Nächster Job: Klitschkos Bodyguard

11 07 2011

England war vorbereitet. Als sich die Hamburger Arena am Samstag vor einer Woche füllte, zeigten die Fans des englischen Schwergewichtsboxers David Haye, dass Menschen von der Insel unerschütterlich sind. Eine großer Teil der 14000 Briten trotzte den 14 Grad Celsius im Norden Deutschlands genauso wie dem nicht enden wollenden Regen nur in T-Shirts bekleidet. Es schien wie ein Symbol, ein Zeichen für die Unbezwingbarkeit des englischen Willens, ganz im Sinne ihres großmauligen Heros im Ring. Gebracht hat es nichts, Wladimir Klitschko siegte letztlich souverän, klaute Haye seinen Weltmeistertitel und machte die Klitschko-Vorherrschaft im Schwergewicht mit dem vierten von vier Titeln perfekt. Die spätere Ausrede Hayes mit seinem gebrochenen Zeh ist den mitgereisten Kurzhemden und -haaren aus England bestimmt peinlich gewesen.

Sie und das Drum herum sind auch der Anlass für diesen Beitrag. Er kommt auch etwas spät, aber ich wollte dennoch meine Eindrücke aus der Arena festhalten. Schließlich war es mein erste Boxkampf live vor Ort, und die Engländer sowie das Wetter machten den Event definitiv zu etwas noch Besondererem.

Nachdem ich mit meinem Bruder erstmal unseren Platz ausgekundschaftet hatte, besorgten wir uns ein Bierchen und freuten uns, dass unsere Plätze im Trockenen waren. Die Stühle auf dem Spielfeld der Arena waren zwar mit Plastikfolien bedeckt, der Sitz war somit geschützt. Das half aber nichts gegen die Regenmassen, und so war der Normalobesucher doch tatsächlich mal besser dran als der VIP-Gast, ausgenommen die ganz wichtigen. Die saßen so nah am Ring, dass dessen Abdeckung auch sie schützte. Ich dachte mir nur, dass das Wetter auch für die Boxer gewöhnungsbedürftig ist. Auch wenn diese zwei Kolosse sicherlich nicht so schnell frieren,  ist es doch ein Unterschied für die Muskeln bei 14 Grad zu arbeiten oder bei – sagen wir – 24 in einer Halle. Wie auch immer, nicht unser Problem.

Es kam Unruhe auf. Menschen huschten umher, „Buh“-Rufe bewegten sich durch die Arena. Und plötzlich lief Vitali, Klitschkos älterer Bruder, an uns vorbei. Die englischen Fans fotografierten zwar, von Schmährufen hielt sie das aber nicht ab. Er bog dann in einen Zuschauerblock, die Besuchermasse verdichtete sich, wir also auch hin. Er gab dann aber nur ein Fernsehinterview mitten in einem Stadionblock. Als wir schon gehen wollten, rührte sich das Stadion wieder – man sieht nichts, hört aber irgendwas näherkommen und sieht förmlich eine Bewegungswelle in der Masse. Und dann lief er nochmal direkt an mir vorbei. Imposant ist ja schon, dass er wirklich ein Riese ist, aber viel spannender waren letztlich die Bodyguards um Klitschko. Zwar nur halb so groß, aber teilweise doppelt so breit. Und dann dieses Gockelgehabe. Die Leute wegschucken, böse gucken, sich ganz wichtig nehmen. Als ob man sich einem Vitali Klitschko freiwillig in den Weg stellt. Aber danke für die Unterhaltung.

Auf ging’s zu den Sitzplätzen. Ein bisschen hatte ich mich schon gewundert, dass auf den Karten „sichtbehindert“ stand, aber keine Behinderung zu sehen war. Als drei Engländer – ja, auch sie waren kurzhemdig und -haarig, zudem wäre eine Bewerbung als Klitschko-Bodyguard jedenfalls nicht am Körperbau gescheitert – auf unsere Sitzen beharrten, zückte ich voller Überzeugung die Tickets, um sie über das Missverständnis aufzuklären. Tja, dumm nur, dass England dieses Duell verdient für sich entschied. Falscher Block. Man hätte mein Grinsen auch mit einem freundlichen „Du-bist- einfach-zu-dämlich-Nicken“ quittieren können, aber der Inselkollege blickte mich nur emotionslos an. Um die Stimmung aufzuheitern, wollte ich schon sagen „Das ist aber Euer einziger Sieg heute“. Ich glaub, die Idee war nicht ganz so schlagfertig, aber das liest sich jetzt besser. Jedenfalls fehlten mir auf die Schnelle ohnehin die englischen Vokabeln. Vielleicht hatte ich auch nur Schiss. Auf den neuen Plätzen beeinträchtige zwar tatsächlich ein Ringpfosten teilweise die Sicht, gestört hat das aber kaum, weil dafür die Anzeigetafeln aushalfen. Außerdem wiegten wir uns nun zwischen Klitscko-Fans in Sicherheit. Und die Engländer in der übernächsten Reihe sahen recht friedlich aus.

