Vom Dorfplatz in die Europa League

13 07 2012

Emil Noll kennt den Fußball von der untersten bis zur obersten Liga – sowie die rassistischen Probleme.

Es knistert ab und an, wenn ein Regenschauer im Anflug ist. Die Stromleitung, die sich über den Fußballplatz des SV Aufheim erstreckt, reagiert auf den Wetterumschwung. Manchmal berührt der Ball auch eines der Stromkabel, meist wenn die Torhüter einen Abschlag hoch hinausschießen. Emil Noll hat die Leitungen nie getroffen. Die Karriere des heute 33Jährigen begann in der 2000EinwohnerGemeinde, die zur Stadt Senden gehört, das die meisten aus der Radiowerbung einesMöbelhauses kennen.

DenHöhepunkt erreichte der imKongo geboreneDeutschemitAlemanniaAachen, als der Club in der Saison 2004/2005 als Zweitligist die Gruppenphase der Europa League überstand. „Dort hatte ich mit Abstandmeine schönste Zeit“, sagtNoll.Mittlerweile kickt der Abwehrspieler bei Pogon Stettin in der höchsten polnischen Liga.

Noll hat viele Erfahrungen gemacht

Noll ist in doppelter Hinsicht interessant. Der Sohn einerKongolesin und einesDeutschen schaffte es von der untersten Spielklasse imBezirkDonau/Iller in die höchste Spielklasse, und der Linksfuß lernte vom Dorfplatz bis zum Bundesligastadion und auch im Ausland rassistisches Verhalten von Fans und Spielern kennen.

Mit sechs Jahren zog die Familie von Kinshasa nach Aufheim in der Nähe von Ulm. Emil hatte in Afrika ein paar Mal gegen einen Ball getreten, aber nie daran gedacht, Profi zu werden. Das änderte sich auch nicht, als er in der Jugend des SV Aufheimspielte, nachdemihn der damalige Vereinsjugendleiter Heinrich Zeller auf der Straße angesprochen hatte.

„Die klimatische Umstellung bereitete ihmProbleme“, sagt Zeller, der auch an DFBStützpunkten aktiv ist. „Er ist im Herbst noch in kurzer Hose herumgesprungen. Deshalb war er ständig erkältet.“ Nolls Bewegungstalent war aber sofort zu erkennen. Das galt es zu fördern. Erwechselte zu höherklassigen Clubs, spielte inderBJuniorenVerbandsstaffel, doch ohne Freunde war es schwierig, erinnert sich Zeller: „Er hatte immer Probleme,wenn er keinen kannte.“

Der Traum vom Profi reifte langsam

Noll wuchs auf 1,94Meter heran, kehrte wieder zum SV Aufheim zurück, spielte dort bei den Männern in der Kreisliga B. Der Traum vom Profi war mittlerweile gereift – und er verließ dann langsam doch das gewohnte Umfeld. Über die Bezirksliga wechselte er in dieLandesliga nach Illertissen, blieb dort drei Jahre und sagt heute: „Das war der Fehler und hat mich unnötig ausgebremst. Ich hätte früher nach Aalen gehen sollen.“ Andererseits schloss er so seine Ausbildung zum Postkaufmann ab, und der Transfer zumRegionalligisten VfR Aalen klappte 2002 auch noch. Alemannia Aachen holte Noll zwei Jahre später. „Da wusste ich, dass ich es geschafft habe.“Und er schaffte mit dem Club 2006 auch noch den Sprung in die Bundesliga.

Nach den internationalen Auftritten, einigen Bundesligaeinsätzen und insgesamt 101 Zweitligapartien in Aachen, Koblenz, Paderborn und beimFSV Frankfurt lotste Pierre Littbarski Noll zum FC Vaduz in die zweite Schweizer Liga, bevor er dann 2010 für ein Jahr nach Polen zu Arka Gdynia wechselte.

In acht Jahren schaffte er es also von ganz unten nach ganz oben. Emil Noll kennt die unterschiedlichen Spielklassen und sagt: „In der Kreisliga spielst du aus Spaß und mit deinen guten Freunden. Als Profi ist Fußball aber dein Job.Das Teamist zwar eine Einheit, aber imEndeffekt schaut dennoch jeder auf sich selbst.“ Vereinzelt entstünden Freundschaften, aber generell sei derKonkurrenzkampf dafür zu groß. Dieser Druck habe ihm kaum zugesetzt, aber „wenn man wie ein Weltmeister trainiert und keine Chance bekommt, das ist das Schlimmste“.

Ebenfalls bedauernswert sind rassistische Anfeindungen. „Ich denke“, sagt Noll, „in den unteren Ligen ist das schlimmer.“ Dort sei alles offener, nicht so abgeschirmt wie im Profifußball, die Aggression könne sich leichter entladen. Seine krasseste Erfahrungmachte er aber impolnischen Profifußball, beim Ostseederby Arka Gdynia gegen Lechia Danzig. „Zwei andere Dunkelhäutige spielten noch in meinem Team, und bei einem haben die Fans beim Einwurf Affengeräusche gemacht“, sagt Noll. „Es war vielleicht auch Glück, dass ich fast gar nichts verstanden habe.“ Denn die Stimmung sei auf den Rängen in polnischen Fußballstadien aggressiver als in Deutschland. Insgesamtwurde der 33Jährige in seiner Fußballerlaufbahn aber selten zumOpfer rassistischer Aktionen.

„Es geht nicht um Geld“

Noll will seine Karriere als Profi beenden, aber nicht auf einemDorfplatz irgendwo in der Welt. Gerne auch in Deutschland und gerne bei Clubs wie den Stuttgarter Kickers. „Es kommt immer auf die Ziele des Vereins an, es geht nicht umGeld“, sagt der Defensivmann, der nicht ausgesorgt, aber immer etwas zur Seite gelegt hat. Seine eigenenZiele kenntNoll schon:Erwill dem Fußball treu bleiben undmit seinerMutter mal nach Afrika, denn dort war er seit seinemWeggang nichtmehr. Dann wird es sicherlich in ihmknistern – vor Aufregung.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. Juli 2012)





Appetit 2.0 – das Handy liegt sogar auf der Ersatzbank

10 07 2012

Smartphone-Besitzer können dank zahlreicher Applikationen noch leichter ihren Fußballhunger stillen. Das gilt vom Freizeit- über den Amateur- bis hin zum Profisport. Auch der Stadionbesucher und der wenig begabte Freizeitkicker profitieren von der technischen Entwicklung.

