Die Löwenfamilie_die Färbers stecken bei 1860 in den Maskottchen-Kostümen

4 12 2009

In fremden Stadien schwitzt beim TSV 1860 München nur einer mehr als die Profikicker: Trainer und Coaching-Zone-Turner Ewald Lienen. Bei Heimspielen in der Arena sind es noch zwei weitere Klubmitglieder: die Maskottchen „Sechzger“ und „Sechzgerl“. Schon wenn man den Kopf des großen Löwen („Sechzger“) aufsetzt, sackt der Körper zusammen, im Fellkostüm staut sich auch im Winter die Hitze. Stephanie und Sebastian Färber stecken trotzdem gerne in den Löwen. „Sobald die Fans jubeln, schlägt mein Herz höher“, sagt die 23-Jährige. „Wenn ich das Kostüm trage, bin ich Löwe und nicht Basti“, sagt der Bruder. Der finanzielle Zuschuss versüßt den Job zudem.

In der heutigen Partie gegen Fortuna Düsseldorf schauen den Färbers 22.400 Stadionbesucher zu, wie sie mit wackelnden Raubtierköpfen und klobigen Goofy-Schritten auf und neben dem Feld herumlaufen. Blicklöcher gibt es in den Köpfen nur rechts und links und die Schuhe sind so riesig, dass vor allem Treppensteigen schwierig ist. Fahnen schwenken, Fans abklatschen, Fotomodell stehen, Jubeln bei der Mannschaftsaufstellung und mit den Teams einlaufen ist das gewöhnliche Programm vor dem Anpfiff. Heute stimmen die Färbers zusammen mit Kindern noch eine Laola-Welle vor den Münchner Fans an.

Der Schweiß läuft in die Augen

Danach schlüpfen sie in ihre normale Kleidung, gucken das Spiel von der Tribüne aus. Gefragt sind die Maskottchen erst wieder in der Halbzeit und nach Spielende. Sie machen zwischendurch Pause, weil sie aktive Maskottchen sein wollen. Nicht so wie der Bayern-Bär. „Der steht nur in der Ecke“, sagt Stephanie. Die Pausen tun auch dem Körper gut. Schulter- und Kopfschmerzen seien keine Seltenheit, sagt Vater Wolfgang. Sebastian würde trotzdem gerne mehr tanzen. Aus den Boxen komme aber zu viel Werbung und zu wenig Musik.

Die tierische Unterstützung ist beim Fußball-Zweitligisten Familiensache. Stephanie, Sebastian und Bruder Max streifen sich abwechselnd die Kostüme über, Papa Wolfgang ist der Chauffeur, hilft beim Anziehen, und Mama Marianne erträgt den Fußballwahn mit Wohlwollen.

Der 21-jährige Sebastian studiert Sportmanagement in Innsbruck, Stephanie Sinologie und Max (17) geht aufs Gymnasium. Zur Not steigt auch der Papa mal in das Löwenfell. Er kennt die Probleme seiner Kinder: „Wenn der Schweiß in die Augen läuft, brennt es und du kannst es nicht mal abwischen.“

Zur Halbzeit führt München 1:0, Stephanie und Sebastian laufen einmal ums Spielfeld, machen ihre Arbeit. Stephanie tätschelt einem kleinen Buben die Wange. „Du bist süß, Löwe“, sagt er daraufhin. „Wenn ich Maskottchen bin, gibt’s keine Probleme mehr, alles ist weg“, erzählt Stephanie.

Ausgebuht und ausgepfiffen

Je nach Ergebnis schlägt den Maskottchen Freude oder Wut entgegen. Die letzten Wochen waren daher hart. „Wir sind ausgebuht und ausgepfiffen worden“, sagt Stephanie, „wie geprügelte Hunde mussten wir durchs Stadion gehen.“ Sebastian sieht darin aber die Aufgabe eines Maskottchens, es macht ihm nichts aus. Auch die Rempeleien während des Wettrennens bei Stefan Raabs Maskottchen-WM fand er in Ordnung, aber „einmal war es ganz schlimm“, sagt Sebastian, „im Grünwalder Stadion hat mich mal ein Fan geschlagen.“ Trotzdem erinnert er sich gern an die gute Stimmung dort. Umziehen mussten sie sich damals im Heizungskeller.

Heute gibt es keine Schläge. Die Fans sind aber unzufrieden, es war mehr drin als das 2:2. „Sechzger“ und „Sechzgerl“ drehen trotzdem ihre Ehrenrunde – ein letztes Mal Posieren, Abklatschen und Winken für heute. „Es war komisch, dass nur zwei Spieler mit auf die Runde gekommen sind“, sagt Stephanie. Den Löwenkopf haben sie und ihr Bruder inzwischen abgenommen, die verschwitzten Haare kleben im Gesicht. Die Kostüme kommen jetzt wieder in einen Käfig im streng abgeschirmten Kabinentrakt, ruhen dort bis zur Nikolausfeier.

Sebastian ist bereits seit 2004 Maskottchen, Stephanie und Max seit vergangener Saison. Bei den Spielern sind sie bekannt. Den Job wollen die Färbers so lange machen, wie es geht. Der Vorgänger war 13 Jahre im Amt.

veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung (3. Dezember 2009)

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