Esslingen, Mexiko, London: über Umwege zu Olympia

26 02 2011

Taekwondo. Bruno Raab hätte mit dem Kampfsport fast aufgehört. Doch dann ist er nach Mittelamerika gegangen.

Diese Untersuchung sollte Sicherheit geben. Als Bruno Raab kürzlich den Arzt seines Vertrauens am Olympiastützpunkt Stuttgart aufgesucht hatte, weil er vor drei Wochen gestürzt war, wollte der Taekwondokämpfer vor allem grünes Licht für die deutschen Meisterschaften am Wochenende in Ingolstadt. Das Röntgenbild zeigte einen Bruch am rechten Außenfuß des 19-Jährigen. Vor ein paar Tagen stand er noch auf der Matte, kämpfen soll er jetzt nicht mehr. Die Gefahr, dass der Knochen verrutscht, ist zu groß. Raab ist Verletzungen gewohnt, acht Knochenbrüche, drei Bänderrisse und unzählige Kapselrisse stehen in seine Krankenakte. Taekwondo ist was für harte Jungs.

Er wird den physischen Schmerz auch diesmal verkraften. Doch die Enttäuschung ist umso größer. „Das ist emotional ein sehr wichtiges Turnier für mich“, sagt Raab, der erstmals für den SV Esslingen gestartet wäre. Die Familie hätte zugeschaut, der alten Konkurrenz aus der Jugend hätte er es gerne gezeigt. „Ich war mental und körperlich super drauf und hätte ein Ausrufezeichen gesetzt.“

Dabei hatte er vor einem halben Jahr fast mit dem Taekwondo aufgehört. Den Abschluss am Berufskolleg der Stuttgarter Cottaschule in der Tasche, fragte er sich: Was nun? Die Mutter – immer noch unglücklich mit der Sportwahl ihres Sohnes – stammt aus Mexiko, Bruno wollte mal etwas Neues, flog nach Puebla. One Way. Der Vater machte dort gerade bei Verwandten Urlaub, hatte einen Vorstellungstermin für seinen Sohn an der UDLAP-Universität vereinbart. Bruno ging hin, verkaufte sich gut, bekam ein Sportstipendium. Seit zwei Monaten ist er für das Fach Internationale Beziehungen eingeschrieben. „Das war eine Spontanaktion, ich hatte gar nicht geplant, dort zu studieren“, sagt er.

Aber er bereut den Schritt keineswegs. Schließlich zählt Mexiko zu den erfolgreichsten Taekwondonationen und sein Team Aztecas zu den besten in dem mittelamerikanischen Land, er hat also optimale Bedingungen für seine sportliche Entwicklung. Und persönlich gefällt ihm Mexiko schon jetzt: „Die Lebensfreude ist größer“, sagt Raab, „und die Frauen sind mir lieber. Attraktiver und warmherziger.“

Für Montag ist sein Rückflug terminiert, schließlich wollte er nächste Woche in seiner neuen Heimat an der regionalen Ausscheidungsrunde für die Olympischen Spiele 2012 in London teilnehmen. Der Fußbruch verhindert das nun. Raab hofft, dass ihm der Verband die Teilnahme am nationalen Qualifikationswettkampf dennoch genehmigt. „Mein größter Traum ist aber Rio 2016“, sagt er, Olympia am Fuße des Zuckerhuts. Dafür trainiert er jeden Morgen Kondition und Kraft, jeden Mittag auf der Matte und zweimal wöchentlich abends mit dem Landeskader. Gerade mit der zeitgleichen Studienbelastung „ist das nicht immer ganz einfach“, sagt Raab. Die Erfolge bestätigen aber seinen Ehrgeiz.

Er gewann deutsche Meistertitel, schlug sich bei Europameisterschaften gut, schaffte es ins Nationalteam, etablierte sich in Mexiko. „Ich bin mittlerweile nachdenklicher, wie ein Schachspieler, und warte auf Fehler des Gegners“, sagt Raab. Dennoch sei er ein offensiver Kämpfer. Neben den Erfahrungen in Mittelamerika half ihm auch ein sechsmonatiger Trainingsaufenthalt in Korea vor knapp vier Jahren.

