Appetit 2.0 – das Handy liegt sogar auf der Ersatzbank

10 07 2012

Smartphone-Besitzer können dank zahlreicher Applikationen noch leichter ihren Fußballhunger stillen. Das gilt vom Freizeit- über den Amateur- bis hin zum Profisport. Auch der Stadionbesucher und der wenig begabte Freizeitkicker profitieren von der technischen Entwicklung.

Die Technik hat den Freizeitfußball etwas menschlicher gemacht. Was paradox klingt, haben die Kicker Thomas Goerldt zu verdanken. Er hat 2011 nämlich die Teamshaker-App entwickelt. Seither bleiben beim Wählen von zwei Teams die peinlichen Momente aus: Keiner muss mehr mit ansehen, wie alle anderen vor ihm ausgewählt werden, keiner muss mehr diese Sekunden oder Minuten des unmenschlichen Wartens aushalten, bis er als Letzter zu einer Mannschaft schlappen darf, die ihn notgedrungen aufnehmen muss. Anstatt wie bisher mit „Tip-Top“ oder „Hühnerdapperle“ Schritt für Schritt den Teamkapitän zu bestimmen, der mit der Mannschaftwahl beginnen darf, sitzen die Freizeitfußballer nun vor einem Smartphone. In diesem können bei der Team-Shaker-App die teilnehmenden Spieler mit einer Stärke von eins bis fünf einprogrammiert werden. Danach schüttelt jemand das Handy und heraus kommen zwei Mannschaften, die unter Berücksichtigung der einzelnen Spielerfähigkeiten auf einem ähnlichen Niveau sind.

Der Markt solcher Applikationen für Mobilfunktelefone wächst stetig. Rund 13 Millionen Treffer spuckt die Internetsuchmaschine Google bei der Wortkombination „Fußball App“ aus. Für die verschiedenen Betriebssysteme für die Handys haben die Hersteller jeweils eigene Appstores eingerichtet, in denen die Anwendungen heruntergeladen werden können, einige sind mit mehreren Betriebssystemen kompatibel. Viele Apps sind kostenlos – sicherlich auch, weil die Zahlungsbereitschaft der Nutzer nicht sehr hoch zu sein scheint. Eine Ausnahme stellen hier wohl die Apps der einzelnen Fußballclubs dar.

Amateurvereine nutzen solche Applikationen für die eigene Öffentlichkeitsarbeit noch nicht, die Kicker- und Fussball.de-App sind jedoch auch an den Spieltagen der unteren Ligen im Einsatz. So können schließlich schnell die Ergebnisse auf den anderen Dorfplätzen gecheckt werden. Seit kurzem kostet dieser Amateurservice von Fussball.de 2,99 Euro pro Jahr. „Ich sehe es nicht ein, für die Ergebnisse Geld zu zahlen, die bekommt man im Internet schließlich umsonst“, sagt Holger Höb vom WFV-Club SV Aufheim in der Nähe von Ulm. Er hat früher die App genutzt. Auch Janosch Köberlein, ehemaliger Kicker aus dem Bezirk Alb, findet die Gebührenpflicht in diesem Fall „ziemlich frech“. Stefan Schilling, der Presseverantwortliche des Tübinger Stadtteilclubs SV Pfrondorf, nutzt manchmal auch den Amateurinfoservice der Kicker-App, „die ist aber sehr spät aktuell“. Beim Kreisligisten FV Weißenhorn im Bezirk Donau/Iller läuft das dann an einem Spieltag meistens folgendermaßen ab: ein Smartphonebesitzer liest die Ergebnisse im Sportheim laut vor und gibt anschließend das Handy weiter, damit die Kollegen die Tabellensituation analysieren können.

Fußball-Apps in der Hanballkabine

Weil die Amateure oft zu ähnlichen Zeiten wie die Profis kicken, kommen die Fußball-Apps auch während der 90 Minuten zum Einsatz. „Sogar wenn wir selbst spielen, liegt ein Handy auf der Auswechselbank, um einfach immer auf dem Laufenden zu bleiben. Eigentlich verrückt“, sagt Stephan Gabele vom SBFV-Club FV Walbertsweiler-Rengetsweiler in der Bezirksliga Bodensee, „ich finde diese Apps genial.“ Max Länge studiert mit Gabele Sportwissenschaft, spielt selbst Handball in Schwäbisch Gmünd, berichtet aber vom gleichen Phänomen: „In der Kabine schauen wir uns den Liveticker an – meist ohne Trainer – und reden dann darüber, welche Auswirkungen das auf unsere Comunio-Mannschaften hat.“

