Über glühende Kohlen

24 04 2012

Nachdem ein Mentaltrainer die Ludwigsburger Mannschaft eingestimmt hat, gelingt der mit einer Energieleistung gegen Würzburg der Klassenverbleib in der Bundesliga.

Jeff Greer wartet noch ein bisschen. Der Flügelspieler des BasketballBundesligisten hatte zuvor den Ball verloren, die Gegner aus Würzburg den Wurf aber vergeben und sich nach einem Rebound ihrerseits den Ball klauen lassen. Dann bekommt der 32-jährige Routinier einen langen Pass, steht nun an der Dreipunktelinie und wartet – als wolle er seinen Turbo laden, für diesen einen letzten Kraftakt. Greer hält so lange inne, dass ihn der Gegenspieler beim Dunking eine Minute vor Schluss auch noch regelwidrig angeht.

Die Schiedsrichter entscheiden in der aufgeladenen Atmosphäre vor den mit 4500 Zuschauern ausverkauften Rängen auf ein unsportliches Foul. Der Würzburger Trainer John Patrick schimpft, kassiert noch ein technisches Foul. Greer jubelt, die Halle brodelt. Wenig später führt Ludwigsburg nach den Strafwürfen, dem Ballbesitz und weiteren Freiwürfen mit 89:79 – und der Nichtabstieg ist geschafft, weil Gießen parallel gegen Bonn verloren hat. Dieser 91:80-Sieg (37:37, 75:75) nach Verlängerung war in seiner Dramatik und Intensität symptomatisch für die Saison. Mit dem entscheidenden Unterschied: Ludwigsburg gewann diesmal auch ein knappes Spiel.

Dabei hatte das Team des Trainers Steven Key in der regulären Spielzeit den Matchball noch vertan, weil sich keiner traute, 21 Sekunden vor der Schlusssirene beim 75:72 abzuschließen und Mark Dorris schließlich den Ball verlor. Doch der Würzburger Ausgleich brachte das Heimteam nicht aus der Ruhe. „Wir sind schon in dieser Situation gewesen“, sagte Greer, der Mann des Abends. „Da kommt es nicht mehr auf Basketball an, sondern darauf, dass jeder für seinen Nebenmann kämpft.“ Das haben die Ludwigsburger zweifelsfrei getan, daher letztlich auch verdient gewonnen und eine weitere Zitterwoche sowie eine eventuelle Spielberechtigung in der ersten Liga durch eine Wildcard umgangen. „Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft. Sie ist immer durch Höhen und Tiefen gegangen“ sagte Key, der in der Verlängerung sein Sakko ausgezogen hatte, weil sich in dem von ihm erhofften „Hexenkessel“ zu viel Wärmenergie angesammelt hatte.

„Die Mannschaft hat sich emotional überhaupt nicht runterziehen lassen“, sagte der Manager Mario Probst. Die Energieleistung des Teams belegte er mit den 49 gewonnenen Rebounds, 21 mehr als Würzburg – immerhin die beste Mannschaft in der Liga bei den Offensivrebounds . „Das war tolle Werbung für den Basketball“, sagte Dorris, der die zusätzliche „Energie“ auch auf ein Ereignis am Vorabend kurz vor Mitternacht zurückführte. Die Verantwortlichen hatten sich nämlich etwas „Außergewöhnliches“ überlegt, wie Key sagte: Über glühende Kohlen wollten sie mit der Mannschaft gehen – über eine etwa fünf Meter lange Strecke.

„Sie mussten alles aus sich herausholen, waren an der Spitze des Energielevels“, sagte der Mentalcoach Markus Behles, der damit schon 2004 erfolgreich gewesen war, als Ludwigsburg am letzten Spieltag den Klassenverbleib sicherte. „Das war eine tolle Erfahrung und hat den Spielern individuell etwas gebracht“, sagte der mit 24 Punkten beste Werfer jedenfalls. Und: auf glühenden Kohlen sitzt die Mannschaft am letzten Spieltag jetzt auch nicht mehr.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (23. April 2012)

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: