„Danach sieht die Welt anders aus“

31 05 2011

Der frühere Tennisprofi Carl-Uwe Steeb spricht über seine persönlichen Eindrücke beim StZ-Lauf.

Der ehemalige Daviscupgewinner Carl-Uwe Steeb hat gestern die 21,1 Kilometer lange Strecke absolviert. Der 43-Jährige, der seit Januar mit seiner Sportagentur wieder in Stuttgart ist, sprach zuvor über seine Motivationstechniken während des Laufens und berichtete von den Duellen mit seinem inneren Schweinehund.

Herr Steeb, im Tennis kommt es vor allem auf kurze Sprints an, beim Laufsport ist es das komplette Gegenteil. Warum sind Sie zur Langstrecke gewechselt?
Ich bin ja schon während meiner aktiven Karriere viel gelaufen. Die Grundlagenausdauer bekommt man nur so.

Beim Tennis hat man aber das Ziel, besser als der Gegner zu sein und ein Match zu gewinnen. Was fasziniert Sie denn am Laufen?
Ich kann es alleine ausüben – überall, immer und so lange ich will. Außerdem kann man das Laufen flexibel um sein Arbeitsleben herum einbauen.

Aber einen gewissen sportlichen Ehrgeiz müssen Sie als ehemaliger Profi doch haben?
Ich möchte schon für mich ein ordentliches Tempo laufen, aber immer unter der Prämisse, dass es mir dabei gutgeht.

Sie sind ein gefragter Referent zu den Themen Eigenmotivation und Überwindung des Schweinehunds. Wie überwinden Sie Ihren?
Jeder kommt beim Sport an den gewissen Punkt, wo es schwierig wird. Da ist es dann wichtig, sich an das Ziel zu erinnern. Es sind meist nur wenige Minuten der Überwindung, danach läuft es wieder leichter. Im Grunde kann man aber auch sagen, dass der Schweinehund eher fern bleibt, wenn man alles mit Spaß angeht.

Welche konkreten Techniken und Tipps können helfen, den Spaß zu behalten und den Schweinehund zu vertreiben?
Man kann sich beispielsweise für die Momente, in denen es schwerfällt, Anfeuerungsrufe zurechtlegen. „Auf geht’s“, „Komm schon“ oder was auch immer. Bevor ein Sportler aufgibt, denkt er Dinge wie: „Ich schaffe das nicht mehr.“ Diesem Gedanken muss man zuvorkommen. Aber auch darauf muss man sich vorbereiten.

Welche Motivationstipps geben Sie Läufern, die ihr Training nicht ordentlich absolviert haben, oder Menschen, die sich nicht zum Sporttreiben überwinden können?
Es ist ganz wichtig, soft einzusteigen. Das größte Problem ist meist die zu hohe Zielsetzung. Dadurch überfordern sich Einsteiger oft und hören schnell wieder auf. Es ist ja auch demotivierend, das eigene Ziel zu verpassen. Man muss Schritt für Schritt anfangen, um sich an die Belastung zu gewöhnen.

Also sollte man unbedingt laufen?
Auf jeden Fall. Das Laufen hat eine Riesenbedeutung. Früher haben sich die Leute viel mehr bewegt, daher ist das Laufen in der heutigen technisierten Welt noch wichtiger geworden. Denn nach dem Laufen sieht die Welt ganz anders aus.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (30. Mai 2011)





Ein bewegendes Familienfest

31 05 2011

Minimarathon: Mehr als 6200 Kinder genießen die Läufe am Samstag, genauso wie die vielen Erwachsenen.

Dieser Zweikampf ist freundschaftlich gewesen. Als Lukas Eisele nach 5:25 Minuten als Erster des Minimarathons beim 18. Stuttgarter-Zeitung-Lauf die Ziellinie überquerte, drehte er sich um und umarmte den Zweitplatzierten Heritier Kambuya (5:30). Wenig später noch einmal dasselbe Spiel. Die beiden 14-Jährigen kennen und schätzen sich von anderen Wettkämpfen sowie von den Stützpunkt- und Kadertrainings – und vom Vorjahr. Damals gewann Heritier Kambuya, der für die TSG Esslingen startet, das 1,8 Kilometer lange Rennen durch Cannstatt vor Lukas Eisele von der LG Filder.

