Was macht eigentlich Tokio Hotel?

28 03 2012

Um die Magdeburger Band ist es still geworden. Ein neues Album soll in Arbeit sein. Doch die Musiker betreiben mit ihren Fans ein unbefriedigendes Versteckspiel.

Die Suche beginnt auf der Homepage der Band. Wer Tokio Hotel erwartet, bekommt erst einmal ein Werbeintro für die neue BTK-Twins-App. BTK: Bill und Tom Kaulitz. „Was machen sie den ganzen Tag, oder was für Klamotten trägt Bill?“ – solche Fragen sollen die Nutzer locken. Erst im Kleingedruckten fällt das Wort „Musik“, das eigentliche Kerngeschäft. Gar keinWort hingegen über Gustav Schäfer und Georg Listing, die zwei anderen der einstmals fantastischen Vier aus Magdeburg, die 2005 mit ihrer Single „Durch den Monsun“ die deutschen Charts stürmten.

Tokio Hotel war schon immer eine Zweimannschau, doch ist die Band nun auch eine Zweimanngruppe? Auf der Seite werden die Suchenden dann aufgefordert, sich für den neuen VIPCall anzumelden. Die von allen vier aufgenommen Sequenzen berichten über Georgs Geburtstag, Toms Lieblingsobst oder Gustavs Schokoladeneisvorlieben. Die Gruppe ist also noch komplett, sie macht noch gemeinsame Sache.

Mit solchen Ködern belebt die Band die Aufmerksamkeit der Fans, stillt deren Informationsdurst, heizt die Gerüchteküche an. Denn in den Telefonanrufen, den Nachrichten der BTKApp, den sozialen Netzwerken wie Facebook sprechen sie über ein neues Album, neue Songs, neue Töne. Zudem verspricht Tom, dass „wir immer ältere Songs auf unseren Touren spielen werden“. Das klingt nicht nach einem Ende. Die Plattenfirma Universal Music teilt mit: „Bill und Tom sind in L.A. und arbeiten intensiv mit ihren Produzenten am neuen Album, schreiben Songs und haben sich einfach im Studio eingeschlossen. Sie setzen auch während dieser Phase die bereits über ein Jahr andauernde komplette Öffentlichkeitspause fort.“ Indes sei das Management nicht verfügbar. Nur Bill und Tom, machen die Brüder also doch ihr eigenes Ding?

Das könne man so nicht sagen, antwortet die Dame von der Plattenfirma. Alle Beteiligten verstreuen Köder. Schmackhaft werden die aber erst, weil sie sich im Internet in den Fanforen sowie auf den Fanseiten weltweit verbreiten und zudem gewürzt werden: durch die Nominierung der Band für den Wettbewerb March Madness des Musiksenders MTV 2011 und 2012; durch die Wahl von Bill zu „Mister Winter 2012“ auf der französischen Website star-planete.net; durch den Song „If I die tomorrow“, einer Co-Produktion von Bill und der Gruppe Far East Movement, der wohl auf deren neuen Album „Dirty Bass“ im Mai erscheint; durch den zweiten Worldwide Tokio Hotel Day am 14. April.

Auch die Suchenden sind also noch da, sie schlucken die Köder. Mehr als 2,6 Millionen Fans, Aliens genannt, auf Facebook und 13 Millionen Treffer, die die Suchmaschine Google bei den Worten „Tokio Hotel Band“ ausspuckt, sind deutliche Zahlen. Doch „in Deutschland hat sich schon viel zurückentwickelt“, sagt Sabrina Berretz von der inoffiziellen Fanseite th-wonderland.de – der offizielle Fanclub wollte keine Auskunft geben: „Weil von der Band nichts kommt, besonders seit einem halben Jahr.“ Im Forum sei weniger los, die Fantreffen hätten abgenommen. Die Fans hätten das Gefühl, dass sich dieMusiker von ihnen abwenden. „Es gibt viele, die sich verarscht fühlen, weil es 2010 nur zwei Deutschlandkonzerte gab“, sagt Berretz.

Sie sagt aber auch, dass die Aliens wiederkommen, sobald die Band ein Konzert gebe. Sie berichtet, dass Bill und Tom mit den Eltern sowie den Hunden in einer Villa in Los Angeles leben. Gustav, der jüngst in Magdeburg bei einem Auftritt von Kurt Krömer war, und Georg, der Gerüchten zufolge studiert, seien in Deutschland. Die musikalische Zusammenarbeit laufe wie beim bisher letzten Album „Humanoid“, das 2009 herauskam, über das Internet. Manchmal seien der Drummer und der Bassist auch in den USA bei Bill, dem Sänger, und Tom, dem Gitarristen. „Kürzlich waren sie laut der App wohl da“, sagt Berretz, die die Äußerungen der Kaulitz-Zwillinge zum neuen Album so interpretiert, dass es „wohl erst nächstes Jahr kommt“: „Im Grunde haben wir aber keine Ahnung.“

Wenn selbst interessierte und aufmerksame Fans nicht genau Bescheid wissen, ist die Öffentlichkeitsarbeit einer Band zumindest gefährlich. Jedenfalls, wenn Tokio Hotel mehr als nur Alltagsgeschichten verbreiten möchten. Immerhin liegt der letzte Musikauftritt in Japan schon etwa neun Monate zurück, und auf der Bandhomepage öffnet sich beim Click auf den Reiter „Termine“ ein leeres Feld. Auch wenn die Zwillinge einen intensiven Fankontakt über die Online-Kanäle pflegen, Bill am 23. Februar über Facebook „NEW ALBUM SOON!!!“ mitteilte, sind viele Anhänger unbefriedigt. Da hilft es auch nicht, dass aus den VIPCalls und App-Nachrichten hervorgeht, dass die Band einen ihrer Lieblingssongs gecovert hat, der vielleicht auf das neue Album kommt, auf dessen Veröffentlichung eine weltweite Tour folgen soll, wie es das Blog „Talinah“ zusammenfasst.

Das Versteckspiel mit den Informations- und Gerüchtehäppchen, die den Appetit anregen, den Hunger aber nicht stillen, ist ein Risiko. Andererseits wird diese Werbetaktik aber auch teils als richtig bewertet. So oder so, Tokio Hotel bleibt sehr bekannt, und viele fragen sich: „Was machen die eigentlich?“ Die Suche nach der Antwort könnte für die Deutschen vielleicht im November in Frankfurt enden. Dort gastieren nämlich die 19. MTV European Music Awards – und das wäre eine tolle Bühne für Bill, Tom, Georg und Gustav, sich den deutschen Fans mal wieder hautnah und live zu präsentieren.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (27. März 2012)

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