Ludwigsburg atmet auf

3 05 2012

Nach dem Klassenverbleib sind wichtige Fragen offen: Wer wird Trainer und wer Hauptsponsor?

Das virtuelle Clubleben ist weiter als das reale. Auf der Homepage des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg wird der Nutzer bereits aufgefordert, sich die Dauerkarte für die nächste Saison zu sichern. Dabei ist die Runde der Schwaben erst am vergangenen Wochenende zu Ende gegangen, der Klassenverbleib nur eine Woche früher gesichert worden. Für die Verantwortlichen ist die „nervenaufreibendste“ Spielzeit, wie sie der Manager Mario Probst bezeichnet, also noch nicht abgeschlossen.

Zu viel ist passiert. „Es gab Phasen, in denen alle über die Grenzen gegangen sind“, sagt Probst. Einige Wochen „mit schlaflosen Nächten“ werden ihm noch lange in Erinnerung bleiben. Die Ausfälle von Donatas Zavackas, Jerry Green, Mark Dorris oder John Bowler; Zavackas’ Wechsel nach Riga; die Blitztransfers von Anthony Fisher, Ermin Jazvin und Matt Howard; der Rückzug des Haupt- und Namenssponsors EnBW. Die Liste der Unwägbarkeiten der Saison 2011/12 ist noch länger.

Doch beim Flügelspieler Howard wird die andere Seite einer solch verkorksten Spielzeit mit einem glücklichen Ende sichtbar. Eine Familie aus dem Vereinsumfeld bot dem US-Amerikaner spontan eine Wohnung an. „Das sind die kleinen Geschichten, die zeigen, dass alle im Verein sowie die Fans zusammengehalten haben und positiv geblieben sind“, sagt Mario Probst. „Und sie hat dem enormen Druck standgehalten, schließlich geht es beim Abstiegskampf um Existenzen.“ Nun bleibt der Ludwigsburger Arena der Ankermieter, der Stadt das sportliche Aushängeschild und der Vereinsjugendarbeit der Leuchtturm erhalten.

Ludwigsburg atmet auf – und kann noch zwei Hoffnungen aus den vergangenen sieben Monaten mitnehmen: wenn die Stimmung in der Mannschaft in solch einer prekären Situation gut bleibt, dann gehen die Spieler meist gestärkt aus dem Abstiegskampf hervor. Zudem ist dieser auch für die Fans spannender als das Herumdümpeln im Tabellenniemandsland. Folglich lag der Zuschauerschnitt bei rund 3300, ein Anstieg von fast zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zufrieden mit dem Erreichten ist dennoch niemand, die Play-offs waren das heimliche Ziel.

Eventuell spricht Probst nun mit Blick auf die Zukunft auch daher von einem „Underdog-Image“, das Ludwigsburg auszeichnen soll, schließlich „war die Erwartungshaltung in den vergangenen Jahren etwas zu groß“. Wie dieses Underdog-Team aussehen wird? Die Verantwortlichen sind in Gesprächen mit dem Trainer Steven Key, dessen Vertrag ausgelaufen ist. Danach werde der Fokus auf die Spieler gelegt. Dorris würde zum Beispiel gerne bleiben, auch Jeff Greer gefällt es in Ludwigsburg.

„Natürlich ist es das Ziel, einen Teil der Mannschaft zu halten“, sagt Probst. Das wird davon abhängen, inwieweit die fehlenden 600 000 Euro der EnBW durch andere Sponsoren kompensiert werden können. Außerdem wirkt sich die verschärfte Ausländerregel auf den Kader aus, denn künftig dürfen nur noch sechs Nichtdeutsche auf dem Spielberichtsbogen stehen. Welche das sein werden, verkündet normalerweise dann die Homepage.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (2. Mai 2012)





„Eine riesige Erleichterung“

11 04 2012

Im 15. Anlauf hat die EnBW Ludwigsburg erstmals in dieser Saison auswärts gewonnen. Sehr zur Freude des Managers Mario Probst.

Herr Probst, im 15. Versuch hat es geklappt. Wie fühlte sich der erste Auswärtssieg der Saison am Samstag in Hagen an?
Ich habe mich sehr für die Jungs gefreut, sie haben es einfach verdient. Endlich haben wir mal ein knappes Spiel gewonnen – das ist eine riesige Erleichterung.