„Mein größter Erfolg war aber das Sportstipendium in Mexiko.“ Danach sah es bei seinem ersten Taekwondokontakt nicht aus. In Tübingen stand Raab mit fünf Jahren erstmals auf der Matte und fing nach dem Verbeugen an zu heulen. „Gott sei Dank ist er stehen geblieben“, sagt Vater Markus Raab, Bürgermeister in Esslingen. Denn als der Tübinger Taekwondopionier Cataldo Creti durch die Nachwuchsreihen lief, sagte er zu Bruno: „Deine Fäuste sehen aus wie meine.“ Das Eis war gebrochen, Bruno ging von da an in jedes Training.

Creti und der ehemalige Bundestrainer Soo-Nam Park sind Raabs Hauptförderer. Er bezeichnet sie als „Meister“, weiß, was er ihnen zu verdanken hat. Deutschland ist heute aber Vergangenheit, die Zukunft soll jenseits des Atlantiks sein. „In Mexiko habe ich das letzte Lächeln gefunden“, sagt Bruno Raab. Dort möchte er es in die Nationalmannschaft schaffen – und von diesem Ziel wird ihn wohl auch die vierwöchige Zwangspause nicht abbringen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (25. Februar 2011)





Bambi, Abstiegsangst und die düsteren Zeiten des VfB Stuttgart

24 02 2011

„Alles Hase“ war der Titel einer Mail, die mich kürzlich erreichte. Ein Kumpel aus Stuttgart schickte mir ein paar Bilder, die die prekäre Lage des VfB schauderhaft, ehrlich, brutal, (hellseherisch) – in jedem Falle irgendwie passend – illustrieren. Jetzt erst aber einmal zu den aktuelleren Tatsachen, bevor es um die Hasen geht.

Der VfB Stuttgart – Stolz, Liebe, Leid der Landeshauptstadt, zumindest außerhalb der Kickers-Gemeinde – ringt in dieser Saison bekanntlich um den Klassenerhalt. Die ursprünglichen Saisonziele waren andere, die Macher aber auch. Erst lief Horst Heldt plötzlich nach Schalke über und versteckt sich seither nicht nur hinter seiner neuen Brille sondern auch hinter dem Großmonarch Felix Magath. Somit hatte Heldts Nachfolger Fredi Bobic – sagen wir mal – nicht die optimalen Vorbereitungsbedingungen, die Zeit war sehr knapp. Hinzu kamen schmerzliche Abgänge (Jens Lehmann, Alexander Hleb und vor allem Sami Khedira), die nicht gleichwertig ersetzt wurden.

Und nachdem es mit dem Schweizer Trainer Christian Gross nicht mehr klappte, durfte Jens Keller kurzzeitig vom Assistenz- auf den Chefsessel, ehe Bruno Labbadia die neue Klassenerhaltshoffnung im Traineramt war. Nun half das alles nicht viel, die Situation hat sich keineswegs entspannt. Stuttgart ist in der Bundesliga Vorletzter, punktgleich mit dem Tabellenschlusslicht Mönchengladbach, vier Zähler hinter dem ersten Nichtabstiegs- und dem Relegationsplatz.

Auch angebliche Blockadenlöser, Aufholjagdsstartschüsse, psychische Befreiungsschläge wie der Erfolg beim direkten Konkurrenten Gladbach (3:2 nach 0:2-Rückstand) brachten keine Wende, auf den wertvollen Sieg folgten drei Niederlagen – zu Hause gegen Nürnberg (1:4), in Lissabon (1:2), in Leverkusen (2:4). Wobei fairerweise erwähnt werden muss, dass sich die Leistung der VfB-Spieler deutlich besserte.

Was wiederum nichts hilft, wenn man dennoch verliert und dann auch noch ein Baukran an der heimischen Stadionbaustelle (Umbau in eine reine Fußballarena) Teile des Dachs und des Rasens (die Angaben variieren zwischen 130 und 250 Quadratmeter) zerstört und den misslichen Gesamtzustand irgendwie auf zynische Art und Weise karikiert.  2000 Sitzplätze bleiben somit für das heutige (24.2.11) Europa-League-Rückspiel gegen Benfica Lissabon gesperrt. Als noch schlimmer könnte aber die Zerstörung einiger bereits fertig gestellter Tribünenteile interpretiert werden. Quasi als Bild des herannahenden Abstiegs, schließlich bräuchte der VfB in Liga 2 nicht mehr ganz so viele Stadionplätze. Die schwäbischen Leichtathletikfans werden schon gehässig die Hände reiben, schließlich kostete der Umbau die Tartanbahn in der Arena.