Die Technik hat den Freizeitfußball etwas menschlicher gemacht. Was paradox klingt, haben die Kicker Thomas Goerldt zu verdanken. Er hat 2011 nämlich die Teamshaker-App entwickelt. Seither bleiben beim Wählen von zwei Teams die peinlichen Momente aus: Keiner muss mehr mit ansehen, wie alle anderen vor ihm ausgewählt werden, keiner muss mehr diese Sekunden oder Minuten des unmenschlichen Wartens aushalten, bis er als Letzter zu einer Mannschaft schlappen darf, die ihn notgedrungen aufnehmen muss. Anstatt wie bisher mit „Tip-Top“ oder „Hühnerdapperle“ Schritt für Schritt den Teamkapitän zu bestimmen, der mit der Mannschaftwahl beginnen darf, sitzen die Freizeitfußballer nun vor einem Smartphone. In diesem können bei der Team-Shaker-App die teilnehmenden Spieler mit einer Stärke von eins bis fünf einprogrammiert werden. Danach schüttelt jemand das Handy und heraus kommen zwei Mannschaften, die unter Berücksichtigung der einzelnen Spielerfähigkeiten auf einem ähnlichen Niveau sind.

Der Markt solcher Applikationen für Mobilfunktelefone wächst stetig. Rund 13 Millionen Treffer spuckt die Internetsuchmaschine Google bei der Wortkombination „Fußball App“ aus. Für die verschiedenen Betriebssysteme für die Handys haben die Hersteller jeweils eigene Appstores eingerichtet, in denen die Anwendungen heruntergeladen werden können, einige sind mit mehreren Betriebssystemen kompatibel. Viele Apps sind kostenlos – sicherlich auch, weil die Zahlungsbereitschaft der Nutzer nicht sehr hoch zu sein scheint. Eine Ausnahme stellen hier wohl die Apps der einzelnen Fußballclubs dar.

Amateurvereine nutzen solche Applikationen für die eigene Öffentlichkeitsarbeit noch nicht, die Kicker- und Fussball.de-App sind jedoch auch an den Spieltagen der unteren Ligen im Einsatz. So können schließlich schnell die Ergebnisse auf den anderen Dorfplätzen gecheckt werden. Seit kurzem kostet dieser Amateurservice von Fussball.de 2,99 Euro pro Jahr. „Ich sehe es nicht ein, für die Ergebnisse Geld zu zahlen, die bekommt man im Internet schließlich umsonst“, sagt Holger Höb vom WFV-Club SV Aufheim in der Nähe von Ulm. Er hat früher die App genutzt. Auch Janosch Köberlein, ehemaliger Kicker aus dem Bezirk Alb, findet die Gebührenpflicht in diesem Fall „ziemlich frech“. Stefan Schilling, der Presseverantwortliche des Tübinger Stadtteilclubs SV Pfrondorf, nutzt manchmal auch den Amateurinfoservice der Kicker-App, „die ist aber sehr spät aktuell“. Beim Kreisligisten FV Weißenhorn im Bezirk Donau/Iller läuft das dann an einem Spieltag meistens folgendermaßen ab: ein Smartphonebesitzer liest die Ergebnisse im Sportheim laut vor und gibt anschließend das Handy weiter, damit die Kollegen die Tabellensituation analysieren können.

Fußball-Apps in der Hanballkabine

Weil die Amateure oft zu ähnlichen Zeiten wie die Profis kicken, kommen die Fußball-Apps auch während der 90 Minuten zum Einsatz. „Sogar wenn wir selbst spielen, liegt ein Handy auf der Auswechselbank, um einfach immer auf dem Laufenden zu bleiben. Eigentlich verrückt“, sagt Stephan Gabele vom SBFV-Club FV Walbertsweiler-Rengetsweiler in der Bezirksliga Bodensee, „ich finde diese Apps genial.“ Max Länge studiert mit Gabele Sportwissenschaft, spielt selbst Handball in Schwäbisch Gmünd, berichtet aber vom gleichen Phänomen: „In der Kabine schauen wir uns den Liveticker an – meist ohne Trainer – und reden dann darüber, welche Auswirkungen das auf unsere Comunio-Mannschaften hat.“

Ob Kicker, Fussball.de, Sport1, Bundesliga, 90elf-live, Laola1.at, Sportschau, Spox, Ran, Livescore, DFB Uefa, Espn, Pocket-Liga, Eurosport, oder Iliga – die App-Liste ist beliebig verlängerbar – sie alle informieren den Nutzer über Spielstände, Tabellensituationen, Torschützen, versorgen ihn mit Vor- und Nachberichten, klären ihn über Transfergerüchte auf, bieten teilweise auch Bilder und Videos. Je nach App werden die Nutzer über Nationalmannschaften, nationale und internationale Ligen informiert. Ihnen ist dabei neben der kurzen Ladezeit, eine übersichtliche Darstellung und einfache Navigation sowie die schnelle Aktualität wichtig. „So eine App ist optimal für zwischendurch, um auf dem Laufenden zu bleiben. Auch gut für Diskussionsrunden, wenn man spontan entscheidende Fakten braucht“, sagt der fußball- und internetverrückte Göppinger Samy Abdel Aal, der vor allem die Iliga-App nutzt, die fast viereinhalb von fünf Sternen bei der Nutzerbewertung im Itunes-Store erhält und zu den beliebtesten Fußball-Apps zählt. Diese Bewertungen sind auch für einige Interessenten die Grundlage, welche App sie herunterladen. Als negativ werden beispielsweise Registrierungs- und Anmeldepflichten erachtet.

Im Einsatz sind die Applikationen vor allem am Wochenende während des Ligabetriebs, aber auch bei Partien im Europa- oder DFB-Pokal unter der Woche. „Wenn man nach der Arbeit noch etwas trinken geht und kein TV in der Nähe ist, sorgen die Apps eigentlich im Minutentakt für Gesprächsstoff“, sagt Steffen Schmid aus Eislingen an der Fils, der für den Hessischen Fußball-Verband arbeitet. Simon Kirchgeßner aus dem BFV-Kreis Buchen im Odenwald hat bereits ein Konsumsystem entwickelt. Aus seinem Handy schallt aufgrund der „Sportschau“-App ein „Tooor“-Schrei, wenn auf einem Platz ein Treffer fällt. Dann schaut er dort, wo das Tor gefallen ist, und wechselt auf die Kicker-App, um den Schützen nachzulesen. Denn diese App „hat die schnellste Verschriftlichung, schneller als die Homepage“. Die Toralarm-Funktion bieten übrigens auch andere Applikationen. Aber nicht nur die Fans nutzen diese Anwendungen, auch Mitarbeitern von Medienhäusern erleichtern die Apps teilweise den Job, wenn beispielsweise eine Tabelle für die Zeitungsausgabe des kommenden Tages angefertigt werden muss und der Redaktionsschluss naht.