Zwei Minuten vor dem Ende sah es aber so aus, als ob es wieder nicht klappt. Was haben Sie da gedacht?
Wir haben das Spiel sehr konzentriert begonnen und sind nicht wie so oft in Rückstand geraten. Nach dem Hagener Lauf im dritten Viertel war es wichtig, dass wir die Ruhe bewahrt haben. Matt Howard hat in der Schlussphase das Team auf seine Schultern genommen und acht Punkte in Serie erzielt. Er hat das Spiel entschieden, und es war besonders schön, weil seine Schwester und ein Freund aus den USA zum Spiel angereist waren.

Neben Howard haben auch die anderen großen Spieler Kurt Looby und Ermin Jazvin gut gepunktet. Das hat bisher gefehlt.
Das stimmt, aber am Samstag war vor allem der Schlüssel, dass wir über 40 Minuten als Team agiert haben, nie in Einzelteile zerfallen sind. Wir haben es geschafft, den Ball konsequent unter den Korb zu bringen. Looby hat zudem seit Wochen einen guten Rhythmus, Jazvin in Hagen sein bestes Spiel für uns gemacht.

Dennoch hat Ludwigsburg den direkten Vergleich gegen Hagen verloren. War das am Samstag auch ein Thema?
Mark Dorris kam als Letzter in die Kabine, hat vor Freude geschrien, dann aber gleich vom nächsten Schritt gesprochen. Das Team weiß, dass dieser Sieg nur ein kleiner Schritt war, und fokussiert nun das Ziel, zwei Spiele in Serie zu gewinnen. Gleich morgen können Sie diesem Ziel näherkommen.

Welche Chancen rechnen Sie sich gegen die Artland Dragons aus?
Quakenbrück ist ein Topteam. Aber wir spielen zu Hause, und daher ist es ähnlich wie gegen München und Berlin: eine Aufgabe, an der sich die Mannschaft hochziehen kann. Außerdem haben wir den Rü- ckenwind vom Hagen-Spiel. Können Sie in diesem engen Abstiegskampf schon über die kommende Saison nachdenken? Momentan sind wir voll auf das Erreichen des Klassenerhalts konzentriert. Je früher wir das schaffen, desto besser ist das für die weiteren Planungen.

Am 28. April fällt die Entscheidung – spätestens. Wenn diese Saison vorbei ist, sind die Clubverantwortlichen froh, weil . . .
. . . na ja, froh sind wir nur dann, wenn wir den Klassenverbleib geschafft haben. Hoffentlich ist das schon vor dem letzten Spieltag der Fall.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (10. April 2012)





„Die Play-offs wären ein echter Erfolg“

29 09 2011

Der Teammanager Mario Probst spricht über das Saisonziel, den Zuschauermangel und die Zukunftssorgen des Clubs.

Herr Probst, wegen eines Tarifstreiks droht die kommende NBA-Saison verspätet oder gar nicht zu beginnen. Haben Sie schon einmal daran gedacht, Dirk Nowitzki zu fragen, ob er diese Zeit nicht in Ludwigsburg überbrücken will?
Man muss schon die Realität kennen. Die Wahrscheinlichkeit ist hier so gering, da würde sich die Anfrage nicht lohnen. Wenn wir jetzt ein EuroleagueTeam wären, dann könnten wir sicherlich ein Szenario aufbauen, dass er hier richtig ist. Aber in Deutschland kommen eigentlich nur Berlin, Bamberg oder Bayern München in Frage.

Käme ein anderer NBA-Profi für Sie in Frage?
Wir wollen eine gesunde Mannschaft haben, das heißt Spieler mit den richtigen Motiven. Da es bei uns nicht nur um individuelle Ziele geht, würde ich mich schon fragen, warum ein gestandender NBA-Spieler hier spielen sollte. Außerdem reden wir da von Gehältern, die sogar unseren Gesamtetat übersteigen. Der Grund, in Ludwigsburg zu spielen, kann nicht Geld sein.

