Appetit 2.0 – das Handy liegt sogar auf der Ersatzbank

10 07 2012

Smartphone-Besitzer können dank zahlreicher Applikationen noch leichter ihren Fußballhunger stillen. Das gilt vom Freizeit- über den Amateur- bis hin zum Profisport. Auch der Stadionbesucher und der wenig begabte Freizeitkicker profitieren von der technischen Entwicklung.

Die Technik hat den Freizeitfußball etwas menschlicher gemacht. Was paradox klingt, haben die Kicker Thomas Goerldt zu verdanken. Er hat 2011 nämlich die Teamshaker-App entwickelt. Seither bleiben beim Wählen von zwei Teams die peinlichen Momente aus: Keiner muss mehr mit ansehen, wie alle anderen vor ihm ausgewählt werden, keiner muss mehr diese Sekunden oder Minuten des unmenschlichen Wartens aushalten, bis er als Letzter zu einer Mannschaft schlappen darf, die ihn notgedrungen aufnehmen muss. Anstatt wie bisher mit „Tip-Top“ oder „Hühnerdapperle“ Schritt für Schritt den Teamkapitän zu bestimmen, der mit der Mannschaftwahl beginnen darf, sitzen die Freizeitfußballer nun vor einem Smartphone. In diesem können bei der Team-Shaker-App die teilnehmenden Spieler mit einer Stärke von eins bis fünf einprogrammiert werden. Danach schüttelt jemand das Handy und heraus kommen zwei Mannschaften, die unter Berücksichtigung der einzelnen Spielerfähigkeiten auf einem ähnlichen Niveau sind.

Der Markt solcher Applikationen für Mobilfunktelefone wächst stetig. Rund 13 Millionen Treffer spuckt die Internetsuchmaschine Google bei der Wortkombination „Fußball App“ aus. Für die verschiedenen Betriebssysteme für die Handys haben die Hersteller jeweils eigene Appstores eingerichtet, in denen die Anwendungen heruntergeladen werden können, einige sind mit mehreren Betriebssystemen kompatibel. Viele Apps sind kostenlos – sicherlich auch, weil die Zahlungsbereitschaft der Nutzer nicht sehr hoch zu sein scheint. Eine Ausnahme stellen hier wohl die Apps der einzelnen Fußballclubs dar.

Amateurvereine nutzen solche Applikationen für die eigene Öffentlichkeitsarbeit noch nicht, die Kicker- und Fussball.de-App sind jedoch auch an den Spieltagen der unteren Ligen im Einsatz. So können schließlich schnell die Ergebnisse auf den anderen Dorfplätzen gecheckt werden. Seit kurzem kostet dieser Amateurservice von Fussball.de 2,99 Euro pro Jahr. „Ich sehe es nicht ein, für die Ergebnisse Geld zu zahlen, die bekommt man im Internet schließlich umsonst“, sagt Holger Höb vom WFV-Club SV Aufheim in der Nähe von Ulm. Er hat früher die App genutzt. Auch Janosch Köberlein, ehemaliger Kicker aus dem Bezirk Alb, findet die Gebührenpflicht in diesem Fall „ziemlich frech“. Stefan Schilling, der Presseverantwortliche des Tübinger Stadtteilclubs SV Pfrondorf, nutzt manchmal auch den Amateurinfoservice der Kicker-App, „die ist aber sehr spät aktuell“. Beim Kreisligisten FV Weißenhorn im Bezirk Donau/Iller läuft das dann an einem Spieltag meistens folgendermaßen ab: ein Smartphonebesitzer liest die Ergebnisse im Sportheim laut vor und gibt anschließend das Handy weiter, damit die Kollegen die Tabellensituation analysieren können.

Fußball-Apps in der Hanballkabine

Weil die Amateure oft zu ähnlichen Zeiten wie die Profis kicken, kommen die Fußball-Apps auch während der 90 Minuten zum Einsatz. „Sogar wenn wir selbst spielen, liegt ein Handy auf der Auswechselbank, um einfach immer auf dem Laufenden zu bleiben. Eigentlich verrückt“, sagt Stephan Gabele vom SBFV-Club FV Walbertsweiler-Rengetsweiler in der Bezirksliga Bodensee, „ich finde diese Apps genial.“ Max Länge studiert mit Gabele Sportwissenschaft, spielt selbst Handball in Schwäbisch Gmünd, berichtet aber vom gleichen Phänomen: „In der Kabine schauen wir uns den Liveticker an – meist ohne Trainer – und reden dann darüber, welche Auswirkungen das auf unsere Comunio-Mannschaften hat.“

