Zwischen G 8 und Eisen 7: Gymnasium bremst Talente

13 10 2011

Die von Martin Kaymer monierten Nachwuchsprobleme liegen nicht nur am fehlenden Eifer der Jugend.

Eigentlich hätte es Platz sieben werden müssen. Schließlich waren die U-14-Junioren des Stuttgarter Golfclubs Solitude im Startfeld der Deutschen Meisterschaft mit ihrem Durchschnittshandicap auf diesem Rang gelegen. Doch sie spielten dann so gut, dass sie den Titel gewannen. „Das war schon etwas überraschend“, sagt der baden-württembergische Landestrainer Tobias Heim, der die elf- bis 14-jährigen Jungs betreute.

Heim freute sich natürlich über den Erfolg – und bestätigt zu großen Teilen die Aussagen des deutschen Golfstars Martin Kaymer, der bei einem seiner seltenen Auftritte in Deutschland vor Kurzem den Nachwuchs hierzulande als faul beschrieb. „Ich glaube, dass die jungen Spieler viel zu schnell zufrieden sind. Sie spielen ein, zwei Turniere und ruhen sich dann darauf aus“, sagte der Golfprofi und bemängelte die fehlende Breite im deutschen Spitzenbereich.

Dabei ist die Anzahl der Golfer in den vergangenen Jahren stets gestiegen, über 600 000 Menschen schwingen in der Republik derzeit den Schläger. Doch nur rund zwölf Prozent davon sind 21 Jahre und jünger, mehr als die Hälfte ist über 50. Baden-Württemberg ist der drittgrößte Landesverband, der Nachwuchs gewinnt regelmäßig den deutschen Jugendländerpokal.

Der Landestrainer Tobias Heim berichtet aber, dass die nachkommenden Jugendspieler etwas schlechter werden, was sich im Handicap und ihrer Leistung zeigt. Neben der fehlenden Disziplin sei auch die verkürzte Gymnasiumszeit durch das G8 schuld: „Die Jugendlichen haben nicht mehr so viel Zeit für das Training, dieses Schulsystem ist ein Killer.“ Außerdem werden die Kinder „viel zu früh als Talente gesehen und von den Eltern sowie den Heimatclubs gelobt“. Der Nachwuchs lässt daraufhin beim Training nach. Nicht so Kaymer. „Er war und ist einer der fleißigsten, der stundenlang Bälle schlagen kann“, sagt Heim, „viele geben da heute zu früh auf.“

Susanne Leimeister ist beim Deutschen Golf Verband (DGV) für die Jugend zuständig und hält diese „persönlich nicht für faul“. Die Anforderungen im Spitzengolf seien höher als früher, die Konkurrenz stärker – und die Schulbelastung größer. Sie sieht Golf zudem gegenüber anderen Sportarten im Nachteil: „Viele Golfanlagen sind selten mit dem Bus erreichbar, daher müssen die Eltern ihre Kinder hinfahren.“ Das ist eine Barriere, gerade bei dem Aufwand, der im Leistungssport notwendig ist. Generell sieht aber auch sie noch „vorhandenes Potenzial“ bei der Motivation der heranwachsenden Golfer.

Bei Martin Kaymers Kritik an der Etikette des Golfsports, beispielsweise in Bezug auf den Dresscode, ist Leimeister hingegen anderer Meinung. Schließlich könnten die Kinder anziehen, was sie möchten. Dennoch sagt ihre Kollegin Katja Bayer, die Leistungssportkoordinatorin beim DGV, dass der Golfsport „kindgemäß“ sein und „seine Attraktivität für Jugendliche erhöhen“ sollte. Das steigert die Chancen, Kinder an den Schläger zu bringen, wodurch sich wiederum das Kontingent an Talenten vergrößert. Denn: „Wir sind nicht ausreichend breit aufgestellt, was den Nachwuchsleistungssport angeht“, sagt Bayer.

Deshalb entwickelt der Verband zurzeit ein Konzept, das die Leistungssportkultur im Golf verbessern soll. Zum Beispiel soll das Wettkampfsystem umstrukturiert werden, damit der Nachwuchs häufiger Turniere spielt – ein weiterer Kritikpunkt Kaymers. Kooperationen mit den Schulen sollen den Jugendlichen auch bei der größeren Anforderung durch das G-8-System das Golfspielen erleichtern. Schule und Golf ist auf der Breitensportebene ein großes Anliegen des Verbandes, der dafür jährlich fast eine Million Euro investiert.

Auch beim Jugendgolfkongress Mitte November, bei dem Trainer und Jugendwarte vor allem über das olympische Comeback des Golfs bei den Spielen 2016 diskutieren werden, ist der Schulsport sicherlich ein Thema. Denn in der Regel lösen nur die Sportler ein Olympiaticket, die von klein auf am Ball sind. Und dann entscheiden letztlich besonders die Disziplin und das Engagement der Jugendlichen über den Erfolg, wie Baden-Württembergs Landestrainer Tobias Heim sagt. Er verweist dabei auf eine Untersuchung des US-Psychologieprofessors Anders Ericsson. Diese besagt, dass jemand 10 000 Stunden Training bis Anfang 20 benötigt, um in einer Sache Weltklasseleistungen erbringen zu können. „Um richtig Gas zu geben, muss man eben mehr tun“, sagt Heim. Die U-14-Junioren des GC Solitude haben dafür ja noch Zeit.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (12. Oktober 2011)

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