In diesem Zusammenhang soll Jörg Klopfer, der Sprecher der Stadiongesellschaft in Stuttgart, erwähnt werden. Nicht weil er durch den Unfall, bei dem ein Kranführer zwar verletzt aber schließlich glimpflich davongekommen ist, in fast allen Medien zitiert wird, sondern weil sich sein Nachname als Überleitung zum Foto meines Kollegen eignet. Schließlich kennen wir ja alle BAMBI, das süße Reh, dessen guter Freund Klopfer stets und ständig als treuer Begleiter an Bambis Seite herumhoppelte und folglich ein Hase ist. Bevor nun aber wohlige Kindheitserinnerungen aufkommen, möchte ich Euch wiederum an den Ernst der Lage des VfB erinnern.

Schließlich trägt dieser (Nachnamens-)Umstand eine gewisse Ironie in sich, denn dass der Sprecher der Stuttgarter Stadiongesellschaft Klopfer heißt und in dieser abstiegsbedrohlichen Situation über Absturzvorgänge berichten muss ist vor allem interessant, wenn man sieht, was mit Hasen im Umfeld des VfB passiert.

Auf dem Schal steht übrigens: "Niemals 2. Liga!"

Sprich: Nicht nur die Leistungen des Teams sondern auch die Vorfälle um den Proficlub herum (Kransturz, toter Hase) scheinen in diesen düsteren Tagen wie böse Vorboten des Super-Gaus 2. Liga. Da bleibt nur zu hoffen, dass die Mannschaft angetrieben von der Abstiegsangst besser und vor allem erfolgreicher spielt, um mit einem Weiterkommen in der Europa League und besonders der Rettung in der Bundesliga nicht nur die Hasenseele sondern auch die der Fans zu balsamieren. In diesem Sinne: Hase tot, alles gut!





Eleganz, Luxus und eine Prise Humor

18 02 2011

Friedrichsbau. Die neue Show „Magic de Luxe“ will das Publikum in einen übersinnlichen Rausch versetzen.

Abgefahren, mystisch und elegant.“ Ein Motto, das viel verspricht. Jetzt können Varieté-Besucher im Friedrichsbau beurteilen, inwiefern der Slogan zu der neuen Show „Magic de Luxe“ passt – von morgen, Freitag, an in der Ersatzbesetzung und vom kommenden Mittwoch an mit allen Stars. Der Vorverkauf läuft gut, das Versprechen ist groß: sägen, tricksen, lachen. Damit werben die Veranstalter – und damit, dass der Besucher in einen „Rausch aus anarchistischer Comedy, schleierhaften Machenschaften und abgedrehter Körperkunst“ eintauchen werde.

„Eine spannende und unterhaltsame Show lebt von ihrer Gesamtkomposition und einer großen emotionalen Bandbreite“, sagt der Regisseur Ralph Sun, „Gegensätze sind genauso wichtig wie gefühlvolle Momente, rasante und humorvolle Passagen.“

Beispielhaft gegensätzlich sind der Franzose „Mika Quartz“ mit seiner Einlage „Crystal Magic“ und Gaetan Bloom, einer der großen Magier der Welt. Die Zuschauer verfallen bei Quartz‘ federleichter Jonglage mit Kristallkugeln, die bei ihm wie Seifenblasen schier schwerelos durch die Luft schweben, verschwinden und größer wieder auftauchen, in einen mystischen, fast psychedelischen Zustand, bevor sie von Bloom wieder wachgerüttelt werden. Zum einen, weil der französische Magier viel, schnell und sehr laut redet, zum anderen, weil seine Gesten und Aktionen so zackig ineinander übergehen, dass Wachsamkeit die Grundvoraussetzung dafür ist, seinen Tricks zu folgen. Dabei sollte der Zuschauer mehr die Art und Weise der Darstellung als die Streiche selbst genießen. Nicht, weil diese langweilig wären, besonders nicht die Schlusspointen, sondern vielmehr, weil die Bloom’sche Präsentation komisch, erheiternd und animierend ist. Er spielt mit dem Publikum und bezieht es außerdem mit ein.

