zieht sich nach 13 Jahren aus der Formel1 zurück.

Finanzspritze rettet Dormagen die Saison: Handballbundesligist TSV Dormagen kann die laufende Saison zu Ende spielen. Der finanziell angeschlagene Verein erhält vom ehemaligen Hauptsponsor Bayer AG einen Vorschuss, der in den kommenden Jahren zurückgezahlt werden muss.

Dienstag (3.11.)

Serena William mit Preisgeld-Rekord: 4,4 Millionen Euro hat Tennisspielerin Serena William 2009 mit ihren Erfolgen verdient. Die 28-jährige Weltranglisten-Erste hat damit einen neuen Rekord im Frauentennis aufgestellt. Insgesamt hat Williams in ihrer Karriere 30 Millionen Dollar Preisgeld erspielt.

World Team Cup verliert Hauptsponsor: Nach 2010 wird sich der Versicherungskonzern Arag als Hauptsponsor des Tennis World Team Cups in Düsseldorf zurückziehen. Nach elf Jahren müssen sich die Veranstalter nun nach einem neuen Investor umschauen.

Erste Dopingsperre im Golf: Doug Barron ist der erste Golfer, der wegen Dopings gesperrt wird. Ein Jahr darf der Amerikaner nicht an Wettkämpfen teilnehmen, weil er ein nicht bekannt gegebenes Dopingmittel eingenommen hatte.

Schumacher und Vettel siegen bei Nationen-Cup: Formel1-Vizeweltmeister Sebastian und Vettel Rekord-Weltmeister Michael Schumacher haben beim Nationen Cup des Race of Champions in Peking zum dritten Mal in Folge gewonnen. Die Deutschen siegten im Finale gegen England mit Weltmeister Jenson Button und Tourenwagen-Weltmeister Andy Priaulx.

Fußball Champions League: Bayern München gegen Girondins Bordeaux 0:2, Besiktas Istanbul gegen Vfl Wolfsburg 0:3

Mittwoch (4.11.)

Toyota steigt aus der Formel1 aus: Der weltgrößte, japanische Autohersteller Toyota verlässt nach sieben Jahren die Formel1 . Der Plan sah eigentlich ein Engagement bis 2012 vor. Der Grund sind Kostengründe, heißt es aus Unternehmenskreisen.

Yankees gewinnen World Series: Mit einem 7:3 im sechsten Spiel gegen die Philadelphia Phillies erhöhten die New York Yankees auf 4:2 Spiele und wurden damit zum 27. Mal Meister in der amerikanischen Major League Baseball.

200 Länder sehen WM-Auslosung: Mit einer Rekordübertragung wird die Auslosung der Vorrunden-Gruppen der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika am 4. Dezember in Kapstadt verbreitet. 200 Länder sind 63 mehr als bei der WM in Deutschland.

Zwanziger erhält Leo-Baeck-Preis: Der Präsident des Deutschen Fußballbundes Theo Zwanziger hat in Berlin den Leo-Baeck-Preis vom Zentralrat der Juden in Deutschland erhalten. Damit wurden Zwanzigers langjähriger Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung geehrt. Der seit 1957 vergebene Preis ging erstmals ins Sportmetier.

Mundschutz im Fußballstadion: Die Zuschauer des Champions League Spiels zwischen Dynamo Kiew und Inter Mailand haben Masken erhalten. Der Grund: Schutz vor der Schweinegrippe.

Fußball Champions League: FC Sevilla gegen VfB Stuttgart 1:1

Fußball Champions League Frauen: HSC Montpellier gegen Bayer München 0:0, Turbine Potsdam gegen Brondy IF 1:0, FCR 2001 Duisburg gegen Linköpings FC 1:1

U17 WM-Achtelfinale in Nigeria: Schweiz gegen Deutschland 4:3 nach Verlängerung.

Donnerstag (5.11.)

Brink und Reckermann bestes Volleyballteam: Der Volleyballweltverband FIVB zeichnet das Beachvolleyball-Duo Julius Brink und Jonas Reckermann als bestes Team der Saison 2009 aus. Die Deutschen sind die ersten Europäer auf Weltranglistenplatz 1.

Kanadische Eisschnellläufer meiden Start bei Beliner Weltcup: Die besten Sprinter Kanadas boykottieren dieses Jahr den Eissschnellauf-Weltcup in Berlin. Der Grund sind schwere Stürze der Kanadier im vergangenen Jahr und die angeblich vernachlässigten Sicherheitsstandards der Bahn.

