Lebensgefahr als Job-Alltag_Vom Nahen Osten nach Tübingen: Patrick Leclercq prägt die Berichterstattung aus der arabischen Welt

20 11 2009

Jetzt gibt es mal wieder etwas Sportfernes. Ich fand das Treffen mit Patrick Leclercq damals sehr interessant, wollte den Text daher auch hier posten. Inzwischen konnte ich an der DJS den im Text angesprochenen Bundeswehr-Lehrgang für Journalisten in Krisen- und Kriegsgebieten auch besuchen. War echt gut.

Der ARD-Korrespondent Patrick Leclercq referierte am Montagabend bei der fünften Tübinger Mediendozentur. Zuvor verriet der Moslem im TAGBLATT-Interview, warum er „krankhafte Züge“ hat.

Tübingen. Seine Stimme ist stets ruhig und sonor. Die Gesten sind klar, aber nicht hektisch. Manchmal lacht er laut auf. Wenn er von seinen Erfahrungen erzählt, spürt man einen gewissen Stolz. Patrick Leclercq sitzt mit Anzug und Krawatte auf der Couch, lehnt sich meist nach vorne. Nur bei wenigen Antworten ruht er sich an der Rückenlehne aus. Das passt zu seinem persönlichen Berufscredo: „Korrespondenten haben immer Dienst“, sagt der 1950 in Baden-Baden geborene Sohn einer Deutschen und eines Franzosen. Er habe sich aber daran gewöhnt. „Es ist ein 24-Stunden-Job, der einen mit Haut und Haaren frisst. Aber wir haben es ja gern“, sagt Leclercq lachend bevor er zugibt: „Es hat schon krankhafte Züge, dass man ohne nicht mehr kann.“

Leclercq hat 1973 das Studium an der Berliner Filmakademie abgebrochen und seine journalistische Laufbahn beim damaligen Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart begonnen. „Wir sind damals gern nach Tübingen gekommen, hier war es einfach lustiger“, erinnert sich Leclercq. Er war vor der Festanstellung 14 Jahre lang Freier Mitarbeiter und ist „die Hühnerleiter hochgeklettert. Ich habe mir das Handwerk richtig angeeignet.“ Im Ausland war Leclercq erstmals 1982 – als Berichterstatter über den libanesischen Bürgerkrieg. „Ich wusste damals nicht, wie es geht. Das Fenster von innen abzukleben, damit bei einer Explosion keine Splitter reinfliegen, habe ich von meinen Kollegen gelernt“, berichtet der ARD-Korrespondent.

Der heutige Journalistennachwuchs bei der ARD wird für die Krisengebiets-Berichterstattung ausgebildet – auch von der Bundeswehr. „Ich selbst gehe mit den jungen Leuten am liebsten direkt raus und zeige ihnen beispielsweise, dass sie eine bestimmte Straße nicht nehmen sollen, weil man sie dort von einem Flieger aus entdeckt“, erklärt Leclercq. Bei einem Aufenthalt in Bagdad müsse man alles genau planen: Welchen Weg nehme ich, fahre ich mit einer Eskorte? Das müsse sich ein Korrespondent fragen. „Ich kenne den Irak, aber auch ich überlege mir das verdammt gut. Dennoch habe ich die Hosen voll, bis ich im Hotel bin“, verrät er.

Seine gefährlichste Erfahrung hatte Leclercq Ende der Achtziger. Nach dem Besuch bei einem libanesischen Kollegen sind er und sein Kameramann beinahe entführt worden. „Die Leute haben uns in ein Auto ohne Kennzeichen gesteckt. Aber unser Kollege hat es bemerkt und zusammen mit Freunden das Auto gestoppt. In dieser Nacht haben wir zu zweit eine Flasche Whiskey getrunken.“ Für den Einsatz in Kriegsgebieten gibt es keine Gefahrenzulage. Aber als Korrespondent bekomme er einen Auslandzuschuss. „Ich arbeite in einem unruhigen Berichtsgebiet, wo wir alle zwei Jahre einen Krieg haben. Wenn etwas passiert, ist es meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dort hinzugehen“, sagt Leclercq nüchtern. Aber Angst sollte immer dabei sein, sonst werde es lebensgefährlich.

