Lagern, bauen, fertigen – und naschen

5 06 2012

Die gute Konjunktur beflügelt das Angebot für Studenten und Schüler, doch für Bewerbungen wird es höchste Zeit.

Diese Arbeitist ein Traum für Naschkatzen. Wer bei der Bonbonfabrik Jung in Vaihingen/Enz einen Ferienjob ergattert, darf Bonbons, Gummibärchen, Lollis und weitere Leckereien essen. „So viel, bis es zu den Ohren rauskommt“, sagt Gerd Bayerdörfer, der Abteilungsleiter Verpackung. Qualitätsmanagement basierend auf der süßen Versuchung – die Studenten und Schüler zieht das jedenfalls an. Die Nachfrage sei hoch, sagt Bayerdörfer, manche Interessenten meldeten sich für die Sommerferien schon in der vorausgehenden Weihnachtszeit – oder fragten noch während des Ferienjobs gleich für das kommende Jahr an.

In vielen Fällen der Stellenvergabe für die Stadt und die Region ist der Drops für die Sommerferien 2012 bereits gelutscht. Bei Daimler sind in manchen Werken „schon alle Jobs vergeben“ und die Interessenten „eigentlich fast schon zu spät“ dran für die Bewerbung auf einen der insgesamt 6500 Ferienjobs, wie Dominique Albrecht von der Presseabteilung des Unternehmens sagt. Insgesamt 1500 Stellen vergibt der Konzern im Untertürkheimer, 500 im Sindelfinger Werk, die Nachfrage ist sehr hoch.

Auch bei Bosch sind von den 4500 Ferienjobs, davon 1700 in der Region Stuttgart, bereits die meisten besetzt. Die Zahl der Ferienjobs sei gleichbleibend zu 2011, sagt der Pressesprecher Dirk Haushalter: „Der große Sprung nach oben war vom vorletzten ins letzte Jahr.“ Da zog die Konjunktur an, das beflügelt die Ferienjobbranche, wie die Kammern von Industrie- und Handel sowie Handwerk der Region Stuttgart bestätigen. „Viele Firmen überlegen, ob sie ihren Betrieb im Sommer stilllegen beziehungsweise reduzieren oder ihn flie- ßend weitergehen lassen“, sagt Gerd Kistenfeger von der Pressestelle der Handwerkskammer, frühe Bewerbungen seien daher sinnvoll, weil sie den Betrieben Planungssicherheit im Personal für die Ferienzeit gäben.

Auch die Bundesagentur für Arbeit spricht von einem Trend hin zu mehr Ferienjobs. Die Studenten und Schü- ler werden dabei laut Kistenfeger nicht ausgebeutet: „Es ist eine Win-win-Situation. Die jungen Menschen können ihre Interessen prüfen, die Betriebe ihre Personallücken füllen.“ PC-Kenntnisse seien nützlich, auch eine gute Sozial- und Kommunikationskompetenz. Indes lässt sich bei Ferienjobs in Stuttgart offenbar ein deutlicher Trend erkennen“, wie das Online-Portal Jobmensa.de meldet: „Die Firmen versuchen, die Jobs mit Studenten zu besetzen, die themenrelevante Studienschwerpunkte haben.“

Die Vermittlungen über die virtuelleWelt seien gerade bei großen Firmen beliebt, sagt Matthias Kastenmeier, der Geschäftsführer der Plattform Gelegenheitsjobs.de. „Die Bewerbungsverfahren sind einfacher zu handhaben, und es lassen sich besser Statistiken erstellen, beispielsweise darüber, welche Jobbörse sich rentiert.“ Dabei sei die Besonderheit einer Bewerbung, etwa die Optik oder eine pfiffige Überschrift, nicht mehr so wichtig. „Doch je höher die Anforderung des Jobs ist, desto mehr eignen sich die persönlichen Profile auf den Portalen“, sagt Kastenmeier. Er warnt aber davor, beispielsweise die eigene Facebook-Seite an eine Bewerbung anzuhängen. Das berge auch Risiken, je nachdem, was dort zu sehen ist.

Wer trotz eines Online- oder Printgesuchs noch keine Stelle bekommen hat, kann sich bei Anton Till in der Stuttgart Arbeitsagentur melden. Er ist zuständig für die Vermittlung und sagt, dass Stuttgart ein guter Arbeitsmarkt für Studenten sei und dass in der Region auch gut bezahlt werde. Mit 700 bis 1000 Vermittlungen von Minibis Vollzeitjob rechnet er für dieses Jahr. Die Bewerbungsphase beginnt bei der Arbeitsagentur aber erst im Juni, in diesen Tagen startet Till eine Rundschreibenaktion an 3500 Firmen. „Körperliche Belastbarkeit, geistige Flexibilität, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit sind immer gefragt“, sagt er und fügt hinzu, dass viele Mitarbeiterkinder in den Konzernen unterkommen: „Netzwerkverbindungen sind das halbe Leben. Wer keine hat, hat verloren.“ Und wer welche zur Bonbonfabrik Jung hat, kannim Optimalfall sogar noch ständig naschen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (4. Juni 2012)

