Vom Rosensteintunnel bis zur Brennerbahn

28 04 2012

Carl von Etzel – Originale prägen die Ausstellung über den Pionier der Eisenbahn.

„Wow“, dachte sich Inken Gaukel, als sie ein Bild des Rosensteintunnels aus dem 19. Jahrhundert entdeckte. Das jedenfalls sagt die Kuratorin der Ausstellung über Carl von Etzel, dem Stuttgarter Eisenbahnpionier, die von heute an bis zum 12. September im Stadtarchiv, Bellingweg 21, zu sehen ist. Schließlich war es nicht die bekannte, weit verbreitete Darstellung des Etzel-Projekts. Sondern ein „weitgehend unbekanntes“ Bild, das im Original aber erst nach der Fertigstellung des Tunnels entstanden ist, wohingegen die andere, populärere Abbildung einen Entwurf des Tunnels zeigt. Auch für Hartwig Beiche, den früheren Technischen Referenten im Rathaus, der Gaukel als Etzel-Experte bei der Planung half, ist es das tollste Exponat.

Neben Fotos und Lithografien sehen die Besucher Federzeichnungen, Skizzen, Grafiken. „Die Ausstellung lebt von Originaldokumenten aus Etzels Zeit“, sagt Beiche. Darunter ist das Original des Baugesuchs für den Stuttgarter Bahnhof vom September 1845 für Gaukel ein „Schatz“. Etzel durfte seine Idee an der heutigen Bolzstraße umsetzen, und der Anschluss Stuttgarts an eine Bahnstrecke war der Startschuss für eine „nachhaltige Entwicklung, von der wir heute noch leben“, so Beiche. Auch Fotos vom Abriss des Bahnhofs und der Eingliederung der Außenfassade in den früheren Ufa-Palast zeigt die Etzel-Ausstellung, die Gaukel in Themengruppen gegliedert hat, weil die „vielfältigsten Überlagerungen seiner Tätigkeiten“ eine chronologische Abhandlung unmöglich machten.

So entschied sie sich für folgende Gruppen: die Baumeisterdynastie Etzel , die Anfänge der Eisenbahn, der Stuttgarter Bahnhof, wichtige Verkehrsbauten, das Streckennetz der königlich württembergischen Eisenbahn, architektonisches Schaffen, Aufenthalte im Ausland sowie Etzels Meisterstück: die Brennerbahn. Die Exponate sind zum Großteil aus dem Bestand des Stuttgarter Stadtarchivs, die unter anderem durch Leihgaben von der Stadtbibliothek, der Universitätsbü- cherei, dem Stadtmuseum oder auch der Universität in Freiberg ergänzt wurden.

Dieses Angebot wollen die Ausstellungsmacher mit einem Begleitprogramm erweitern, bei dem „Etzel im Mittelpunkt steht, aber auch das Leben in dessen Kontext“ thematisiert wird, wie Roland Müller, der Direktor des Stadtarchivs, sagt. Er meinte damit zum Beispiel das technikgeschichtliche Umfeld des Eisenbahnbaus oder dessen Bedeutung für die Industrialisierung. Carl von Etzels Beitrag für den Eisenbahnbau ist derweil unbestritten. 200 Jahre nach seinem Geburtstag illustriert die Ausstellung diesen – und vielleicht wird auch dem ein oder anderen Besucher das Wörtchen „wow“ auf den Lippen liegen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (27. April 2012)

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Der Naziterror vor der Haustür

17 03 2011

Eine Ausstellung im Staatsarchiv zeigt NS-Verbrechen in der Stadt und die Problematik des Fotomaterials.

