Vom Dorfplatz in die Europa League

13 07 2012

Emil Noll kennt den Fußball von der untersten bis zur obersten Liga – sowie die rassistischen Probleme.

Es knistert ab und an, wenn ein Regenschauer im Anflug ist. Die Stromleitung, die sich über den Fußballplatz des SV Aufheim erstreckt, reagiert auf den Wetterumschwung. Manchmal berührt der Ball auch eines der Stromkabel, meist wenn die Torhüter einen Abschlag hoch hinausschießen. Emil Noll hat die Leitungen nie getroffen. Die Karriere des heute 33Jährigen begann in der 2000EinwohnerGemeinde, die zur Stadt Senden gehört, das die meisten aus der Radiowerbung einesMöbelhauses kennen.

DenHöhepunkt erreichte der imKongo geboreneDeutschemitAlemanniaAachen, als der Club in der Saison 2004/2005 als Zweitligist die Gruppenphase der Europa League überstand. „Dort hatte ich mit Abstandmeine schönste Zeit“, sagtNoll.Mittlerweile kickt der Abwehrspieler bei Pogon Stettin in der höchsten polnischen Liga.

Noll hat viele Erfahrungen gemacht

Noll ist in doppelter Hinsicht interessant. Der Sohn einerKongolesin und einesDeutschen schaffte es von der untersten Spielklasse imBezirkDonau/Iller in die höchste Spielklasse, und der Linksfuß lernte vom Dorfplatz bis zum Bundesligastadion und auch im Ausland rassistisches Verhalten von Fans und Spielern kennen.

Mit sechs Jahren zog die Familie von Kinshasa nach Aufheim in der Nähe von Ulm. Emil hatte in Afrika ein paar Mal gegen einen Ball getreten, aber nie daran gedacht, Profi zu werden. Das änderte sich auch nicht, als er in der Jugend des SV Aufheimspielte, nachdemihn der damalige Vereinsjugendleiter Heinrich Zeller auf der Straße angesprochen hatte.

„Die klimatische Umstellung bereitete ihmProbleme“, sagt Zeller, der auch an DFBStützpunkten aktiv ist. „Er ist im Herbst noch in kurzer Hose herumgesprungen. Deshalb war er ständig erkältet.“ Nolls Bewegungstalent war aber sofort zu erkennen. Das galt es zu fördern. Erwechselte zu höherklassigen Clubs, spielte inderBJuniorenVerbandsstaffel, doch ohne Freunde war es schwierig, erinnert sich Zeller: „Er hatte immer Probleme,wenn er keinen kannte.“

Der Traum vom Profi reifte langsam

Noll wuchs auf 1,94Meter heran, kehrte wieder zum SV Aufheim zurück, spielte dort bei den Männern in der Kreisliga B. Der Traum vom Profi war mittlerweile gereift – und er verließ dann langsam doch das gewohnte Umfeld. Über die Bezirksliga wechselte er in dieLandesliga nach Illertissen, blieb dort drei Jahre und sagt heute: „Das war der Fehler und hat mich unnötig ausgebremst. Ich hätte früher nach Aalen gehen sollen.“ Andererseits schloss er so seine Ausbildung zum Postkaufmann ab, und der Transfer zumRegionalligisten VfR Aalen klappte 2002 auch noch. Alemannia Aachen holte Noll zwei Jahre später. „Da wusste ich, dass ich es geschafft habe.“Und er schaffte mit dem Club 2006 auch noch den Sprung in die Bundesliga.

Nach den internationalen Auftritten, einigen Bundesligaeinsätzen und insgesamt 101 Zweitligapartien in Aachen, Koblenz, Paderborn und beimFSV Frankfurt lotste Pierre Littbarski Noll zum FC Vaduz in die zweite Schweizer Liga, bevor er dann 2010 für ein Jahr nach Polen zu Arka Gdynia wechselte.

In acht Jahren schaffte er es also von ganz unten nach ganz oben. Emil Noll kennt die unterschiedlichen Spielklassen und sagt: „In der Kreisliga spielst du aus Spaß und mit deinen guten Freunden. Als Profi ist Fußball aber dein Job.Das Teamist zwar eine Einheit, aber imEndeffekt schaut dennoch jeder auf sich selbst.“ Vereinzelt entstünden Freundschaften, aber generell sei derKonkurrenzkampf dafür zu groß. Dieser Druck habe ihm kaum zugesetzt, aber „wenn man wie ein Weltmeister trainiert und keine Chance bekommt, das ist das Schlimmste“.

Ebenfalls bedauernswert sind rassistische Anfeindungen. „Ich denke“, sagt Noll, „in den unteren Ligen ist das schlimmer.“ Dort sei alles offener, nicht so abgeschirmt wie im Profifußball, die Aggression könne sich leichter entladen. Seine krasseste Erfahrungmachte er aber impolnischen Profifußball, beim Ostseederby Arka Gdynia gegen Lechia Danzig. „Zwei andere Dunkelhäutige spielten noch in meinem Team, und bei einem haben die Fans beim Einwurf Affengeräusche gemacht“, sagt Noll. „Es war vielleicht auch Glück, dass ich fast gar nichts verstanden habe.“ Denn die Stimmung sei auf den Rängen in polnischen Fußballstadien aggressiver als in Deutschland. Insgesamtwurde der 33Jährige in seiner Fußballerlaufbahn aber selten zumOpfer rassistischer Aktionen.

