Ohne Green – Mut oder Übermut?

13 03 2012

Die Ludwigsburger Basketballer verlieren gegen München, und ihr Kapitän darf nur zuschauen

Steven Key ist ein mutiger Trainer. Der Übungsleiter des BasketballBundesligisten Ludwigsburg hatte schon bei seinem ersten Spiel als Chef an der Außenlinie gegen Hagen Donatas Zavackas nach einem Disput für den Rest der Partie auf der Bank gelassen. Gegen Bayern München fehlte nun Jerry Green im Kader der Schwaben. Aufgrund der Ausländerregel musste Key einen Aufbauspieler aus dem Aufgebot streichen. Dass es den Kapitän traf, überraschte zumindest. Geholfen hat es nicht, Ludwigsburg verlor gegen den Aufsteiger nach einem miserablen ersten Viertel (10:22) und einer beeindruckenden, aber kräftezehrenden Aufholjagd im dritten Abschnitt (20:6) mit 64:71 (28:41).

„Es war keine Entscheidung gegen Jerry, sondern für die Mannschaft“, sagte Key und wiederholte diesen Satz mehrfach, ließ aber auch anklingen, dass der US-Amerikaner wohl den Rest der Runde nicht mehr mitwirken wird. „Die ganze Saison ist irgendwie schiefgegangen. Jerry war oft verletzt, ihm fehlt der Rhythmus.“ Während Alex Harris – mit 13 Punkten bester Werfer des Heimteams – und Anthony Fisher (11) zumindest punktemäßig ordentlich agiert haben, findet Mark Dorris diesen Rhythmus derzeit allerdings auch nicht, gegen München verlor der Aufbauspieler viermal den Ball und erzielte den ersten seiner lediglich zwei Punkte genau 107 Sekunden vor der Schlusssirene. Key ergänzte, dass beide „unterschiedliche Spielertypen“ seien. „Jerry muss den Ball haben, wir brauchen derzeit aber vor allem Bewegung.“ Diese Dynamik war der Grund für den zwischenzeitlichen 15:0-Lauf im dritten Abschnitt, nachdem das Team sehr lange in der Kabine geblieben war, und der Trainer offenbar die richtigen Worte gefunden hatte.

David McCray leitete die Aufholjagd ein, der nach seiner Einwechslung vor allem die Defensive reanimierte und die 4500 Zuschauer anpeitschte, die zuvor bereits gepfiffen hatten. Bei seiner Auswechslung – es stand 42:41 für Ludwigsburg – erhielt der Aufbauspieler Sonderapplaus von den Rängen der in dieser Saison erstmals ausverkauften Arena. „Eine gute Verteidigung zeichnet mich aus“, sagte er, „und diesmal ist der Funke übergesprungen.“ Auch der Gästetrainer Dirk Bauermann lobte den Deutschen: „Mit David hat die Verteidigung ein besseres Niveau bekommen, das hat unseren Rhythmus kaputt gemacht“, sagte der ehemalige Bundestrainer. Es sollte aber nicht reichen, weil McCray und Co. die Konstanz fehlt – und vor allem zu häufig der Ball verloren wird. Aber besonders die desolate Leistung im ersten Viertel, die Missverständnisse, die mangelnde Bewegung, die fehlende Struktur lassen unterdessen Zweifel aufkommen, ob die Entscheidung, ohne Green zu spielen, richtig war – allein schon, weil das Diskussionsstoff bietet.

„Ich muss das nicht nachvollziehen“, sagte McCray zuerst, sprach dann über die Verletzungsprobleme des Kapitäns und kam letztlich zu dem Schluss, dass es „nachvollziehbar“ ist. Green sei aber ein Spieler, der das akzeptiere. „Er steht voll hinter uns, gibt uns Tipps und wird uns vor allem durch seine Erfahrung und Ausstrahlung helfen.“ Diese Führungsposition auf dem Feld übernimmt indes zunehmend Jeff Greer (zwölf Punkte), dessen Leistungssteigerung den Trainer Key ein Stück weit ermutigt hat, Green nicht aufzustellen, weil sie die Kritik abschwächt, dass seiner Mannschaft der Leitwolf fehle. Trotz allem rangiert der Verein als Vorletzter weiter auf einem Abstiegsplatz. Die Situation ist so prekär wie schon lange nicht mehr in Ludwigsburg. Mut kann in solchen Phasen helfen, aber auch schnell zu Übermut werden.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. März 2012)

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