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„Von Abschreckung halte ich nicht viel“

1 06 2012

Der  Lungenfacharzt und Suchtmediziner Alexander Rupp setzt sich für die Tabakentwöhnung ein und hat 2010 einen Arbeitskreis in Stuttgart initiiert.  Zum Weltnichtrauchertag spricht er über die Chancen der Tabakentwöhnung sowie die Probleme mit Krankenkassen und sagt: „Die Gefahr wird noch immer unterschätzt.“

Herr Rupp, haben Sie in Ihrem Leben schon einmal geraucht?
Zehn Jahre lang eine Schachtel pro Tag. Im Studium habe ich angefangen und bis ins Berufsleben hinein geraucht.

Wie haben Sie es geschafft aufzuhören?
Mir wurde die innere Ambivalenz zu groß. Einerseits rauchen, andererseits die Patienten zum Aufhören auffordern. Mittels Selbstmanagementliteratur habe ich es geschafft, aber zwei Anläufe gebraucht.

Sie haben 2010 mit Kollegen den Arbeitskreis Tabakentwöhnung gegründet. Warum?
Das Ziel des Arbeitskreisesist es, die Bemühungen zur Tabakentwöhnung zu bündeln, einen fachlichen Austausch zu ermöglichen und die Angebote besser untereinander abzustimmen. Außerdem ist der Zusammenschluss wichtig, um eine gewichtigere Stimme bei den Krankenkassen und in der Öffentlichkeit zu haben. Immerhin wollen Umfragen zufolge mindestens 50 Prozent der Raucher aufhören.

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung?
Es ist schon ein Erfolg, dass die Zusammenarbeit und der fachliche Austausch überhaupt stattfinden. Auch unsere Aktion beimWeltnichtrauchertag 2011 und unsere aktuelle Fortbildungsreihe sind erste Schritte in die richtige Richtung. Es ist aber noch viel Potenzial vorhanden.

Was meinen Sie mit Potenzial?
Ich denke, man kann die Struktur noch festigen. Unsere Öffentlichkeitsarbeit sollte ausgebaut und unser Kreis zum Beispiel durch Krankenkassen erweitert werden.

Sind Sie mit Akte S auch auf verbohrte Reaktionen bei Anfragen gestoßen?
Mit Akte S selbst noch nicht. Generell ist für mich jedoch völlig unverständlich, dass bei einer Abhängigkeitserkrankung die Kosten für eine Individualberatung oder -therapie nicht durch die Krankenkassen übernommen werden. Denn gerade im Suchtbereich ist Scham häufig ein Problem. Es kann eben nicht jeder in eine Gruppe. Das ist kategorisch bei allen Kassen so. Als Begründung höre ich, es stehe nicht im Präventionsleitfaden.

Dabei liegt die langfristige Erfolgsquote von Aufhörversuchen ohne Unterstützung lediglich bei drei bis fünf Prozent . . .
. . . weil beim Tabakrauchen die enorme Verfügbarkeit ein ganz wichtiger Faktor ist. Fast an jeder Straßenecke steht ein Automat. Rauchen ist eine Konsumform, die alltagstauglich ist, soziale Ausfälle bleiben in der Regel aus. Zudem war es lange Jahre gesellschaftlich voll integriert.

Sie sagen war?
Seit der Diskussion über die Nichtraucherschutzgesetze ändert sich auch die Einstellung zum Rauchen. Es wird zunehmend als störend empfunden. Raucher selbst sehen sich ausgegrenzt, sie müssen rausgehen, werden sogar öfter schräg angeschaut oder angesprochen.

Wird die Gefahr des Rauchens trotz dieser Entwicklung immer noch unterschätzt?
Ja, definitiv.

Würden Sie denn auch von gelegentlichem Rauchen abraten?
Gewisse Erkrankungen können auch durch gelegentliches Rauchen gefördert werden. Durch die Vielzahl chemischer Substanzen werden Entzündungsprozesse im Körper aufrechterhalten. Das kann im Lauf der Jahre zu verschiedenen Erkrankungen führen – egal wie viel man raucht. Außerdem gibt es bei den Krebs erzeugenden Substanzen keinen Schwellenwert der Unbedenklichkeit.

Dennoch rauchen in Deutschland immernoch 20 Millionen Bürger. Mangelt es mehr an der Prävention und der Aufklärung oder an der Entwöhnung?
Für die Raucher mangelt es an Entwöhnungsangeboten. Die vorhandenen Kurse sind für viele nicht attraktiv, weil sie zu lange dauern, und kürzere Angebote bezuschussen die Kassen häufig nicht.

Welche zulässigen Arten der Tabakentwöhnung gibt es?
Den wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit haben wir derzeit für die verhaltenstherapeutische und – wenn Entzugssymptome vorhanden sind – für die medikamentöse Unterstützung. Ein fehlender wissenschaftlicher Beweis bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass andere Methoden nicht wirken, sondern häufig, dass keine ausreichenden Studien durchgeführt wurden. Das stärkste wissenschaftliche Kriterium für Studien ist die kontinuierliche Abstinenz über zwölf Monate.