„Es geht nicht um Geld“

Noll will seine Karriere als Profi beenden, aber nicht auf einemDorfplatz irgendwo in der Welt. Gerne auch in Deutschland und gerne bei Clubs wie den Stuttgarter Kickers. „Es kommt immer auf die Ziele des Vereins an, es geht nicht umGeld“, sagt der Defensivmann, der nicht ausgesorgt, aber immer etwas zur Seite gelegt hat. Seine eigenenZiele kenntNoll schon:Erwill dem Fußball treu bleiben undmit seinerMutter mal nach Afrika, denn dort war er seit seinemWeggang nichtmehr. Dann wird es sicherlich in ihmknistern – vor Aufregung.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. Juli 2012)





Ludwigsburg atmet auf

3 05 2012

Nach dem Klassenverbleib sind wichtige Fragen offen: Wer wird Trainer und wer Hauptsponsor?

Das virtuelle Clubleben ist weiter als das reale. Auf der Homepage des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg wird der Nutzer bereits aufgefordert, sich die Dauerkarte für die nächste Saison zu sichern. Dabei ist die Runde der Schwaben erst am vergangenen Wochenende zu Ende gegangen, der Klassenverbleib nur eine Woche früher gesichert worden. Für die Verantwortlichen ist die „nervenaufreibendste“ Spielzeit, wie sie der Manager Mario Probst bezeichnet, also noch nicht abgeschlossen.

Zu viel ist passiert. „Es gab Phasen, in denen alle über die Grenzen gegangen sind“, sagt Probst. Einige Wochen „mit schlaflosen Nächten“ werden ihm noch lange in Erinnerung bleiben. Die Ausfälle von Donatas Zavackas, Jerry Green, Mark Dorris oder John Bowler; Zavackas’ Wechsel nach Riga; die Blitztransfers von Anthony Fisher, Ermin Jazvin und Matt Howard; der Rückzug des Haupt- und Namenssponsors EnBW. Die Liste der Unwägbarkeiten der Saison 2011/12 ist noch länger.

Doch beim Flügelspieler Howard wird die andere Seite einer solch verkorksten Spielzeit mit einem glücklichen Ende sichtbar. Eine Familie aus dem Vereinsumfeld bot dem US-Amerikaner spontan eine Wohnung an. „Das sind die kleinen Geschichten, die zeigen, dass alle im Verein sowie die Fans zusammengehalten haben und positiv geblieben sind“, sagt Mario Probst. „Und sie hat dem enormen Druck standgehalten, schließlich geht es beim Abstiegskampf um Existenzen.“ Nun bleibt der Ludwigsburger Arena der Ankermieter, der Stadt das sportliche Aushängeschild und der Vereinsjugendarbeit der Leuchtturm erhalten.

Ludwigsburg atmet auf – und kann noch zwei Hoffnungen aus den vergangenen sieben Monaten mitnehmen: wenn die Stimmung in der Mannschaft in solch einer prekären Situation gut bleibt, dann gehen die Spieler meist gestärkt aus dem Abstiegskampf hervor. Zudem ist dieser auch für die Fans spannender als das Herumdümpeln im Tabellenniemandsland. Folglich lag der Zuschauerschnitt bei rund 3300, ein Anstieg von fast zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zufrieden mit dem Erreichten ist dennoch niemand, die Play-offs waren das heimliche Ziel.

Eventuell spricht Probst nun mit Blick auf die Zukunft auch daher von einem „Underdog-Image“, das Ludwigsburg auszeichnen soll, schließlich „war die Erwartungshaltung in den vergangenen Jahren etwas zu groß“. Wie dieses Underdog-Team aussehen wird? Die Verantwortlichen sind in Gesprächen mit dem Trainer Steven Key, dessen Vertrag ausgelaufen ist. Danach werde der Fokus auf die Spieler gelegt. Dorris würde zum Beispiel gerne bleiben, auch Jeff Greer gefällt es in Ludwigsburg.

„Natürlich ist es das Ziel, einen Teil der Mannschaft zu halten“, sagt Probst. Das wird davon abhängen, inwieweit die fehlenden 600 000 Euro der EnBW durch andere Sponsoren kompensiert werden können. Außerdem wirkt sich die verschärfte Ausländerregel auf den Kader aus, denn künftig dürfen nur noch sechs Nichtdeutsche auf dem Spielberichtsbogen stehen. Welche das sein werden, verkündet normalerweise dann die Homepage.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (2. Mai 2012)





Über glühende Kohlen

24 04 2012

Nachdem ein Mentaltrainer die Ludwigsburger Mannschaft eingestimmt hat, gelingt der mit einer Energieleistung gegen Würzburg der Klassenverbleib in der Bundesliga.

Jeff Greer wartet noch ein bisschen. Der Flügelspieler des BasketballBundesligisten hatte zuvor den Ball verloren, die Gegner aus Würzburg den Wurf aber vergeben und sich nach einem Rebound ihrerseits den Ball klauen lassen. Dann bekommt der 32-jährige Routinier einen langen Pass, steht nun an der Dreipunktelinie und wartet – als wolle er seinen Turbo laden, für diesen einen letzten Kraftakt. Greer hält so lange inne, dass ihn der Gegenspieler beim Dunking eine Minute vor Schluss auch noch regelwidrig angeht.

Die Schiedsrichter entscheiden in der aufgeladenen Atmosphäre vor den mit 4500 Zuschauern ausverkauften Rängen auf ein unsportliches Foul. Der Würzburger Trainer John Patrick schimpft, kassiert noch ein technisches Foul. Greer jubelt, die Halle brodelt. Wenig später führt Ludwigsburg nach den Strafwürfen, dem Ballbesitz und weiteren Freiwürfen mit 89:79 – und der Nichtabstieg ist geschafft, weil Gießen parallel gegen Bonn verloren hat. Dieser 91:80-Sieg (37:37, 75:75) nach Verlängerung war in seiner Dramatik und Intensität symptomatisch für die Saison. Mit dem entscheidenden Unterschied: Ludwigsburg gewann diesmal auch ein knappes Spiel.