Ob Kicker, Fussball.de, Sport1, Bundesliga, 90elf-live, Laola1.at, Sportschau, Spox, Ran, Livescore, DFB Uefa, Espn, Pocket-Liga, Eurosport, oder Iliga – die App-Liste ist beliebig verlängerbar – sie alle informieren den Nutzer über Spielstände, Tabellensituationen, Torschützen, versorgen ihn mit Vor- und Nachberichten, klären ihn über Transfergerüchte auf, bieten teilweise auch Bilder und Videos. Je nach App werden die Nutzer über Nationalmannschaften, nationale und internationale Ligen informiert. Ihnen ist dabei neben der kurzen Ladezeit, eine übersichtliche Darstellung und einfache Navigation sowie die schnelle Aktualität wichtig. „So eine App ist optimal für zwischendurch, um auf dem Laufenden zu bleiben. Auch gut für Diskussionsrunden, wenn man spontan entscheidende Fakten braucht“, sagt der fußball- und internetverrückte Göppinger Samy Abdel Aal, der vor allem die Iliga-App nutzt, die fast viereinhalb von fünf Sternen bei der Nutzerbewertung im Itunes-Store erhält und zu den beliebtesten Fußball-Apps zählt. Diese Bewertungen sind auch für einige Interessenten die Grundlage, welche App sie herunterladen. Als negativ werden beispielsweise Registrierungs- und Anmeldepflichten erachtet.

Im Einsatz sind die Applikationen vor allem am Wochenende während des Ligabetriebs, aber auch bei Partien im Europa- oder DFB-Pokal unter der Woche. „Wenn man nach der Arbeit noch etwas trinken geht und kein TV in der Nähe ist, sorgen die Apps eigentlich im Minutentakt für Gesprächsstoff“, sagt Steffen Schmid aus Eislingen an der Fils, der für den Hessischen Fußball-Verband arbeitet. Simon Kirchgeßner aus dem BFV-Kreis Buchen im Odenwald hat bereits ein Konsumsystem entwickelt. Aus seinem Handy schallt aufgrund der „Sportschau“-App ein „Tooor“-Schrei, wenn auf einem Platz ein Treffer fällt. Dann schaut er dort, wo das Tor gefallen ist, und wechselt auf die Kicker-App, um den Schützen nachzulesen. Denn diese App „hat die schnellste Verschriftlichung, schneller als die Homepage“. Die Toralarm-Funktion bieten übrigens auch andere Applikationen. Aber nicht nur die Fans nutzen diese Anwendungen, auch Mitarbeitern von Medienhäusern erleichtern die Apps teilweise den Job, wenn beispielsweise eine Tabelle für die Zeitungsausgabe des kommenden Tages angefertigt werden muss und der Redaktionsschluss naht.

Manche Proficlubs kooperieren mit IT-Dienstleistern

Einige Apps ermöglichen dem Nutzer, seinen Lieblingsverein anzugeben, sodass die Infos über diesen Club zuvorderst erscheinen. Besser eignen sich hierfür die eigenen Vereins-Apps – sei es von Medienhäusern, wie die VfB-App von der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten, oder die Applikationen, welche die Clubs selbst entwickeln beziehungsweise mit Informationen befüllen. Beim SC Freiburg haben beispielsweise Anhänger eine eigene Fangemeinschaft-App auf den Markt gebracht, um über den Club sowie Aktionen zu informieren. 1899 Hoffenheim bietet seinen Fans neben dem Live-Ticker und einigen Informationen rund um das Stadion auch eine 1899-TV-App mit Videos von den Spielen und den Pressekonferenzen sowie mit Hintergrundberichten und Interviews an.