Auf die Frage, warum er sich dieser Gefahr aussetze, antwortet Leclercq: „Ich habe mich in die arabische Welt verliebt. Mich interessiert außerdem, dass Arabien eine Krisenregion ist.“ In knapp zehn Tagen wird er in den Jemen reisen. „Wenn sie Pech haben, werden sie entführt, damit die eine Straße oder Schule bekommen“, sagt der mit einer Muslima verheiratete Vater zweier Kinder. Er selbst ist wegen der Hochzeit zum Islam konvertiert – Folgen für das tägliche Leben hat das aber nicht. „Ich esse weiter Schweinefleisch und trinke Bier“, erzählt Leclercq. Für den Job bringe die Islam-Zugehörigkeit Vorteile. Aber die Kooperation mit den arabischen Medien klappe ohnehin gut. „Wir bekommen im Zweifelsfall auch Material.“ Die Medienlandschaft sei im Nahen Osten aufgebrochen, als private Sender wie Al Jazeera oder Al Arabiya entstanden. „Sie arbeiten relativ frei, machen einen guten Job. Der Blickwinkel ist aber völlig anders. Al Jazeera unterstützt dennoch keine Terroristen“, konstatiert Leclercq.

Die Gesellschaften in der arabischen Welt haben einen in sich gesunden Kern, „einerseits aufgrund der Familie, andererseits wegen der Religion. Das Wertesystem ist noch nicht so angeschlagen wie bei uns.“ Er denkt, dass Christen und Moslems nicht gut nebeneinander leben können. „Ich bin inzwischen pessimistisch geworden. Man merkt es zwar nur an Kleinigkeiten – aber die sind kristallklar“, sagt der Konvertit, der dann noch den Grund anführt, warum die Region zunehmend religiöser wird: „Der Westen hat nicht mehr die Anerkennung, die er mal hatte, ist nicht mehr der Hoffnungsträger, der er mal war.“

Im Nahen Osten führe die Entstehung der neuen Regionalmacht Iran wohl bald zum nächsten Krieg. „Es wird eine Aktion geben – und zwar der größeren Art“, vermutet der Experte. Sollte es so sein, stellt sich die Frage, ob Patrick Leclercq dann noch berichtet – sein Korrespondentenvertrag läuft in zwei Jahren aus.

veröffentlicht im Schwäbischen Tagblatt (07. Mai 2008)