Dabei hatte das Team des Trainers Steven Key in der regulären Spielzeit den Matchball noch vertan, weil sich keiner traute, 21 Sekunden vor der Schlusssirene beim 75:72 abzuschließen und Mark Dorris schließlich den Ball verlor. Doch der Würzburger Ausgleich brachte das Heimteam nicht aus der Ruhe. „Wir sind schon in dieser Situation gewesen“, sagte Greer, der Mann des Abends. „Da kommt es nicht mehr auf Basketball an, sondern darauf, dass jeder für seinen Nebenmann kämpft.“ Das haben die Ludwigsburger zweifelsfrei getan, daher letztlich auch verdient gewonnen und eine weitere Zitterwoche sowie eine eventuelle Spielberechtigung in der ersten Liga durch eine Wildcard umgangen. „Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft. Sie ist immer durch Höhen und Tiefen gegangen“ sagte Key, der in der Verlängerung sein Sakko ausgezogen hatte, weil sich in dem von ihm erhofften „Hexenkessel“ zu viel Wärmenergie angesammelt hatte.

„Die Mannschaft hat sich emotional überhaupt nicht runterziehen lassen“, sagte der Manager Mario Probst. Die Energieleistung des Teams belegte er mit den 49 gewonnenen Rebounds, 21 mehr als Würzburg – immerhin die beste Mannschaft in der Liga bei den Offensivrebounds . „Das war tolle Werbung für den Basketball“, sagte Dorris, der die zusätzliche „Energie“ auch auf ein Ereignis am Vorabend kurz vor Mitternacht zurückführte. Die Verantwortlichen hatten sich nämlich etwas „Außergewöhnliches“ überlegt, wie Key sagte: Über glühende Kohlen wollten sie mit der Mannschaft gehen – über eine etwa fünf Meter lange Strecke.

„Sie mussten alles aus sich herausholen, waren an der Spitze des Energielevels“, sagte der Mentalcoach Markus Behles, der damit schon 2004 erfolgreich gewesen war, als Ludwigsburg am letzten Spieltag den Klassenverbleib sicherte. „Das war eine tolle Erfahrung und hat den Spielern individuell etwas gebracht“, sagte der mit 24 Punkten beste Werfer jedenfalls. Und: auf glühenden Kohlen sitzt die Mannschaft am letzten Spieltag jetzt auch nicht mehr.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (23. April 2012)





VfB mit schmeichelhaftem Remis

22 04 2012

Die Punkte geteilt: der VfB Stuttgart hat beim Abstiegskandidaten 1. FC Köln 1:1 (0:0) gespielt. Im Vorfeld der Partie hatte der VfB-Trainer Bruno Labbadia ein Kampfspiel angekündigt. „Es geht nicht mit Schönspielerei, wir müssen dagegenhalten und gleichzeitig ruhig bleiben“, sagte er am Ende einer Woche, in der die Mercedes-Benz-Bank als neuer Hauptsponsor eingestiegen ist, Matthieu Delpierres Abgang nach Hoffenheim und die Vergabe der Fernsehrechte ab der Saison 2013/2012 bekannt gegeben wurden und die Wappendebatte beim VfB wieder aufkeimte.

Das war zumindest mal die folgerichtige Vorgabe, schließlich sprach Kölns Interimstrainer Frank Schaefer vor seinem ersten Heimspiel an der Seitenlinie in dieser Saison vom „Ziel, Stuttgart einen großen Kampf zu liefern und zu punkten“. Insgesamt war das dann auch auf dem Rasen im mit 50.000 Zuschauern ausverkauften Kölner Rheinenergie-Stadion zu sehen. Der Kampft überragte die spielerischen Finessen und Stuttgart punktete am Ende etwas glücklich.

Spielverlauf: Das Spiel begann zerfahren, Fehlpässe dominierten in den Anfangsminuten das Geschehen. Die erste Chance hatten die Stuttgarter nach einem Eckball, den Vedad Ibisevic mit seinem Schuss aus der Drehung abschloss. Doch Michael Rensing im Kölner Tor hatte keine Probleme (5. Minute). Nach zehn Minuten hatte die Heimmannschaft ihren ersten Eckstoß. Sven Ulreich im VfB-Tor unterschätzte diesen, sprang unter der Flugbahn des Balles hindurch, die aber auch für den heraneilenden FC-Vizekapitän Sascha Riether zu hoch war.

In der Folgezeit übernahm der VfB immer mehr die Kontrolle, ohne sich Tormöglichkeiten zu erspielen. Köln wirkte zwar auch mit, fiel aber besonders durch Fehlpässe auf. Die Tabellenpositionen – der FC kämpft um den Klassenverbleib, Stuttgart um die Europa-League-Teilnahme – und die damit verbundenen Drucksituationen waren erkennbar: der VfB souverän, Köln nervös. Der Geißbock meckert Der erste Kölner Torschuss, der zumindest in Richtung Sven Ulreich flog, kam von Christian Clemens, sorgte aber durch seine Höhe nicht für Gefahr (27.).

Dann war der Japaner Gotoku Sakai an der Außenlinie zu nachlässig gegen Lukas Podolski, der sich den Ball eroberte, einen Angriff einleitete und diesen nach einer Flanke selbst mit dem Kopf abschloss, Ulreich aber keine Probleme bereitete (28.). In der 30. Spielminute meckerte dann das FC-Maskottchen Hennes, ein Geißbock, über die Stadionlautsprecher und der Führungstreffer des 1. FC Kaiserslautern beim direkten Kölner Abstiegskonkurrenten Hertha BSC wurde auf der Anzeigetafel eingeblendet – die Zuschauern jubelten, zumindest die Kölner.

