Wie viel Nähe zu Bier verträgt der Fußball?

19 04 2012

Die Verbandspokale im Land werben in ihren Namen für Brauereien.

Gerrit Heesemann drückt seine Zuneigung zum Bier gerne in Liedern aus. „Biersexuell“ lautet ein Titel, in einem anderen Song besingt Lotto King Karl, wie er als Künstler heißt, ein verkorkstes Leben, wobei alles noch viel schlimmer wäre „ohne Fußball und Dosenbier“. DerMusikerist auch als Stadionsprecher des Bundesligisten Hamburger SV tätig und taugt daher gut als personifizierte Symbiose von Fußball und Bier. Deutschlands Volkssport Nummer eins und das Hopfengetränk scheinen nicht nur in Lotto King Karls Welt zusammenzugehören. Wie Pech und Schwefel, Jekyll und Hyde, Bonnie und Clyde – Bier ist das Motorenöl der Fußballmaschinerie. Für den eingefleischten Fan, bei der Meisterfeier, beim abendlichen Bankett. „Drei Dinge gehören zusammen – Fußball, Bratwurst und Bier“, hat Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern München, einmal gesagt.

Besonders präsent ist das Getränk bei den Amateurkickern. Hier werden befüllte Glasstiefel nach einem Erfolg angeschrien, dort ploppt schon kurz nach dem Abpfiff der erste Bügelverschluss. Es stellt sich die Frage, wie weit die Vermischung gehen darf. Vor allem, weil die Fußballer – ob Profis oder Amateure – Vorbilder für die Jugendlichen sind. Seit dieser Saison versuchen alle drei baden-württembergischen Fußballverbände – WFV, BFV und SBFV – den Spagat zwischen ökonomischen Interessen und der Vorbildfunktion in ihren Cupwettbewerben. Beim Württembergischen Fußballverband spielen heute der 1. FC Heidenheim beim FV Illertissen (17.30 Uhr) und der VfR Aalen bei der SG Sonnenhof Groß- aspach (19 Uhr) um den Einzug in das Bitburger-WFV-Pokalfinale. Beim Badischen Fußballverband löste der KrombacherPokal den Höpfner-Cup ab; der Südbadische Fußballverband trägt seit einigen Jahren den Rothaus-Pokal aus.

„Nur weil wir mehr Sponsoringeinnahmen bekommen haben, mussten wir in den vergangenen Jahren die Beiträge und Gebühren nicht erhöhen“, sagt der langjährige BFV-Geschäftsführer Siegfried Müller. Bei allen drei Verbänden waren die Angebote der Brauereien die besten. „Wir fordern ja nicht zum Konsum auf, sondern sehen die wirtschaftlichen Aspekte“, sagt der stellvertretende SBFV-Geschäftsführer Thorsten Kratzner. „Bedenken sind vorhanden, weil wir uns natürlich ethisch verpflichtet fühlen.“ Im Jugendbereich sei das Biersponsoring daher auch keine Frage. Auf den Verzicht der Brauereiwerbung im Pokal müssten weiter gehende Konzepte folgen, sagt Bastian Kieper, der beim WFV für das Marketing zuständig ist: „Man müsste in die Vereine gehen, auch denen Bierwerbung untersagen. Da ist man aber gesamtgesellschaftlich noch nicht so weit.“

Das zeigt auch der Deutsche Fußball Bund (DFB), der seit Jahren mit Bitburger kooperiert. Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger äußerte im November Bedenken wegen der Vertragsverlängerung, weil er einen Interessenkonflikt mit der Aktion „Alkoholfrei Sport genießen“ sah, die der DFB unterstützt. Mittlerweile drehen sich die Werbeplakate und -spots um die alkoholfreie Variante des Getränks – und es liegt zumindest nahe, dass dies auch mit Zwanzigers Kritik zu tun hat. Vom DFB heißt es, dass „die Gespräche über die Vertragsverlängerung weiter andauern“.

Ganz zufrieden dürfte Zwanziger aber nicht sein, denn im neuen EM-Werbespot wird zwar das alkoholfreie Produkt gezeigt, doch nur der Fachmann erkennt den roten Balken auf den Flaschen, auf dem „0,0%“ steht – sprachlich erwähnt wird das nicht. Das Sponsoringmit dem alkoholfreien Produkt ist auch für die Landesverbände ein Thema. Siegfried Müller sieht darin die Möglichkeit, den Jugendlichen einen vernünftigen Umgang mit Alkohol zu vermitteln – und Lotto King Karl könnte dann ein Aufklä- rungslied singen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (18. April 2012)





Die Magie des Pokals – von Suchtmittel bis Partymotor: Trophäen sind Kult, genauso wie die Geschichten dahinter

17 07 2011

Mauro La Forza ist nach dem Bezirkspokalsieg 2009 enttäuscht gewesen. Der Kapitän des TB Kirchentellinsfurt freute sich auf die Pokalübergabe, als er einen Wimpel und eine Glastrophäe (ein loser Ball auf einem Sockel) erhielt, war er verdutzt. «Das war ein Skandal, wir hatten alle auf einen richtigen Pokal gehofft und waren dann schon traurig», erzählt der 28-Jährige am Stammtisch des Vereinsheims. Mit einer Alufolien-Papptrophäe des Fanclubs konnten sich die Spieler aber behelfen. Auf dem Mannschaftsfoto «haben wir uns damit wie die Stars gefühlt», sagt La Forza und schmunzelt. Hinter ihm hängen zwei solcher Siegerbilder, denn Kirchentellinsfurt gewann auch im vergangenen Jahr den Pokal des Bezirks Alb.