Prokop protestiert gegen Strafe: Drei Jahre von allen internationalen Wettkämpfen und lebenslang von allen Posten der Europäischen Handballföderation ausgeschlossen sowie 45ooo Euro ärmer. Das passt dem österreichischen Handball-Funktionär Gunnar Prokop nicht und er hat mit seinem Verein Hypo Niederösterreich Einspruch gegen die Strafe für seinen Bodycheck vergangene Woche gegen eine gegnerische Spielerin eingelegt.

Fußball Europa League: Werder Bremen gegen Austria Wien 2:0, SC Heerenveen gegen Hertha BSC Berlin 2:3, Hamburger SV gegen Celtic Glasgow 0:0





Missglückte Entscheidungen_Oder was haben ein BGH-Urteil und der neue Koalitionsvertrag gemeinsam

4 11 2009

Heute mal ein wenig Sportpolitik. Zwei Sachen, die ich für diskussionswürdig halte. Einmal das Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) vom letzten Freitag (30.10.2009) und zum anderen der Sportteil im Koalitionsvertrag der neuen Regierung.

Es war März 2006, als ein Bayern-Fan zum Auswärtsspiel nach Duisburg reiste. Zurück kam er mit einem 24-monatigen Stadionverbot. Randale seines Fanclubs „Schickeria München“ mit Duisburger Anhängern waren der Grund für das Verbot. Nach eigenen Angaben war der Fan nicht in die Auseinandersetzung involviert, die Staatsanwaltschaft stellte schließlich ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Weil es sich um ein bundesweites Stadionverbot handelte, galt dies auch in der Allianz Arena. Der FC Bayern München kündigte die Fanmitgliedschaft, auch die Dauerkarte war dahin. Dabei bestand nur ein Verdacht gegen den Fan.

Die Klage des mittlerweile volljährigen Bayern-Anhängers gegen das Stadionverbot wurde nun vom Bundesgerichtshof abgewiesen. „Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, mit der der Kläger in Gewahrsam genommen wurde, rechtfertigt die Annahme, dass er sich bei Fußballveranstaltungen in einem zu Gewalttätigkeiten neigenden Umfeld bewegt“, hieß es in dem Urteil. Das bedeutet, ein Fußballfan muss zukünftig aufpassen, mit wem er ins Stadion geht und neben wen er sich ins Stadion stellt oder setzt. Denn der bloße Verdacht auf eine Gewalttätigkeit reicht für ein Stadionverbot. Das ist genauso traurig wie irrsinnig.

Traurig, weil einem friedlebigen Zuschauer aufgrund von ein paar idiotischen Krawallmachern der Spaß am Fußball verdorben werden kann. Wer soll sich denn dagegen wehren, wenn in nächster Umgebung plötzlich eine Schlägerei beginnt, man vielleicht sogar selbst angepöbelt und geschubst wird (NACHTRAG: und man dummerweise im selben Fanclub ist). Irrsinnig, weil das im Endeffekt wirklich einer Sippenhaft gleicht, wie es der Anwalt des Bayern-Fans bezeichnete. Es wäre dramatisch, wenn diese Art Verdachtsschuld auf andere Bereiche übertragen wird. Das würde zum Beispiel heißen, dass ein Passant verurteilt werden kann, wenn er dummerweise neben einem Auto steht, dass kurz zuvor von einem Randalierer mit einem Stein beschädigt wurde. Weil nun der Passant mit einer Gruppe bekannter Krawallmacher unterwegs ist (NACHTRAG: und zu dieser Vereinigung gehört) und direkt neben dem Auto steht, hat er leider Pech.

Das ist genauso Unsinn wie das Urteil des BGH. Ein Kollege meinte zu diesem Thema, dass er sich die Entscheidung nur damit erklären könne, dass der Bundesgerichtshof Fußballfans vielleicht zu einer Art Zivilcourage erziehen will. Wenn man sieht, dass irgendwo Krawall ansteht, dann schreitet man lieber ein, als dass man selbst mit einem Stadionverbot belangt wird. Das wäre zwar eine durchaus gute Idee des BGH, aber rechtfertigt dennoch nicht, einem Fan auf den bloßen Verdacht hin Stadionverbote zu erteilen. Zivilcourage unter Fußballanhängern muss anders durchgesetzt werden können. (Mehr zum Thema: SPIEGEL, BILD, FAZ, SÜDDEUTSCHE, ZEIT.)