Ob Kicker, Fussball.de, Sport1, Bundesliga, 90elf-live, Laola1.at, Sportschau, Spox, Ran, Livescore, DFB Uefa, Espn, Pocket-Liga, Eurosport, oder Iliga – die App-Liste ist beliebig verlängerbar – sie alle informieren den Nutzer über Spielstände, Tabellensituationen, Torschützen, versorgen ihn mit Vor- und Nachberichten, klären ihn über Transfergerüchte auf, bieten teilweise auch Bilder und Videos. Je nach App werden die Nutzer über Nationalmannschaften, nationale und internationale Ligen informiert. Ihnen ist dabei neben der kurzen Ladezeit, eine übersichtliche Darstellung und einfache Navigation sowie die schnelle Aktualität wichtig. „So eine App ist optimal für zwischendurch, um auf dem Laufenden zu bleiben. Auch gut für Diskussionsrunden, wenn man spontan entscheidende Fakten braucht“, sagt der fußball- und internetverrückte Göppinger Samy Abdel Aal, der vor allem die Iliga-App nutzt, die fast viereinhalb von fünf Sternen bei der Nutzerbewertung im Itunes-Store erhält und zu den beliebtesten Fußball-Apps zählt. Diese Bewertungen sind auch für einige Interessenten die Grundlage, welche App sie herunterladen. Als negativ werden beispielsweise Registrierungs- und Anmeldepflichten erachtet.

Im Einsatz sind die Applikationen vor allem am Wochenende während des Ligabetriebs, aber auch bei Partien im Europa- oder DFB-Pokal unter der Woche. „Wenn man nach der Arbeit noch etwas trinken geht und kein TV in der Nähe ist, sorgen die Apps eigentlich im Minutentakt für Gesprächsstoff“, sagt Steffen Schmid aus Eislingen an der Fils, der für den Hessischen Fußball-Verband arbeitet. Simon Kirchgeßner aus dem BFV-Kreis Buchen im Odenwald hat bereits ein Konsumsystem entwickelt. Aus seinem Handy schallt aufgrund der „Sportschau“-App ein „Tooor“-Schrei, wenn auf einem Platz ein Treffer fällt. Dann schaut er dort, wo das Tor gefallen ist, und wechselt auf die Kicker-App, um den Schützen nachzulesen. Denn diese App „hat die schnellste Verschriftlichung, schneller als die Homepage“. Die Toralarm-Funktion bieten übrigens auch andere Applikationen. Aber nicht nur die Fans nutzen diese Anwendungen, auch Mitarbeitern von Medienhäusern erleichtern die Apps teilweise den Job, wenn beispielsweise eine Tabelle für die Zeitungsausgabe des kommenden Tages angefertigt werden muss und der Redaktionsschluss naht.

Manche Proficlubs kooperieren mit IT-Dienstleistern

Einige Apps ermöglichen dem Nutzer, seinen Lieblingsverein anzugeben, sodass die Infos über diesen Club zuvorderst erscheinen. Besser eignen sich hierfür die eigenen Vereins-Apps – sei es von Medienhäusern, wie die VfB-App von der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten, oder die Applikationen, welche die Clubs selbst entwickeln beziehungsweise mit Informationen befüllen. Beim SC Freiburg haben beispielsweise Anhänger eine eigene Fangemeinschaft-App auf den Markt gebracht, um über den Club sowie Aktionen zu informieren. 1899 Hoffenheim bietet seinen Fans neben dem Live-Ticker und einigen Informationen rund um das Stadion auch eine 1899-TV-App mit Videos von den Spielen und den Pressekonferenzen sowie mit Hintergrundberichten und Interviews an.