Sie haben vier Starter aus dem Kader der vergangenen Saison behalten können, auch der Trainer Markus Jochum ist geblieben. Seit Jahren konnten sie die lang ersehnte Kontinuität in die Tat umsetzen. Auch die Neuzugänge sind diesmal rechtzeitig geholt worden. Merken Sie schon eine positivere Entwicklung im Vergleich zu den Vorjahren?
Wir sind erstmal extrem froh, dass wir diese Kontinuität umsetzen konnten. Dass wir nun sieben Spieler aus dem Zehn-Mann-Kader halten konnten, ist natürlich ein Riesenvorteil. Man hat die Voraussetzung geschaffen für einen Vorsprung gegenüber den neu zusammengestellten Teams. Aber ein Vorsprung in der Vorbereitung zählt nichts, den müssen wir mit in die Saison nehmen und weiter ausbauen.

Die drei Neuzugänge sind besonders für ihre defensiven Qualitäten bekannt, war die Verteidigung das Hauptproblem in der vergangenen Runde?
Wir waren eine sehr gute Offensivmannschaft mit sehr guten Werfern und konnten gegen jedes Team der Liga individuell und als Mannschaft mitspielen. Die offensichtlichen Schwächen lagen definitiv in der Defensive, wir waren beim Rebound im unteren Drittel der Liga, uns hat zudem die physische Spielweise und die notwendige Härte in den entscheidenden Spielsituationen gefehlt. Hier haben wir versucht, personell Schwerpunkte zu setzen. Mit Kurt Looby haben wir einen Center, der in Offensive limitiert ist, aber seine Stärken in der Verteidigung hat, gut bei den Rebounds ist und auch einen Wurf blocken oder verhindern kann. Die Gegner denken bei ihm vielleicht etwas mehr nach, wenn sie in die Zone ziehen. Hinzu kommt, dass es in der Liga viele schnelle Aufbauspieler gibt. Deswegen hat der Trainer die Guard-Rotation um einen Spieler erweitert. Mark Dorris bringt diese Schnelligkeit mit, er hat zudem Stärken in der Verteidigung.

Sie haben kürzlich den Neuzugange Seth Tarver schon wieder ersetzt. Für ihn kam Terrell Harris. Was erhoffen Sie sich davon?
Leider konnte Seth Tarver sich nicht in der Weise in die Mannschaft spielen, wie wir uns das erhofft haben, daher das Vertragsende in der Probezeit. Mit Terrel Harris haben wir einen Spieler verpflichtet, der bereits Erfahrung in Europa gesammelt hat und sowohl defensiv als auch offensiv sehr viel Potential besitzt. Wir erwarten uns mit seiner Integration eine weitere Verbesserung unseres derzeitigen Leistungsniveaus.

Reicht das, um Toby Bailey zu ersetzen?
Wir können über keinen Spieler sagen, dass er Toby Bailey eins zu eins ersetzen kann. Er hat alles erlebt, hat schon in der NBA gespielt, in der Euroleague und mehrere Jahre in Deutschland. Die Erfahrung eines 35-Jährigen ist nicht zu ersetzen. Das muss in diesem Jahr das Team als Ganzes auffangen. Alex Harris, Johannes Lischka und Terrel Harris werden alle auf dieser Position Zeit verbringen. Aber noch mehr in der Pflicht sind die großen Drei: Jerry Green, Donatas Zavackas und John Bowler. Jerry hat in der Pause viel gemacht, John ist vielleicht in der besten Verfassung seiner Karriere, Donatas steht körperlich sehr gut da und ist mit seiner Spielintelligenz und Wurfqualität einer der gefährlichste Vierer in der Liga.

Ein weiterer Neuzugang ist Steven Key, er kam als Ersatz für den Assistenztrainer Steven Clauss, warum?
Es gab keinen speziellen Grund. Die Zusammenarbeit mit Clauss war auf ein Jahr geschlossen. Das Verhältnis Trainer zu Co-Trainer ist das engste, das es in einem Verein gibt. Da muss die Chemie hundertprozentig stimmen. Steven Key passt da vielleicht noch ein bisschen mehr ins Gesamtprogramm. Steven Key ist Amerikaner, der aber sehr gut Deutsch spricht, er ist ein tolles Bindeglied zwischen Mannschaft und Headcoach. Gleichzeitig hat Key sehr viel Wissen, das er jungen Spielen weitergeben kann. Er nimmt auch eine Schnittstellenfunktion zwischen Profimannschaft und Basketball-Akademie ein, Spieler wie Jonathan Maier, Tim Koch oder Besnik Bekteshi sind absolut in seinem Verantwortungsbereich.

