Die Magie des Pokals – von Suchtmittel bis Partymotor: Trophäen sind Kult, genauso wie die Geschichten dahinter

17 07 2011

Mauro La Forza ist nach dem Bezirkspokalsieg 2009 enttäuscht gewesen. Der Kapitän des TB Kirchentellinsfurt freute sich auf die Pokalübergabe, als er einen Wimpel und eine Glastrophäe (ein loser Ball auf einem Sockel) erhielt, war er verdutzt. «Das war ein Skandal, wir hatten alle auf einen richtigen Pokal gehofft und waren dann schon traurig», erzählt der 28-Jährige am Stammtisch des Vereinsheims. Mit einer Alufolien-Papptrophäe des Fanclubs konnten sich die Spieler aber behelfen. Auf dem Mannschaftsfoto «haben wir uns damit wie die Stars gefühlt», sagt La Forza und schmunzelt. Hinter ihm hängen zwei solcher Siegerbilder, denn Kirchentellinsfurt gewann auch im vergangenen Jahr den Pokal des Bezirks Alb.

In der vierstöckigen Vitrine mit 35 Trophäen im Eingangsbereich der Vereinsgaststätte «am Faulbaum» fehlen die jüngsten Errungenschaften aber, die Glaspokale liegen in einem Schrank im Vereinszimmer, abgeschlossen, in der Originalverpackung. La Forza ist seit über zwei Jahrzehnten im Club, doch die Geschichten zu den Trophäen in der Vitrine kennt er in den meisten Fällen nicht. Bei einigen «hatte ich noch T-Shirt und Hose in Einem», sagt er. Bei den Bezirkspokalsiegen 1997 und 2001 spielte er in der Jugend. Damals verteilte der WFV-Pokalbecher – trinktauglich und feierfest. Doch die Bezirksvorsitzenden stimmten vor einigen Jahren für einen Wimpel als Auszeichnung. Für weitere Trophäen sind die Bezirke zuständig. In den drei Verbänden Baden-Württembergs werden jährlich allein bei den Frauen und Männern neben den Verbands- 53 Bezirks- und Kreispokale ausgespielt, hinzu kommen zahlreiche Turniere außerhalb der Verbandsstrukturen. Hinter jedem einzelnen Pott steckt eine Geschichte, die Facetten des Pokalkults sind beinahe genauso zahlreich wie die Anzahl der Trophäen.

«Pokal ist nach wie vor ein magisches Wort», sagt Walter Schneck, sportlicher Leiter des SC Pfullendorf. Der Verein war immerhin schon viermal Südbadischer Pokalsieger – zuletzt 2006 und 2008. Schneck weiß daher, dass Pokale «selbst bei den ganz abgezockten und coolen Jungs einen riesigen Stellenwert» haben: «Wer will nicht einmal Held sein und bejubelt werden. Irgendwie ist danach doch jeder ein wenig süchtig». Eine Trophäe kann süchtig machen. Veronika Hafke ist Spielführerin des Zweitligisten 1899 Hoffenheim. Die 20-Jährige erinnert sich gut an ein Jugendturnier in Spanien vor vier Jahren, als ihre Mannschaft noch als Spielgemeinschaft 1. FC Mühlhausen/VfB St. Leon beim BFV geführt war und im badischen Finale gegen Karlsruhe 8:0 gewann. Als die Spielführerin unter Feuerwerk die Trophäe überreicht bekam und in die Luft stemmte, «sind wir alle mitgegangen. Später haben wir eine Humba um den Pokal getanzt und ihn abgeknutscht», sagt Hafke. Die Fürsorge hielt bei der Heimfahrt an: «Jeder wollte im Bus in seiner Nähe sein.» Eine Trophäe kann auch ein Magnet sein.

Schon im Vorfeld eines Turniers oder Endspiels motiviert ein möglicher Pokalsieg. Jochen Ritter kickte früher beim TSV Owen in der Nähe von Kirchheim unter Teck. Er und ein Kumpel malten 1997 als B-Junioren Pokalsieger-T-Shirts, gewannen den Pott und feierten kurze Zeit später mit der Mannschaft auch den Pokalsieg des VfB Stuttgart beim Zelten auf dem Vereinsgelände. Heute schreibt der Student seine Masterarbeit über den Bundesligisten, ist daher häufiger in der Geschäftsstelle und läuft an der Trophäenvitrine sowie der Fotogalerie der Erfolge vorbei. Das erinnert Ritter immer wieder an die Meisterfeier 2007, als er die Originalschale berührte und den Höhepunkt eines jeden Fußballfans genoss. Trophäen können Lebensträume erfüllen.