Angekündigt werden die Auftritte von Jorgos Katsaros, der 2002 schon mal im Friedrichsbau auftrat und nun zurückhaltend, gewürzt mit humoresken Einlagen, durch den Abend führt. Für seine vielen Wortwitze und seine kleinen Sketche erntet er nicht die großen Brüller, aber sehr viele Schmunzler. Das passt aber auch viel besser zu Noblesse und Luxus.

De Luxe steht für luxuriös einerseits, aber in der Jugendsprache auch für einzigartig, super, genial. Wenn etwas als „de Luxe“ bezeichnet wird, muss es nicht nur protzen, sondern auch gefallen, schmecken, verzaubern, erfreuen, befriedigen, cool sein. So wie das akrobatische Schauspiel von „Sasha Babiy“. Als charmantes Häschen aus dem Zylinder spielt die Ukrainerin nicht nur mit der Musik, ihren Sehnen und Muskeln, sondern auch neckisch, frech mit dem Publikum, vor dem sie sich ab und an im Zylinder versteckt, um spielerisch, tänzelnd und leichtfüßig auf den Hutrand zurückzukehren und ihren Körper gefährlich zu verwringen.

Beim kanadischen Humorduett „Strange Comedy“ aus dem Cirque du Soleil verdrehen sich nicht nur deren Körper(-Teile), sondern auch die Augen der Gäste. Clownerie lebt eben von Einlagen, die ad absurdum geführt werden.

Völlig verrückt sind auch die Künste des preisgekrönten US-amerikanischen Zauberstars Kevin James, der das Publikum verblüfft – und dabei immer wieder auch emotional bewegt. James steht jedoch erst vom 23. Februar an auf der Bühne. Bis dahin wird der Zauberweltmeister Topas Magie und Comedy verbinden, denn James hat noch ein Engagement in Spanien zu erfüllen und kommt über den Landweg nach Stuttgart, schließlich, so heißt es, könnten die Requisiten am Flughafen Probleme bereiten.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (17. Februar 2011)





Facebook-Einstellungen verstecken Freunde_Auszug aus der Lösung des Problems

17 02 2011

Über einen Kumpel habe ich die unten stehenden Zeilen verlinkt bekommen. Ist interessant und ich hab jedenfalls gleich die Einstellungen geändert, weil das ja echt dämlich ist. Von daher wollt ichs Euch auch mitteilen, und Ihr könnts ja weiterleiten.

Hier der Link: http://www.facebook.com/note.php?note_id=202327403115087





Einer für alle

15 02 2011

Die EnBW Ludwigsburg schlägt den Exmeister Alba Berlin dank des ausgeprägten Teamgeistes und kann sich nun wieder berechtigte Hoffnungen auf die Play-offs machen.

Ein Laie versteht das nicht. Daher erklärt David McCray nach dem 89:84-(40:34, 78:78-)Sieg des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg gegen Alba Berlin nach Verlängerung, welche Schlussfolgerung ein Profi aus der Anzahl der Vorlagen – im Fachjargon Assists genannt – zieht. „Wir haben heute richtig gut als Mannschaft zusammengespielt, das zeigen die 24 Assists“, sagt er beim Fangespräch im Clubrestaurant neben der Arena. Draußen fährt gerade der Berliner Mannschaftsbus weg, die Albatrosse kamen nur auf zwölf Assists, verloren wettbewerbsübergreifend das vierte Spiel nacheinander und stecken somit nun noch tiefer in der Krise.

„Das war ein großer, wichtiger und verdienter Sieg“, sagte der Trainer Markus Jochum, „wir haben das Entscheidende gemacht: gekämpft und geackert.“ Vergessen ist die desolate Vorstellung bei der Derbyniederlage am vorherigen Spieltag bei den Walter Tigers Tübingen. „Wir wollten diese Blamage ausmerzen, so sind wir auch ins Spiel gegangen“, sagte John Bowler.

Ein Spiel, das ein Sinnbild für den von McCray angesprochenen Teamgeist war. Mannschaftssportler bemühen gerne den Spruch „einer für alle und alle für einen“, um sich einzustimmen. Und im Falle des aktuellen Erfolgs lassen sich die Gründe mittels dieser Floskel durchaus beschreiben. Schon die erste Aktion zeigte, dass bei Jochums Team die Einstellung stimmte, die nötige Leidenschaft vorhanden war, um den Favoriten zu besiegen. Bowler gewann trotz seines elf Zentimeter kleineren Körpers den Sprungball gegen Berlins Rekordnationalspieler Patrick Femerling. Der Ludwigsburger rackerte während der gesamten Partie verbissen und sorgte zu Beginn der zweiten Hälfte für Jubel bei den 4521 Zuschauern in der fast ausverkauften Arena, als er am Boden liegend gleich drei Berlinern den Ball klaute.