„Das Publikum war klasse und hat uns immer unterstützt“, sagte er außer Atem am Samstag im Zielbereich. Ihm mache der Laufsport großen Spaß, „weil man an seine Grenzen gehen kann“. Das will er auch weiterhin und hat eine klare Vorstellung: „Mein Traum ist Olympia, aber das ist verdammt schwer.“ Heritier Kambuya will „auf alle Fälle einmal bei den Deutschen Meisterschaften mitmachen“. Und ist diesbezüglich „sehr optimistisch“. Er ärgerte sich nur ganz kurz über den zweiten Platz. „Es ist okay. Lukas und ich sind gut befreundet.“ Und eine Medaille hat er ja auch bekommen, wie jeder der 5228 Teilnehmer des Minimarathons.

Genauso freuten sich über dieses Andenken die fast 1000 Kinder unter sieben Jahren, die teilweise gemeinsam mit ihren Eltern beim 800 Meter langen Jolinchen-Lauf gestartet waren. Hier standen vor allem der Spaß und das Familienerlebnis im Vordergrund. Eltern und Großeltern applaudierten den Kleinen, die im Ziel umarmt, geküsst, vor Freude in die Höhe gehoben – und vereinzelt auch getröstet wurden. Nur die kleine Antonia bekam von alldem nichts mit, sie schlief auf den Armen ihres Vaters während des Laufs ein und überquerte das Ziel in der Traumwelt.

Alexander Hübner, der stellvertretende Projektleiter des StZ-Laufs, war am Samstag schon um 5 Uhr morgens auf den Beinen. „Es ist traumhaft, wenn sich Kinder und Eltern vergnügen“, sagte er. „So viele leuchtende Augen sieht man selten auf einmal.“ Der Aufwand hat sich für ihn gelohnt. Der „Kids-Day“ sei als Auftakt des Sportwochenendes in Cannstatt „nicht mehr wegzudenken“. Außerdem zählen die Stuttgarter Kinderläufe zu den drei größten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland.

Und immer häufiger nehmen ganze Schulklassen teil. Matthias Rick, Lehrer an der Freien Waldorfschule am Kräherwald, hatte vor zwei Jahren die Idee, mit den Schülern beim StZ-Lauf zu starten. Seither bietet der ehemalige Triathlet einmal wöchentlich vor dem Unterricht von 7.40 Uhr bis 8 Uhr einen Lauftreff an. „Man merkt die Unterschiede im Unterricht, die Läufer sind am Trainingstag frischer“, sagte Rick am Samstag, an dem sich die Kinder „über die Namensschilder und die Medaillen freuten“. 19 Schüler waren dieses Mal dabei, alle trugen ein blaues T-Shirt mit der roten Aufschrift „Kräherwald“.

Ob Blau, Grün, Rot oder Gelb, das farbenfrohe Teilnehmerfeld verdeutlichte den ausgeprägten Gruppengedanken. Auch Lucian vom Heidehof-Gymnasium trug das orangefarbene Shirt des schuleigenen Ausdauersportclubs. „Es war ziemlich viel los, aber ich bin doch relativ gut durchgekommen“, sagte er und war noch recht fit, „weil ich dachte, es wäre länger“. Andere Nachwuchssportler verausgabten sich mehr, pusteten im Ziel heftig, hatten rote Gesichter, stemmten sich die Hände stützend in die Seiten. Doch insgesamt bestimmten grinsende Gesichter das Geschehen.

Auch Selina Junginger vom TSV Köngen war richtig begeistert. Die 13-Jährige gewann bei den Mädchen den Minimarathon in 6:35 Minuten. „Das hätte ich nie gedacht. Im Vorjahr war ich Zweite – und außerdem bin eigentlich über fünf bis zehn Kilometer am besten“, sagte sie und freute sich auf die doppelte Feier mit ihrer Familie. Ihr Vater hatte gestern Geburtstag.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (30. Mai 2011)





Laufen für das Lächeln am Straßenrand

31 05 2011

Der Lauf, den Wataru Iino vor zwei Monaten absolviert hat, ist vor allem in einem Punkt ganz anders gewesen als der Stuttgarter Halbmarathon am Sonntag. „Nur Kamele und Skorpione jubelten uns zu“, sagt der Japaner. „Darum habe ich mich richtig auf die vielen Zuschauer und ihr Lächeln beim Stuttgarter-Zeitung-Lauf gefreut.“ Die Unterstützung des Publikums weiß Iino so sehr zu schätzen, weil er im April durch die Sahara gelaufen ist – beim diesjährigen Marathon des Sables.