Köln übernimmt die Kontrolle

Den Freude der Fans münzten die Kölner auf dem Rasen in Schwung um, bissen sich in die Zweikämpfe und der ehemalige Stuttgarter Martin Lanig hatte die bislang beste Chance des Spiels. Sein Schuss rollte aber Zentimeter am linken Pfosten vorbei (32.). Kurz darauf erneut ein mutiger Lanig: der Mittelfeldspieler marschierte mit dem Ball am Fuß durch die gesamte Stuttgarter Hälfte, passte aber bei einer Vier-zu-Drei-Überzahlsituation den falschen Mitspieler, nämlich den im Abseits stehenden Podolski an.

Köln hatte jetzt das Kommando übernommen, Stuttgart fabrizierte die Fehlpässe, ließ den Kölnern zu viel Freiraum, nahm den Kampf zu wenig an, spielte zu statisch. Der VfB-Trainer Bruno Labbadia schimpfte dementsprechend an der Seitenlinie, die Kölner Fans peitschten ihre Mannschaft nach vorn – und nach 41 Minuten meckerte Hennes zum zweiten Mal. Köln glaubte wieder an sich, Stuttgart wackelte.

VfB mit vielen Ballverlusten

Die Rheinländer zeigten das Engagement und die Bewegung, die sie in den vergangenen Wochen vermissen ließen. Der Interimstrainer Schaefer schien wie schon in der vergangenen Saison, als er mit dem FC den Klassenverbleib schaffte, die richtigen Worte gefunden zu haben. Stuttgart nahm nicht wirklich teil, verlor das Spielgerät nach einem Ballgewinn umgehend wieder. Die letzte Chance vor dem Pausenpfiff hatte dann auch Köln. Podolski bekam im Stuttgarter Strafraum den Ball vom Sakai in die Füße gespielt, sein Schuss verfehlte das Tor aber.

Von der Treffsicherheit der Schwaben in der Rückrunde wie beim 4:1-Heimsieg gegen Bremen am vorigen Spieltag war nichts zu sehen. Immerhin ist der VfB mit 36 Treffern als das torgefährlichste Team der Rückrunde nach Köln gereist. Das blieb er aben den mitgereisten Fans in der ersten Hälfte schuldig.

Stuttgart schlampig, Köln mit der Führung

Die zweite Hälfte begann dann mal wieder mit zwei Stuttgarter Angriffen. Den zweiten vertändelte Cristian Molinaro aber so, wie der VfB in der ersten Hälfte gespielte hatte: unkonzentriert, schlampig und nicht zielstrebig genug. Im Gegenzug zeigte Köln, wie es besser geht. Bei Clemens‘ Schuss musste sich Ulreich ganz lang strecken, um den Ball gerade noch am Tor vorbeizulenken (49.).

Eine Minute später war der Stuttgarter Schlussmann dann aber chancenlos. Mato Jajalo und Podolski kombinierten sich mit einem Doppelpass durch die VfB-Abwehr und der deutsche Nationalspieler passte hart in die Mitte – vielleicht wollte er auch auf das Tor schießen – und Slawomir Peszko schob ins leere Tor ein. Das Stadion brodelte.

Cacau mit der besten VfB-Chance

Wenig später zeigte dann auch Molinaro, wie es geht, setzte sich auf der linken Außenbahn schön durch, flankte scharf in die Mitte – doch Kölns Kapitän Geromel entschärfte den Ball gerade noch vor dem kopfballbereiten Vedad Ibisevic. Drei Minuten nach seiner Einwechslung hatte dann Cacau die bis dahin beste Stuttgarter Chance. Der Nationalstürmer umkurvte zwei Kölner im Strafraum, kam aber erst knapp vor dem herauseilenden Rensing zum Schuss, so dass er diesen anschoss.

Es war nun mehr Leben im Spiel. Das lag aber weiterhin vor allem an den Kölnern. Miso Brecko schraubte mit seinem Versuch das Torschussverhältnis auf 15:6 für die Heimmannschaft in die Höhe (66.). Doch der VfB war dennoch präsenter als vor der Pause, das Kölner Tempo war nicht mehr ganz so hoch wie in der ersten Hälfte. Die Intensität forderte zunehmend ihren Tribut.

Prompt setzte sich Cacau erneut im Kölner Strafraum durch, spitzelte den Ball diesmal an Rensing vorbei, das Spielgerät prallte vom rechten an den linken Innenpfosten und rollte – weil es so viel Effet hatte – über die Torlinie. 1:1 (71.), das Ergebnis der leicht verbesseren Leistung, aber dennoch schmeichelhaft für den VfB. Doch Köln war keineswegs geschockt. Nur zwei Minuten später schnappte sich Clemens links außen den Ball und schloss beherzt ab. Sein Versuch landete am Außennetz.

Nun passierte zehn Minuten nichts Aufregendes, die Partie verlief ruhig, bis Cacau in der 84. Minute aus 16 Metern abzog und Rensing gerade noch auf der Linie klärte. Drei Minuten vor dem Ende der offiziellen Spielzeit durfte Ibisevic dann nochmal zum Freistoß kurz vor der Strafraumgrenze antreten. Sein Versuch endete im Fangnetz über dem Tor. Köln schien mit dem Remis zufrieden, jedenfalls blieb die Schlussoffensive des FC aus und Stuttgart machte auch nichts mehr.