Dieses Treiben ist unmenschlich. Die Köpfe der beiden Frauen sind kahl geschoren, sie blicken zu Boden. Um ihren Hals hängen große Schilder mit der Aufschrift: „Ich bin eine ehrlose Frau.“ Das Bild zeigt den Spießrutenlauf zweier Ludwigsburgerinnen im Juni des Jahres 1941 durch die Stadt – vor den Augen der Bürger. Ihr Fehler: Beide hatten sich mit einem Kriegsgefangenen eingelassen – eine Straftat in Nazi-Deutschland, die als „Rassenschande“ bezeichnet wurde. Außer mit dieser öffentlichen Demütigung wurde das Vergehen auch mit einer Gefängnisstrafe geahndet. Diese Geschichte ist ein Beispiel für den Psychoterror des NS-Regimes, vor dem – wie das Beispiel der beiden Ludwigsburgerinnen zeigt – auch Deutsche nicht verschont worden sind. Unter dem Titel „Vor allen Augen“ zeigt das Ludwigsburger Staatsarchiv in seiner neuesten Ausstellung diesen eher unbeleuchteten Aspekt der Schandtaten der Nazis.

Die Ludwigsburger Verantwortlichen wollen aber nicht nur Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz und vor der Haustür ausstellen, sondern auch die Zuordnungsproblematik von archiviertem Bildmaterial zeigen. Wer hat das Foto gemacht, warum wurde es geknipst, wie gelangte es ins Archiv – dies sind Fragen, die für eine korrekte Interpretation des historischen Materials notwendig sind. Das sei kein einfaches Feld, sagt Peter Müller, der Leiter des Staatsarchivs. „Deshalb wollen wir mit der Ausstellung auch das quellenkritische Problem verdeutlichen.“ Dafür sind Zusatzinformationen geplant, die erklären sollen, wie solche historischen Bilder interpretiert werden.

So finden sich neben den Fotos auch Briefe, Zeugenaussagen oder andere Dokumente, die einen Rückschluss auf die Herkunft des Fotomaterials ermöglichen. Da ist beispielsweise in einem Brief eines deutschen Soldaten an seine Familie zu lesen, dass er über den Massenmord an den Juden Bescheid wisse, diesen auch befürworte und seine Liebsten die mitgeschickten Fotos doch bitte aufbewahren mögen. Einerseits, erklärt Peter Müller, verdeutlicht dieser Brief, dass die Bilder vom Soldaten selbst stammen, andererseits lässt sich daraus auch das Motiv für die Fotografie ableiten, das für die richtige Interpretation wichtig ist: Die Bilder wirken wie eine Art Trophäe des Wehrmachtssoldaten. Auch ein Austausch solcher Fotos sei innerhalb des Militärs üblich gewesen, sagt Müller.

Im Ludwigsburger Staatsarchiv verbergen sich in Hunderttausenden von Akten weitere Fotodokumente, die mehr oder weniger zufällig auftauchen könnten, weil eine gesonderte Recherche aus Kapazitätsgründen bisher nicht möglich gewesen sei, wie der Leiter erklärt: „Einige Bilder sind erst vor zwei Wochen ans Tageslicht gekommen. Heute werden die Fotos aber sofort eingescannt.“ Die Bilder stammen zum Beispiel von Gerichten oder Finanzbehörden. Diese sind Müllers Angaben gesetzlich dazu verpflichtet, das Material an das Staatsarchiv zu übergeben. Entweder wenn die Dokumente nicht mehr benötigt würden oder spätestens nach 30 Jahren.

Einen Einblick in diesen Fundus können die Besucher nun bis zum 22. Juli im Erdgeschoss des Staatsarchivs am Arsenalplatz nehmen. Die Wander- und die Begleitausstellung informieren auf eindringliche Weise über die nationalsozialistischen Verbrechen in der Stadt – illustriert mit Bildern von Privatpersonen, Pressefotografen, Lehrern oder Parteimitgliedern und unterfüttert mit erläuterndem Zusatzmaterial. Dank dieser Mischung haben die Anschauungsstücke mehr als lediglich einen visuellen Informationswert.

Denn nur das Protokoll einer Zeugenaussage sowie zwei Briefe machen deutlich, was den beiden Ludwigsburgerinnen im Juni anno 1941 geschehen ist – warum sie gedemütigt worden und wer den Vorfall zu verantworten hat.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (17. März 2011)