Der 31-Jährige wagte die 240 Kilometer lange Herausforderung durch die Wüste bei 54 Grad Celsius, vier Prozent Luftfeuchtigkeit und mit einem zehn Kilogramm schweren Rucksack – gefüllt mit Essen, Schlafsack sowie weiterer Ausrüstung für die sechs Etappen in Marokko. Er überquerte nach einer Gesamtlaufzeit von 25:45,57 Stunden als 16. die Ziellinie, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Der Tokioter ist am Sonntag mit großem Ehrgeiz in den StZ-Lauf gegangen. Er wollte es unter die besten zehn schaffen und den Halbmarathon nach maximal 1:15 Stunden beenden. Dafür läuft er pro Monat rund 700 Kilometer, spickt sein Training zudem mit Intervallläufen. Physisch und mental ist er für sein Vorhaben also gerüstet gewesen, das zeigt schon das starke Ergebnis von Nordafrika. Auch am Sonntag war er erfolgreich. Er wurde in 1:15:35 Stunden Neunter. „Die Anfeuerungen der Zuschauer, besonders der Kinder, haben mich motiviert“, sagt er.

Kazuko Wakamatsu ist den StZ-Lauf entspannter angegangen. Sie startete beim Zehnkilometerlauf und nahm sich vor: „Ich möchte ins Ziel kommen und die Atmosphäre genießen.“ Das schaffte sie problemlos. „Beim nächsten Mal laufe ich aber schneller – und dann gehe ich auch den Halbmarathon an.“ Schließlich sei der StZ-Lauf „ein richtiger, regionaler Spaß-Event“. Beeindruckt hat Wakamatsu am Sonntag vor allem die Hilfsbereitschaft der anderen Läufer. „Die Stuttgarter waren so nett zu mir.“ Die Mutter eines vierjährigen Sohnes begeisterte sich erst an der Universität für Bewegung („Schulsport war schrecklich“), bestritt mittlerweile mehrere Marathons über die halbe und einen über die volle Distanz. Heute sagt sie: „Joggen ist gut für die Gesundheit und die Schönheit, Laufen ist wie ein Glückshormon und in Japan ein sehr populärer Sport.“ Bei dem sie außerdem ihre große Liebe kennenlernte.

Ihr Mann kam vor sieben Monaten zum Arbeiten für einige Zeit nach Deutschland und nahm die Familie aus Tokio mit. Wakamatsu kümmert sich um den Nachwuchs und läuft derzeit zwei Stunden in der Woche. „Das ist zu wenig, daher muss ich noch mehr trainieren“, sagt sie.

Iino lebt seit 2009 in Deutschland, er arbeitet beim Automobilkonzern Daimler als IT- und Mechanikingenieur. Und seit er in Stuttgart wohnt, läuft er auch mehr als früher in Japan. „Weil es so viel Natur, viele Hügel, Seen und Parks gibt“, sagt er. „Das liebe ich und kann daher gut entspannen.“ Auf die Verbundenheit zu seinem Land wies er aber dennoch deutlich hin. Iino trug während des StZ-Laufs an seiner Schirmmütze eine kleine japanische Flagge. Das habe aber nichts mit der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe zu tun, sagt er. Da spendet er lieber Geld, als Mitglied einer Wohltätigkeitsgemeinschaft geht für jeden seiner gelaufenen Kilometer derzeit monetäre Unterstützung nach Japan.

Und nach dem Ziel kamen sogar noch ein paar weitere dazu. Zum Auslaufen absolvierte er nach dem Halbmarathon nachmittags noch „lockere 20 Kilometer“.

