Ein Samstagabend voller Schmerzen

1 11 2011

Der Ludwigsburger Bundesligist unterliegt Braunschweig und leidet dabei physisch und psychisch.

Der schlimmste Schmerz kommt ganz zum Schluss. Am schlimmsten deswegen, weil er die gesamte Mannschaft des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg sowie dessen Fans trifft. Die Uhr zeigt eine Restspielzeit von sechs Sekunden an, der Ball landet nach einem Braunschweiger Fehlwurf in den Händen von Alex Harris. Der 25-Jährige zögert kurz, dribbelt dann schnellstmöglich in die Zone der Gäste, springt, wirft – ein Raunen begleitet den Ball im Flug – und er vergibt die letzte Chance. Die New Yorker Phantoms Braunschweig gewinnen vor 2900 Zuschauern mit 70:69 (39:34).

Es ist die erste Ludwigsburger Heimniederlage in dieser Saison. „Wir haben uns immer wieder aufgebäumt. Ich kann meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen“, sagte Markus Jochum. Der Mund des Ludwigsburger Trainers verzog sich dabei immer wieder zu einem Schmunzeln. Es wirkte, als wolle er einerseits den psychischen Schmerz der knappen Niederlage weglächeln. Andererseits verstärkte dieser Anblick die Ratlosigkeit des Übungsleiters.

„Heute kam irgendwie alles zusammen, und wir hatten dennoch mit dem letzten Wurf die Chance zu gewinnen“, sagte der 47-Jährige – und sprach von den individuellen Schmerzen. Im Knie des Aufbauspielers Mark Dorris zum Beispiel, dem seit knapp zwei Wochen eine Fettablagerung in dem Gelenk Probleme bereitet. Daher habe er zwei einfache Korbleger vergeben, die er sich selbst vorbereitete, weil er den Braunschweigern jeweils den Ball klaute. „Es ist nicht einfach, wenn man solche Frustration einstecken muss“, sagte der Trainer, und ihm fielen sofort weitere Kleinigkeiten ein, aus denen sich das Niederlagenpuzzle zusammensetzte.

Donatas Zavackas beispielsweise lief mit einer Schutzbrille auf. Der Tränenkanal im Auge des Litauers wurde gegen Bremerhaven so stark malträtiert, dass er operiert werden musste. Die Brille hemmte ihn, der Flügelspieler verzichtete auf Würfe, die er sonst nimmt, verpasste damit wichtige Punkte für das Heimteam.

Oder John Bowler, der Kämpfer unter dem Korb. Gegen Braunschweig war er zusammen mit Johannes Lischka zwar Ludwigsburgs bester Werfer (je 13 Punkte), doch er musste im Schlussviertel in der Kabine behandelt werden, um den Schmerz in seinem lädierten Knöchel zu lindern.

Das alles sind Szenen gewesen, die es dem Trainer zumindest schwer machen, seine Spieler zu kritisieren. Eine Aktion hob Markus Jochum dann aber doch als „spielentscheidend“ hervor. Als Ludwigsburg kurz vor dem Ende des dritten Durchgangs mit 51:50 führte, beschwerte sich Terrel Harris über eine Schiedsrichterentscheidung und wurde prompt mit einem technischen Foul belegt, was gleichbedeutend mit zwei Freiwürfen und dem Ballbesitz für die Gäste war. „In so einer heißen Phase darf einem das nicht passieren. Nicht mal ich hätte da ein technisches Foul begangen“, sagte Jochum, der gelegentlich selbst ein Freund von Wutausbrüchen an der Seitenlinie ist.

Diese Aktion dürfte die Chancen des 24-Jährigen auf eine Vertragsverlängerung nach den bisher eher mäßigen Leistungen nicht gerade erhöht haben. Sein Trainer wollte sich am Samstagabend jedenfalls nicht konkret über den auslaufenden Probekontrakt äußern. Vielleicht wollte Markus Jochum an diesem Leidenstag aber auch einfach keinem seiner Spieler weitere Schmerzen zufügen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (31. Oktober 2011)

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