Ausgewechselt wurde auch die Trikotfarbe, aus den Gelben Riesen wurden die weißen Riesen. Wie kam es dazu?
Wir spielen das zehnte Jahr in der Bundesliga und haben uns immer als innovativen Verein gesehen. Wir hatten beim Auszug aus der Rundsporthalle ein weißes Trikot, das bei den Fans extrem gut ankam. Aber die Vereinsfarben schwarz-gelb sind auch auf dem weißen Dress, daher sind wir weiterhin aber die Gelben Riesen. Wir wollten einfach etwas Frisches für die Saison reinbringen.

Die Kontinuität ist da, die Neuzugänge stellen zufrieden. Eigentlich kann es so doch nur ein Saisonziel geben: die Play-offs.
Vorbereitung ist Vorbereitung, die Ergebnisse spielen keine Rolle. Was zählt ist, was am 3. Oktober gegen Gießen passiert.

Aber die Mannschaft geht mit einem besseren Gefühl in die Runde.
Ich glaube, dass sich das Team schon ein gewisses Selbstvertrauen erspielt hat. Wir haben im Vergleich zu den neuformierten Mannschaften schon das ein oder andere gewisse Element mehr, und natürlich haben die Jungs ein gewisses Selbstverständnis. Aber darauf haben wir ja gesetzt. Es wäre schlimm, wenn das nicht so wäre.

Die Kontinuität ist diesmal da, die Neuzugänge haben die gesamte Vorbereitung mitgemacht. Eigentlich kann es nur ein Ziel geben: die Playoffs.
Es ist schwierig, jetzt ein anderes Ziel zu finden. Alle Spieler haben sich die Playoffs als Ziel gesetzt. Dafür benötigt man wohl mindestens 19 Siege. Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass wir nur eine Verletzung davon entfernt sind, ganz schnell nicht mehr über die Playoffs zu sprechen. Außerdem ist die Liga definitiv stärker als im vergangenen Jahr. Man kann sogar sagen, dass es die stärkste Beko BBL aller Zeiten ist.

Das könnte auch wieder mehr Zuschauer anlocken. Die Ludwigsburger Arena hat laut der Beko BBL ein Fassungsvermögen von 5300 Besuchern, und in der abgelaufenen Spielzeit kamen im Schnitt aber lediglich 2900 Zuschauer – 300 weniger als das Jahr zuvor. Hier haben Sie sich bestimmt mehr erhofft?
Wir müssen erst einmal die Zahlen zurechtrücken. Wir haben 4500 Plätze. Es gab zwar in der Bauphase Pläne für über 5000 Plätze, aber die Realität war dann doch anders. Bei dem jetzigen Zuschauerschnitt ist da sicherlich noch Potential vorhanden.

Warum wird dieses nicht ausgeschöpft?
Wir müssen selbstkritisch sagen, dass wir bisher sehr wenig Kontinuität hatten. Zudem waren die Ergebnisse nur zum Teil zufriedenstellend. Aber ich glaube, das ganze Umfeld hat die abgelaufene Saison in der Nachbetrachtung als positiv wahrgenommen und als ersten Schritt in die richtige Richtung. Wir haben Identifikationsfiguren wie Jerry Green, David McCray oder John Bowler und auch noch den Beko BBL ALLSTAR Day im Januar, was vielleicht einen Extraschub gibt. Aber die Ergebnisse müssen natürlich stimmen. Natürlich ist es unser Ziel, den Zuschauerschnitt zu steigern und über 3000 zu kommen. Wenn wir bei 3500 liegen, haben wir schon gut gearbeitet. Man muss das aber auch in Relation zu den 2200 Zuschauern in der Rundsporthalle setzen. Man darf ja nicht vergessen, wo wir herkommen.

Sie haben in der abgelaufenen Saison viele Zuschaueraktionen wie den Familienmonat oder den Spielertalk veranstaltet. Was haben Sie sich für die kommende Runde überlegt?
Die Jugend spielt bei uns definitiv eine große Rolle, das ganze Schul- und Vereinsprogramm, Ferien- und Schulcamps, wo wir es schaffen, über die Kinder ganze Familien für den Basketballsport zu begeistern. Es geht vor allem darum, dass man einen Bezug von der Mannschaft, von den Spielerpersönlichkeiten zu den Fans schafft, und dieser muss direkt sein. Unsere Mannschaft muss präsent sein und am öffentlichen Leben teilnehmen.