Manche Proficlubs kooperieren mit IT-Dienstleistern

Einige Apps ermöglichen dem Nutzer, seinen Lieblingsverein anzugeben, sodass die Infos über diesen Club zuvorderst erscheinen. Besser eignen sich hierfür die eigenen Vereins-Apps – sei es von Medienhäusern, wie die VfB-App von der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten, oder die Applikationen, welche die Clubs selbst entwickeln beziehungsweise mit Informationen befüllen. Beim SC Freiburg haben beispielsweise Anhänger eine eigene Fangemeinschaft-App auf den Markt gebracht, um über den Club sowie Aktionen zu informieren. 1899 Hoffenheim bietet seinen Fans neben dem Live-Ticker und einigen Informationen rund um das Stadion auch eine 1899-TV-App mit Videos von den Spielen und den Pressekonferenzen sowie mit Hintergrundberichten und Interviews an.

Die App des VfB Stuttgart ist die einzige kostenpflichtige in der Bundesliga. Als die Schwaben ihre Anwendung initiierten, kämpfte der Club gegen den Abstieg. „Die Vorgabe war Kostenneutralität, weil zu der Zeit der Entscheidung ein deutlich übergeordnetes Thema, nämlich die Zukunft des Vereins, vorrangig war“, sagt Holger Boyne, beim VfB für die App zuständig. Somit blieben zwei Möglichkeiten: eine Standard-App oder eine eigens programmierte, für die der Fan aber 79 Cent pro Quartal beitragen muss. Stuttgart zählt seither zu der Minderheit der Bundesligavereine, die ihre Applikation mit einem Dienstleister entwickelt und nicht lediglich den eigenen Newsstream und das Branding in eine vorgefertigte Applikation eingebaut haben. „Diese Standard-Apps sind gut, aber vergleichbar“, sagt Boyne. Die eigene Entwicklung ist jedoch kostenintensiv. Der VfB will zur kommenden Saison sein gesamtes App-Konzept überarbeiten, auch die Kostenpflicht hinterfragen, die „monetäre Handlungsfähigkeit“ sei vorhanden. „Eine App muss technisch ausgereift, funktional und emotional sein, viele Gimmicks sowie einen echten Mehrwert bieten und vor allem individuell sein“, sagt Boyne. Die Neuauflage soll schneller als die aktuelle App sein und mehr Funktionen, wie beispielsweise die Nutzung ortsbasierter Dienste, ermöglichen.

Auch Werder Bremen hat einen eigenen Dienstleister beauftragt, die neue App steht seit der Winterpause zum Herunterladen bereit. Die Norddeutschen sind bei ein paar Features Vorreiter. So können die Stadionbesucher über die Applikation ihre Arena-Card mit Geld aufladen – und müssen nur noch an den Verzehr- und Souvenirständen anstehen. Außerdem bietet die Anwendung für Auswärtsfahrten einen Routenplaner. Darüber hinaus können die zahlenden Werder-TV-Abonnenten das Programm auch in der App abrufen. Über kostenpflichtige Services diskutieren die Verantwortlichen auch bei Borussia Dortmund. Mit sogenannten In-App-Payments kann der Nutzer dann beispielsweise die Highlights der Spiele sehen. Auch der Meister kooperiert mit einem IT-Unternehmen. „Wir entwickeln mit diesem Dienstleister einen eigenen Fahrplan und arbeiten dauerhaft an einer Optimierung“, sagt David Görges vom BVB. „Das Gute daran ist, dass beispielsweise ein Update so nicht auch für die anderen Vereine gilt, wie das bei den Standard-Apps der Fall ist.“ In Dortmund hatten Görges und Co. sogar über ein Call-a-Beer-Feature nachgedacht. Per Klick im Smartphone sollte so über die App ein Bier geordert werden können. „Das ist aber mit der Ortung sehr schwierig, die Handytechnik gibt das noch nicht her“, sagt Görges. Der hohe Personalaufwand sei ein weiteres Hindernis. Den Clubs geht es bei der Applikation letztlich darum, einen weiteren Newskanal zu nutzen und zusätzliche Angebote für die Fans zu bieten – sowohl unterwegs für den mobilen Nutzer als auch für den Stadionbesucher.

Tippen und Managen ist auch möglich

Da die Fußballanhänger in ihren Lieblingssport dank Comunio oder Kicktipp auch selbst spielerisch eingreifen können, bietet sich den App-Entwicklern ein weiterer Markt. Für Kicktipp oder das Erdinger Tippspiel sind bereits Applikationen in den Stores abrufbar. Auch Comunio bietet diesen Service mittlerweile an. In Echtzeit auf dem Smartphone-Display Fußball spielen ermöglichen Game-Apps wie beispielsweise die Anwendung Flick Champions, bei der mit dem Finger die Schuss- und Passrichtung sowie -stärke bestimmt werden.

Die Worte Stärke, Anwendung und Internet führen indes automatisch zur Plattform Facebook. Schließlich bietet auch der Netzriese eine App an. Diese ist beim Kreisligisten Weißenhorn „im Einsatz, um Trainingszeiten und -pläne sowie Treffpunkte bekannt und Fahrgemeinschaften auszumachen“, wie der Verteidiger Michael Strasser berichtet. Wie bei den Freizeitfußballern hat dann auch ein Vereinstrainer bei den Übungseinheiten dank der neuen Technik die Möglichkeit, die Mannschaften für das Abschlussspiel mit einer gerechten Stärkenverteilung auszuschütteln. Dafür braucht er nur ein Smartphone und die Team-Shaker-App.

veröffentlicht im Magazin im Spiel (2012, imspiel_fussball_apps)





VfB mit schmeichelhaftem Remis

22 04 2012

Die Punkte geteilt: der VfB Stuttgart hat beim Abstiegskandidaten 1. FC Köln 1:1 (0:0) gespielt. Im Vorfeld der Partie hatte der VfB-Trainer Bruno Labbadia ein Kampfspiel angekündigt. „Es geht nicht mit Schönspielerei, wir müssen dagegenhalten und gleichzeitig ruhig bleiben“, sagte er am Ende einer Woche, in der die Mercedes-Benz-Bank als neuer Hauptsponsor eingestiegen ist, Matthieu Delpierres Abgang nach Hoffenheim und die Vergabe der Fernsehrechte ab der Saison 2013/2012 bekannt gegeben wurden und die Wappendebatte beim VfB wieder aufkeimte.

