Mit zwei Assen zum Multimillionär

11 11 2011

Pius Heinz ist der erste deutsche Poker-Weltmeister – und über Nacht ein reicher Mann geworden.

Das Blatt wendet sich gegen neun Uhr deutscher Zeit. Bis dahin hat der Tscheche Martin Staszko das Finalduell der Poker-Weltmeisterschaft in Las Vegas dominiert. Der Kölner Pius Heinz geht mit einem Ass und einer Dame „all in“, setzt also all seine Chips. Staszko lässt sich mit der Kartenkombination Dame-Neun locken – und Heinz übernimmt die Führung. 30 Minuten später, nach sechs Stunden Spielzeit und 119 Runden, entscheidet der Student aus Deutschland das sogenannte Heads-up für sich und gewinnt das Siegerpreisgeld in Höhe von unfassbaren 8,72 Millionen Dollar (6,3 Millionen Euro). Erneut reicht ihm ein Ass als höchste Karte. Staszko verliert mit einer Zehn und einer Sieben, und Heinz ist der erste deutsche Poker-Weltmeister, der zweitjüngste überhaupt mit der dritthöchsten jemals ausgespielten Siegprämie.

Der 22-Jährige denkt sofort an die Heimat, schreibt über das Handy auf seine Facebook-Seite: „Ich habe es für Deutschland getan.“ Dazu veröffentlicht er ein Foto. Das Bild seines größten Triumphs: Heinz reckt das goldene Siegerarmband, der größte Ruhm für einen Pokerspieler, in die Höhe, vor ihm liegen Bündel von Geldscheinen, hinter ihm prangt ein Plakat mit dem Schriftzug „Pius, will you marry me?“.

Über Facebook informiert Heinz seine Fangemeinde, seitdem er in Las Vegas angekommen ist. Freunde, Bekannte, auch Fremde wünschten ihm Glück, gratulierten, tauschten sich über die Streams im Internet aus, um nachts live dabei sein zu können. „Bild online“ nannte ihn „Poker-Papst Pius“, auch „Spiegel-Online“ berichtet über den neuen Weltmeister. Zu den etwa 3500 Facebook-Fans am Finalvorabend kamen allein gestern mehr als 11 000 hinzu.

Pius Heinz ist jetzt ein Star.

Dabei war er als Außenseiter nach Las Vegas gereist. Unter knapp 7000 Mitstreitern, die alle 10 000 Euro als Antrittsgeld aufbringen mussten, hatte er sich von Mai bis Juli für das sogenannte November Nine qualifiziert. Diese neun Finaltischteilnehmer spielten in den vergangenen Tagen den Meister der World Series of Poker aus. Heinz war allerdings nur als Siebter in die Endrunde gestartet, weshalb lediglich zwei Akteure weniger Chips als er hatten. Auf den Fußball übertragen würde das in etwa bedeuten, dass Heinz‘ Mannschaft mit einem oder zwei Spielern weniger auflief.

„Mein Leben ist am Scheideweg. Wenn ich wirklich gewinnen sollte, hätte ich ausgesorgt“, hatte er vor seinem Trip in die USA gesagt. Als Multimillionär kehrt er zurück, er ist nun auf der Route der finanziellen Unabhängigkeit unterwegs. Das Leben, das er kannte, ist mit einem Mal vorbei. „Ich kann es gar nicht glauben. Das ist alles so unwirklich“, sagte der in Odendorf bei Bonn geborene Heinz nach dem Sieg.

Im Internet fing er vor ein paar Jahren an, sich für das Kartenspiel zu begeistern – für das Texas Hold’em Poker, die bekannteste und am weitesten verbreitete Variante. Erst seit einem Jahr spielt Heinz auch am Tisch. Er studiert Wirtschaftspsychologie an der Kölner Fresenius-Hochschule, lebt derzeit aber in Wien. Spätestens seit der Qualifikation für das Finale in Las Vegas zählt er zu den Profis in dem Kartenspiel. Dementsprechend bereitete er sich akribisch auf den Jahreshöhepunkt vor.

Mit seinem Betreuer Johannes Strassmann, der selbst Profispieler ist und eine Pokerschule gegründet hat, trainierte er. „Es gehört aber mehr als nur Spieltheorie dazu, um ein erfolgreicher Spieler zu sein. Es ist wichtig, dass die psychische und physische Balance stimmt“, sagte Strassmann. Ein Fitness- und Mentaltrainer half mit, Heinz für die körperlichen und geistigen Strapazen zu wappnen. Ein Internist gab Tipps für die Ernährung. „Viel Obst, kein Weißbrot, wenig Nudeln und Reis“, fand der „Spiegel“ heraus. Zudem „habe ich mir alles durchgelesen, was über meine Mitspieler geschrieben wurde“, sagte Heinz. Die Konzentration und die Leistung am Tisch waren dann genauso gut wie die Vorbereitung. Hinzu kam das nötige Kartenglück – und Heinz‘ Pokerface.

Sein Markenzeichen ist ein Kapuzenpullover. Die Ärmel sind meist hochgezogen, die Kapuze versteckt Heinz‘ Kopf. Darunter blickt der 22-Jährige bisweilen psychopathisch, wohingegen er ohne Kapuze manchmal den Eindruck eines Milchgesichts erweckt. Vielleicht bringt genau diese Bandbreite an Eigenschaften den Erfolg mit den Karten. Ein guter Pokerspieler muss schließlich fokussiert, realistisch, aber auch verrückt und fähig sein, zu bluffen, zu riskieren und zurückzustecken – vor allem wenn er um Millionenbeträge zockt. Er könne beim Spiel „alles ausblenden“, sagt Pius Heinz.

Das half ihm sicherlich zu Beginn des Wettkampfs am Sonntag, als er gleich die ersten beiden Spielrunden verlor. Um 23.43 Uhr deutscher Zeit schrieb er auf Facebook aber: „2 times all in . . . ;)“, und zwölf Minuten später: „Chipleader“. Er führte also, das Spiel hatte sich gedreht – und Pius Heinz wurde drei Tage später Weltmeister im Pokern.

 

Teilnehmer 6865 Pokerspieler aus 85 Nationen haben sich für die Qualifikation zur Endrunde der WM angemeldet. Neun Zocker blieben nach den Vorausscheidungen von Mai bis Juli übrig und traten nun in Las Vegas am Finaltisch an. Drei schafften den Sprung in den Endwettkampf: Pius Heinz, Martin Staszko und der US-Amerikaner Ben Lamb. Hier war der Deutsche der Favorit, weil er zuvor die meisten Chips gewonnen hatte. Henry Nowakowski war 2001 der erste Deutsche am Finaltisch.

Preisgeld 64 540 858 Dollar wurden unter den Teilnehmern ausgespielt. 29 Deutsche schlossen innerhalb der besten 700 ab, Patryk Hopner bekam als 649. Platz immerhin noch 19 359 Dollar.

 veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (10. November 2011)

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