Tübingen. Seine Stimme ist stets ruhig
und sonor. Die Gesten sind klar,
aber nicht hektisch. Manchmal lacht
er laut auf. Wenn er von seinen Erfahrungen
erzählt, spürt man einen
gewissen Stolz. Patrick Leclercq sitzt
mit Anzug und Krawatte auf der
Couch, lehnt sich meist nach vorne.
Nur bei wenigen Antworten ruht er
sich an der Rückenlehne aus.
Das passt zu seinem persönlichen
Berufscredo: „Korrespondenten haben
immer Dienst“, sagt der 1950 in
Baden-Baden geborene Sohn einer
Deutschen und eines Franzosen. Er
habe sich aber daran gewöhnt. „Es
ist ein 24-Stunden-Job, der einen
mit Haut und Haaren frisst. Aber wir
haben es ja
gern“, sagt Leclercq
lachend bevor
er zugibt: „Es
hat schon krankhafte
Züge, dass
man ohne nicht
mehr kann.“
Leclercq hat
1973 das Studium
an der Berliner
Filmakademie abgebrochen und
seine journalistische Laufbahn beim
damaligen Süddeutschen Rundfunk
in Stuttgart begonnen. „Wir sind damals
gern nach Tübingen gekommen,
hier war es einfach lustiger“,
erinnert sich Leclercq. Er war vor der
Festanstellung 14 Jahre lang freier
Mitarbeiter und ist „die Hühnerleiter
hochgeklettert. Ich habe mir das
Handwerk richtig angeeignet.“
Im Ausland war Leclercq erstmals
1982 – als Berichterstatter über den
libanesischen Bürgerkrieg. „Ich
wusste damals nicht, wie es geht.
Das Fenster von innen abzukleben,
damit bei einer Explosion keine
Splitter reinfliegen, habe ich von
meinen Kollegen gelernt“, berichtet
der ARD-Korrespondent.
Der heutige Journalistennachwuchs
bei der ARD wird für die Krisengebiets-
Berichterstattung ausgebildet
– auch von der Bundeswehr.
„Ich selbst gehe mit den jungen Leuten
am liebsten direkt raus und zeige
ihnen beispielsweise, dass sie eine
bestimmte Straße nicht nehmen sollen,
weil man sie dort von einem
Flieger aus entdeckt“, erklärt Leclercq.
Bei einem Aufenthalt in Bagdad
müsse man alles genau planen:
Welchen Weg nehme ich, fahre ich
mit einer Eskorte? Das müsse sich
ein Korrespondent fragen. „Ich kenne
den Irak, aber auch ich überlege
mir das verdammt gut. Dennoch habe
ich die Hosen voll, bis ich im Hotel
bin“, verrät er.
Seine gefährlichste Erfahrung hatte
Leclercq Ende
der Achtziger.
Nach dem Besuch
bei einem
libanesischen
Kollegen sind er
und sein Kameramann
beinahe
entführt worden.
„Die Leute haben
uns in ein
Auto ohne Kennzeichen gesteckt.
Aber unser Kollege hat es bemerkt
und zusammen mit Freunden das
Auto gestoppt. In dieser Nacht haben
wir zu zweit eine Flasche Whiskey
getrunken.“
Für den Einsatz in Kriegsgebieten
gibt es keine Gefahrenzulage. Aber
als Korrespondent bekomme er einen
Auslandzuschuss. „Ich arbeite
in einem unruhigen Berichtsgebiet,
wo wir alle zwei Jahre einen Krieg
haben. Wenn etwas passiert, ist es
meine verdammte Pflicht und
Schuldigkeit, dort hinzugehen“, sagt
Leclercq nüchtern. Aber Angst sollte
immer dabei sein, sonst werde es lebensgefährlich.
Auf die Frage, warum
er sich dieser Gefahr aussetze,
antwortet Leclercq: „Ich habe mich
in die arabische Welt verliebt. Mich
interessiert außerdem, dass Arabien
eine Krisenregion ist.“
In knapp zehn Tagen wird er in
den Jemen reisen. „Wenn sie Pech
haben, werden sie entführt, damit
die eine Straße oder Schule bekommen“,
sagt der mit einer Muslima
verheiratete Vater zweier Kinder. Er
selbst ist wegen der Hochzeit zum
Islam konvertiert – Folgen für das
tägliche Leben hat das aber nicht.
„Ich esse weiter Schweinefleisch und
trinke Bier“, erzählt Leclercq. Für
den Job bringe die Islam-Zugehörigkeit
Vorteile. Aber die Kooperation
mit den arabischen Medien klappe
ohnehin gut. „Wir bekommen im
Zweifelsfall auch Material.“
Die Medienlandschaft sei im Nahen
Osten aufgebrochen, als private
Sender wie Al Jazeera oder Al Arabiya
entstanden. „Sie arbeiten relativ
frei, machen einen guten Job. Der
Blickwinkel ist aber völlig anders. Al
Jazeera unterstützt dennoch keine
Terroristen“, konstatiert Leclercq.
Die Gesellschaften in der arabischen
Welt habe einen in sich gesunden
Kern, „einerseits aufgrund
der Familie, andererseits wegen der
Religion. Das Wertesystem ist noch
nicht so angeschlagen wie bei uns.“
Er denkt, dass Christen und Moslems
nicht gut nebeneinander leben
können. „Ich bin inzwischen pessimistisch
geworden. Man merkt es
zwar nur an Kleinigkeiten – aber die
sind kristallklar“, sagt der Konvertit,
der dann noch den Grund anführt,
warum die Region zunehmend religiöser
wird: „Der Westen hat nicht
mehr die Anerkennung, die er mal
hatte, ist nicht mehr der Hoffnungsträger,
der er mal war. “
Im Nahen Osten führe die Entstehung
der neuen Regionalmacht Iran
wohl bald zum nächsten Krieg. „Es
wird eine Aktion geben – und zwar
der größeren Art“, vermutet der Experte.
Sollte es so sein, stellt sich die
Frage, ob Patrick Leclercq dann
noch berichtet – sein Korrespondentenvertrag
läuft in zwei Jahren aus.Der ARD-Korrespondent Patrick
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