Das war zumindest mal die folgerichtige Vorgabe, schließlich sprach Kölns Interimstrainer Frank Schaefer vor seinem ersten Heimspiel an der Seitenlinie in dieser Saison vom „Ziel, Stuttgart einen großen Kampf zu liefern und zu punkten“. Insgesamt war das dann auch auf dem Rasen im mit 50.000 Zuschauern ausverkauften Kölner Rheinenergie-Stadion zu sehen. Der Kampft überragte die spielerischen Finessen und Stuttgart punktete am Ende etwas glücklich.

Spielverlauf: Das Spiel begann zerfahren, Fehlpässe dominierten in den Anfangsminuten das Geschehen. Die erste Chance hatten die Stuttgarter nach einem Eckball, den Vedad Ibisevic mit seinem Schuss aus der Drehung abschloss. Doch Michael Rensing im Kölner Tor hatte keine Probleme (5. Minute). Nach zehn Minuten hatte die Heimmannschaft ihren ersten Eckstoß. Sven Ulreich im VfB-Tor unterschätzte diesen, sprang unter der Flugbahn des Balles hindurch, die aber auch für den heraneilenden FC-Vizekapitän Sascha Riether zu hoch war.

In der Folgezeit übernahm der VfB immer mehr die Kontrolle, ohne sich Tormöglichkeiten zu erspielen. Köln wirkte zwar auch mit, fiel aber besonders durch Fehlpässe auf. Die Tabellenpositionen – der FC kämpft um den Klassenverbleib, Stuttgart um die Europa-League-Teilnahme – und die damit verbundenen Drucksituationen waren erkennbar: der VfB souverän, Köln nervös. Der Geißbock meckert Der erste Kölner Torschuss, der zumindest in Richtung Sven Ulreich flog, kam von Christian Clemens, sorgte aber durch seine Höhe nicht für Gefahr (27.).

Dann war der Japaner Gotoku Sakai an der Außenlinie zu nachlässig gegen Lukas Podolski, der sich den Ball eroberte, einen Angriff einleitete und diesen nach einer Flanke selbst mit dem Kopf abschloss, Ulreich aber keine Probleme bereitete (28.). In der 30. Spielminute meckerte dann das FC-Maskottchen Hennes, ein Geißbock, über die Stadionlautsprecher und der Führungstreffer des 1. FC Kaiserslautern beim direkten Kölner Abstiegskonkurrenten Hertha BSC wurde auf der Anzeigetafel eingeblendet – die Zuschauern jubelten, zumindest die Kölner.

Köln übernimmt die Kontrolle

Den Freude der Fans münzten die Kölner auf dem Rasen in Schwung um, bissen sich in die Zweikämpfe und der ehemalige Stuttgarter Martin Lanig hatte die bislang beste Chance des Spiels. Sein Schuss rollte aber Zentimeter am linken Pfosten vorbei (32.). Kurz darauf erneut ein mutiger Lanig: der Mittelfeldspieler marschierte mit dem Ball am Fuß durch die gesamte Stuttgarter Hälfte, passte aber bei einer Vier-zu-Drei-Überzahlsituation den falschen Mitspieler, nämlich den im Abseits stehenden Podolski an.

Köln hatte jetzt das Kommando übernommen, Stuttgart fabrizierte die Fehlpässe, ließ den Kölnern zu viel Freiraum, nahm den Kampf zu wenig an, spielte zu statisch. Der VfB-Trainer Bruno Labbadia schimpfte dementsprechend an der Seitenlinie, die Kölner Fans peitschten ihre Mannschaft nach vorn – und nach 41 Minuten meckerte Hennes zum zweiten Mal. Köln glaubte wieder an sich, Stuttgart wackelte.

VfB mit vielen Ballverlusten

Die Rheinländer zeigten das Engagement und die Bewegung, die sie in den vergangenen Wochen vermissen ließen. Der Interimstrainer Schaefer schien wie schon in der vergangenen Saison, als er mit dem FC den Klassenverbleib schaffte, die richtigen Worte gefunden zu haben. Stuttgart nahm nicht wirklich teil, verlor das Spielgerät nach einem Ballgewinn umgehend wieder. Die letzte Chance vor dem Pausenpfiff hatte dann auch Köln. Podolski bekam im Stuttgarter Strafraum den Ball vom Sakai in die Füße gespielt, sein Schuss verfehlte das Tor aber.

Von der Treffsicherheit der Schwaben in der Rückrunde wie beim 4:1-Heimsieg gegen Bremen am vorigen Spieltag war nichts zu sehen. Immerhin ist der VfB mit 36 Treffern als das torgefährlichste Team der Rückrunde nach Köln gereist. Das blieb er aben den mitgereisten Fans in der ersten Hälfte schuldig.

Stuttgart schlampig, Köln mit der Führung

Die zweite Hälfte begann dann mal wieder mit zwei Stuttgarter Angriffen. Den zweiten vertändelte Cristian Molinaro aber so, wie der VfB in der ersten Hälfte gespielte hatte: unkonzentriert, schlampig und nicht zielstrebig genug. Im Gegenzug zeigte Köln, wie es besser geht. Bei Clemens‘ Schuss musste sich Ulreich ganz lang strecken, um den Ball gerade noch am Tor vorbeizulenken (49.).

Eine Minute später war der Stuttgarter Schlussmann dann aber chancenlos. Mato Jajalo und Podolski kombinierten sich mit einem Doppelpass durch die VfB-Abwehr und der deutsche Nationalspieler passte hart in die Mitte – vielleicht wollte er auch auf das Tor schießen – und Slawomir Peszko schob ins leere Tor ein. Das Stadion brodelte.

Cacau mit der besten VfB-Chance

Wenig später zeigte dann auch Molinaro, wie es geht, setzte sich auf der linken Außenbahn schön durch, flankte scharf in die Mitte – doch Kölns Kapitän Geromel entschärfte den Ball gerade noch vor dem kopfballbereiten Vedad Ibisevic. Drei Minuten nach seiner Einwechslung hatte dann Cacau die bis dahin beste Stuttgarter Chance. Der Nationalstürmer umkurvte zwei Kölner im Strafraum, kam aber erst knapp vor dem herauseilenden Rensing zum Schuss, so dass er diesen anschoss.