Zaghafte Politik

Um ein ähnliches Zusammenspiel zwischen dem Sport und der Judikative geht es indirekt bei der Diskussion um den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung aus CDU, CSU und FDP. Dort heißt es auf den Seiten 88 und 89 zum Thema Sport:

Oliver Fritsch von Zeit Online hat Recht, wenn er KOMMENTIERT, dass die Politik den „Doping-Kampf mit falschen Mitteln“ angeht. Es ist in der Tat nicht mehr zeitgemäß, wenn in einem Koalitionsvertrag steht, dass der Sport und seine Verbände autonom handeln sollen und die Politik das dann unterstützt. Zumindest ist es im Bereich der Doping-Bekämpfung keine moderne Politik. Hier wäre es nämlich angemessen, endlich ein Anti-Doping-Gesetz einzuführen. Einige Politiker berfürworten das ja auch.

Bayerns Justizministerin Beate Merk beispielsweise hat erst vor ein paar Wochen verkündet, dass sie in der neuen Legislaturperiode für ein solches Gesetz kämpfen will. Dem Focus sagte sie: „Mein Entwurf sieht Strafen von einer Geldstrafe bis hin zu fünf Jahren Gefängnis vor, in besonders schweren Fällen sogar bis zu zehn Jahren.“ Sie bezog sich damals zwar auf den Besitz von Dopingmitteln, was sicherlich nicht der Hauptaspekt sein sollte – wahrscheinlich wird kein Topsportler mit unerlaubten Substanzen umherlaufen – aber dennoch ist der Vorschlag richtig.

Der Wettkampfgedanke ist im Leistungsbereich dem Sport immanent, das macht ihn ja auch so interessant. Wenn man nun aber nur als Bester oder einer der Besten etwas ist, liegt die Betrugsversuchung nahe. Der Schritt, dass dann in einer Sportgesellschaft Betrug als normal angesehen wird, weil es ja alle machen, ist nicht mehr weit. Die Sauberen können dann dagegen kaum etwas ausrichten, weil sie im Normalfall nicht erfolgreich und damit uninteressant – auch für die Medien – sind. Auch die soziale Ächtung – wie sie Steffen Moritz unter dem oben erwähnten Zeit-Kommentar anbringt, ist wahrscheinlich nicht so effektiv wie ein rechtliches Mittel. Sie wäre zwar die schönere und menschlichere Variante, aber im Kommerz- und Drucksumpf des Spitzensports ist das kaum möglich.

Warum also nicht ein Gesetz erlassen, dass Sportler, aber vor allem auch Trainer, Funktionäre, Mediziner und sonstige Hintermänner mit Geld- und Freiheitsstrafen droht. Allen Beteiligten würde ihr Betrug an den Zuschauern, an den Gegnern und schließlich auch an sich selbst dann sicherlich nicht so leicht fallen, wie das derzeit wirkt.

Um am Beginn einer neuen Legislaturperiode ein wirkliches Zeichen auch im Bereich des Sports, der – so steht es übrigens wörtlich im Koalitionsvertrag – „für die Aktivierung und den Zusammenhalt einer modernen Gesellschaft unverzichtbare Beiträge leistet“, zu setzen, wäre eine klare Ansage im Kampf gegen Doping nützlich gewesen. Diese verpasste Chance sollte nun so schnell wie möglich zumindest in der politischen Umsetzung nachgeholt werden. Denn, wie heute gemeldet wurde, ist nun auch der erste Golfer wegen Dopings gesperrt worden. Die Manipulationsviren finden im Sport einen die Vermehrung stimulierenden Nährboden. Das muss geändert werden: durch gesellschaftliches Aufbegehren, mediale Ächtung und politische Härte.

NACHTRAG (20.1.): Hab heut passend zum Doping-Thema zwei Meldungen in der SZ gelesen. Gute Mittel gegen den Betrug sind meiner Meinung nach die Athletenerklärung, die die Olympia-TeilneherInnen unterschrieben haben und sie somit finanziellen Sanktionen im Dopingfall unterwerfen. Und zudem plant die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) einen neuen Anti-Doping-Code für 2015, mal gucken, was da noch kommt. Zudem ist bei Interpol ein Offizier berufen worden, der der Wada im Kampf gegen Dopinghändlerringe helfen soll.





Der SPORTLICHe Wochenrückblick vom 25. bis 31. Oktober 2009

1 11 2009

Die Themen des sportlichen Wochenrückblicks sind unter anderem:

  • Rennfahrer Timo Scheider wird erneut DTM-Meister
  • Chinesische Leichtathletin lebenslang wegen Dopings gesperrt
  • Ex-Tennisstar André Agassi nahm früher Drogen
  • Fußballbundesligist Schalke 04 erhält Finanzspritze
  • Tickets für Frauenfußball-WM sind erhätlich