Diese ganzen Aktionen kosten natürlich auch Geld. Wie hoch ist der Ludwigsburger Gesamtetat?
Wenn man eine Rangliste in der Liga aufstellt, befinden wir uns irgendwo zwischen Rang neun und zwölf, was das Gesamtbudget angeht. Aber wir haben den Anspruch, sportlich mehr als Rang neun aus unserem Budget zu machen. Wir wollen eine Underdog-Rolle im Konzert der Großen einnehmen und zu Hause gegen jeden um den Sieg mitzuspielen.

Das ist natürlich mit Platz neun bis zwölf in der Budgettabelle schwieriger. Wo positioniert sich Ludwigsburg eigentlich: Mitläufer in der Liga, Überraschungsteam, Sprungbrettclub, Ausbildungsverein?
Wir stehen ziemlich genau in der Mitte der Liga. Wir können uns nicht die beste Qualität kaufen und damit in sehr kurzer Zeit Erfolg einfahren. Wir brauchen eine Mischung aus erfahrenen und jungen Kräften. Um unser Gerüst an Erfahrung müssen wir eine Gruppe aufbauen, die Entwicklungspotential hat – unabhängig davon, ob das jetzt jüngere ausländische oder deutsche Spieler sind. Wir brauchen Nachwuchsspieler, die sich in ein, zwei Jahren weiterentwickeln, wie beispielsweise Alex Harris. Vielleicht ist für ihn Ludwigsburg ein Sprungbrett. Für Jerry Green war es das damals, aber ich würde uns nicht als Ausbildungsverein bezeichnen. Eher als Verein, in dem Entwicklung und Ausbildung eine große Rolle spielt, und damit größtmöglichen sportlichen Erfolg erzielt.

Von 2013 an werden die Stadtwerke das Stromnetz in Ludwigsburg alleine betreiben, ihr Hauptsponsor EnBW ging bei den jüngsten Verhandlungen leer aus – und lässt bislang auch ein klares Bekenntnis für eine Fortsetzung des Sponsoringvertrages mit den Basketballern vermissen. Der Vertrag läuft 2012 aus. Wie gehen Sie mit dieser Situation um, denn ohne den Energieversorger wäre Erstligabasketball in Ludwigsburg nicht möglich?
Absolut. Das ist aber Chefsache. Ich weiß, dass sich der Vorstand und der Beirat des Vereins seit mehr als zwei Jahren sehr intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen. Für uns ist es wichtig, das Thema Basketball in Ludwigsburg weiterhin nachhaltig betreiben zu können. Die EnBW AG hat einen wichtigen Anteil, an der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Vereins. Fakt ist, dass es aktuell noch keine Lösung zum Thema Hauptsponsor gibt. Viel mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Aber Sie können generell sagen, welche Probleme mit der Abhängigkeit von nur einem Sponsor mitschwingen?
Der ganze Profisport hängt heutzutage von Geldgebern aus der Wirtschaft ab, das ist keine neue Situation.

Aber in vielen Fällen beschränkt sich die Abhängigkeit nicht nur explizit auf einen Sponsor.
Natürlich ist die EnBW AG ein Partner, ohne den das hier nicht möglich wäre, ohne den wir keinen Erstliga-Basketball auf die Beine stellen könnten. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Hauptsponsor so eine Wichtigkeit hat. Wie gesagt, es ist absolut Chefsache.