Bruno Sahner organisiert seit neun Jahren beim Südbadischen Fußballverband den Ü 35-Regiocup, an dem deutsche und französische Amateurteams teilnehmen. Das Ziel sei es, «zwischenmenschliche Beziehungen über Grenzen hinweg zu fördern», sagt er. In diesem Jahr wird die Trophäe erstmals nach dem Franzosen Adrien Zeller benannt, der sich für die Annäherung zwischen Baden und dem Elsass engagierte und dafür mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde. Eine Trophäe kann also auch Menschen verbinden.

Ein weiterer Franzose gab einer bedeutenderen Trophäe seinen Namen: Jules Rimet. 1946 rief er die Fußball-WM ins Leben. Weil Brasilien 1970 zum dritten Mal Weltmeister wurde, ging der Vorgänger des aktuellen WM-Pokals in den Besitz der Südamerikaner über, wurde dort gestohlen und wahrscheinlich eingeschmolzen. Bereits bei der WM 1966 in England war der Jules-Rimet-Pokal Objekt von Kriminellen. Doch damals fanden die Ermittler von Scotland Yard das Goldstück – unter kräftiger Mithilfe eines kleinen Hundes namens Pickles. Trophäen wecken manchmal eben auch das Interesse von Dieben.

Pickles hätte wohl auch 2008 seine Schnüffelschnauze gerümpft. Schließlich wird es nicht viele Fußballer geben, die aus ihrem Kickstiefel trinken. Dem Torhüter des FV Weißenhorn aus der Nähe von Ulm war das bei der Aufstiegsfeier in die Bezirksliga egal, erinnert sich der Kapitän Michael Strasser. Er und die anderen Mannschaftskameraden bedienten sich der traditionellen Variante und tranken aus einem Standardpokal Gaißenmaß (Bier, Cola und Kirschlikör) – zumindest solange bis der Pott zerbrach, weil eine Betreuerin im Feierrausch auf ihn stürzte. Herkömmliches Bier floss im selben Jahr in der Tübinger Altstadt in einen Marmorpokal. Die Mannschaft «Links unten» hatte das Elfmeterturnier in Pfäffingen gewonnen. Vincent Meissner war mit seinen Paraden ein Erfolgsgarant und berichtet vom Ein-Auto-Korso, während dem die Trophäe hinausgestreckt und präsentiert wurde – der Pokal als Partymotor.

Oliver Braun weiß, dass eine Marmortrophäe zu den hochwertigeren zählt. Er ist Kundenberater bei der Stuttgarter Fahnenfabrik Dommer, zu deren Kernkompetenz auch der Handel mit Pokalen zählt. Die klassischen Kelchpokale, die übrigens fast alle im Ausland – vor allem in Italien – hergestellt werden, sind bei Mannschaftssportlern am beliebtesten, sagt der Fachmann und erzählt, dass «99 Prozent der Vereine Standardartikel aus dem Katalog bestellen ». Begehrt sind Nachahmungen, die «Assoziationen» schaffen, beispielsweise zum Champions-League- oder WM-Pokal. Ab fünf Euro sind Figurtrophäen erhältlich, Kelchpokale liegen zwischen 15 und 70 Euro. Ein Tipp vom Experten: kostenintensive Gravuren bei den Pokalen vermeiden und lieber auf bedruckte Schilder am Sockel setzen. Braun empfiehlt Wettkampfveranstaltern außerdem, großen Wert auf die Trophäen zu legen, sie seien schließlich «die Visitenkarte» einer Veranstaltung.

Auf die Beschriftung hätten vor über zehn Jahren die Kicker des SV Karlsruhe-Beiertheim achtensollen. Denn bei der Siegerehrung wurde dem Club der falsche Pokal überreicht. Erst nach der Rückkehr bemerkte das Team die «5» statt der «1» auf der Trophäe, ein Betreuer holte den Siegerpokal, der heute im Vereinsheim steht. Beim Feiern hat das aber keinen gestört, schließlich ist der Pott im Grund vor allem ein Erfolgssymbol.

