Eine Frage des Aufgebots

22 10 2011

Die TSG Backnang kämpft um die Deutsche Judo-Meisterschaft – zum ersten Mal. Tritt die Konkurrenz nicht in Bestbesetzung an, darf das Team auf eine Überraschung hoffen.

Die frohe Botschaft ist vom Gegner gekommen. Die Mannschaftsführerin des Gastgebers vom letzten Hauptrundenkampftag im September in Leipzig teilte den Judofrauen der TSG Backnang mit, dass sie bei den Play-offs dabei sind. Die Konkurrenz aus Wiesbaden hatte gepatzt, und die Judokas aus Schwaben qualifizierten sich somit als Dritter der Südstaffel erstmals in der Clubgeschichte für die Endrunde um den Titel des Deutschen Mannschaftsmeisters. Diese wird morgen (15 Uhr) in Brandenburg ausgetragen, um 5 Uhr früh fährt das Team mit den Fans im Reisebus in den Osten der Republik, direkt nach dem Wettbewerb geht es zurück. Ein Faktencheck.

Titelchancen Der Trainer Jens Holderle sieht seine Mannschaft als klaren Außenseiter, besonders weil Backnang mit dem JC Leipzig und der PSG Brandenburg schon in der Gruppenphase auf die Titelfavoriten trifft. Er schließt aber auch eine Überraschung nicht aus, schließlich „weiß man nicht, ob die Teams in Bestbesetzung antreten“. Denn der individuelle Wettkampfterminplan stehe im Spitzenjudo über den Teamwettbewerben, so dass bei Endrunden schon mal „Rumpftruppen“ auflaufen, wie Holderle sagt. Auch Backnang kann nicht in Bestbesetzung antreten. Einige Kämpferinnen sind verletzt, andere pausieren nach ihren Grand-Prix-Auftritten.

Vereinsgeschichte Im Jahr 2002 sind die Backnangerinnen in die erste Judo-Bundesliga aufgestiegen. Seither schrammte die Mannschaft in der „wahnsinnig starken Südgruppe“ (Holderle) schon einige Male knapp an der DM-Endrunde vorbei, für mehr als Platz vier hat es bisher nie gereicht. „In diesem Jahr hat aber alles gepasst“, sagt Holderle, der das Team 2007 übernahm. „Wir hatten keine Verletzungen, und die Frauen hatten meistens Zeit, das ist schon fast das Wichtigste.“

Clubphilosophie Auf Sportler aus der Region bauen und Nachwuchskämpferinnen fördern – so beschreibt Holderle das Konzept des Vereins. In den sieben Gewichtsklassen kämpfen derzeit fünf Eigengewächse. Er weiß aber auch: „Wenn du oben ankommen willst, musst du auch auswärtige Kämpferinnen holen. Alles aus dem Ländle geht halt nicht.“ Diese Topleute erhöhen zudem die Attraktivität des Sports, sind Werbung für den Club und ermöglichen dem Nachwuchs ein Messen auf internationalem Spitzenniveau.

Mannschaft Michaela Baschin (Olympianeunte 2008, EM-Dritte 2006 und 2009) und Luise Malzahn (EM-Dritte 2011) sind die Erfolgreichsten im Team. Für Holderle ist aber auch Antoinette Hennink wichtig. „Sie bringt gute Laune und auch viel Ruhe rein.“ Insgesamt spricht der Trainer von einer guten Chemie, auch wenn es kein gemeinsames Training gibt. Denn einige Kämpferinnen kommen aus anderen Bundesländern oder dem Ausland. Auf Lehrgängen und bei Trainingslagern tauschen sich die Frauen aber aus.

Aufstellung Weil auch der Trainer seine Judokas, die ein Doppelstartrecht haben, wegen der örtlichen Distanzen nicht so häufig sieht, entscheidet er aufgrund der Wettkampfergebnisse auf der Matte und mittels Gesprächen über die Formation. „Ich bin da nicht der Zampano“, sagt Holderle, „wir versuchen, das im Team zu machen und uns abzustimmen.“ Schließlich wissen die Frauen selbst am besten, welche Gegnerin ihnen liegt und welche nicht.

Wahrnehmung „Frauenjudo wird von vielen mit einem Lächeln betrachtet“, sagt der Trainer Jens Holderle. Dabei sei der Sport im Spitzenbereich sehr attraktiv. Während bei den Männern Kraft und Taktik den Reiz teilweise reduzieren, überzeugen die Frauen mit schönen Techniken. Manchmal fehlt jedoch die Dynamik, weshalb die Männerduelle häufig spektakulärer sind, sagt Holderle. Generell sei das Spannende im Judo, dass jeder jeden schlagen kann. „Auch wenn man körperlich und technisch unterlegen ist, kann man trotzdem den optimalen Zeitpunkt erwischen und den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen.“

Darauf hoffen die Backnanger Judokas nun auch bei der morgigen Endrunde in Brandenburg an der Havel. Schließlich macht die knapp sechsstündige Heimfahrt mit dem Bus mehr Spaß, wenn es etwas zu feiern gibt. So oder so – das Team ist diesmal jedenfalls nicht auf eine Nachricht von den Gegnerinnen angewiesen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (21. Oktober 2011)

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