Okay, kommen wir zurück auf das Parkett. Sie haben es angesprochen. Koch, Maier, Bekteshi und auch McCray entspringen der hiesigen Ausbildung. Es kommen U16-Nationalspieler nach. Die Liga hat Ihre Nachwuchsarbeit jüngst ausgezeichnet. Wie können Sie dieses Potential in Ludwigsburg halten?
Die Jungs brauchen ein Umfeld, in dem sie spüren: Ich komme weiter. Die schulische und die basketballerische Ausbildung müssen gut sein. Hier sind wir auf einem guten Weg. Wir haben ein Spitzensportteam bei den Trainern, wir haben ein Internat, insgesamt eine sehr gute Grundlage. Die medizinische Profiabteilung kümmert sich auch um den Nachwuchs. Die Plattformen JBBL, NBBL und Regionalliga helfen bezüglich der Spielpraxis. Und dann kommt der entscheidende Punkt, ob sie sich in der Pro A in Kirchheim oder in der Bundesliga bei uns durchsetzen. Wenn ein Spieler wie David spielt, dann gibt es Motivation in das ganze Programm. Auch ein Spieler wie Tim Koch hat gezeigt, dass man mit einer guten Einstellung sehr weit kommt. Und wenn ein 17-Jähriger wie Bekteshi im vergangenen Jahr aufs Feld kommt, wird den Jungs klar: Da gibt es einen Weg. Hinzu kommt das nötige Vertrauen der Trainer. Nur so gelingt es uns als Verein, mit diesen Spielern langfristige Verträge zu schließen.

Sie haben früher selbst in der ersten und zweiten Liga gespielt. Wie unterscheidet sich der heutige Nachwuchs von früher?
Er hat um ein Vielfaches bessere Bedingungen als vor rund 15 Jahren. Da hat sich in Deutschland sehr viel getan. Schon die Ligen JBBL und NBBL bringen die Vereine dazu, das Ganze professioneller anzugehen. Auch die Sportinternate gab es in der Form nicht. Dadurch ist die Vereinbarkeit von Schule und Leistungssport besser geworden. Aber dadurch hat sich die Einstellung natürlich auch geändert. Wir vermitteln daher immer wieder, dass sich die Prinzipien, wie man im Sport erfolgreich ist, nicht ändern. Dirk Nowitzki ist hier das beste Beispiel. Er hatte auch immer ein gutes Umfeld, aber er selbst hat immer noch mehr getan. Die besten Trainer, das beste Umfeld, die besten Bedingungen machen noch lange keinen guten Spieler. Der Spieler macht sich immer auch selbst. Wenn schon viel da ist, ist der Antrieb, sich etwas zu holen etwas kleiner. Aber die Jungs verinnerlichen schon, dass man selbst sehr viel tun muss – auch dank solcher Beispiele wie Nowitzki.

Die Zukunft sieht gut aus in Ludwigsburg. Aber steht die aktuelle Mannschaft nach vier Spielzeiten ohne den Einzug in die Playoffs nicht schon unter Druck, um nicht Gefahr zu laufen, dass Basketball in Ludwigsburg bald nur noch eine Nebenrolle spielt?
So dramatisch würde ich es nicht formulieren. Ludwigsburg hat ein fachkundiges Publikum. Das kann schon beurteilen, wie eine Mannschaft spielt, ob sie Kampf, Herz, Leidenschaft zeigt. Und wenn man dann Playoffs so knapp verpasst wie in der vergangenen Saison, dann ist das nicht lebensbedrohlich. Man muss mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. In jeder Saison ist es das erste Ziel, zehn Siege einzufahren. Dann hat man in der Regel den Klassenverbleib geschafft. Und wenn wir es am Ende in die Playoffs schaffen, dann wäre es ein echter Erfolg.





Seit Zavackas da ist, wird es auch mal laut

18 11 2010

Basketball Der wiedergenesene Litauer bringt Emotion ins Spiel des Bundesligisten EnBW Ludwigsburg.

Donatas Zavackas ist wie ein tragender Baustein. Das sieht jedenfalls Markus Jochum so, wenn der Trainer des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg über seine langfristige Planung spricht: „Mein Konzept für die Flügelposition war auf einen Spieler seines Profils zugeschnitten.“ Durch dessen Verletzung im Testspiel gegen Nancy Mitte September „veränderte sich viel“.

Jochum vergleicht den Ausfall des Litauers und die mäßigen Leistungen des Spielmachers Jerry Green mit einem „fehlenden“ und einem „bröselnden Stein“. „Dadurch wackelt das Haus“, sagt der Baumeister Jochum und meint den schlechten Saisonstart des Teams. Mit Zavackas hätten die Ludwigsburger schon öfter gewonnen, da ist sich der Coach sicher. Nun befindet sich Green im Aufwärtstrend, und Zavackas betritt seit zwei Spielen wieder das Parkett. Sein Innenbandanriss im Knie ist ausgeheilt, die Ludwigsburger zeigten in Frankfurt vor einer Woche zumindest die richtige Einstellung und gewannen am Samstag in Bonn.