Der Vorsprung des VfB auf den Tabellensechsten Leverkusen schmolz damit auf zwei Zähler, weil Bayer in Hoffenheim gewann. Köln verpasste indes einen großen Schritt weg vom vorletzten Tabellenplatz, der FC vergrößerte seinen Vorsprung auf Berlin, das 1:2 verlor, zwar, aber nur auf zwei Punkte. Es bleibt also für die Schwaben und die Rheinländer spannend.

Entscheidende Szene: Cacau brannte auf seinen Einsatz. Das zeigte der Stürmer sofort nach seiner Einwechslung, als er sich gleich mal im Strafraum durchsetzte und eine gute Chance vergab. Doch Cacau machte weiter und traf in der 71. Spielminute zum Ausgleich. Das Tor stellte nicht nur den Spielverlauf auf den Kopf, sondern brachte auch das Kölner Offensivspiel zum Stocken. Insofern hat es der VfB besonders seinem Nationalstürmer zu verdanken, dass er einen Punkt aus Köln mit nach Stuttgart bringt.

Kommentar: Stuttgart legte gemächlich aber souverän los und bestimmte das Geschehen auf dem Rasen des Kölner Stadions. Gute Tormöglichkeiten erarbeitete sich das Team von Bruno Labbadia aber nicht. Mit zunehmender Spieldauer hielt der VfB dann jedoch immer weniger mit der Kampfbereitschaft der Kölner mit. In die Fehlpässe mischten sich Unkonzentriertheiten und mangelhaftes Zweikampfverhalten – Georg Niedermeier ausgenommen -, sodass der FC die Spielkontrolle übernehmen konnte.

Die Stuttgarter hatten es der Kölner Abschlussschwäche zu verdanken, dass sie mit einem torlosen Remis in die Pause gehen konnten. Nach dieser erarbeitete sich Köln dann schnell den verdienten Führungstreffer. Doch Stuttgart wachte nun auf, spielte mit, wurde aktiver, nahm den Kampf mehr an. Die Leistung war weiterhin nicht annähernd so gut wie in den vergangenen Wochen, doch es reichte für den Ausgleich durch Cacau. Am Ende hatten die Stuttgarter Einwechslungen – besonders die von Cacau – das VfB-Spiel belebt und Köln aus dem Rhythmus gebracht. Nichtsdestotrotz ist das Remis aus Stuttgarter Sicht schmeichelhaft. Das zeigten auch die 19 Torschüsse der Kölner, die damit ihren Saisonrekord aufstellten.

1. FC Köln: Rensing – Brecko, McKenna, Geromel, Eichner – Lanig, Riether – Peszko (79. Roshi), Jajalo (79. Pezzoni), Clemens, Podolski.

VfB Stuttgart: Ulreich – Sakai, Tasci (82. Maza), Niedermeier, Molinaro – Kvist, Gentner – Harnik (69. Okazaki), Hajnal, Schieber (57. Cacau) – Ibisevic.

Schiedsrichter: Sippel (München).

Zuschauer: 50.000 (ausverkauft).

Tore: 1:0 Peszko (50.), 1:1 Cacau (71.).

veröffentlicht auf www.stuttgarter-zeitung.de (21. April 2012)





Basketballer schaffen Klassenverbleib

22 04 2012

Ludwigsburg besiegt Würzburg nach Verlängerung  Ludwigsburg.

Das Ziel war klar: „Mit zwei Siegen aus den letzten beiden Saisonspielen können wir den Klassenerhalt immer noch aus eigener Kraft schaffen“, hatte Steven Key, der Trainer des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg, vor dem letzten Heimspiel der Saison gegen die s.oliver Baskets aus Würzburg gesagt. Er hoffte dabei vor allem auf die Unterstützung der Fans und einen „Hexenkessel“ in der heimischen Arena. Vor 4500 Zuschauern ging der Plan auf, sogar früher als gedacht. Schließlich gewann Ludwigsburg mit 91:80 (37:37, 75:75) nach Verlängerung und parallel Bonn gegen Gießen, sodass schon am Samstagabend fest stand, dass Ludwigsburg auch in der kommenden Saison erstklassig spielt.

Spielverlauf: Die erste gute Nachricht für die Ludwigsburger ereilte das Heimteam noch vor dem Tipp-off. Würzburgs Jason Boone war nicht dabei, und die mehr als 300 mitgereisten Fans der Franken konnten ihrem Centerspieler nicht auf dem Parkett zujubeln. Sie durften sich dennoch über den gewonnen Sprungball und die ersten beiden Punkte des Spiels durch den erst 20-jährigen Maximilian Kleber freuen. Die Ludwigsburger wirkten zu Beginn nervös. Ein vergebener Freiwurf von Jeff Greer und ein Ballverlust von Alex Harris waren Indizien dafür. Nach dreieinhalb Minuten führten die Gäste mit 11:3, der Boone-Ersatz Kleber hatte bereits sieben Punkte erzielt und Ludwigsburgs Trainer Steven Key nahm die erste Auszeit.

Das hatten sich die meisten der 4500 Zuschauer in der zum zweiten Mal in dieser Saison ausverkauften Arena anders erhofft.