Damit er sein Pensum gut übersteht, achtet Iino auch sehr auf die Ernährung. Ebenso wie Wakamatsu. Sie empfiehlt für Läufer als japanisches Schmankerl geschmorte Algen – diese sind reich an Nährstoffen – mit Karotten, Pilzen, Sojabohnen und gebratenem Tofu oder Reis mit eingelegten Pflaumen. Iino hat in der Vorbereitungsphase nur Müsli und Pasta gegessen. Wenn er noch Hunger hat, bäckt er sich einen „Grün-Tee-Kasutera“, einen typischen japanischen Rührkuchen. Für ihn steht schließlich immer wieder der nächste große Lauf an.

veröffentlicht auf StZ-Online (30. Mai 2011)





Der schwäbische Antreiber

30 05 2011

Achim Seiter ist beim StZ-Lauf nicht aus der Puste gekommen. Dabei war er am Samstag über 240 Minuten auf der Strecke. Und davor zweieinhalb Stunden beim Gesundheitssymposium in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Seiter moderierte am Tag eins des Stuttgarter Laufevents, was das Zeug hielt. In der Halle musste er die Zuhörer in den Vortragspausen unterhalten und informieren, er stellte zudem medizinische Fragen und führte die Referenten ein. Alles auf eine sympathische, lockere Art – und mit schwäbischem Akzent.

In seinem Profil auf der Internetplattform Xing steht unter Sprachen „Deutsch, Schwäbisch manche behaupten auch nur Schwäbisch“. Zumindest bewies sein stetes duzen gegenüber den einzelnen Zuhörern im Saal und später auf des Mercedesstraße nicht das Gegenteil. Aber nach Stuttgart passte das ja auch. Genauso wie Seiters positive und emotionsgeladene Moderation zu einem sportlichen Event wie dem Stuttgarter-Zeitung-Lauf passte. „Das geile Gefühl etwas geschafft zu haben. Die Bequemlichkeit und die Trägheit des ‚in dem Sessel sitzen‘ überwunden zu haben“, schreibt Seiter auf seiner Firmenhomepage und will damit die Bedeutung des Sports unterstreichen.

Spaß und viel Herzblut

Auch der Schwabe selbst hat am Samstag etwas geschafft. Er unterhielt die Eltern und Großeltern am Straßenrand, band sie süffisant in seine Moderation ein, interagierte mit ihnen. Er beschrieb die Mercedesstraße als „schönste Zielgerade“, sprang für die Gespräche mit den Zuschauern über die Absperrung und ballte anschließend die Faust vor lauter Freude, nicht hingefallen zu sein. Als er aufgrund der Verzögerung des Minimarathonstarts kurz auf seinem Tretroller davonrauscht, applaudieren ihm einige Zaungäste zu.

Achim Seiter hat großen Spaß, er moderiert mit viel Herzblut, gibt den Laufinteressierten Tipps vom Gesundheitssymposium weiter, quatscht beim Zieleinlauf des Jolinchen-Laufes die Kinder an und klatscht mit ihnen ab. Dass Antonia während der 800 Meter in den Armen ihres Vaters eingeschlafen ist, macht er als Höhepunkt des Laufes aus, vergisst dabei aber nicht, alle Kids zu loben. Als Finn nach dem Rennen seinen Papa sucht, befördert ihn Seiter kurzerhand zum Kranfahrer, und der Junge wird auf dem Fahrersessel zum kleinen Star mit großen Augen, dessen Traumberuf jetzt vielleicht feststeht.

Achim Seiter erkannte Situationen, informierte, unterhielt, überbrückte, motivierte, belustigte und überdrehte dabei für den ein oder anderen manchmal vielleicht ein bisschen. Eines ist aber gewiss: Ausdauer hat er bewiesen – und dabei auch den richtigen Ton getroffen.

veröffentlicht auf StZ-Online (29. Mai 2011)





„Wichtig ist das Gesamtbild des Patienten“

30 05 2011

Der Physiotherapeut Jürgen Siegele spricht über Behandlungsfehler, häufige Beschwerden und die positiven Auswirkungen des Laufsports.