Die App des VfB Stuttgart ist die einzige kostenpflichtige in der Bundesliga. Als die Schwaben ihre Anwendung initiierten, kämpfte der Club gegen den Abstieg. „Die Vorgabe war Kostenneutralität, weil zu der Zeit der Entscheidung ein deutlich übergeordnetes Thema, nämlich die Zukunft des Vereins, vorrangig war“, sagt Holger Boyne, beim VfB für die App zuständig. Somit blieben zwei Möglichkeiten: eine Standard-App oder eine eigens programmierte, für die der Fan aber 79 Cent pro Quartal beitragen muss. Stuttgart zählt seither zu der Minderheit der Bundesligavereine, die ihre Applikation mit einem Dienstleister entwickelt und nicht lediglich den eigenen Newsstream und das Branding in eine vorgefertigte Applikation eingebaut haben. „Diese Standard-Apps sind gut, aber vergleichbar“, sagt Boyne. Die eigene Entwicklung ist jedoch kostenintensiv. Der VfB will zur kommenden Saison sein gesamtes App-Konzept überarbeiten, auch die Kostenpflicht hinterfragen, die „monetäre Handlungsfähigkeit“ sei vorhanden. „Eine App muss technisch ausgereift, funktional und emotional sein, viele Gimmicks sowie einen echten Mehrwert bieten und vor allem individuell sein“, sagt Boyne. Die Neuauflage soll schneller als die aktuelle App sein und mehr Funktionen, wie beispielsweise die Nutzung ortsbasierter Dienste, ermöglichen.

Auch Werder Bremen hat einen eigenen Dienstleister beauftragt, die neue App steht seit der Winterpause zum Herunterladen bereit. Die Norddeutschen sind bei ein paar Features Vorreiter. So können die Stadionbesucher über die Applikation ihre Arena-Card mit Geld aufladen – und müssen nur noch an den Verzehr- und Souvenirständen anstehen. Außerdem bietet die Anwendung für Auswärtsfahrten einen Routenplaner. Darüber hinaus können die zahlenden Werder-TV-Abonnenten das Programm auch in der App abrufen. Über kostenpflichtige Services diskutieren die Verantwortlichen auch bei Borussia Dortmund. Mit sogenannten In-App-Payments kann der Nutzer dann beispielsweise die Highlights der Spiele sehen. Auch der Meister kooperiert mit einem IT-Unternehmen. „Wir entwickeln mit diesem Dienstleister einen eigenen Fahrplan und arbeiten dauerhaft an einer Optimierung“, sagt David Görges vom BVB. „Das Gute daran ist, dass beispielsweise ein Update so nicht auch für die anderen Vereine gilt, wie das bei den Standard-Apps der Fall ist.“ In Dortmund hatten Görges und Co. sogar über ein Call-a-Beer-Feature nachgedacht. Per Klick im Smartphone sollte so über die App ein Bier geordert werden können. „Das ist aber mit der Ortung sehr schwierig, die Handytechnik gibt das noch nicht her“, sagt Görges. Der hohe Personalaufwand sei ein weiteres Hindernis. Den Clubs geht es bei der Applikation letztlich darum, einen weiteren Newskanal zu nutzen und zusätzliche Angebote für die Fans zu bieten – sowohl unterwegs für den mobilen Nutzer als auch für den Stadionbesucher.

Tippen und Managen ist auch möglich

Da die Fußballanhänger in ihren Lieblingssport dank Comunio oder Kicktipp auch selbst spielerisch eingreifen können, bietet sich den App-Entwicklern ein weiterer Markt. Für Kicktipp oder das Erdinger Tippspiel sind bereits Applikationen in den Stores abrufbar. Auch Comunio bietet diesen Service mittlerweile an. In Echtzeit auf dem Smartphone-Display Fußball spielen ermöglichen Game-Apps wie beispielsweise die Anwendung Flick Champions, bei der mit dem Finger die Schuss- und Passrichtung sowie -stärke bestimmt werden.

Die Worte Stärke, Anwendung und Internet führen indes automatisch zur Plattform Facebook. Schließlich bietet auch der Netzriese eine App an. Diese ist beim Kreisligisten Weißenhorn „im Einsatz, um Trainingszeiten und -pläne sowie Treffpunkte bekannt und Fahrgemeinschaften auszumachen“, wie der Verteidiger Michael Strasser berichtet. Wie bei den Freizeitfußballern hat dann auch ein Vereinstrainer bei den Übungseinheiten dank der neuen Technik die Möglichkeit, die Mannschaften für das Abschlussspiel mit einer gerechten Stärkenverteilung auszuschütteln. Dafür braucht er nur ein Smartphone und die Team-Shaker-App.

veröffentlicht im Magazin im Spiel (2012, imspiel_fussball_apps)

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FC Facebook_Chancen, Risiken und Realitäten des Amateurfußballs in sozialen Netzwerken

20 10 2010

Der Amateurkicker Rasmus Joost aus Tübingen hat soeben erfahren, dass er acht Wochen gesperrt wurde. Es ist der Abend des 24. September 2010 und es regnet. „Ich bin gespannt, was er nachher in Facebook posten wird“, sagt ein Mitspieler beim Trainingsbeginn. Vier Stunden später ist auf der Internetplattform zu lesen: „Harmloses Foulspiel am 05.09.2010, alle sind der Meinung gelb hätte gereicht, die Gegner lachen sich schlapp, dass es rot gibt…Das Verbandsgericht braucht bis heute, um sich zu entscheiden. 8 Wochen Sperre. Vielen Dank.“ Es entspinnt sich eine Diskussion mit Mitleidsbekundungen, Erklärungen, Sticheleien.

