Die Waffe das Mikrofon, der Gegner Matthias Sammer oder wovor haben Sportjournalisten eigentlich Bammel?

26 07 2009

Angst haben, übervorsichtig sein, schwarz malen – das wird Deutschen gerne unterstellt. Als Sammelbegriff heißt das international „German Angst“. Dabei sollte diese Bezeichnung ausgewechselt werden. Denn gerade einige deutsche Sportjournalisten beweisen Mut zum Risiko – in Interviews mit Uli Hoeneß, Matthias Sammer und anderen Verbalbomben.

„Sie sind wirklich vom FC-Bayern-TV? Sie müssen sich in der nächsten Woche einen neuen Job suchen“, raunzte der Bayern-Manager im vergangenen Oktober einem Fernseh-Reporter laut der Online-Ausgabe der Rheinischen Post (rp-online.de) entgegen. Doppelt peinlich war’s, da Journalistenkollegen daneben standen. Schlimmer geht’s nicht: Anschiss vom Chef – und dann auch noch vor versammelter Mannschaft. Der mickrige Hauch leiser Kritik war für Hoeneß’ Gemüt wie Brause im Prosecco. Von den „Dusel-Bayern“ hatte der TV-Mann gesprochen – absolut verständlich nach dem knappen 1:0-Sieg beim Karlsruher SC. Kritische Fragen gehören zu einem seriösen, professionellen Medienmenschen – flauschiger Flies ist out, schroffes Schmirgelpapier in. Hoeneß sah das anders. Trotzdem arbeitet der Bayern-TV-Reporter weiterhin beim Rekordmeister.

Als Matthias Sammer noch über die Fußballplätze furchte, schaffte der heutige DFB-Sportdirektor mit ähnlichen Wutausbrüchen die Aufnahme bei YouTube. Zu Sammers aktiver Kicker-Zeit war die Premiere-Konferenz das Aufwärmen. Danach ging’s erst richtig los. Sammer als Interviewpartner nach dem Abpfiff – herrlich! Ausraster vorprogrammiert. Journalisten mussten sich vor der  Blutgrätsche fürchten. Schade, dass Sammer mittlerweile, durch die DFB-Schule weichgespült, besonnen antwortet. Dank YouTube geht die Show aber weiter:

Toll ist der offensive Ich-knutschden-Reporter-gleich-ab-Antwortstil. Abtippen lohnt sich! Sammer und Hoeneß könnten die komplette TV-Total-Knopfleiste füllen.

Dennoch wagen sich Journalisten weiter an die beiden Explodier-Ikonen heran. Wohl auch, weil sie nicht nur gequirlten PR-Mist verbreiten. Genial wäre es, wenn Sammer die Interview-Schulung der Profis übernehmen und sich währenddessen an seine Spieler-Ära erinnern würde. Dann bekäme der Zuschauer wenigstens nicht nur Honigkuchen-Parolen. „Es hat heute an Einsatz gefehlt“ oder „Einige wissen wohl noch nicht, in welcher Lage wir uns befinden“ rangieren in der Beschimpfungs-Hitliste ja schon im oberen Drittel. Vielleicht werden manche Sportjournalisten auch deshalb wagemutig und halten ihre Mikros Uli Hoeneß hin. Verbaldresche als Arbeitskick!

Wirklich Angst vor dem nächsten Treffen hatte hingegen wohl ein SWR-Reporter, nachdem ihm Jürgen Klopp quasi Arbeitsverbot erteilte:

Der Sportjournalist ist pulstechnisch beim darauffolgenden Mainzer Auswärtsspiel bestimmt auf der Überholspur gefahren.

Nicht nur im Profisport beweist der Journalist seine Waghalsigkeit. Angstschweiß fließt auch beim Dorfverein. Macht der Lokalreporter einen Fehler, schlägt ihm prompt Häme der Sportler entgegen. Wagt er gar zu oft kritische Kommentare, darf er vielleicht gar nicht mehr in die Sporthalle oder es heißt trotz einiger brutzelnder Würste: „Nee, wir haben keine Rote mehr.“ Etwas subtiler wäre die Rache in Form der Arbeitsbehinderung. Der Ergebnis-Nachfragedienst ist ohnehin das schwärzeste Schwarzbrot journalistischer Tätigkeit. Auf Lokalebene ist es aufgrund der teils embryonalen Strukturen der Pressearbeit noch härter. Wenn der Sportjournalist dazu in Ungnade gefallen ist, reicht man ihn im Vereinsheim einfach weiter. Das Telefon stört die klirrenden Biergläser dann nicht wirklich. Insofern können Angst und Verunsicherung schon mal Körper und Geist bei der Anwahl des Sportheims oder der Anfahrt zum Dorfsportplatz durchlaufen. Muffensausen im Redaktions-Panda.

Für den deutschen Sportreporter-Kader nominierte German Angstler sollten aber stets bedenken: Verbale Prügelantworten sind ein Segen. Sportler und Funktionäre könnten sich weitaus fieserer Techniken bedienen. Offensichtliche 22-Millimeter-Alustollen sind allemal fairer als Multinocken mit Spike-Aufsatz. Denn: „Wie Sie ja wissen“ oder „Wie ich schon gesagt habe“ outen den Reporter als schlechten Zuhörer und sagen gar nichts aus. Beliebt sind auch „Ja“ oder „Nein“ als Segelwind-Klauer. Die geplanten 20 Antwortsekunden brechen in nur einem Augenblinzler weg. Na gut, dann also nächste Frage – diesmal auch ohne einsilbige Antworten in der Lösungsmenge. Und dann: „Na, was denken Sie denn“, fragt der Interviewte zurück. Äh, halt, da hat einer was missverstanden. Bibbern und zitternde Mikros sind in diesen Fällen viel eher angesagt als beim Mecker-Kamikaze.

Von daher lieber ein bisschen Angst haben und provozierende Fragen stellen als nur Rosenduft ins Mikro hauchen!

veröffentlicht im Magazin Sportsirene (3, März 2009)

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