In der vierstöckigen Vitrine mit 35 Trophäen im Eingangsbereich der Vereinsgaststätte «am Faulbaum» fehlen die jüngsten Errungenschaften aber, die Glaspokale liegen in einem Schrank im Vereinszimmer, abgeschlossen, in der Originalverpackung. La Forza ist seit über zwei Jahrzehnten im Club, doch die Geschichten zu den Trophäen in der Vitrine kennt er in den meisten Fällen nicht. Bei einigen «hatte ich noch T-Shirt und Hose in Einem», sagt er. Bei den Bezirkspokalsiegen 1997 und 2001 spielte er in der Jugend. Damals verteilte der WFV-Pokalbecher – trinktauglich und feierfest. Doch die Bezirksvorsitzenden stimmten vor einigen Jahren für einen Wimpel als Auszeichnung. Für weitere Trophäen sind die Bezirke zuständig. In den drei Verbänden Baden-Württembergs werden jährlich allein bei den Frauen und Männern neben den Verbands- 53 Bezirks- und Kreispokale ausgespielt, hinzu kommen zahlreiche Turniere außerhalb der Verbandsstrukturen. Hinter jedem einzelnen Pott steckt eine Geschichte, die Facetten des Pokalkults sind beinahe genauso zahlreich wie die Anzahl der Trophäen.

«Pokal ist nach wie vor ein magisches Wort», sagt Walter Schneck, sportlicher Leiter des SC Pfullendorf. Der Verein war immerhin schon viermal Südbadischer Pokalsieger – zuletzt 2006 und 2008. Schneck weiß daher, dass Pokale «selbst bei den ganz abgezockten und coolen Jungs einen riesigen Stellenwert» haben: «Wer will nicht einmal Held sein und bejubelt werden. Irgendwie ist danach doch jeder ein wenig süchtig». Eine Trophäe kann süchtig machen. Veronika Hafke ist Spielführerin des Zweitligisten 1899 Hoffenheim. Die 20-Jährige erinnert sich gut an ein Jugendturnier in Spanien vor vier Jahren, als ihre Mannschaft noch als Spielgemeinschaft 1. FC Mühlhausen/VfB St. Leon beim BFV geführt war und im badischen Finale gegen Karlsruhe 8:0 gewann. Als die Spielführerin unter Feuerwerk die Trophäe überreicht bekam und in die Luft stemmte, «sind wir alle mitgegangen. Später haben wir eine Humba um den Pokal getanzt und ihn abgeknutscht», sagt Hafke. Die Fürsorge hielt bei der Heimfahrt an: «Jeder wollte im Bus in seiner Nähe sein.» Eine Trophäe kann auch ein Magnet sein.

Schon im Vorfeld eines Turniers oder Endspiels motiviert ein möglicher Pokalsieg. Jochen Ritter kickte früher beim TSV Owen in der Nähe von Kirchheim unter Teck. Er und ein Kumpel malten 1997 als B-Junioren Pokalsieger-T-Shirts, gewannen den Pott und feierten kurze Zeit später mit der Mannschaft auch den Pokalsieg des VfB Stuttgart beim Zelten auf dem Vereinsgelände. Heute schreibt der Student seine Masterarbeit über den Bundesligisten, ist daher häufiger in der Geschäftsstelle und läuft an der Trophäenvitrine sowie der Fotogalerie der Erfolge vorbei. Das erinnert Ritter immer wieder an die Meisterfeier 2007, als er die Originalschale berührte und den Höhepunkt eines jeden Fußballfans genoss. Trophäen können Lebensträume erfüllen.

Bruno Sahner organisiert seit neun Jahren beim Südbadischen Fußballverband den Ü 35-Regiocup, an dem deutsche und französische Amateurteams teilnehmen. Das Ziel sei es, «zwischenmenschliche Beziehungen über Grenzen hinweg zu fördern», sagt er. In diesem Jahr wird die Trophäe erstmals nach dem Franzosen Adrien Zeller benannt, der sich für die Annäherung zwischen Baden und dem Elsass engagierte und dafür mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde. Eine Trophäe kann also auch Menschen verbinden.