Doch die Geschichte des Gymnasiallehrers beginnt früher, an jenem 5. September um 15.30 Uhr. Joost foult in der Kreisliga-Partie seines SV Pfrondorf gegen die TSG Tübingen II an der Mittellinie den gegnerischen Spielmacher. Es kracht laut, der Gegner wälzt sich, der Schiedsrichter entscheidet auf Platzverweis. Knappe drei Stunden später sitzt Joost an seinem Computer. „3:5 gegen TSG verloren, ich nach 30 minuten mit glatt rot runter…danke herr schiedsrichter.“ 15 Kommentare werden auf den Eintrag folgen. Sie kommen von überall her, von alten Kollegen aus Norddeutschland, von Mitspielern desselben Klubs, von Freunden aus dem Nachbarort. „Ich nutze Facebook, um mit Mitspielern zu sprechen, um uns gegenseitig zu motivieren, um witzige Sachen über Ereignisse zu lesen und zu schreiben“, sagt der 27-Jährige.

Für die Kommunikation der Kicker gibt es viele soziale Netzwerke wie beispielsweise StudiVZ, SchülerVZ, twitter, Lokalisten oder easy2coach. Der Kapitän im Team der Internetplattformen ist aber Facebook. Das Netzwerk entstand im Februar 2004, Mark Zuckerberg heißt der Erfinder. Das US-Magazin „Forbes“ schätzt sein Vermögen auf 6,9 Milliarden US-Dollar, er rangiert damit auf Platz 35 der Liste der reichsten Amerikaner. Zuckerbergs Werk ist ein Imperium. 500 Millionen Nutzer weltweit, die Hälfte ist täglich online, im Durchschnitt hat ein User 130 Freunde und produziert monatlich 90 Inhalte (Kommentare, Links, Fotos, usw.). Über elf Millionen Deutsche sind der Plattform bisher beigetreten, es sind fast genauso viele männliche wie weibliche Mitglieder. Mittlerweile nutzen auch Fußballvereine im Amateurbereich Facebook, meist wurden die Klubseiten von aktiven Kickern angelegt.

Der SV Pfrondorf veröffentlichte die eigene Seite im Dezember 2009. Chris Willems ist der Administrator, der Chef des Klubs im virtuellen Bereich. „Man erreicht deutlich mehr Leute als direkt über die Vereinshomepage“, sagt er. 123 Facebook-Fans hat der Klub. 50 bis 60 Personen besuchen die Homepage pro Tag, 14 Prozent kommen über Links von Facebook. „Die Fans machen aber kaum etwas selbst, sondern reagieren eher auf Beiträge des Vereins“, sagt Willems. Die Pfrondorfer kündigen auf Facebook aktuelle Partien an, vernetzen Spielberichte von der eigenen Homepage und Videos der lokalen Zeitung, diskutieren über die Spielverläufe, vor allem bei positiven Ergebnissen. Tiefgründige Analysen bleiben dabei aus, „es wird oft weniger über Fußball gesprochen als über irgendeinen verzerrten Gesichtsausdruck auf den Fotos“, sagt SVP-Verteidiger Matthias Schanbacher. Sein Sturmkollege Dominik Kuti ist ein Fan der Spielfotos. „Man kann seinen Freunden in Facebook zeigen, wie geil Fußball ist, wie geil das Team ist“, sagt er.