Herr Siegele, Sie haben in ihrem Vortrag beim Gesundheitssymposium am Rande des StZ-Laufes von moderner Physiotherapie gesprochen. Was unterscheidet diese von der traditionellen Form?
In der modernen Physiotherapie wird nicht nur dort behandelt, wo der Schmerz ist, sondern auch nach der Ursache der Symptome gesucht.

Heißt das, einige Physiotherapeuten behandeln ihre Patienten nicht richtig?
Sagen mir mal so. Zu mir kommen vielen Patienten, die schon in einer Behandlung waren, bei der nur die Symptome therapiert wurden. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um funktionelle Beeinträchtigungen, bei Verletzungen sieht es anders aus. Unterm Strich sollten bewährte Methoden mit den jüngeren wie der Osteopathie oder der manuellen Therapie kombiniert werden.

Was sollten Patienten bei einer Therapie erwarten können?
Das Gespräch im Vorfeld ist ganz entscheidend. Ist der Patient beispielsweise umgeknickt oder hatte er einen Autounfall sind Fragen, die dieser oftmals nicht mit seinen Problemen in Verbindung bringen würde. Anschließend sollten Tests an den Gelenken und den Weichteilen, also Muskeln, Sehnen und Bändern durchgeführt werden. Wichtig ist es, ein Gesamtbild vom Patienten zu bekommen und einem ganzheitlichen aber individuellen Ansatz zu folgen.

Welche Beschwerden müssen Sie am häufigsten behandeln?
Wirbelsäulenprobleme im Lenden- und Halsbereich, Kopfschmerzen, Achillessehnenbeschwerden, Knie-, Hüft- und Schulterprobleme…

…die vor allem wegen Bewegungsmangel auftreten?
Unter anderem. Es wäre gut, wenn sich jeder mindesten zwei Stunden pro Woche bewegt, am besten viermal 30 Minuten. Das machen viele durch die PC-Arbeit nicht mehr. Aber auch Unfälle und Überlastung sind mögliche Ursachen für die Beschwerden.

Viele der Teilnehmer des StZ-Laufes bewegen sich wahrscheinlich zwei Stunden pro Woche. Wie wirkt sich denn der Laufsport auf die Gesundheit aus?
Er ist nicht nur gut für das Herzkreislaufsystem sondern auch für den Bewegungsapparat. Die Bandscheibe ernährt sich beispielsweise durch Druck und Zug, was beim Laufen optimal erreicht wird.

Welche Beschwerden können andererseits durch das Laufen entstehen?
Beim Breitensportler kommen beispielsweise Achillessehnenbeschwerden häufig vor, weil sie oftmals die falsche Lauftechnik haben. Im Leistungssport sind es häufig Knochenhautreizungen durch Überbelastungen oder Zerrungen der Oberschenkelrückseite.

Das heißt für den Hobbyläufer wäre es wichtig, sich über die richtige Lauftechnik zu informieren?
Auf jeden Fall. Er könnte sich beispielsweise einer Laufgruppe anschließen. Dort gibt es erfahrene Läufer, die Fehler beim Laufen erkennen. Das Gesäß zu weit unten, der Kopf zu weit vorne sind mögliche Beobachtungen. Als Einsteiger ist es wichtig, organisiert und präventiv zu handeln…

…auch in Bezug auf Verletzungen?
Ja, auch bei kleineren Beschwerden sollten sie nicht lange warten, sondern medizinischen Rat aufsuchen. Denn größere Verletzungen gründen gerade im Laufsport oft in Bagatellen.

Zur Person: Jürgen Siegele ist Inhaber und Betreiber des Therapie- und Rehazentrums Bottwartal. Der Diplom-Physiotherapeut behandelt Breiten-, Leistungs- sowie Spitzensportler – darunter die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft. In seiner Therapie waren unter anderem auch Ralf Rangnick, Nils Schumann oder Andrea Berg.

veröffentlicht auf StZ-Online (29. Mai 2011)





Die eigene Grenze akzeptieren

30 05 2011

Eva Ortlieb hat es auf den Punkt gebracht. „Wer Sport treibt, bleibt sicherlich länger gesund“, sagte die Sportwissenschaftlerin auf einem Gesundheitssymposium in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Bei der Veranstaltung im Rahmen des StZ-Laufes erfuhren die Zuhörer Informationen rund um das Thema „Verletzungsprophylaxe im Laufsport“. Der Assistenzarzt Simeon Geronikolakis von der Stuttgarter Sportklinik berichtete über die Belastungsbeschwerden aus orthopädischer Sicht, machte die Achillessehnen- und Kniebeschwerden als Hauptprobleme der Laufsportler aus.