„Es ist aber eher ein Zufall, dass Donatas genau dann zurückkam, als ein Ruck durch das Team ging“, sagt Jochum, „er ist ein Unterstützer des Aufschwungs, aber nicht der Auslöser.“ Zavackas, der im September Vater wurde, warf in seinen insgesamt 41 Minuten in Frankfurt und Bonn zwölf Punkte und holte 13 Rebounds. „Eindrucksvoll“ fand der Teammanager Mario Probst das Comeback. Zavackas selbst ist hauptsächlich froh, wieder dabei zu sein. „Nichts machen zu können ist hart“, sagt der Spieler, der im Sommer aus Litauen nach Deutschland kam: „Ludwigsburg war die beste Option für mich und meine schwangere Frau.“ Bei den vielen Niederlagen des Teams sei er „vor allem traurig“ gewesen.

Jetzt konzentriert sich Donatas Zavackas darauf, seine Treffsicherheit und die alte Fitness wiederzuerlangen. Dabei erzielte der 2,03-Meter-Mann am Montag sowohl beim Ausdauer- als auch beim Sprinttest bereits ordentliche Werte, wie der Athletiktrainer Benjamin Pantoudis sagt. „Aber bei Donatas geht noch mehr, in zwei Wochen ist er wieder richtig gut dabei“, fügt der Fitnesscoach an, „er kann sehr, sehr optimistisch in die Zukunft schauen.“

Die Erwartungen an den Litauer sind hoch. Druck verspürt Zavackas aber keinen, da ist er mit seinen 30 Jahren und nach Spielzeiten in den USA, Polen, Italien, Frankreich, Belgien und der Ukraine erfahren genug. „Ich versuche, dem Team immer etwas zu geben“, sagt Zavackas, „denn ich will in jeder Situation gewinnen, nicht nur im Basketball.“ Da kommt es auch schon einmal vor, dass er seine Teamkollegen anraunzt, wenn er unzufrieden ist.

„Das findet nicht jeder Spieler toll, aber es ist wichtig“, sagt Zavackas. Seinem Trainer gefällt dies. „Wir haben eine sehr gute Stimmung im Team. Aber es muss auch einer laut werden, wenn es nicht läuft. Das hat im Training etwas gefehlt“, sagt Jochum – und genau das habe Zavackas in der „litauischen Schule“ gelernt. Dessen emotionale und energische Spielweise kann den Ludwigsburgern nur guttun, denn der Basketballclub läuft auf Platz 15 in der Bundesliga den eigenen Erwartungen weit hinterher. Die Videoanalyse der desolaten Leistung im jüngsten Heimspiel gegen Trier hat „die Mannschaft aufgerüttelt“, wie Jochum sagt. Das Comeback des als Leistungsträger eingeplanten Zavackas soll den Effekt in den nächsten Wochen noch verstärken.

Donatas Zavackas wirft gut, erkämpft sich unter dem Korb viele Bälle, schafft Freiräume, übernimmt Verantwortung und sorgt für Stabilität sowie Disziplin – ein kompletter Spieler also. Kein Wunder, dass ihn der Trainer als tragendes Element in seiner Mannschaft sieht. Die ist mit der Rückkehr von Donatas Zavackas und Ziyed Chennoufi vollständig.

Nach der ersten schweren Verletzung seiner Karriere muss der Litauer die Ludwigsburger Kollegen nun erst einmal richtig kennenlernen, schließlich hat er bisher kaum mit der Mannschaft trainiert. Zavackas scheint diesbezüglich optimistisch zu sein, das lässt jedenfalls sein Saisonziel vermuten: „Hoffentlich kommen wir noch in die Play-offs.“ Um diesen Plan umzusetzen, soll am Sonntag in Bremerhaven ein wieterer Sieg folgen. Damit das klappt, muss auch Zavackas eine gute Leistung abrufen. Denn einen wieder eingesetzten Stein, der bröselt, können die Ludwigsburger nicht gebrauchen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (17. November 2010)