Ein weiterer Franzose gab einer bedeutenderen Trophäe seinen Namen: Jules Rimet. 1946 rief er die Fußball-WM ins Leben. Weil Brasilien 1970 zum dritten Mal Weltmeister wurde, ging der Vorgänger des aktuellen WM-Pokals in den Besitz der Südamerikaner über, wurde dort gestohlen und wahrscheinlich eingeschmolzen. Bereits bei der WM 1966 in England war der Jules-Rimet-Pokal Objekt von Kriminellen. Doch damals fanden die Ermittler von Scotland Yard das Goldstück – unter kräftiger Mithilfe eines kleinen Hundes namens Pickles. Trophäen wecken manchmal eben auch das Interesse von Dieben.

Pickles hätte wohl auch 2008 seine Schnüffelschnauze gerümpft. Schließlich wird es nicht viele Fußballer geben, die aus ihrem Kickstiefel trinken. Dem Torhüter des FV Weißenhorn aus der Nähe von Ulm war das bei der Aufstiegsfeier in die Bezirksliga egal, erinnert sich der Kapitän Michael Strasser. Er und die anderen Mannschaftskameraden bedienten sich der traditionellen Variante und tranken aus einem Standardpokal Gaißenmaß (Bier, Cola und Kirschlikör) – zumindest solange bis der Pott zerbrach, weil eine Betreuerin im Feierrausch auf ihn stürzte. Herkömmliches Bier floss im selben Jahr in der Tübinger Altstadt in einen Marmorpokal. Die Mannschaft «Links unten» hatte das Elfmeterturnier in Pfäffingen gewonnen. Vincent Meissner war mit seinen Paraden ein Erfolgsgarant und berichtet vom Ein-Auto-Korso, während dem die Trophäe hinausgestreckt und präsentiert wurde – der Pokal als Partymotor.

Oliver Braun weiß, dass eine Marmortrophäe zu den hochwertigeren zählt. Er ist Kundenberater bei der Stuttgarter Fahnenfabrik Dommer, zu deren Kernkompetenz auch der Handel mit Pokalen zählt. Die klassischen Kelchpokale, die übrigens fast alle im Ausland – vor allem in Italien – hergestellt werden, sind bei Mannschaftssportlern am beliebtesten, sagt der Fachmann und erzählt, dass «99 Prozent der Vereine Standardartikel aus dem Katalog bestellen ». Begehrt sind Nachahmungen, die «Assoziationen» schaffen, beispielsweise zum Champions-League- oder WM-Pokal. Ab fünf Euro sind Figurtrophäen erhältlich, Kelchpokale liegen zwischen 15 und 70 Euro. Ein Tipp vom Experten: kostenintensive Gravuren bei den Pokalen vermeiden und lieber auf bedruckte Schilder am Sockel setzen. Braun empfiehlt Wettkampfveranstaltern außerdem, großen Wert auf die Trophäen zu legen, sie seien schließlich «die Visitenkarte» einer Veranstaltung.

Auf die Beschriftung hätten vor über zehn Jahren die Kicker des SV Karlsruhe-Beiertheim achtensollen. Denn bei der Siegerehrung wurde dem Club der falsche Pokal überreicht. Erst nach der Rückkehr bemerkte das Team die «5» statt der «1» auf der Trophäe, ein Betreuer holte den Siegerpokal, der heute im Vereinsheim steht. Beim Feiern hat das aber keinen gestört, schließlich ist der Pott im Grund vor allem ein Erfolgssymbol.

Dieses muss aber nicht immer ein Pokal sein. Mauro La Forza vom TB Kirchentellinsfurt weiß noch, dass ein Fan nach dem Aufstieg in die Verbandsliga vor sechs Jahren ein Stück Rasen ins Vereinsheim mitgebracht hatte. Aufgepeppt mit einem Schild wurde das Gras zu «einer Pilgerstätte», wie es La Forza nennt. Der Rasen ist irgendwann vertrocknet, der TBK kickt mittlerweile in der Bezirksliga, doch die Erinnerung ist geblieben. Einen Sonderplatz hat auch der Wanderpokal des Tagblatt-Hallenturniers, den der TBK in diesem Jahr zum siebten Mal gewann – Rekord unter den Teilnehmern. «Wir haben uns aber nicht getraut, daraus zu trinken», sagt La Forza, «wer weiß, was da schon alles drin war.» Eine Geschichte aus der Nachbarstadt Tübingen bestätigt ihn in seiner Sorge. Dort soll es nämlich einen Spieler gegeben haben, der laut dem Schwäbischen Tagblatt «wegen vereinsschädigendem Verhalten» aus dem Klub geworfen wurde. Im Klartext, so die inoffizielle Anekdote, wollte der Spieler beim Feiern in der Dusche in den Pott pinkeln, und dafür hätte ihn wohl auch Scotland-Yard-Hund Pickles mit lautem Gebell vertrieben.

veröffentlicht im Magazin „im Spiel“ (Juni 2011)