Dieses muss aber nicht immer ein Pokal sein. Mauro La Forza vom TB Kirchentellinsfurt weiß noch, dass ein Fan nach dem Aufstieg in die Verbandsliga vor sechs Jahren ein Stück Rasen ins Vereinsheim mitgebracht hatte. Aufgepeppt mit einem Schild wurde das Gras zu «einer Pilgerstätte», wie es La Forza nennt. Der Rasen ist irgendwann vertrocknet, der TBK kickt mittlerweile in der Bezirksliga, doch die Erinnerung ist geblieben. Einen Sonderplatz hat auch der Wanderpokal des Tagblatt-Hallenturniers, den der TBK in diesem Jahr zum siebten Mal gewann – Rekord unter den Teilnehmern. «Wir haben uns aber nicht getraut, daraus zu trinken», sagt La Forza, «wer weiß, was da schon alles drin war.» Eine Geschichte aus der Nachbarstadt Tübingen bestätigt ihn in seiner Sorge. Dort soll es nämlich einen Spieler gegeben haben, der laut dem Schwäbischen Tagblatt «wegen vereinsschädigendem Verhalten» aus dem Klub geworfen wurde. Im Klartext, so die inoffizielle Anekdote, wollte der Spieler beim Feiern in der Dusche in den Pott pinkeln, und dafür hätte ihn wohl auch Scotland-Yard-Hund Pickles mit lautem Gebell vertrieben.

veröffentlicht im Magazin „im Spiel“ (Juni 2011)





Nächster Job: Klitschkos Bodyguard

11 07 2011

England war vorbereitet. Als sich die Hamburger Arena am Samstag vor einer Woche füllte, zeigten die Fans des englischen Schwergewichtsboxers David Haye, dass Menschen von der Insel unerschütterlich sind. Eine großer Teil der 14000 Briten trotzte den 14 Grad Celsius im Norden Deutschlands genauso wie dem nicht enden wollenden Regen nur in T-Shirts bekleidet. Es schien wie ein Symbol, ein Zeichen für die Unbezwingbarkeit des englischen Willens, ganz im Sinne ihres großmauligen Heros im Ring. Gebracht hat es nichts, Wladimir Klitschko siegte letztlich souverän, klaute Haye seinen Weltmeistertitel und machte die Klitschko-Vorherrschaft im Schwergewicht mit dem vierten von vier Titeln perfekt. Die spätere Ausrede Hayes mit seinem gebrochenen Zeh ist den mitgereisten Kurzhemden und -haaren aus England bestimmt peinlich gewesen.

Sie und das Drum herum sind auch der Anlass für diesen Beitrag. Er kommt auch etwas spät, aber ich wollte dennoch meine Eindrücke aus der Arena festhalten. Schließlich war es mein erste Boxkampf live vor Ort, und die Engländer sowie das Wetter machten den Event definitiv zu etwas noch Besondererem.

Nachdem ich mit meinem Bruder erstmal unseren Platz ausgekundschaftet hatte, besorgten wir uns ein Bierchen und freuten uns, dass unsere Plätze im Trockenen waren. Die Stühle auf dem Spielfeld der Arena waren zwar mit Plastikfolien bedeckt, der Sitz war somit geschützt. Das half aber nichts gegen die Regenmassen, und so war der Normalobesucher doch tatsächlich mal besser dran als der VIP-Gast, ausgenommen die ganz wichtigen. Die saßen so nah am Ring, dass dessen Abdeckung auch sie schützte. Ich dachte mir nur, dass das Wetter auch für die Boxer gewöhnungsbedürftig ist. Auch wenn diese zwei Kolosse sicherlich nicht so schnell frieren,  ist es doch ein Unterschied für die Muskeln bei 14 Grad zu arbeiten oder bei – sagen wir – 24 in einer Halle. Wie auch immer, nicht unser Problem.

