Wenn der Kampfsport zum Denksport wird

24 11 2011

Der Esslinger Trainer Carsten Finkbeiner spielt vor dem Finaltag der Bundesliga verschiedene Aufstellungen durch.

Carsten Finkbeiner ist beim KSV Esslingen auch für den Denksport zuständig. Das mag verwundern, da er der Trainer der Judo-Bundesligamannschaft ist und diese Disziplin schließlich zu den Kraftsportarten zählt – auf der Matte wird geworfen, gerissen, gezerrt. Für den 36-Jährigen beginnt die Arbeit aber schon weit vor den Kämpfen, besonders im Kopf.

Vor der Saison hat Finkbeiner mit ausländischen Athleten gesprochen, um sie in den Esslinger Kader zu lotsen. Während der Runde beobachtete er seine Athleten, musste bei den Aufstellungen und Nominierungen auf den Terminplan der Weltcups reagieren, denn die dort antretenden Kämpfer fehlten ihm im Aufgebot. Und nun – kurz vor der Finalrunde um die Deutsche Meisterschaft am Samstag in Potsdam – kommt er besonders ins Grübeln.

Wen nimmt er überhaupt mit zum Saisonhöhepunkt? Wen nominiert der Halbfinalgegner UJKC Potsdam? Wem vertraut er vor Ort schließlich selbst? Welche Ausländer setzt er auf die Starterliste (nur vier der 14 Kämpfe dürfen von Nichtdeutschen ausgetragen werden)? „Das ist wie Pokern“, sagt Finkbeiner, „aber ich kenne immerhin das Blatt des Gegners.“

Der Vergleich trifft aber nicht völlig zu. Denn bei der Judovariante des Zockerspiels hat der Trainer nicht nur fünf Karten (sprich Athleten) zur Hand. Er hat theoretisch 24 Kämpfer für sieben Gewichtsklassen zur Verfügung. Er kann mit seiner Aufstellung pokern und versuchen, sein Pendant auszuspielen. „Es ist entscheidend, welcher Trainer sich besser in den anderen hineinversetzen kann“, sagt er.

Immerhin sind die Rahmenbedingungen klar. Um 11 Uhr trifft der KSV Esslingen auf den Gastgeber UJKC Potsdam, den Ersten der Bundesligagruppe Nord. 14 Duelle gibt es. Acht Siege reichen für den Einzug ins Finale. Dort wird aller Voraussicht nach der 16-malige Meister TSV Abensberg warten. Der Club um Andreas Tölzer, den Vizeweltmeister in der Gewichtsklasse über 100 Kilogramm, trifft im anderen Halbfinale auf den JC Ettlingen.

Über seine deutschen Athleten muss Carsten Finkbeiner derweil nicht so viel nachdenken, er kann auf den kompletten Kader zurückgreifen. Welche ausländischen Judokas mit nach Potsdam fahren, verrät er nicht. Er will sich ja nicht zu sehr in die Karten schauen lassen. Diese muss der Esslinger Trainer sich dennoch grob zurechtlegen und daher viele Denkspiele vollziehen: „Ich brauche keinen Ausländer in einer Gewichtsklasse mitnehmen, in der die anderen einen besseren haben“, sagt der Rechtsexperte aus Stuttgart. Das sei finanziell einfach zu unvernünftig.

 

Der Kopf des Trainers muss dann auch am Kampftag viel arbeiten, schließlich sind Spontaneität und Kreativität gefragt. Wenn die Aufstellung nach dem Wiegen erst einmal steht, muss Finkbeiner darüber nachdenken, mit welchen Karten er das beste Ergebnis erzielen kann.

Er berücksichtigt dabei, welcher Athlet gut drauf ist und welcher Kämpfer gut zu dem jeweiligen Gegner passt. Er kann zur Halbzeit der 14 Duelle dem Reglement entsprechend drei Judokas tauschen – sein Kollege allerdings ebenfalls. Das Grübeln geht also noch einmal richtig los. Finkbeiner kennt seine Mannschaft allerdings sehr genau. Er beobachtet die Athleten bei den Kämpfen vor Ort oder er analysiert ihre Leistungen im Internet, wenn sie bei internationalen Turnieren und Weltcups starten. Für Erfolg müsse das Team nicht gemeinsam trainieren, findet der Trainer.

„Wir sind eine sehr homogene Truppe, Jüngere und Ältere sind total integriert. Wir starten auch neben der Matte zusammen Aktionen“, sagt Finkbeiner. Der Esslinger Trainer sinniert schon mal über einen möglichen Finalsieg gegen den TSV Abensberg: „Um das zu schaffen, darf kein Athlet einen Fehler machen, keine umstrittene Kampfrichterentscheidung zu unseren Ungunsten ausfallen. Es muss alles passen, aber sie sind nicht unschlagbar.“

 

Wenn es so läuft wie in den vergangenen beiden Jahren, dann muss sich Carsten Finkbeiner immerhin über eine Finalaufstellung nicht den Kopf zerbrechen. Schließlich scheiterte der KSV Esslingen 2009 und 2010 jeweils im Halbfinale.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (23. November 2011)

 

 

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One response

23 01 2012
Stephan

Der Kopf spielt auch im Sport eine große Rolle, das habe ich selbst auch oft genug gemerkt. Ich find es gut, dass in einem solchen Maße an den Denksport gedacht wird. Weiter so!

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