Daher auch umso innbrünstiger „Klitschko“ geschrien. Schon hier hatte Wladimir einen klaren Vorteil, hört sich „Haye“ einfach nicht so gut an, und die Intonation einer Stadionmeute macht eine  Pause zwischen Klitsch und ko, die Lieblingsabkürzung eines Boxfans. Die Zeit schritt mit Klitschko-Rufen voran. Die Engländer sangen dem mit einem „He is going down“ entgegen. Auch bei ihrer Hymne waren sind mit Herzblut dabei. Da war das deutsche Publikum bei der ukrainischen schon um einiges textunsicherer. Egal: Was zählt, ist im Ring.

Den wollte dann Haye doch tatsächlich nicht aufsuchen. Eine Mischung aus Angst vor dem Ausbleiben des Kampfes und Häme gegenüber den Engländern, was für ein Weichei ihr Held doch sei, durchfuhr zumindest mich. Professionell haben die Veranstalter auf die Verzögerung reagiert. Als Haye dann urplötzlich und ohne Vorwarnung in die Arena lief, wurde auch umgehend wieder der Einlaufsong eingespielt. Das Bodyguard-Spektakel ging in die nächste Runde, doch diesmal stieß auch Haye selbst einen Zuschauer weg. Eine Bewerbung als Klitschko-Bewacher? Wladimir marschierte dann nicht nur mit den Feuerstößen, die schon bei Haye bis auf die Ränge hinauf für Wärme sorgten, sondern auch mit Feuerwerk auf dem Arena-Dach ein. Einfach abartig und pervers, diese Boxinszenierung, Haye ertrug es in einer Rettungsdecke eingewickelt. Sinnbild? Und dann Auftritt Michael Buffer, der wegen eines Satzes Gold scheißt. Sind aber auch ganz große 20 Buchstaben. Ehrlich.

Also Ring frei für Runde eins. Über den Kampf kann man nicht so viel sagen. Haye war schnell, aber zu mutlos. Klitschko kämpfte souverän und gewann verdient. Dass er danach aber fast übler aussah als der Engländer, zeugt von dessen guter Leistung. Gereicht hat es dennoch nicht. Auch die „Klitschko“-Rufe überstimmten die „Haye“-Anfeuerungen. Beide Fangesänge nahmen aber von Runde zu Runde ab, sodass Vitali ab dem neunten Durchgang die Arena klatschend animieren musste. Auch der letzte Aufschrei der Ko-Fans in der abschließenden Runde, sozusagen der letzte Hoffnungsbrüller auf einen Höhepunkt ändert nichts daran, dass so ein Boxkampf auch live vor Ort doch schnell seine Faszination verliert. Schließlich sind es hauptsächlich doch nur taktische Tänze zweier Kolosse – in diesem Fall über 36 Minuten. Umso wichtiger ist daher der Event drum herum.  Daher würde ich solch ein Ereignis unterm Strich auf jeden Fall empfehlen. Am besten mit englischen Fans. Die sind immer bereit.

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4 responses

12 07 2011
michaela

Solche Boxkämpfe scheinen Ähnlichkeit mit Baseball zu haben. Nicht was die Fans angeht, sondern die Spieldauer.
Ich war in Kalifornien mal bei einem Baseballspiel im Stadion – und bin fast eingeschlafen. Neun Innings bei einem fast höhepunktslosen Spiel… *gähn*

Aber man muss ja alles mal ausprobiert haben!

12 07 2011
fabischmidt

kann mir gut vorstellen, dass neun innings langweiliger baseballsport hart sein können. deswegen machen die amis da auch ein riesenfamilienevent draus. dann hat man zwischendurch immer mal highlights und ansonsten ein nettes fest.

13 07 2011
Ben

klitschkou! klitschkou! klitschkou!

17 07 2011
fabischmidt

yeah!

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