Es kam Unruhe auf. Menschen huschten umher, „Buh“-Rufe bewegten sich durch die Arena. Und plötzlich lief Vitali, Klitschkos älterer Bruder, an uns vorbei. Die englischen Fans fotografierten zwar, von Schmährufen hielt sie das aber nicht ab. Er bog dann in einen Zuschauerblock, die Besuchermasse verdichtete sich, wir also auch hin. Er gab dann aber nur ein Fernsehinterview mitten in einem Stadionblock. Als wir schon gehen wollten, rührte sich das Stadion wieder – man sieht nichts, hört aber irgendwas näherkommen und sieht förmlich eine Bewegungswelle in der Masse. Und dann lief er nochmal direkt an mir vorbei. Imposant ist ja schon, dass er wirklich ein Riese ist, aber viel spannender waren letztlich die Bodyguards um Klitschko. Zwar nur halb so groß, aber teilweise doppelt so breit. Und dann dieses Gockelgehabe. Die Leute wegschucken, böse gucken, sich ganz wichtig nehmen. Als ob man sich einem Vitali Klitschko freiwillig in den Weg stellt. Aber danke für die Unterhaltung.

Auf ging’s zu den Sitzplätzen. Ein bisschen hatte ich mich schon gewundert, dass auf den Karten „sichtbehindert“ stand, aber keine Behinderung zu sehen war. Als drei Engländer – ja, auch sie waren kurzhemdig und -haarig, zudem wäre eine Bewerbung als Klitschko-Bodyguard jedenfalls nicht am Körperbau gescheitert – auf unsere Sitzen beharrten, zückte ich voller Überzeugung die Tickets, um sie über das Missverständnis aufzuklären. Tja, dumm nur, dass England dieses Duell verdient für sich entschied. Falscher Block. Man hätte mein Grinsen auch mit einem freundlichen „Du-bist- einfach-zu-dämlich-Nicken“ quittieren können, aber der Inselkollege blickte mich nur emotionslos an. Um die Stimmung aufzuheitern, wollte ich schon sagen „Das ist aber Euer einziger Sieg heute“. Ich glaub, die Idee war nicht ganz so schlagfertig, aber das liest sich jetzt besser. Jedenfalls fehlten mir auf die Schnelle ohnehin die englischen Vokabeln. Vielleicht hatte ich auch nur Schiss. Auf den neuen Plätzen beeinträchtige zwar tatsächlich ein Ringpfosten teilweise die Sicht, gestört hat das aber kaum, weil dafür die Anzeigetafeln aushalfen. Außerdem wiegten wir uns nun zwischen Klitscko-Fans in Sicherheit. Und die Engländer in der übernächsten Reihe sahen recht friedlich aus.

Daher auch umso innbrünstiger „Klitschko“ geschrien. Schon hier hatte Wladimir einen klaren Vorteil, hört sich „Haye“ einfach nicht so gut an, und die Intonation einer Stadionmeute macht eine  Pause zwischen Klitsch und ko, die Lieblingsabkürzung eines Boxfans. Die Zeit schritt mit Klitschko-Rufen voran. Die Engländer sangen dem mit einem „He is going down“ entgegen. Auch bei ihrer Hymne waren sind mit Herzblut dabei. Da war das deutsche Publikum bei der ukrainischen schon um einiges textunsicherer. Egal: Was zählt, ist im Ring.

Den wollte dann Haye doch tatsächlich nicht aufsuchen. Eine Mischung aus Angst vor dem Ausbleiben des Kampfes und Häme gegenüber den Engländern, was für ein Weichei ihr Held doch sei, durchfuhr zumindest mich. Professionell haben die Veranstalter auf die Verzögerung reagiert. Als Haye dann urplötzlich und ohne Vorwarnung in die Arena lief, wurde auch umgehend wieder der Einlaufsong eingespielt. Das Bodyguard-Spektakel ging in die nächste Runde, doch diesmal stieß auch Haye selbst einen Zuschauer weg. Eine Bewerbung als Klitschko-Bewacher? Wladimir marschierte dann nicht nur mit den Feuerstößen, die schon bei Haye bis auf die Ränge hinauf für Wärme sorgten, sondern auch mit Feuerwerk auf dem Arena-Dach ein. Einfach abartig und pervers, diese Boxinszenierung, Haye ertrug es in einer Rettungsdecke eingewickelt. Sinnbild? Und dann Auftritt Michael Buffer, der wegen eines Satzes Gold scheißt. Sind aber auch ganz große 20 Buchstaben. Ehrlich.