Andere Klubs machen es ähnlich, eine Regel ist Facebook im Amateurfußball aber nicht – noch nicht, denn die Tendenz steigt. Die Verantwortlichen des TSV Regglisweiler in der Nähe von Ulm verwenden Facebook als Organisationsmedium. Der Treffpunkt der jeweiligen Spiele wird genauso gepostet wie Termine für Mannschaftsausflüge. Der TV Nellingen im Raum Stuttgart dankt seinen Sponsoren auf virtuellem Weg. Im U18-Juniorenteam des Oberligaklubs TSG Balingen erleichtert Facebook die Kommunikation, „weil Spieler aus jüngeren und älteren Kadern dabei sind und im Netz alle direkt erreicht werden können“, sagt Jugendkoordinator Nico Willig. Bei den meisten Vereinsgruppen sind die Anwerbung von Zuschauern sowie Kommentare zu den eigenen Siegen am beliebtesten.

Dass mittels Ankündigen in Facebook mehr Zuschauer zu den Spielen gelockt werden, ist nicht nachgewiesen, die Chance ist jedoch höher. Denn durch die Verbreitung im Netz kontaktieren die Klubs auch die Zeitungsverweigerer. Facebook bietet ehemaligen Spielern, die aufgrund von Beruf oder Studium wegzogen und nur manchmal zum Kicken anreisen, darüber hinaus die Möglichkeit in Kontakt mit dem Klub zu bleiben. „Das ist super für mich, um einen kleinen Einblick zu bekommen, wie das Spiel gelaufen ist und die Stimmung zu mir ins Wohnzimmer nach München zu holen“, sagt Lukas Rief, durch die Entfernung mittlerweile nur noch sporadisch aktiv im Bezirk Alb.

Jessica Vogt kickt in der Frauen Verbandsliga beim VfB Bad Mergentheim. Sie gehe aufgrund von stichelnden Facebookeinträgen durchaus motivierter in ein Spiel. Dabei werde jedoch seltener ihr Verein angegriffen als vielmehr der Frauenfußball im Allgemeinen beleidigt. Sie nutzt das soziale Netzwerk allerdings kaum, um sich über den Gegner oder die eigene Liga zu informieren. In diesem Punkt sind sich die Fußballspieler einig. Die Fakten der Kontrahenten suchen sie auf http://www.fussball.de oder der jeweiligen Vereinshomepage. In den Facebookgruppen der Klubs tummeln sich meist nur Vereinsangehörige, Diskussionen verschiedener Lager über das anstehende Derby oder die Tabellensituation bleiben aus.

Die Pforzheimer Zeitung plant, solche Debatten auf der Facebookseite des Blattes in Zukunft loszutreten. Bewusst bestücken die Journalisten die Plattform aber noch nicht, sagt Online-Ressortleiter Thomas Kurtz und erzählt vom Erfolg der Amateurfußball-Videos der Die Ligen GmbH: „Die Leute klicken die Kreisliga wie blöd. Sie möchten nicht nur die Sportschau gucken, sondern auch sehen, wie Kieselborn gespielt hat.“ Es kommt häufiger vor, dass er 5000 bis 6000 Videoklicks zu einer Partie zählt. Die Filmchen sind in die Homepages der Lokalzeitungen eingebettet und werden auf Facebook verlinkt. Noch populärer sind die Videos im sozialen Netzwerk geworden, als die Lokalzeitungen begannen darüber abstimmen zu lassen. Seither wird kräftig um Stimmen für den eigenen Klub geworben.

Das Schwäbische Tagblatt war Vorreiter, führte die Umfrage zur Rückrunde der abgelaufenen Saison ein. Die Leser können nun selbst auswählen, welche Amateurpartie sie im Netz sehen wollen. Gute 2000 Stimmen waren der Teilnahmehöchstwert. „Die User liefern sich teilweise richtige Kämpfe“, sagt Jonas Bleeser von der Online-Redaktion. Die Video-Klickzahlen seien nicht so „berauschend“ gewesen, daher haben die Tagblatt-Journalisten das Voting eingeführt. „Die Videos sind eine tolle Ergänzung zur gedruckten Zeitung“, sagt Bleeser, „sie leben von der semiprofessionellen Anmutung, davon, dass man die Leute brüllen hört.“