André Schikora ist Bewegunsanalytiker und veranschaulichte anhand von Videoaufnahmen, welche Fehlstellungen es bei menschlichen Füßen gibt und wie Laufschuhe positiv darauf einwirken können. Aber weil diese „die Fehlbelastung auch verstärken können“, sollten Läufer beim Kauf auf die richtige Schuhwahl achten. Beinahe für jede Fußform – von Knick- über Spreiz- bis Plattfuß – entwickeln Hersteller mittlerweile den passenden Sportschuh.

Auch kleinere Blessuren können größte Folgen haben

Genauso individuell ist die Belastbarkeit eines jeden einzelnen Sportlers, betonte Ortlieb. „Diese Grenze sollte man erkennen und akzeptieren“, sagte die Sportwissenschaftlerin und empfahl, Wettkämpfe ordentlich vor- und nachzubereiten. Jürgen Siegele ist Betreiber und Inhaber des Therapie- und Rehazentrums Bottwartal. Der Physiotherapeut arbeitete schon mit Ralf Rangnick oder Nils Schumann, aber auch viele Breitensportler liegen auf seiner Behandlungsliege. Er bemängelte, dass oftmals das akute Problem therapiert werde, aber nicht die Ursache – und beschreibt das als Dawos-Problem: „Da wo es weh tut wird oft behandelt, obwohl das gar nicht das Problem ist.“ Wenn Patienten beispielsweise umknicken, können mit der Zeit ganz woanders im Körper Beschwerden auftreten. Diese Ursache-Folge-Kette kann im Körper von unten nach oben aber auch von oben nach unten wirken. So kann eine Schiefstellung des Beckens Beschwerden im Schienbein oder Achillessehnenprobleme hervorrufen.

Eine Therapie der Schmerzstellen reicht nicht aus, um die Probleme langfristig zu beheben. Der ehemalige Olympiasieger Dieter Baumann sei beispielsweise einmal mit Achillessehnenschmerzen zu ihm gekommen. In der Behandlung wurde die Schmerzstelle gar nicht beachtet, der Fokus lag auf anderen Körperregionen – und nach acht Behandlungen war der Tübinger wieder beschwerdefrei. „Wir bekommen 98 Prozent der Achillessehnenprobleme hin“, sagte Siegele. Prompt zeigte ihn ein Zuhörer nach dem Vortrag seinen lädierten Fuß und holte sich Tipps vom Therapeuten.

Das Symposium sensibilisierte auch die anderen Besucher. Einerseits dazu, sich das passende Equipment zu besorgen und richtig auf seinen Körper zu hören. Andererseits können die Zuhörer nun beim Arzt und Therapeuten genauer nachhaken und wissen, dass auch kleinere Blessuren größte Folgen haben können. Daher ist eine schnelle Therapie umso wichtiger ist. Dann können Laufsportler noch länger gesund bleiben.

vweröffentlicht auf StZ-Online (29. Mai 2011)





Eine rollende Heizung mit Trendpotenzial

11 05 2011

Seit April betreibt die Stadt ein mobiles Blockkraftwerk für das Mineralfreibad und das Schulzentrum.

In Bönnigheim gibt es jetzt Energie auf Rädern: Seit April steht am stadteigenen Mineralfreibad ein erdgasbetriebenes Blockheizkraftwerk (BHKW), welches das Wasser erwärmt. Nach der Badesaison wird der Anhänger, auf dem das Kraftwerk montiert ist, zum Schulzentrum rollen, um die dortige Heizungsanlage für ein halbes Jahr zu unterstützen. Das mobile BHKW ist einzigartig in der Region.

