Psychische Hilfe an der Kletterwand

18 12 2011

Sport kann erkrankte Menschen unterstützen, aber die ärztliche Verordnung ist ein Problem.

Die Diagnose beginnt an der Kletterwand. Bei diesem Sport kann das Verhalten von Patienten der so genannten psychiatrischen Suchtforensik, die unter anderem den Gefährlichkeitsgrad von Straftätern einschätzen soll, bereits auf bestimmte Probleme hinweisen. Das sagt jedenfalls Gerhard Längle, der Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Zwiefalten.

Er war jüngst einer der Redner bei einer Tagung, die der Württembergische Behinderten- und Rehabilitationssportverband sowie der Landesverband Gemeindepsychiatrie im Sport Stuttgart gemeinsam ausgerichtet haben. Unter dem Titel „Außerklinische Sport- und Bewegungsangebote für psychisch beeinträchtigte Menschen“ haben rund 60 Experten aus dem Gebiet der Bewegungs- und Sporttherapie diskutiert.

„Das Höher-schneller-weiter- und Alles-oder-Nichts-Prinzip in den Sportvereinen ist eine Barriere für psychisch beeinträchtigte Menschen“, sagte Anne Cless vom Sozialministerium Baden-Württemberg. Die Vorsitzende des gemeindepsychiatrischen Landesverbandes, Inge Schöck, pflichtete ihr bei: „Wir wollen den Blick auf den außerstationären Bereich lenken. Hier brauchen wir ein breiteres Angebot mit engagierten Bürgerhelfern, ausgebildeten Übungsleitern und Selbsthilfegruppen.“

Doch was bringen Sport und Bewegung Menschen mit einem psychischem Handicap? Wissenschaftliche Forschungen sind jedenfalls rar, Einzelstudien wurden zwar durchgeführt, doch systematische Untersuchungen fehlen bisher. „Die Bewegungstherapie wird umso wichtiger, je weniger akut die Erkrankung ist“, sagte der Mediziner Längle und verwies darauf, dass diese Form der Behandlung in das therapeutische Gesamtkonzept eingebaut werden muss. „Kliniken, Therapeuten, Vereine sowie Förderkreise sollten zudem vernetzt sein“, forderte die Sportpädagogin Sibylle Hornberger, die beim Tübinger Verein TSV Lustnau seit mehreren Jahren erfolgreich sporttherapeutische Kurse anbietet.

All diese Aktionen verfolgen allgemeine Therapieziele wie die generelle Aktivierung, das Herstellen von Konfrontationen oder das Erlernen von Gruppenregeln. Hinzu kommen die spezifischen Ziele Kräftigung, Ausdauer, Nähe-Distanz-Regulierung, Durchsetzungsfähigkeit oder das Training „harmloser“ Körperkontakte. „Das ist für viele Patienten entscheidend, weil hier oft eine hohe Hemmschwelle vorliegt“, berichtete Längle, der in den Bereichen Depression, Gerontopsychiatrie – hierbei handelt es sich um Probleme im Alter wie beispielsweise die Demenz –, Suchtforensik sowie Schizophrenie weitere Therapiebeispiele nannte, bei denen Sport hilfreich ist.

„Es ist klar nachgewiesen, dass Ausdauertraining antidepressiv wirksam ist“, sagte er und zählte dazu schon einen einstündigen Spaziergang pro Tag im Freien. Auch bei psychisch beeinträchtigten Menschen, die kriminell tätig waren, sei Laufen wichtiger als das Krafttraining: Die „Muckibude“ verstärke eher das Verhalten, das die Häftlinge und Patienten in Freiheit an den Tag legten. „Damit kommt man nicht an die Probleme heran“, so Längle. Für ältere Menschen eignen sich Gangsicherheitstrainings, einfache Ballspiele, Hockergymnastik oder die klassische Physiotherapie.

Eine Überwachung der Übungen in Vereinen und Fitnessstudios durch Therapeuten ist dabei essenziell. Längle schlug außerdem vor, den Betriebssport und die Zusammenarbeit mit den Vereinen auszubauen sowie mehr Kooperationen mit Fitnesscentern und mehr Rehasportgruppen ins Leben zu rufen. Zudem forderte er, dass die psychiatrische Bewegungstherapie ärztlich verordnet werden kann, was derzeit nicht der Fall sei. „Das ist eine Schlechterbehandlung, eine Unverschämtheit, ein Skandal“, sagte Längle, „hier muss politisch etwas unternommen werden.“

Er meinte damit die Therapie im Rahmen einer Akutbehandlung und nicht den Rehabilitationssport. Dieser ist für psychisch beeinträchtige Menschen durchaus verordnungsfähig. In der anschließenden Diskussion wurde aber auch im Bereich der psychiatrischen Bewegungstherapie von Sonderleistungen der Krankenkassen berichtet. Zwischen 100 und 200 Euro an Unterstützung seien in gewissen Fällen pro Monat für die Behandlung möglich.

Doch auch zu Diagnosezwecken eignen sich die Übungen und Aktionen der Bewegungs- beziehungsweise Sporttherapie. Das Verhalten in Gruppen, die eigene Körperwahrnehmung, der Umgang mit Emotionen, das alles können die Experten bei der sportlichen Betätigung herauslesen. Und wenn ein Patient so weit ist, dass er sich von einem anderen beim Abseilen an der Kletterwand sichern lässt, dann ist das ein „großer Erfolg“, wie Längle sagte. Der Kletterer traut sich zu vertrauen, derjenige, der absichert, erhält Vertrauen – und beide machen dabei einen Fortschritt.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (17. Dezember 2011)

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