2005 hatte Markus Kleber die Idee, Fußballvideos von Amateurkicks zu produzieren. Er dachte sich: Der unterklassige Fußball ist eine Nische, die in der Breite viele Leute interessiert. Fünf Jahre später hat Die Ligen GmbH vier Vollzeitkräfte, einen Pool von 30 Videoproduzenten und arbeitet für 125 Tageszeitungen. Die Firma produziert auch das „Spiel der Woche“ vom Württembergischen Fußballverband. Neben Fußball kamen andere Sportarten hinzu, Sponsoren, Trainer und Scouts erweiterten den Kundenkreis, das Thema Videoanalyse wurde wichtiger. „Als Amateurfußballer sind solche Aktionen toll“, sagt Frank Merkle vom TSV Dietenheim im Alb-Donau-Kreis, „man ist stolz, wenn man sich und seinen Verein auf öffentlichen Netzwerken und nicht nur auf der eigenen Homepage wieder findet.“ Andere Amateurkicker archivieren die Filme von besonderen Partien als Erinnerungsstücke. „Für uns sind die Videos von die-ligen.de natürlich Pflicht, um zu sehen, was der Gegner im vorigen Spiel richtig und falsch gemacht hat“, sagt der Balinger Nico Willig. Amateurfußball trifft hier auf Professionalität, Videoanalyse im Internet gibt es mittlerweile von der Kreis- bis in die Verbandsliga. Auch der komplette 90-Minuten-Film ist als Sichtungsmaterial zu erwerben. „Die Fußballvideos sind auf einen engen lokalen Kreis begrenzt, durch die sozialen Netzwerke kann man das ausweiten“, sagt Die-Ligen-Chef Kleber. Auf Facebook könnten sich Themen maximal entfalten, weil jeder an die Videos heran kommt. Er weiß aber auch, dass diese Offenheit Nachteile und Risiken mit sich bringt. Sie reichen von beleidigenden oder fremdenfeindlichen Kommentaren über Ausgrenzung internetscheuer Menschen bis zu einem Missbrauch der Vereinsnamen. Virtuelle Beleidigungen – oftmals im Schutz der Anonymität – stören die Amateurkicker allerdings nicht so sehr wie die Angriffe von Angesicht zu Angesicht. Affronts im Netz bergen für den Pfrondorfer Schanbacher vielmehr Motivations- als Aggressionspotential. „Weil es jeder lesen kann, ist man besonders heiß darauf, das Gegenteil zu beweisen“, sagt er.

Dass Rivalität auf Facebook betrieben wird – und das auch auf eine amüsante Weise – zeigt die „Feindschaft“ zwischen den Tübinger Vereinen TSV Lustnau und SV Pfrondorf. Ein TSV-Anhänger gründete nach Schaffung der Pfrondorfer Facebookseite die Gruppe „Kann diese Haselnuss mehr Fans als der SV Pfrondorf haben“, in Anlehnung an das Eichhörnchen im Vereinswappen des SVP. Das Ziel war zügig erreicht, 159 Personen haben mittlerweile den Gefällt-mir-Button geklickt, 123 Fans hat der SVP. Die Mitglieder erfreuten sich an Pfrondorfer Misserfolgen oder an Bildergalerien von toten Eichhörnchen. Der Eintrag der Gegengruppe „Ich wette dieses Klärwerk kann mehr Fans als der TSV LUSTNAU haben!!!!!“ (in Lustnau steht das Tübinger Klärwerk) folgte prompt, und die Pfrondorfer Anhänger haben diesen virtuellen Wettstreit mit 254 Mitgliedern bisher gewonnen.

Die Chancen von Amateurvereinen, Facebook sinnvoll zu nutzen, gehen aber über die reine Unterhaltung hinaus. Die Klubs können sich bei ihren Sponsoren bedanken, den Geldgebern eine Plattform bieten. Sie können selbst Marketing betreiben, neue Spieler und Financiers umwerben, auf sich aufmerksam machen, die Jugend durch zeitgemäße Kommunikationswege im Verein halten. Die Teams können sich organisieren, Zuschauer – vor allem auch mehr weibliche – anlocken, Spielberichte, Fotos und Videos präsentieren. Schwächen und Stärken des Gegners können analysiert, eigene Spielzüge auf Fehler untersucht werden. Die Chancen der Cyber-Community sind groß, die Gefahren schätzen die Amateurkicker dahingegen eher gering ein.

Soziale Netzwerke und Amateurfußball sind aber erst im Flirtstadium. Potential für eine große Liebe scheint vorhanden. Sportler, Klubs und Lokalmedien müssen dafür mehr auf die interaktiven Netzwerke setzen. Die Chancen stehen gut, denn „jeder freut sich, seinen Namen irgendwo zu lesen oder ein Bild von sich zu sehen“, sagt Mittelfeldspieler Michael Radunski aus der Nähe von Pforzheim. „Es hat etwas von Prominenz.“

(veröffentlicht im Magazin „im Spiel„, Ausgabe 05/2010)