Es war nun mehr Leben im Spiel. Das lag aber weiterhin vor allem an den Kölnern. Miso Brecko schraubte mit seinem Versuch das Torschussverhältnis auf 15:6 für die Heimmannschaft in die Höhe (66.). Doch der VfB war dennoch präsenter als vor der Pause, das Kölner Tempo war nicht mehr ganz so hoch wie in der ersten Hälfte. Die Intensität forderte zunehmend ihren Tribut.

Prompt setzte sich Cacau erneut im Kölner Strafraum durch, spitzelte den Ball diesmal an Rensing vorbei, das Spielgerät prallte vom rechten an den linken Innenpfosten und rollte – weil es so viel Effet hatte – über die Torlinie. 1:1 (71.), das Ergebnis der leicht verbesseren Leistung, aber dennoch schmeichelhaft für den VfB. Doch Köln war keineswegs geschockt. Nur zwei Minuten später schnappte sich Clemens links außen den Ball und schloss beherzt ab. Sein Versuch landete am Außennetz.

Nun passierte zehn Minuten nichts Aufregendes, die Partie verlief ruhig, bis Cacau in der 84. Minute aus 16 Metern abzog und Rensing gerade noch auf der Linie klärte. Drei Minuten vor dem Ende der offiziellen Spielzeit durfte Ibisevic dann nochmal zum Freistoß kurz vor der Strafraumgrenze antreten. Sein Versuch endete im Fangnetz über dem Tor. Köln schien mit dem Remis zufrieden, jedenfalls blieb die Schlussoffensive des FC aus und Stuttgart machte auch nichts mehr.

Der Vorsprung des VfB auf den Tabellensechsten Leverkusen schmolz damit auf zwei Zähler, weil Bayer in Hoffenheim gewann. Köln verpasste indes einen großen Schritt weg vom vorletzten Tabellenplatz, der FC vergrößerte seinen Vorsprung auf Berlin, das 1:2 verlor, zwar, aber nur auf zwei Punkte. Es bleibt also für die Schwaben und die Rheinländer spannend.

Entscheidende Szene: Cacau brannte auf seinen Einsatz. Das zeigte der Stürmer sofort nach seiner Einwechslung, als er sich gleich mal im Strafraum durchsetzte und eine gute Chance vergab. Doch Cacau machte weiter und traf in der 71. Spielminute zum Ausgleich. Das Tor stellte nicht nur den Spielverlauf auf den Kopf, sondern brachte auch das Kölner Offensivspiel zum Stocken. Insofern hat es der VfB besonders seinem Nationalstürmer zu verdanken, dass er einen Punkt aus Köln mit nach Stuttgart bringt.

Kommentar: Stuttgart legte gemächlich aber souverän los und bestimmte das Geschehen auf dem Rasen des Kölner Stadions. Gute Tormöglichkeiten erarbeitete sich das Team von Bruno Labbadia aber nicht. Mit zunehmender Spieldauer hielt der VfB dann jedoch immer weniger mit der Kampfbereitschaft der Kölner mit. In die Fehlpässe mischten sich Unkonzentriertheiten und mangelhaftes Zweikampfverhalten – Georg Niedermeier ausgenommen -, sodass der FC die Spielkontrolle übernehmen konnte.

Die Stuttgarter hatten es der Kölner Abschlussschwäche zu verdanken, dass sie mit einem torlosen Remis in die Pause gehen konnten. Nach dieser erarbeitete sich Köln dann schnell den verdienten Führungstreffer. Doch Stuttgart wachte nun auf, spielte mit, wurde aktiver, nahm den Kampf mehr an. Die Leistung war weiterhin nicht annähernd so gut wie in den vergangenen Wochen, doch es reichte für den Ausgleich durch Cacau. Am Ende hatten die Stuttgarter Einwechslungen – besonders die von Cacau – das VfB-Spiel belebt und Köln aus dem Rhythmus gebracht. Nichtsdestotrotz ist das Remis aus Stuttgarter Sicht schmeichelhaft. Das zeigten auch die 19 Torschüsse der Kölner, die damit ihren Saisonrekord aufstellten.

1. FC Köln: Rensing – Brecko, McKenna, Geromel, Eichner – Lanig, Riether – Peszko (79. Roshi), Jajalo (79. Pezzoni), Clemens, Podolski.

VfB Stuttgart: Ulreich – Sakai, Tasci (82. Maza), Niedermeier, Molinaro – Kvist, Gentner – Harnik (69. Okazaki), Hajnal, Schieber (57. Cacau) – Ibisevic.

Schiedsrichter: Sippel (München).

Zuschauer: 50.000 (ausverkauft).

Tore: 1:0 Peszko (50.), 1:1 Cacau (71.).

veröffentlicht auf www.stuttgarter-zeitung.de (21. April 2012)





Wie viel Nähe zu Bier verträgt der Fußball?

19 04 2012

Die Verbandspokale im Land werben in ihren Namen für Brauereien.

Gerrit Heesemann drückt seine Zuneigung zum Bier gerne in Liedern aus. „Biersexuell“ lautet ein Titel, in einem anderen Song besingt Lotto King Karl, wie er als Künstler heißt, ein verkorkstes Leben, wobei alles noch viel schlimmer wäre „ohne Fußball und Dosenbier“. DerMusikerist auch als Stadionsprecher des Bundesligisten Hamburger SV tätig und taugt daher gut als personifizierte Symbiose von Fußball und Bier. Deutschlands Volkssport Nummer eins und das Hopfengetränk scheinen nicht nur in Lotto King Karls Welt zusammenzugehören. Wie Pech und Schwefel, Jekyll und Hyde, Bonnie und Clyde – Bier ist das Motorenöl der Fußballmaschinerie. Für den eingefleischten Fan, bei der Meisterfeier, beim abendlichen Bankett. „Drei Dinge gehören zusammen – Fußball, Bratwurst und Bier“, hat Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern München, einmal gesagt.