Siim-Sander Vene stoppte im ersten Durchgang eine Drangphase des Hauptstadtclubs mit einem Distanzwurf, verkürzte auf 20:25 und verhinderte somit, dass Berlin weiter wegzog. Donatas Zavackas hatte bereits nach 15 Minuten drei Fouls begangen und hielt diese Zahl erstaunlicherweise bis zum Schluss, obwohl er aggressiv und vehement gegen den Gegner arbeitete – aber eben clever.

McCray zog unterdessen kurz vor der Pause selbstbewusst zum Korb, traf mit der Schlusssirene zur 40:34-Führung und brachte die Zuschauer zum Toben. Bei der bisher besten Saisonleistung hatten auch die Fans einen großen Anteil am Erfolg. „Es war entscheidend, intensiv sowie mit viel Einsatz aufzutreten“, sagte McCray.

Den zeigte auch Toby Bailey, als er im Schlussabschnitt einen Defensivrebound holte und den Ball vorne in den Korb stopfte. Diese Aktion verdeutlichte dem Gegner noch einmal: Hier ist heute nichts zu holen. Als Alba kurz darauf dennoch führte (68:66), war der Trainer gefragt. Jochum nahm sofort eine Auszeit, fand wie schon zuvor die richtigen Worte, und Ludwigsburg drehte den Spielstand durch Zavackas und Alex Harris, der mit 19 Punkten erneut bester Werfer auf dem Parkett war.

Ein Nervenspiel begann. Nun äußerte sich die einzige Schwäche der Ludwigsburger an diesem Abend, die beste Chancen – darunter auch Freiwürfe – ausließen und die Partie nicht vorzeitig entschieden. Die Folge: Verlängerung. Hier zeigte Jerry Green, der am Samstag 31 Jahre alt wurde, seine ganze Routine, als er nach einem katastrophalen Distanzfehlwurf und einem Offensivrebound artistisch nach hinten fallend zum 87:84 traf. „Das war ein wichtiger Schritt in Richtung Play-offs“, sagte Jochum, „wir haben es weiter selbst in der Hand.“ Und zwar die Mannschaft gemeinsam.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (14. Februar 2011)





Alba stürzt noch tiefer in die Krise

14 02 2011

Bei Alba läuft derzeit nicht viel zusammen. Zwar rettete Bryce Taylor die Berliner 16 Sekunden vor Schluss mit dem 78:78 in die Verlängerung, doch die entschied Ludwigsburg für sich.

Als Ludwigsburgs John Bowler direkt nach der Halbzeit am Boden liegend gleich drei Berlinern den Ball abnahm, war das ein Sinnbild für die wettbewerbsübergreifend vierte Niederlage des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin in Serie. Vor allem mit mehr Leidenschaft besiegten die Schwaben vor 4521 Zuschauern in der fast ausverkaufen Ludwigsburger Arena Berlin mit 89:84 (78:78, 40:34) nach Verlängerung und stürzte den Hauptstadtklub noch tiefer in die Krise.

Alba startete verhalten und etwas nervös. Der Gastgeber zog auf 12:6 davon. Die Berliner schwächelten dabei vor allem in ihren Ballstafetten und mischten einige Passfehler in den Spielaufbau.

Nach den Anfangsproblemen kam Alba besser ins Spiel und verkürzte durch einen Dreipunkte-Wurf von Julius Jenkins auf 11:12. In den Folgeminuten blieb es spannend, beide Mannschaften spielten schnell, aggressiv und effektiv. Berlin war zum Schluss besser, führte nach dem ersten Durchgang mit 20:17.

Im folgenden Viertel war Alba zuerst richtig gut im Spiel, wenn auch die Pässe weiterhin ungenau und oft zu riskant gespielt wurden. Das Ludwigsburger Publikum aber motivierte sein Team noch einmal lautstark, sodass die Schwaben umso intensiver kämpften. Berlin baute in der Treffsicherheit ab, agierte nun zunehmend unüberlegt und überhastet. Das Spiel verlor an Struktur und der Außenseiter führte zur Halbzeit 40:34.

