Vom Dorfplatz in die Europa League

13 07 2012

Emil Noll kennt den Fußball von der untersten bis zur obersten Liga – sowie die rassistischen Probleme.

Es knistert ab und an, wenn ein Regenschauer im Anflug ist. Die Stromleitung, die sich über den Fußballplatz des SV Aufheim erstreckt, reagiert auf den Wetterumschwung. Manchmal berührt der Ball auch eines der Stromkabel, meist wenn die Torhüter einen Abschlag hoch hinausschießen. Emil Noll hat die Leitungen nie getroffen. Die Karriere des heute 33Jährigen begann in der 2000EinwohnerGemeinde, die zur Stadt Senden gehört, das die meisten aus der Radiowerbung einesMöbelhauses kennen.

DenHöhepunkt erreichte der imKongo geboreneDeutschemitAlemanniaAachen, als der Club in der Saison 2004/2005 als Zweitligist die Gruppenphase der Europa League überstand. „Dort hatte ich mit Abstandmeine schönste Zeit“, sagtNoll.Mittlerweile kickt der Abwehrspieler bei Pogon Stettin in der höchsten polnischen Liga.

Noll hat viele Erfahrungen gemacht

Noll ist in doppelter Hinsicht interessant. Der Sohn einerKongolesin und einesDeutschen schaffte es von der untersten Spielklasse imBezirkDonau/Iller in die höchste Spielklasse, und der Linksfuß lernte vom Dorfplatz bis zum Bundesligastadion und auch im Ausland rassistisches Verhalten von Fans und Spielern kennen.

Mit sechs Jahren zog die Familie von Kinshasa nach Aufheim in der Nähe von Ulm. Emil hatte in Afrika ein paar Mal gegen einen Ball getreten, aber nie daran gedacht, Profi zu werden. Das änderte sich auch nicht, als er in der Jugend des SV Aufheimspielte, nachdemihn der damalige Vereinsjugendleiter Heinrich Zeller auf der Straße angesprochen hatte.

„Die klimatische Umstellung bereitete ihmProbleme“, sagt Zeller, der auch an DFBStützpunkten aktiv ist. „Er ist im Herbst noch in kurzer Hose herumgesprungen. Deshalb war er ständig erkältet.“ Nolls Bewegungstalent war aber sofort zu erkennen. Das galt es zu fördern. Erwechselte zu höherklassigen Clubs, spielte inderBJuniorenVerbandsstaffel, doch ohne Freunde war es schwierig, erinnert sich Zeller: „Er hatte immer Probleme,wenn er keinen kannte.“

Der Traum vom Profi reifte langsam

Noll wuchs auf 1,94Meter heran, kehrte wieder zum SV Aufheim zurück, spielte dort bei den Männern in der Kreisliga B. Der Traum vom Profi war mittlerweile gereift – und er verließ dann langsam doch das gewohnte Umfeld. Über die Bezirksliga wechselte er in dieLandesliga nach Illertissen, blieb dort drei Jahre und sagt heute: „Das war der Fehler und hat mich unnötig ausgebremst. Ich hätte früher nach Aalen gehen sollen.“ Andererseits schloss er so seine Ausbildung zum Postkaufmann ab, und der Transfer zumRegionalligisten VfR Aalen klappte 2002 auch noch. Alemannia Aachen holte Noll zwei Jahre später. „Da wusste ich, dass ich es geschafft habe.“Und er schaffte mit dem Club 2006 auch noch den Sprung in die Bundesliga.

Nach den internationalen Auftritten, einigen Bundesligaeinsätzen und insgesamt 101 Zweitligapartien in Aachen, Koblenz, Paderborn und beimFSV Frankfurt lotste Pierre Littbarski Noll zum FC Vaduz in die zweite Schweizer Liga, bevor er dann 2010 für ein Jahr nach Polen zu Arka Gdynia wechselte.

In acht Jahren schaffte er es also von ganz unten nach ganz oben. Emil Noll kennt die unterschiedlichen Spielklassen und sagt: „In der Kreisliga spielst du aus Spaß und mit deinen guten Freunden. Als Profi ist Fußball aber dein Job.Das Teamist zwar eine Einheit, aber imEndeffekt schaut dennoch jeder auf sich selbst.“ Vereinzelt entstünden Freundschaften, aber generell sei derKonkurrenzkampf dafür zu groß. Dieser Druck habe ihm kaum zugesetzt, aber „wenn man wie ein Weltmeister trainiert und keine Chance bekommt, das ist das Schlimmste“.

Ebenfalls bedauernswert sind rassistische Anfeindungen. „Ich denke“, sagt Noll, „in den unteren Ligen ist das schlimmer.“ Dort sei alles offener, nicht so abgeschirmt wie im Profifußball, die Aggression könne sich leichter entladen. Seine krasseste Erfahrungmachte er aber impolnischen Profifußball, beim Ostseederby Arka Gdynia gegen Lechia Danzig. „Zwei andere Dunkelhäutige spielten noch in meinem Team, und bei einem haben die Fans beim Einwurf Affengeräusche gemacht“, sagt Noll. „Es war vielleicht auch Glück, dass ich fast gar nichts verstanden habe.“ Denn die Stimmung sei auf den Rängen in polnischen Fußballstadien aggressiver als in Deutschland. Insgesamtwurde der 33Jährige in seiner Fußballerlaufbahn aber selten zumOpfer rassistischer Aktionen.

„Es geht nicht um Geld“

Noll will seine Karriere als Profi beenden, aber nicht auf einemDorfplatz irgendwo in der Welt. Gerne auch in Deutschland und gerne bei Clubs wie den Stuttgarter Kickers. „Es kommt immer auf die Ziele des Vereins an, es geht nicht umGeld“, sagt der Defensivmann, der nicht ausgesorgt, aber immer etwas zur Seite gelegt hat. Seine eigenenZiele kenntNoll schon:Erwill dem Fußball treu bleiben undmit seinerMutter mal nach Afrika, denn dort war er seit seinemWeggang nichtmehr. Dann wird es sicherlich in ihmknistern – vor Aufregung.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. Juli 2012)

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