Die App des VfB Stuttgart ist die einzige kostenpflichtige in der Bundesliga. Als die Schwaben ihre Anwendung initiierten, kämpfte der Club gegen den Abstieg. „Die Vorgabe war Kostenneutralität, weil zu der Zeit der Entscheidung ein deutlich übergeordnetes Thema, nämlich die Zukunft des Vereins, vorrangig war“, sagt Holger Boyne, beim VfB für die App zuständig. Somit blieben zwei Möglichkeiten: eine Standard-App oder eine eigens programmierte, für die der Fan aber 79 Cent pro Quartal beitragen muss. Stuttgart zählt seither zu der Minderheit der Bundesligavereine, die ihre Applikation mit einem Dienstleister entwickelt und nicht lediglich den eigenen Newsstream und das Branding in eine vorgefertigte Applikation eingebaut haben. „Diese Standard-Apps sind gut, aber vergleichbar“, sagt Boyne. Die eigene Entwicklung ist jedoch kostenintensiv. Der VfB will zur kommenden Saison sein gesamtes App-Konzept überarbeiten, auch die Kostenpflicht hinterfragen, die „monetäre Handlungsfähigkeit“ sei vorhanden. „Eine App muss technisch ausgereift, funktional und emotional sein, viele Gimmicks sowie einen echten Mehrwert bieten und vor allem individuell sein“, sagt Boyne. Die Neuauflage soll schneller als die aktuelle App sein und mehr Funktionen, wie beispielsweise die Nutzung ortsbasierter Dienste, ermöglichen.

Auch Werder Bremen hat einen eigenen Dienstleister beauftragt, die neue App steht seit der Winterpause zum Herunterladen bereit. Die Norddeutschen sind bei ein paar Features Vorreiter. So können die Stadionbesucher über die Applikation ihre Arena-Card mit Geld aufladen – und müssen nur noch an den Verzehr- und Souvenirständen anstehen. Außerdem bietet die Anwendung für Auswärtsfahrten einen Routenplaner. Darüber hinaus können die zahlenden Werder-TV-Abonnenten das Programm auch in der App abrufen. Über kostenpflichtige Services diskutieren die Verantwortlichen auch bei Borussia Dortmund. Mit sogenannten In-App-Payments kann der Nutzer dann beispielsweise die Highlights der Spiele sehen. Auch der Meister kooperiert mit einem IT-Unternehmen. „Wir entwickeln mit diesem Dienstleister einen eigenen Fahrplan und arbeiten dauerhaft an einer Optimierung“, sagt David Görges vom BVB. „Das Gute daran ist, dass beispielsweise ein Update so nicht auch für die anderen Vereine gilt, wie das bei den Standard-Apps der Fall ist.“ In Dortmund hatten Görges und Co. sogar über ein Call-a-Beer-Feature nachgedacht. Per Klick im Smartphone sollte so über die App ein Bier geordert werden können. „Das ist aber mit der Ortung sehr schwierig, die Handytechnik gibt das noch nicht her“, sagt Görges. Der hohe Personalaufwand sei ein weiteres Hindernis. Den Clubs geht es bei der Applikation letztlich darum, einen weiteren Newskanal zu nutzen und zusätzliche Angebote für die Fans zu bieten – sowohl unterwegs für den mobilen Nutzer als auch für den Stadionbesucher.

Tippen und Managen ist auch möglich

Da die Fußballanhänger in ihren Lieblingssport dank Comunio oder Kicktipp auch selbst spielerisch eingreifen können, bietet sich den App-Entwicklern ein weiterer Markt. Für Kicktipp oder das Erdinger Tippspiel sind bereits Applikationen in den Stores abrufbar. Auch Comunio bietet diesen Service mittlerweile an. In Echtzeit auf dem Smartphone-Display Fußball spielen ermöglichen Game-Apps wie beispielsweise die Anwendung Flick Champions, bei der mit dem Finger die Schuss- und Passrichtung sowie -stärke bestimmt werden.

Die Worte Stärke, Anwendung und Internet führen indes automatisch zur Plattform Facebook. Schließlich bietet auch der Netzriese eine App an. Diese ist beim Kreisligisten Weißenhorn „im Einsatz, um Trainingszeiten und -pläne sowie Treffpunkte bekannt und Fahrgemeinschaften auszumachen“, wie der Verteidiger Michael Strasser berichtet. Wie bei den Freizeitfußballern hat dann auch ein Vereinstrainer bei den Übungseinheiten dank der neuen Technik die Möglichkeit, die Mannschaften für das Abschlussspiel mit einer gerechten Stärkenverteilung auszuschütteln. Dafür braucht er nur ein Smartphone und die Team-Shaker-App.

veröffentlicht im Magazin im Spiel (2012, imspiel_fussball_apps)

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