Werner Schlenker, Amtsleiter für Stadtpflege in Bönnigheim, begründet den Zuschlag für die rollende Variante mit der größeren Wirtschaftlichkeit der Anlage. Schließlich erhöhten sich die Betriebsstunden durch die Doppelfunktion. Den Denkanstoß gab jedoch der Wunsch, das Mineralfreibad steuerrechtlich in die Stadtwerke zu integrieren, und dieser sogenannte steuerliche Querverbund ist nun mit dem BHKW möglich. „Da wollten wir noch eins draufsetzen und sind auf die pfiffige Lösung mit dem beweglichen Kraftwerk gekommen“, sagt Schlenker.

Auch Adi Golbach, der Geschäftsführer des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung, nennt das Konzept „pfiffig“. „Ich kann mir vorstellen, dass das ein gutes Geschäftsmodell ist“, sagt er. Dennoch habe er seit der Installation des ersten mobilen BHKWs 1995 nichts mehr davon gehört. Insofern „kann man nicht von einem Trend sprechen“. Das sieht der Besigheimer Heinrich Blasenbrei, dessen Firma das BHKW in Bönnigheim installiert hat, ganz anders: „Die Gemeinden trauen sich da nur nicht ran.“ Für alle Kommunen mit großen Gebäudekomplexen und Freibädern eigne sich die bewegliche Heizung. „Hoffentlich gibt Bönnigheim einen Impuls“, sagt er.

Markus Keller ist Vertriebsingenieur bei der Firma Sokratherm. Der BHKW-Hersteller hat die mobile Variante erstmals auf den Markt gebracht. Der Vorteil liege im Ausbleiben von „Übertragungsverlusten“, die bei dezentraler Energieversorgung durch Leitungssysteme automatisch entstünden. Zudem bedeute eine größere Anzahl der Betriebsstunden des BHKWs, die durch zwei Standorte gewährleistet sei, einen ökonomischen Vorteil. Ein weiteres Argument sei der Verschleiß: Wenn die Anlage „wenig läuft, hat sie keine optimalen Betriebsbedingungen, was die Wartungskosten erhöhen kann“, sagt Keller. Auch er sieht jedoch keinen Techniktrend.

Genauso wie Andreas Weigel von KW Energie, dem Hersteller des Bönnigheimer Kraftwerks. „Aber das Potenzial ist vorhanden“, sagt der Geschäftsführer. Ausgeschöpft wurde es bisher aber nicht, wie die Statistik des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) zeigt. 26 mobile BHKWs deutschlandweit sind dort zugelassen. Das bedeutet zwar nicht, dass in der Republik nur 26 solcher Anlagen betrieben werden, doch eine Bafa-Sprecherin bestätigt die Seltenheit der mobilen Energiemodule. Woran aber liegt das?

In der Breite verhindern offenbar die Bedingungen einen Boom. So müssen zunächst überhaupt zwei Objekte vorhanden sein, die noch in keine Heizungsanlage integriert sind. In Bietigheim beispielsweise steht das Frei- direkt neben dem Hallenbad, somit ist eine Wärmeversorgung ganzjährig notwendig, eine mobile Variante sinnlos. Investitionskosten für die Anschlüsse an den Heizungsanlagen in den Freibädern, Schulen oder Rathäusern müssen genauso in die Wirtschaftlichkeitsrechnung einbezogen werden wie Transportkosten und der Installationsaufwand, der jedes halbe Jahr anfällt. Hinzu kommen Faktoren wie der Gas- und Strompreis. Außerdem ist ein mobiles BHKW nur bis zu einer bestimmten Leistungsgröße sinnvoll, „weil es sonst zu schwer für einen Anhänger ist“, sagt der Ingenieur Keller. „Und wenn eine Anlage ohnehin an einem Standort schon wirtschaftlich ist, dann ist der Reiz auch nicht mehr so groß.“

Der Besigheimer Blasenbrei konzentriert sich dennoch auf die Vorteile. „Bevor die Bäder bei den gestiegenen Energiekosten ganz schließen, sollen sie sich lieber mit solchen mobilen Anlagen retten“, sagt er, „sonst haben wir in ein paar Jahren viele Nichtschwimmer.“ In Bönnigheim wird das erst mal nicht passieren, das Freibad hat heute den zehnten Tag in dieser Saison geöffnet – und das Wasser ist warm.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 10. Mai 2011