Albas Trainer Muli Katzurin, der zumindest mit Marko Marinovic wieder über längere Spielzeit auf einen Aufbauspieler setzte, schickte seine Mannschaft früh aus der Kabine. Es half erst einmal nichts, drei Ballverluste und sechs Ludwigsburger Punkte eröffneten das dritte Viertel. Anschließend foulte Lucca Staiger auch noch unsportlich. Mit dem 41:51-Zwischenstand hatte Alba noch Glück, weil Ludwigsburg einige gute Gelegenheiten ausließ.

Berlin fing sich in der Folgezeit und verkürzte auf fünf Punkte. Die Ludwigsburger ließen sich aber davon nicht beirren, antworteten auf der Tribüne mit Pfiffen und auf dem Feld mit Punkten: 58:48. Im Schlussabschnitt legte Alba gewaltig zu, glich aus (62:62) und übernahm die Führung (68:66). Ein Nervenspiel begann. Albas Jenkins und Tadija Dragicevic mussten mit fünf Fouls vom Feld. Ludwigsburg vergab zwei Freiwürfe, Berlin glich aus – Verlängerung. In dieser vergab Berlin beim 83:84 gleich drei Korbleger in einer Szene, Ludwigsburg dagegen schwächelte bei den Freiwürfen. Ludwigsburgs Rick Rickert traf schließlich doch beide Versuche von der Freiwurflinie und brachte seinem Team damit den wohl entscheidenden Vorteil. Ludwigsburg hatte dank mehr Leidenschaft gewonnen.

Alba gerät immer tiefer in die Krise: Unter dem neuen Trainer Katzurin war das bereits die vierte Niederlage. „Es ist derzeit keine Zeit für uns. Aber das ist die Zeit, in der sich der Charakter eines jeden einzelnen zeigt“, sagte Muli Katzurin.

veröffentlicht im Tagesspiegel (13. Februar 2011)





Der Fernsehmarkt bekommt Konkurrenz

13 02 2011

Neue Medien: Das Konsumverhalten der Fußballfans verändert sich, zum Beispiel in Richtung Internet.

Neuheiten bewirken Veränderungen. So ist das auch mit dem medialen Konsumverhalten der Fußballfans. Die Internetplattformen Facebook, Twitter, Youtube, aber auch neuartige oder modernisierte Endgeräte wie das I-Pad bieten den Sportinteressierten neben dem klassischen Fernseher weitere Möglichkeiten, die Spiele der Stars und Clubs zu verfolgen. „Der Konsument will seine Inhalte abrufen, wann er möchte“, sagte der Unternehmensberater Alexander Mogg in dieser Woche auf dem Spobis, Europas größtem Sportbusinesskongress in Düsseldorf.

Das wirkt sich auch auf die Rechtevermarktung der Bundesliga aus, vielleicht schon für die nächste Vergaberunde zur Saison 2013/2014. Für die Rechteinhaber ergeben sich aus den modernen Formaten und Distributionswegen – beispielsweise über Kabelnetzbetreiber – auch neue Abnehmerkreise, was wiederum neue Geschäftsmodelle erforderlich macht. „Die Entwicklung ist jedoch mehr eine Evolution als eine Revolution“, sagte Mogg. Fernsehen sei immer noch das Medium Nummer eins, aber man müsse sich jetzt schon mit den Neuerungen befassen.

Dessen ist sich auch der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), Christian Seifert, bewusst: „Wir beobachten die Marktentwicklungen stark, aber es ist noch schwer zu sagen, welchen Einfluss und welche Rolle die neuen Player spielen werden.“ Die Liveberichterstattung und die Zusammenfassung der Höhepunkte der indischen Cricket-Liga auf dem Internetvideoportal Youtube sei bis jetzt die Ausnahme. Er glaube daher nicht, dass die Zeit der großen amerikanischen Anbieter wie Google, Facebook oder Apple in der Bundesliga schon gekommen ist. „Ich sehe noch keine klare Strategie der US-Konzerne für den Livesport in Europa“, sagte er.