Also Ring frei für Runde eins. Über den Kampf kann man nicht so viel sagen. Haye war schnell, aber zu mutlos. Klitschko kämpfte souverän und gewann verdient. Dass er danach aber fast übler aussah als der Engländer, zeugt von dessen guter Leistung. Gereicht hat es dennoch nicht. Auch die „Klitschko“-Rufe überstimmten die „Haye“-Anfeuerungen. Beide Fangesänge nahmen aber von Runde zu Runde ab, sodass Vitali ab dem neunten Durchgang die Arena klatschend animieren musste. Auch der letzte Aufschrei der Ko-Fans in der abschließenden Runde, sozusagen der letzte Hoffnungsbrüller auf einen Höhepunkt ändert nichts daran, dass so ein Boxkampf auch live vor Ort doch schnell seine Faszination verliert. Schließlich sind es hauptsächlich doch nur taktische Tänze zweier Kolosse – in diesem Fall über 36 Minuten. Umso wichtiger ist daher der Event drum herum.  Daher würde ich solch ein Ereignis unterm Strich auf jeden Fall empfehlen. Am besten mit englischen Fans. Die sind immer bereit.





Wo bleibt der Trennstrich?

6 07 2011

Ortsschild – Jede Woche lösen wir ein Rätsel des Alltags. Heute: der Einzeiler Kammgarnspinnerei.

Dieser Stadtteil ist benachteiligt. Schließlich erkennt man beim Vorbeifahren am Ortsschild „Kammgarnspinnerei“ in Bietigheim-Bissingen aufgrund der kleinen und engen Buchstaben recht spät, was da eigentlich steht. Das Hirn hat somit weniger Zeit, Namensassoziationen und -kenntnisse hervorzuspülen. Tamm grüßt einen Fremden schneller.

Selbst wenn der Tourist wissen sollte, dass es sich um eine alte Fabrik handelt, die sich 1856 ansiedelte und in deren aus Ziegelsteinen gemauerten Wohn- und Fabrikgebäuden heute Kammgarnspinnereier wohnen oder sich Eisenbahnmodellfreunde treffen, fragt er sich vielleicht, warum das Wort auf dem gelben Ortsschildgrund so zusammengepresst ist. Wenn er nicht bereits von einem der bemerkenswert häufig auftauchenden Blitzerkasten erwischt wird. Wir haben uns das gefragt.

Schließlich böten sich den 17 Buchstaben mit einem Trennstrich so einige Möglichkeiten, in die nächste Zeile zu hüpfen. Wo bleibt also der Trennstrich? Die Recherche führt uns zu Petra Jahnle, Werbetechnikmeistern des Schilderherstellers Seitz in Tamm, seit 25 Jahren in der Branche tätig: „Eine Trennung hatte ich noch nie, aber eine konkrete Vorschrift kenne ich nicht.“ Wobei es viele gibt. Beispiele sind Schildgröße, Schrift oder Abstand. Vorgeschrieben ist die DIN-Schrift, zur Auswahl stehen eine Mittel- und eine Engschrift, jede einzelne Buchstabenkombination hat einen bestimmten Abstand. Fehler kosten, schlimmstenfalls den Verlust des Gütesiegels. Straßenmeistereien seien angehalten bei Güte-Firmen zu bestellen, sagt Jahnle.

Sie verweist noch auf die RWB, die Richtlinien für die wegweisende Beschilderung außerhalb von Autobahnen, die das Bundesverkehrsministerium einführte. Der Unterpunkt 3.4. informiert über „Trennungen“. Es heißt: „Kann eine Zielangabe nicht in eine Zeile geschrieben werden, können lange Namen auch getrennt werden.“ Na bitte, Kammgarn-spinnerei wäre also möglich. Da wir aber unsicher sind, ob mit „Zielangabe“ auch Ortsschilder gemeint sind, zur Sicherheit noch die Nachfrage beim Ministerium, ob Trennen verboten ist: „Eine solche Vorschrift ist uns nicht bekannt“, teilt eine Sprecherin mit. Aber Jahnle ergänzt: „Kammgarnspinnerei liegt noch im lesbaren Bereich. Es ist immer besser für die Lesbarkeit, wenn der Ortsname am Stück geschrieben wird.“ Nun gut, vielleicht waren wir einfach zu empfindlich.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (5. Juli 2011)