Würzburg verteidigt besser

Nachdem Würzburg weiter punktete, setzte Mark Dorris mit einem Distanztreffer mal wieder ein Ludwigsburger Lebenszeichen (13:6). Doch die Franken waren wacher, cleverer, effektiver, besser in der Verteidigung und zogen weiter davon (20:8). Nachdem David McCray dann auch noch zwei Freiwürfe vergab und Harris ein unsportliches Foul beging, der Schiedsrichter eine enge Entscheidung gegen Ludwigsburg traf, fühlten sich einige in der Arena wohl schon wieder an den schlechten Verlauf der gesamten Saison, in der auch ein Trainer schon gehen und das Ende der Zusammenarbeit mit dem Hauptsponsor verkündet werden musste, an desolate Viertel wie das dritte in Bremerhaven oder besonders bittere Niederlagen wie die nach zweifacher Verlängerung gegen die Artland Dragons erinnert.

Doch dann klauten Harris und McCray den Würzburgern den Ball und punkteten für das Heimteam – sodass der Gästetrainer John Patrick beim 12:24 aus Ludwigsburger Sicht seine erste Auszeit nahm. Und Keys Mannschaft blieb dran, kämpfte nun, wie es ein Club im Abstiegskamf machen muss. Sie sind ja bezogen auf die statistischen Werte besser als ihre Tabellensituation, aber gewannen am Ende eben doch zu selten. Auch die letzten drei Punkte im Startviertel gehörten dem Gegner, Würzburgs Kleber erhöhte sein Punktekonto auf elf – ebenso die Führung seiner Mannschaft (28:17).

Key ist energisch

Im zweiten Abschnitt war Key an der Seitenlinie beinahe aktiver als seine Spieler. Jedenfalls schrie und gestikulierte der Trainer mehrfach, versuchte immer wieder taktische Anweisungen zu geben. Der Energiefunke sprang über, Ludwigsburg kam mit einem 6:0-Lauf auf sieben Punkte heran (25:32) und Patrick nahm seine zweite Auszeit. Doch nun meckerten die Heimfans erneut, Greer wurde von John Little unterlaufen, auch wenn dieser ausrutschte, die Schiedsrichter entschieden auf Ballbesitz Würzburg, Greer beschwerte sich – und kassierte ein technisches Foul. Ricky Harris traf nur einen Freiwurf zum 37:28, doch die Pfiffe hallten noch eine Weile durch die Arena.

Diese wichen Applaus und Anfeuerungsparolen, als Anthony Fisher mit einem Korbleger, McCray mit einem Dreipunktetreffer und Jazvin mit zwei weiteren Zählern die Differenz auf zwei Punkte reduzierten (35:37). Als dann Würzburgs Chester Frazier zwei Freiwürfe vergab, tobte die Halle – und das war noch immer nicht das Ende dieser dreieinhalb Ludwigsburger Minuten. Denn Dorris schaffte mit einem erfolgreichen Halbdistanzwurf den Ausgleich zur Halbzeit.

Ludwigsburg übernimmt erstmals die Führung

Nach der Pause sorgte Dorris für die erste Führung (39:37), Ludwigsburg kontrollierte das Spiel, brachte die eigenen Spielsysteme erfolgreich zu Ende. Würzburg hingegen musste in der Offensive nun auch schwierige Würfe nehmen, weil die Heimmannschaft gut verteidigte. Bei 47:41 für Ludwigsburg holte Patrick sein Team zu einer Besprechung an die Seitenlinie, Würzbug hatte das Spiel vollkommen aus der Hand gegeben, ließ sich aber nicht abschütteln. Es war nun ein offener Schlagabtausch, die Würzburger fingen sich zunehmend, die Mannschaften agierten auf einem ähnlichen Leistungsniveau, Ludwigsburg blieb aber immer knapp vorn.

Dann hatten die Ludwigsburger Glück mit zwei engen Schiedsrichterentscheidungen und die Würzburger Fans pfiffen. Matt Howard störte das insofern, dass er nur einen seiner beiden Freiwürfe traf. Weil Jermaine Bucknor im Gegenzug seinen Dreipunktewurf versenkte, kam Würzburg wieder auf einen Zähler heran (54:55). Nach einem unerlaubten Eingreifen von Jazvin durfte Oliver Clay wegen bereits fünf Ludwigsburger Teamfouls an die Freiwurflinie – und brachte die Gäste vor dem Schlussviertel wieder in Führung (56:55). Dieses startete mit einem akrobatischen Wurf von Dorris, bei dem er gefoult wurde, der Ball aber dennoch im Korb landete. Der Aufbauspieler nutzte die Möglichkeit zum Dreipunktespiel.

Greer steht im Mittelpunkt

Biss, Kampf, Energie, Spannung: die entscheidende Phase – in der Fachsprache Crunchtime genannt – begann langsam. Greer schrie nach einem Treffer seinen Gegenspieler an, Lischka boxte gegen die Korbhalterung, nachdem er gefoult wurde. Ludwigsburg wollte diesen Sieg unbedingt. Beim Spielstand von 66:59 für Ludwigsburg zog Greer ein Offensivfoul und Würzburg nahm eine Auszeit. Doch gleich danach brachte McCray den Einwurf weit nach vorne zu Greer, der unsportlich gefoult wurde.

„Aufstehen“-Chöre in der Arena waren die Folge. Jeff Greer stand nun zunehmend im Mittelpunkt, erzielte auch das 69:63, aber die Franken blieben dran. Doch nach einem technischen Foul gegen Chris Kramer verwandelte Dorris beide Freiwürfe und traf auch nach dem folgenden Ballbesitz: 73:66 und noch 1:29 Minuten auf der Uhr. Doch es wurden spannende 89 Sekunden, in denen Würzburg erst auf 71:73 herankam und dann 18,6 Sekunden vor der Schlusssirene ausglich. Greer vergab den letzten Wurf – er wurde geblockt – und es ging wie schon im vorigen Heimspiel in die Verlängerung.