Mogg machte indes Probleme in einer möglichen weiteren Aufteilung der Übertragungsrechte aus. Er sehe „eine Verwässerung der originären Sportwerts“, weil es zu viele Produkte geben könnte, was die Werbewirkung und somit die Marke Bundesliga schwäche. Darauf könnten Einnahmeeinbußen folgen. Seifert erklärte jedoch, dass er keine extreme Zerstückelung der Rechte erwarte. Derzeit zahlen fünf Rechteinhaber (ARD, ZDF, Sport 1, Sky und Telekom) jährlich rund 420 Millionen Euro an die 36 Profivereine der ersten und zweiten Bundesliga. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, hatte kürzlich eine Verdoppelung der Einnahmen für die neue Ausschreibung gefordert. „Das ist verständlich“, sagte Seifert.

Im internationalen Vergleich erwirtschaften die deutschen Clubs über die TV-Rechte weniger, sind daher in den sportlichen Wettbewerben benachteiligt. „Er hat diese Forderung aber mittelfristig gemeint“, betonte der DFL-Geschäftsführer, der sich zu den voraussichtlichen Einnahmen zurückhaltend äußerte: „Wir wollen einen optimalen Vertrag machen, müssen aber auf die Realitäten der Fernsehpartner achten, und wir bewegen uns schon auf einer sehr hohen Flughöhe.“

Außerdem sei das Bezahlfernsehen in Deutschland nicht so ausgereift wie im Ausland, „das liegt vielleicht aber auch daran, dass man hierzulande nie ganz auf Pay-TV gesetzt hat“. Dennoch rechnet Seifert mit einer Zunahme des Bezahlfernsehens, wenn sich die Qualität der frei empfangbaren Konkurrenz nicht bessere.

Charles Classen vom amerikanischen Sportsender ESPN kritisierte indes die Situation in Deutschland: „Es ist nicht unbedingt gut, dass es Sky und Liga total gibt, besser wäre nur eine Marke, zum Beispiel ESPN.“ Auch wenn er das mit einem Schmunzeln sagte, so ist bei der nächsten Ausschreibung ein erneutes Mitbieten des Sportablegers vom mächtigen Disney-Konzern für den deutschen Markt zu erwarten. Dafür soll es in Deutschland keinen eigenen Ligasender geben, wie es in den Niederlanden der Fall ist. „Das werden wir nicht machen, außer die Umstände erfordern es oder uns zwingt jemand“, sagte Seifert.

Genauso sicher ist, dass die Bundesligaspieltage nicht weiter zerstückelt werden. Um die Exklusivinteressen der Bezahlfernsehsender zu befriedigen, waren die Termine bei der vergangenen Ausschreibung entzerrt worden, so dass zum Beispiel das Samstagabendspiel entstand. „Die Zeiten, dass sich alle hochbieten und wir ändern dafür den Spielplan, sind vorbei“, sagte Seifert, „wir müssen auch an den Fan denken.“

Bei der zunehmenden Globalisierung durch die Neuen Medien und dem damit einhergehenden steigenden Interesse ausländischer – und teilweise äußerst finanzkräftiger – Medienhäuser bleibt aber abzuwarten, wie lange die DFL auf dieser Haltung beharren kann.

Infokasten: Große Unterschiede bei den TV-Geldern in Europa
England Wie in Deutschland werden auch in der Premier League die Übertragungsrechte zentral vergeben. Dabei ist allerdings der Pay-TV-Markt erfolgreicher als hierzulande, was in diesem Jahr Einnahmen von 1,4 Milliarden Euro beschert. Hinzu kommt die starke internationale Vermarktung, etwa in Asien.
Italien Die Italiener sind im vergangenen Jahr von der Einzel- zur Zentralvermarktung zurückgekehrt, eine Folge der zu großen Kluft zwischen reichen und armen Clubs. Dennoch kommt die Liga nun auf Gesamteinnahmen von fast einer Milliarde Euro – das ist mehr als doppelt so viel wie in Deutschland.
Spanien Im Land des aktuellen Weltmeisters können die Vereine eigene Verträge mit den Fernsehanstalten abschließen. Das ermöglicht vor allem den Spitzenclubs immens hohe Einnahmen. Während Real Madrid in der vergangenen Saison 140 Millionen Euro an TV-Geldern bekam, waren es bei den Bayern nur 28 Millionen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. Februar 2011)