Doch nur mit einem positiven Wissenschaftsbeweis macht es Sinn, bei den Kassen nach Subventionen zu fragen?
Ja, das stimmt. Die Kassen zahlen derzeit beispielsweise nur die langfristigen Kurse, deren Erfolgsquote bei 35 bis 40 Prozent liegt. In Stuttgart konnten wir durch Gespräche mit den Kassen glücklicherweise Ausnahmen erreichen.

Gespräche sind sicherlich auch Teil der Tabakentwöhnung. Wie sollte diese aussehen?
Sie muss die Zielgruppe in hohem Maß erreichen und aus unterschiedlichen Methoden für unterschiedliche Zielgruppen bestehen. Der Einstieg zum Ausstieg muss niederschwellig sein. Die Rauchenden sollten frühestmöglich erreicht werden. Die Tabakentwöhnung sollte effektiv, zeitlich effizient und für alle sozialen Gruppen verfügbar sein. Zudem sollten die knappen Ressourcen im Gesundheitswesen berücksichtigt werden und die Anbieter einen finanziellen Ausgleich für den Aufwand bekommen.

Die aktuellen Standardmodelle, die von den Kassen anerkannt werden, erreichen Ihren Angaben zufolge die Raucher minimal,lediglich 0,03 Prozent nutzten sie 2009. Somit geben die Kassen nur 0,3 Prozent des Präventionsbudgets für die Tabakentwöhnungskurse aus.Woranliegt das?
Es ist ein Problem auf der Anbieter- und auf der Raucherseite: Raucher besuchen die Kurse zu wenig. Bei den Anbietern gibt es zu wenige Spezialisten und zu wenige passende Angebote. Die wenigen, die Kurse vorbereiten und anbieten, stehen am Ende nicht selten mit drei oder vier Kursteilnehmern da, trotz des großen Vorbereitungs- und Werbeaufwands.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?
Es wäre wichtig, den Fokus auch auf Kompaktkurse und individuelle Therapien zu legen. Dass diese für viele der einzig gangbare Weg zur Rauchfreiheit ist, wird von den Kassen häufig negiert.

Allerdings schreiben Sie selbst, dass die Abstinenzrate nach den Kompaktkursen geringer ist, etwa 20 bis 25 Prozent hören langfristig auf. Warum sind Sie dennoch ein Anhänger davon?
Die Methode ist sowohl für die Anbieter als auch für die Rauchenden lukrativer. Einem langfristigen Kurs stehen drei Kompaktkurse gegenüber. Pro Stunde Tabakentwöhnung können also mit dem Kompaktkurs doppelt so viele Raucher erfolgreich entwöhnt werden. Auch für die Raucher ist dieser attraktiver, weil die Einheiten überschaubarer und planbarer sind, als sechs Wochen lang einen Tag in der Woche zu dem Kurs gehen zu müssen. Mehrwöchige Kurse sind wichtig und effektiv, aber sie sind eben nicht für alle geeignet.

Haben Sie für den Erfolg von Kompaktkursen auch wissenschaftliche Bestätigungen?
Nur aus den regional begrenzten Zahlen, die ich aus unserer Stuttgarter Erfahrung habe. Den deutschlandweiten Beweis treten wir derzeit mit einer Studie an.

Wie müssen sich Raucher so einen Kompaktkurs vorstellen?
Wir erörtern zuerst in einem Gespräch und mittels Fragebogen, welche Methode sich eignet.Wenn der Kompaktkurs passend ist, besucht der Raucher zwei Termine à zwei Stunden in einer Gruppe zwischen acht und zwölf Personen. Dort gibt es kaum Vorträge, vielmehr werden die Lösungsmöglichkeiten in der Gruppe erarbeitet.

Sind das dann nur konkrete Handlungstipps oder wird auch psychologisch gearbeitet?
Der erste Schritt ist immer eine Motivationsanalyse. Wir wägen die Vor- und Nachteile des Rauchens und des Aufhörens ab. Jeder Rauchende braucht seinen persönlichen Grund für das Aufhören. Der zweite Schritt ist dann die Erarbeitung konkreter Ideen und Lösungsvorschläge, mit dem Rauchen aufzuhören beziehungsweise, was man stattdessen machen kann.

Haben Sie ein Hauptargument gegenüber dem größten Dickkopf in solch einer Gruppe? Von Abschreckung halte ich nicht viel. Man sollte eher schauen, warum die einzelnen Personen dabei sind, was sie bewegt. Wenn jemand zum Kurs kommt, ist er schon nicht mehr dickköpfig. Die Entscheidung muss immer beim Raucher selbst liegen. Daran arbeiten wir im Kurs, und die Gründe für das Aufhören sind dabei die Richtschnur.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (31. Mai 2012)