Die Führung wechselt hin und her

In der Extratime ging Würzburg seit langem mal wieder in Führung und Howard vergab den ersten Wurf für Ludwigsburg. Es ging dann hin und her, mal lag Würzburg vorn, mal Ludwigsburg. Greer und Co. setzten sich etwas ab, doch die Nerven spielten auch mit. Lischka vergab beide Freiwürfe beim Stand von 83:79 und noch anderthalb Minuten Spielzeit. Dann war wieder Greer-Time: Ballverlust, Fehlwurf und Ballverlust Würzbug, Dunk Greer, unsportliches und technisches Foul gegen Würzburg, 89:79. Der Nichtabstieg war geschafft, weil Gießen parallel gegen Bonn verlor. Das Endergebnis lautete 91:80.

Kommentar: Es war mal wieder ein typisches Spiel für die Ludwigsburger Bundesliga-Basketballer in der Saison 2011/2012. Auf ein schlechtes erstes Viertel, dass die Mannschaft des Trainers Steven Key offensiv wie defensiv verschlief, in dem sie nicht kämpferisch genug agierte und Ballverluste fabrizierte, folgte eine beeindruckende Aufholjagd gegen Ende des zweiten Durchgangs. Greer und Co. waren in dieser Phase fokussierter, konzentrierter, effektiver, gewillter – einfach besser, was das 20:9 bestätigte.

Mit der Unterstützung der Fans im vom Key erhofften und eingetretenen „Hexenkessel“ – zum zweiten Mal in der Saison war die Arena mit 4500 Zuschauern ausverkauft – glich Ludwigsburg zur Pause verdient aus. Sie hatten immerhin auch ein unsportliches und ein technisches Foul in der ersten Hälfte weggesteckt, nicht aufgegeben, an sich geglaubt und die Anfangsnervosität abgelegt. Weil im dritten Durchgang auch die Spielsysteme funktionierten, richtig und erfolgreich umgesetzt wurden, übernahm Keys Team erstmals die Führung – verdient. Doch nach einer Schwächephase wachte Würzburg wieder auf, gestaltete die Partie ausgeglichen. Weil sich beide annähernd egalisierten, wurde es abermals im Schlussviertel spannend.

In diesem blieb Ludwigsburg dran, kämpfte um jeden Meter – und besonder Jeff Greer riss das Spiel an sich. Der Routinier sorgte mit seiner Leistung maßgeblich für die zunehmende Führung, die Würzburg gegen Ende aber wieder ausgleich, weil Ludwigsburg im entscheidenden Moment nicht konsquent und geplant spielte. In der Verlängerung passierten die verrücktesten Dinge, am Ende grinste Greer breit, weil sein erfolgreicher Dunking ein unsportliches sowie ein technisches Foul verursachte und damit den Sieg sowie den letztlich verdienten Klassenverbleib perfekt machte.

Schiedsrichter: Weichert, Hack, Frölich.
Zuschauer: 4500 (ausverkauft).
Punkte Ludwigsburg: Greer (24), Dorris (19), Lischka (14), Harris, Howard (beide 9), McCray, Jazvin (beide 5), Fisher (4), Looby (2).
Stimmen:
Steven Key – „Ich bin stolz auf meine Mannschaft, sie ist immer durch Ups und Downs gegangen. Ich will jetzt aber trotzdem auch in Oldenburg gewinnen.“
John Patrick – „Ludwigsburg war heute ein bisschen besser als wir und hat verdient gewonnen.“

veröffentlicht auf www.stuttgarter-zeitung.de (21. April 2012)





„Eine riesige Erleichterung“

11 04 2012

Im 15. Anlauf hat die EnBW Ludwigsburg erstmals in dieser Saison auswärts gewonnen. Sehr zur Freude des Managers Mario Probst.

Herr Probst, im 15. Versuch hat es geklappt. Wie fühlte sich der erste Auswärtssieg der Saison am Samstag in Hagen an?
Ich habe mich sehr für die Jungs gefreut, sie haben es einfach verdient. Endlich haben wir mal ein knappes Spiel gewonnen – das ist eine riesige Erleichterung.

Zwei Minuten vor dem Ende sah es aber so aus, als ob es wieder nicht klappt. Was haben Sie da gedacht?
Wir haben das Spiel sehr konzentriert begonnen und sind nicht wie so oft in Rückstand geraten. Nach dem Hagener Lauf im dritten Viertel war es wichtig, dass wir die Ruhe bewahrt haben. Matt Howard hat in der Schlussphase das Team auf seine Schultern genommen und acht Punkte in Serie erzielt. Er hat das Spiel entschieden, und es war besonders schön, weil seine Schwester und ein Freund aus den USA zum Spiel angereist waren.

Neben Howard haben auch die anderen großen Spieler Kurt Looby und Ermin Jazvin gut gepunktet. Das hat bisher gefehlt.
Das stimmt, aber am Samstag war vor allem der Schlüssel, dass wir über 40 Minuten als Team agiert haben, nie in Einzelteile zerfallen sind. Wir haben es geschafft, den Ball konsequent unter den Korb zu bringen. Looby hat zudem seit Wochen einen guten Rhythmus, Jazvin in Hagen sein bestes Spiel für uns gemacht.

Dennoch hat Ludwigsburg den direkten Vergleich gegen Hagen verloren. War das am Samstag auch ein Thema?
Mark Dorris kam als Letzter in die Kabine, hat vor Freude geschrien, dann aber gleich vom nächsten Schritt gesprochen. Das Team weiß, dass dieser Sieg nur ein kleiner Schritt war, und fokussiert nun das Ziel, zwei Spiele in Serie zu gewinnen. Gleich morgen können Sie diesem Ziel näherkommen.