Besonders präsent ist das Getränk bei den Amateurkickern. Hier werden befüllte Glasstiefel nach einem Erfolg angeschrien, dort ploppt schon kurz nach dem Abpfiff der erste Bügelverschluss. Es stellt sich die Frage, wie weit die Vermischung gehen darf. Vor allem, weil die Fußballer – ob Profis oder Amateure – Vorbilder für die Jugendlichen sind. Seit dieser Saison versuchen alle drei baden-württembergischen Fußballverbände – WFV, BFV und SBFV – den Spagat zwischen ökonomischen Interessen und der Vorbildfunktion in ihren Cupwettbewerben. Beim Württembergischen Fußballverband spielen heute der 1. FC Heidenheim beim FV Illertissen (17.30 Uhr) und der VfR Aalen bei der SG Sonnenhof Groß- aspach (19 Uhr) um den Einzug in das Bitburger-WFV-Pokalfinale. Beim Badischen Fußballverband löste der KrombacherPokal den Höpfner-Cup ab; der Südbadische Fußballverband trägt seit einigen Jahren den Rothaus-Pokal aus.

„Nur weil wir mehr Sponsoringeinnahmen bekommen haben, mussten wir in den vergangenen Jahren die Beiträge und Gebühren nicht erhöhen“, sagt der langjährige BFV-Geschäftsführer Siegfried Müller. Bei allen drei Verbänden waren die Angebote der Brauereien die besten. „Wir fordern ja nicht zum Konsum auf, sondern sehen die wirtschaftlichen Aspekte“, sagt der stellvertretende SBFV-Geschäftsführer Thorsten Kratzner. „Bedenken sind vorhanden, weil wir uns natürlich ethisch verpflichtet fühlen.“ Im Jugendbereich sei das Biersponsoring daher auch keine Frage. Auf den Verzicht der Brauereiwerbung im Pokal müssten weiter gehende Konzepte folgen, sagt Bastian Kieper, der beim WFV für das Marketing zuständig ist: „Man müsste in die Vereine gehen, auch denen Bierwerbung untersagen. Da ist man aber gesamtgesellschaftlich noch nicht so weit.“

Das zeigt auch der Deutsche Fußball Bund (DFB), der seit Jahren mit Bitburger kooperiert. Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger äußerte im November Bedenken wegen der Vertragsverlängerung, weil er einen Interessenkonflikt mit der Aktion „Alkoholfrei Sport genießen“ sah, die der DFB unterstützt. Mittlerweile drehen sich die Werbeplakate und -spots um die alkoholfreie Variante des Getränks – und es liegt zumindest nahe, dass dies auch mit Zwanzigers Kritik zu tun hat. Vom DFB heißt es, dass „die Gespräche über die Vertragsverlängerung weiter andauern“.

Ganz zufrieden dürfte Zwanziger aber nicht sein, denn im neuen EM-Werbespot wird zwar das alkoholfreie Produkt gezeigt, doch nur der Fachmann erkennt den roten Balken auf den Flaschen, auf dem „0,0%“ steht – sprachlich erwähnt wird das nicht. Das Sponsoringmit dem alkoholfreien Produkt ist auch für die Landesverbände ein Thema. Siegfried Müller sieht darin die Möglichkeit, den Jugendlichen einen vernünftigen Umgang mit Alkohol zu vermitteln – und Lotto King Karl könnte dann ein Aufklä- rungslied singen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (18. April 2012)





Aktion Libero

16 11 2011

Hey Leute,

eine gute Idee, die unterstützt werden sollte. Weitere Infos auf deren Homepage.





Der VfB Stuttgart bremst den Meister

31 10 2011

So weit ist der VfB Stuttgart noch nicht. Zumindest noch nicht ganz. Ein Sieg gegen den Deutschen Meister aus Dortmund ist am elften Spieltag der Fußball-Bundesliga aber nicht utopisch gewesen. Lange hielt der VfB sehr gut mit, dominierte die Borussen über mehrere Spielminuten sogar. Doch am Ende hätte der BVB das Spiel auch noch drehen können, sodass die Punkte zwischen Stuttgart und Dortmund mit dem 1:1 (1:1) gerecht verteilt wurden.

Spielverlauf: Die Zuschauer in der Mercedes- Benz-Arena in Stuttgart haben erst einmal warten müssen. Weil der Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im Stau feststeckte und verspätet eintraf, wurde der Anpfiff 15 Minuten nach hinten verlegt. Der Meister hatte sich mit dem Weg vom Ludwigsburger Hotel nach Bad Cannstatt und dem Stadtverkehr offenbar verkalkuliert. Immerhin hatten die Fans somit etwas mehr Zeit, sich über die Aufstellung von Bruno Labbadia auszutauschen.

Der VfB-Trainer setzte gegen den amtierenden Deutschen Fußball-Meister wieder mehr auf Erfahrung. Er schickte Serdar Tasci, Shinji Okazaki und Zdravko Kuzmanovic für die jungen Patrick Bauer, Ibrahima Traoré und Christoph Hemlein, die beim 3:0-Pokalerfolg zu Hause gegen den FSV Frankfurt unter der Woche in der Startformation standen, von Beginn auf das Feld. Mit dabei war auch Cacau, der trotz einer Gesäßmuskelzerrung aus dem DFB-Pokalspiel auflaufen konnte.

Das sah der VfB-Manager Fredi Bobic, der am Sonntag seinen 40. Geburtstag feiert, schon einmal als Grundvoraussetzung für eine Chance gegen Dortmund. „Bei uns muss alles funktionieren, sonst geht es nicht. Wir müssen effektiv sein und dürfen keine Fehler machen. Aber das Wichtigste ist, dass wir als Team auftreten, dann kann es klappen“, hatte er vor der Partie gesagt. Die Aufstellung funktionierte also schon einmal.

Beide Mannschaften starten offensiv

Auch Labbadia hatte gab sich kleinlaut: „Wir backen kleinere Brötchen.“ Auf dem Feldwar das auch gleich von Beginn an zu beobachten, Dortmund startete wie schon beim 5:0-Kantersieg gegen Köln am vergangenen Wochenende offensiv und aggressiv. Nach nur drei Minuten setzte sich Robert Lewandowski im Strafraum gegen vier Stuttgarter durch und traf den Pfosten. Eine Minute später zielte Mario Götze auf die gleiche Ecke – und der Ball verfehlte nur um Zentimeter sein Ziel.

Dortmund ließ auch in den Folgeminuten nicht nach, aber Lukasz Piszczek schoss nach einem Eckball von der Strafraumgrenze aus neben das Tor von Sven Ulreich (6. Minute). Doch auch der VfB spielte jetzt mit. William Kvist leitete mit einem schönen Pass die erste Chance ein: Cristian Molinaro hatte sich im Rücken der Dortmunder Viererabwehrkette freigelaufen, schloss Kvists Zuspiel wuchtig ab, doch Roman Weidenfeller im BVB-Tor hatte keine Probleme (8.).