Welche Chancen rechnen Sie sich gegen die Artland Dragons aus?
Quakenbrück ist ein Topteam. Aber wir spielen zu Hause, und daher ist es ähnlich wie gegen München und Berlin: eine Aufgabe, an der sich die Mannschaft hochziehen kann. Außerdem haben wir den Rü- ckenwind vom Hagen-Spiel. Können Sie in diesem engen Abstiegskampf schon über die kommende Saison nachdenken? Momentan sind wir voll auf das Erreichen des Klassenerhalts konzentriert. Je früher wir das schaffen, desto besser ist das für die weiteren Planungen.

Am 28. April fällt die Entscheidung – spätestens. Wenn diese Saison vorbei ist, sind die Clubverantwortlichen froh, weil . . .
. . . na ja, froh sind wir nur dann, wenn wir den Klassenverbleib geschafft haben. Hoffentlich ist das schon vor dem letzten Spieltag der Fall.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (10. April 2012)





Die Ludwigsburger Zahlenlüge

15 03 2012

Statistisch ist das Basketballteam Durchschnitt, die Abstiegsgefahr ist aber hoch.

Die Anhänger des Basketballsports lieben Zahlen. Während der Pressekonferenzen senken die Trainer der Clubs den Kopf meist nach unten und gucken auf das Blatt mit den statistischen Werten des abgelaufenen Spiels, die sie ausgiebig studieren. Nach jedem Viertel liegen diese Zahlen bereit. Wie hoch ist die Trefferquote jenseits der Dreipunktelinie, wie viele Rebounds hat ein Team in der Defensive geholt, wie häufig hat ein bestimmter Spieler den Ball verloren? Im Fall des Bundesligisten EnBW Ludwigsburg lügen diese Statistiken jedoch. Schließlich stehen die Schwaben aktuell auf einem Abstiegsplatz (Vorletzter), sie haben von 26 Saisonspielen 19 verloren, das Bangen um den Klassenverbleib ist nicht erst vor dem württembergischen Derby heute (20 Uhr) beim Tabellenzweiten Ratiopharm Ulm groß. Dabei lassen die statistischen Gesamtwerte eine völlig andere Schlussfolgerung zu.

Schließlich ergibt der Mittelwert der bisherigen mannschaftlichen Zahlen die neunte Position unter allen 18 Bundesligisten. Damit wäre sogar das Saisonziel Play-offs noch möglich. In keinem Einzelwert steht die Mannschaft auf einem Abstiegsrang. Alex Harris und Co. sind die viertbesten Werfer aus der Distanz, auch mit der schlechteren Quote im Zweipunktebereich (13. Platz) ist die Mannschaft noch im gesicherten Mittelfeld. Nun ist die absolute Zahl der Wurfversuche ebenso wichtig, doch auch hier ist Ludwigsburg mit Rang 14 nicht abgeschlagen – wenn das auch stark ausbaufähig ist. Freiwürfe erarbeitet sich das Team 21,7 pro Spiel (6.) und verbucht die zweitmeisten Blocks. Die Ludwigsburger klauen dem Gegner auch häufig den Ball (8.). Selbst bei den Ballverlusten erreichen sie genauso wie bei den Rebounds einen Durchschnittswert ( jeweils 9.). Bei den anderen Statistiken sieht es ähnlich aus, außerdem ist die Mannschaft nicht von einem Werfer abhängig, sondern die Akteure punkten ausgeglichen.

Daher ist es zumindest nicht verwunderlich, dass David McCray sagt: „Das Team ist nicht tot. Wenn man uns im Training sieht, würde man nicht denken, dass wir gegen den Abstieg spielen.“ Zudem ist es verständlich, dass eines der häufigsten Worte der Ludwigsburger in diesen Tagen „irgendwie“ ist. „Irgendwie müssen wir unsere Ballverluste abstellen“, sagt etwa McCray. Oder der Trainer Steven Key bilanziert, dass die „gesamte Saison irgendwie schiefgegangen“ sei – und er bleibt auch beim Formulieren der Herangehensweise für die kommenden Partien etwas schwammig: „Wir müssen irgendwie einen Weg finden, um ein Spiel zu gewinnen und somit einen kleinen Schub zu bekommen.“ Immerhin kennt sich Key mit dem Abstiegskampf aus. Schließlich sicherte der US-Amerikaner in der abgelaufenen Spielzeit den Gießenern den Klassenverbleib, nachdem er auch dort im Laufe der Saison als Nachfolger von Vladimir Bogojevic zum Chefcoach ernannt worden war. Er hielt also schon einmal dem Druck in einer Extremsituation stand.

Das wiederum könnten seine Spieler nun von ihm lernen. Denn die vielen knappen Niederlagen – sieben Misserfolge mit einer Differenz von fünf oder weniger Punkten – sowie der immer noch fehlende Auswärtssieg zeugen nicht gerade von Nervenstärke. Hinzu kommt die mangelnde Erfahrung der Akteure im Abstiegskampf. Arbeit im Kopf ist demnach angesagt – und einen konkreten Hinweis für das Training geben die Statistiken dann doch. Die Fehlpässe in Verbindung mit dem mäßigen Wert bei den Vorlagen (14.) deuten auf ein weiteres Ludwigsburger Kernproblem hin: die Mannschaft ist aufgrund der vielen Verletzungen und Transfers nicht gut eingespielt, die Abstimmung und die Systeme laufen nicht rund. Keys Profis sollten also öfters den Kopf hochnehmen und einen genaueren Blick auf ihre Mitspieler haben.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (14. März 2012)