Eine Minute später wurde dann Martin Harnik auf der rechten Außenbahn schön freigespielt, doch seine Hereingabe verfehlte Cacau, der überrascht war, dass der Ball zu ihm durch kam. In der Folgezeit ebbten die Torraumszenen etwas ab. Erst ein Freistoß von Ivan Perisic flog dann mal wieder auf das Tor – doch fing den Schuss problemos ab.

Stuttgart übernimmt die Kontrolle

Auf der Gegenseite jubelten dann die VfB-Fans wie schon gegen Hoffenheim nach einem Freistoßtrick: Kvist schlug den Ball lang in den Strafrau, Harnik hatte sich dorthin freigelaufen, traf mit seinem Versuch noch den Pfosten, doch Tasci verwertete den Abpraller zur Führung der Schwaben (22.). Stuttgart setzte nun nach, doch Cacau verpasste mit seinem Kopfball das 2:0. Der VfB übernahm nun die Kontrolle, und Dortmund spielte nicht mehr so souverän wie gegen Köln und beim 2:0-Pokalerfolg gegen Dynamo Dresden am Dienstag.

Ganz anders Labbadias Mannschaft: sie baute das Spiel in aller Ruhe von hinten auf, wechselte klug die Seiten. Nur die Pässe in die Schnittstellen der BVB-Defensive gerieten mitunter zu steil. In der 37. Minute hatte der VfB dann zumindest Glück, als sich Götze in den Stuttgarter Strafraum dribbelte und Molinaro ihn zu Fall bringt. Der Schiedsrichter Manuel Gräfe stand gut, entschied aber nicht auf Elfmeter. Nach solchen Aktionen wurden auch schon einmal Strafstöße gepfiffen.

Der Ausgleich kommt unvermittelt

Als einige Fans schon auf dem Weg zu den Pausengetränken und Stadionwürsten unterwegs waren, schlug der Meister dann plötzlich zu. Götze spielt halblinks Kagawa an, der Japaner schließt ab, und seinen Schuss staubt Piszczek zum Ausgleich ab. Das hatte sich in den vorherigen Minuten absolut nicht angedeutet. Stuttgart war läuferisch stärker als der Meister und von den Chancen her auch überlegen. Bei den Zweikämpfen war der VfB der Borussia aber unterlegen und hatte auch mehr Fehlpässe produziert. Dennoch wäre eine Pausenführung nach dem Spielverlauf in der erstenHälfte verdient gewesen.

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp brachte nach der Pause Moritz Leitner für den etwas defensiveren Sven Bender. Der BVB hatte dann auch die erste Torgelegenheit des zweiten Durchgangs: Shinjii Kagawa schoss aus 20 Metern auf Ulreich, der den Ball gerade noch parierte (50.). Wenig später wehrte der Torhühter eine Flanke von Marcel Schmelzer schlecht ab, doch Kagawa war überrascht und nutzte die Chance nicht (53.). Auf der anderen Seite nahm Kuzmanovic anschließend einen abgewehrten Eckball volley und prüfte Weidenfeller, der den Schuss jedoch zum Eckball klärte (56.). Die Strafraumszenen hörten weiterhin nicht auf, und Kagawa vergab in der 60. Spielminute die nach den Toren bislang beste Möglichkeit, als er aus elf Metern freistehend vor Ulreich über das Tor schoss.

Stuttgart hat in der Schlussphase Glück

Bis zur Schlussviertelstunde nahmen die spannenden Aktionen vor den Toren dann etwas ab, das Spiel plätscherte vor sich hin. Erst Harnik, der aber in seinen Schuss nicht genügend Power hineinbrachte (80.), sowie der eingewechselte Traoré, dessen strammen Versuch Weidenfeller gerade noch zur Ecke ablenken konnte (81.), brachten wieder Schwung in die Partie. Wenig später foulte Maza bei einem Dortmunder Konter den eingewechselten Kevin Großkreutz an der Strafraumgrenze. Doch Ulreich wehrte Schmelzers flachen und wuchtigen Freistoß ab (85.).

In den anschließenden Minuten hatte der VfB dann Glück, als die Dortmunder Götze und Neven Subotic (88. und 89.) gleich zwei gute Möglichkeiten ausließen. Somit konnte Stuttgart mit dem einen Punkt zufrieden sein, der gegen den BVB zudem höher anzurechnen ist als der beim 2:2 in Nürnberg am vergangenen Spieltag. Mit diesem Remis im Spitzenspiel des elften Spieltags dürfte vor allem der Rekordmeister zufrieden gewesen sein. Der FC Bayern München gewann parallel souverän gegen Nürnberg, konnte seine Führung an der Tabellenspitze wieder etwas ausbauen und liegt nun vier Zähler vor Schalke.

Entscheidende Szene: Als die meisten Stuttgarter Spieler wohl schon mit den Köpfen bei der Pausenansprache von Bruno Labbadia und den isotonischen Erfrischungsgetränken waren, versetzte der Meister den gesamten VfB kurz in einen schockähnlichen Zustand. Der Ausgleich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte war zum einen zu diesem Zeitpunkt unverdient und kam zudem absolut überraschend. Hier zeigt sich einerseits, dass der VfB eben in jeder Sekunde hellwach sein muss, wenn er in der Spitze der Fußball-Bundesliga mitspielen möchte. Zum anderen verdeutlicht das aber auch die Stärke des Deutschen Meisters.

Kommentar: Der VfB spielte über weite Strecken sehr gut, Dortmund zeigte derweil besonders mit dem Ausgleichstreffer aus dem Nichts seine individuelle Klasse. Der Meister ist eben auch in schwachen Spielphasen gefährlich und kann Partien drehen oder entscheiden. Bei den Stuttgartern ist nach den zuletzt laut gewordenen Querelen zwischen Harnik und Cacau besonders deren Zusammenspiel zu loben.

Es war deutlich zu sehen, dass sich beide im Vorfeld der Partie ausgesprochen hatten. Auch die Intensität und der Einsatzwille der Schwaben war sehr gut. Gegen Ende des Spiels hatte das Team des Trainers Bruno Labbadia aber auch Glück. dass es nicht leer ausging. Somit ist das 1:1 unter dem Strich ein gerechtes Ergebnis, mit dem vor allem der VfB seine Zugehörigkeit zu den Teams im oberen Tabellendrittel festigt.

VfB Stuttgart: Ulreich – Boulahrouz, Tasci, Maza, Molinaro – Kvist, Kuzmanovic – Okazaki (70. Traoré), Hajnal (90. Gentner), Harnik – Cacau (78. Hemlein).

Borussia Dortmund: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – Kehl, Bender (46. Leitner) – Perisic (76. Großkreutz), Götze, Kagawa – Lewandowski (72. Barrios).

Schiedsrichter: Gräfe (Berlin).

Tore: 1:0 Tasci (22.), 1:1 Piszczek (45.).

Zuschauer: 60.000.

veröffentlicht auf www.stuttgarter-zeitung.de (30. Oktober 2011)





Ohne die Bilder sagen Zahlendaten kaum etwas aus

10 10 2011

Die Abteilung Spielanalyse verknüpft beim VfB Stuttgart statistische Werte mit Videomaterial und hilft damit den Profis.

Mathias Munz kann kaum noch auf den Bolzplatz. Seit 2008 leitet der frühere Amateurkicker die Abteilung Spielanalyse beim VfB Stuttgart, befasst sich intensiv mit Profifußball und sagt daher mit einem Schmunzeln: „Wenn man ein gewisses Verständnis für das Positionsspiel und die Laufwege entwickelt hat, erträgt man das eigene Gekicke mit den Kumpels nur sehr schwer.“

Der Sportwissenschaftler professionalisierte in den vergangenen drei Jahren seinen Fußballsachverstand, und der VfB seine Spielanalyse. Heute arbeiten in der Abteilung zwei Festangestellte und zwei Studenten. Sie kümmern sich um die Drittligamannschaft sowie die Junioren, beschaffen und schneiden für die Scouts Videomaterial über potenzielle Neuzugänge und bereiten als Kerngeschäft die Spiele der Profis vor und nach – für die Analyse des vergangenen Bundesligaspiels und die Vorbesprechung des kommenden.

Konkret sieht Letzteres dann so aus: Die Spielanalytiker sichten die vergangenen Partien des nächsten VfB-Gegners, schneiden pro Spiel rund 50 Szenen raus – anhand der Vorgaben, die das Trainerteam Bruno Labbadia und Eddy Sözer zum Start seines Engagements vorgestellt hat, sowie der Informationen der Scouts, die das Spiel vor Ort angeschaut haben. Anschließend wählen sie mit dem Co-Trainer Sözer die endgültigen Szenen für die Mannschaftsbesprechung aus.

Das Ergebnis ist ein zwölfminütiger Film auf DVD. Darauf ist beispielsweise zu sehen, dass bestimmte Außenverteidiger das Spiel oft mit einem langen Diagonalpass eröffnen, oder dass gewisse Stürmer sich immer auf Höhe der gegnerischen Viererkette bewegen, um von dort aus in die Tiefe zu starten – Namen will Munz allerdings nicht nennen. Betriebsgeheimnis. Weitere Inhalte der Analyse-DVD können Standardsituationen, das Spiel gegen den Ball oder das Verhalten des Gegners bei Kontern sein. Das alles sind Informationen, die die Vorbereitung der Profis verbessern sollen.

Als Videomaterial können die Analysten auf das Fernsehbild des Senders Sky zurückgreifen, in Stuttgart verwenden sie jedoch vor allem den sogenannten Scoutingfeed der DFL. Elf Bundesligaclubs haben diesen Service abonniert, bei dem ein Extrakameramann das Spielgeschehen aus einer noch totaleren Perspektive verfolgt. Das Bildmaterial wird mit Zahlen der Firma Impire ergänzt. „Das Wichtigste bei der Analyse ist, dass man die Quantität, also die Daten, mit der Qualität, also den Videos, verknüpft“, sagt Munz. „Die Daten allein helfen kaum.“ Doch ganz perfekt funktioniert dieses Auswertungssystem noch nicht (siehe auch „Die Leiden der durchleuchteten Profis“).

Perfekt lief hingegen Munz‘ Werdegang beim VfB. Nach einem Praktikum sollte der gebürtige Schwäbisch Gmünder nach der Entlassung von Armin Veh mithelfen, eine Spielanalyse-Abteilung aufzubauen. Er hat seither einen großen technischen Fortschritt erlebt, der sich beispielsweise in größeren Speichermedien und schnelleren Downloads ausdrückt. „Der Fortschritt erleichtert die Arbeit ungemein, aber die Arbeit wird auch mehr, weil die Daten und Anforderungen immer differenzierter werden“, sagt Munz.

Ein Analyst kann mittlerweile herausfiltern, wie viele Zweikämpfe in der Luft (A) die zwei Sechser (B) im Angriffsdrittel (C) zwischen der 60. und 75. Spielminute (D) gewonnen haben (E). Die Punkte A bis E sind mögliche Stellschrauben für eine Abfrage. Viele solcher Abfragen bedeuten ein riesiges Datenmaterial, pro Spiel sind es etwa 4,5 Millionen. Munz hat sie nicht gezählt. Er und seine Kollegen synchronisieren diese nur mit den Videos, damit die Trainer Schlüsse daraus ziehen können.

Der 31-Jährige hat schon drei Übungsleiter beim VfB erlebt. Für Markus Babbel waren besonders die Bilder, weniger die Daten entscheidend. Christian Gross sichtete sehr viel selbst. Und die Akribie von Labbadia und Sözer wirkt sich auch auf das Arbeitspensum der Analysten aus. „Das finde ich sehr gut“, sagt Munz, „zumal die Zusammenarbeit perfekt klappt.“

Seine Abteilung rangiert in der Liga „im oberen Drittel“, was Hardware, Software, Personal und Erfahrung angeht. Der FC Bayern und Borussia Dortmund sind führend. Ausbaupotenzial ist noch vorhanden. Zum Beispiel ist es denkbar, irgendwann einmal ausgewählte Szenen schon in der Halbzeitpause in die Kabine zu schicken, damit der Trainer je nach Bedarf die erste Spielhälfte direkt analysieren kann.

Auch Individualpakete für jeden Spieler sind möglich, also eine DVD oder eine Datei zum Herunterladen, mit allgemeinen Sequenzen, aber auch Szenen vom Athleten selbst und von dessen Gegenspieler in der nächsten Partie. Schließlich macht der 1. FC Köln das schon. Dort bekommen die Profis portable Geräte, auf denen Videomaterial abrufbar ist. So etwas hätte Mathias Munz wohl auch gern für den VfB – sowie für sich und seine Kumpels auf dem Bolzplatz.

 veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (6. Oktober 2011)