Ohne die Bilder sagen Zahlendaten kaum etwas aus

10 10 2011

Die Abteilung Spielanalyse verknüpft beim VfB Stuttgart statistische Werte mit Videomaterial und hilft damit den Profis.

Mathias Munz kann kaum noch auf den Bolzplatz. Seit 2008 leitet der frühere Amateurkicker die Abteilung Spielanalyse beim VfB Stuttgart, befasst sich intensiv mit Profifußball und sagt daher mit einem Schmunzeln: „Wenn man ein gewisses Verständnis für das Positionsspiel und die Laufwege entwickelt hat, erträgt man das eigene Gekicke mit den Kumpels nur sehr schwer.“

Der Sportwissenschaftler professionalisierte in den vergangenen drei Jahren seinen Fußballsachverstand, und der VfB seine Spielanalyse. Heute arbeiten in der Abteilung zwei Festangestellte und zwei Studenten. Sie kümmern sich um die Drittligamannschaft sowie die Junioren, beschaffen und schneiden für die Scouts Videomaterial über potenzielle Neuzugänge und bereiten als Kerngeschäft die Spiele der Profis vor und nach – für die Analyse des vergangenen Bundesligaspiels und die Vorbesprechung des kommenden.

Konkret sieht Letzteres dann so aus: Die Spielanalytiker sichten die vergangenen Partien des nächsten VfB-Gegners, schneiden pro Spiel rund 50 Szenen raus – anhand der Vorgaben, die das Trainerteam Bruno Labbadia und Eddy Sözer zum Start seines Engagements vorgestellt hat, sowie der Informationen der Scouts, die das Spiel vor Ort angeschaut haben. Anschließend wählen sie mit dem Co-Trainer Sözer die endgültigen Szenen für die Mannschaftsbesprechung aus.

Das Ergebnis ist ein zwölfminütiger Film auf DVD. Darauf ist beispielsweise zu sehen, dass bestimmte Außenverteidiger das Spiel oft mit einem langen Diagonalpass eröffnen, oder dass gewisse Stürmer sich immer auf Höhe der gegnerischen Viererkette bewegen, um von dort aus in die Tiefe zu starten – Namen will Munz allerdings nicht nennen. Betriebsgeheimnis. Weitere Inhalte der Analyse-DVD können Standardsituationen, das Spiel gegen den Ball oder das Verhalten des Gegners bei Kontern sein. Das alles sind Informationen, die die Vorbereitung der Profis verbessern sollen.

Als Videomaterial können die Analysten auf das Fernsehbild des Senders Sky zurückgreifen, in Stuttgart verwenden sie jedoch vor allem den sogenannten Scoutingfeed der DFL. Elf Bundesligaclubs haben diesen Service abonniert, bei dem ein Extrakameramann das Spielgeschehen aus einer noch totaleren Perspektive verfolgt. Das Bildmaterial wird mit Zahlen der Firma Impire ergänzt. „Das Wichtigste bei der Analyse ist, dass man die Quantität, also die Daten, mit der Qualität, also den Videos, verknüpft“, sagt Munz. „Die Daten allein helfen kaum.“ Doch ganz perfekt funktioniert dieses Auswertungssystem noch nicht (siehe auch „Die Leiden der durchleuchteten Profis“).

Perfekt lief hingegen Munz‘ Werdegang beim VfB. Nach einem Praktikum sollte der gebürtige Schwäbisch Gmünder nach der Entlassung von Armin Veh mithelfen, eine Spielanalyse-Abteilung aufzubauen. Er hat seither einen großen technischen Fortschritt erlebt, der sich beispielsweise in größeren Speichermedien und schnelleren Downloads ausdrückt. „Der Fortschritt erleichtert die Arbeit ungemein, aber die Arbeit wird auch mehr, weil die Daten und Anforderungen immer differenzierter werden“, sagt Munz.

Ein Analyst kann mittlerweile herausfiltern, wie viele Zweikämpfe in der Luft (A) die zwei Sechser (B) im Angriffsdrittel (C) zwischen der 60. und 75. Spielminute (D) gewonnen haben (E). Die Punkte A bis E sind mögliche Stellschrauben für eine Abfrage. Viele solcher Abfragen bedeuten ein riesiges Datenmaterial, pro Spiel sind es etwa 4,5 Millionen. Munz hat sie nicht gezählt. Er und seine Kollegen synchronisieren diese nur mit den Videos, damit die Trainer Schlüsse daraus ziehen können.

Der 31-Jährige hat schon drei Übungsleiter beim VfB erlebt. Für Markus Babbel waren besonders die Bilder, weniger die Daten entscheidend. Christian Gross sichtete sehr viel selbst. Und die Akribie von Labbadia und Sözer wirkt sich auch auf das Arbeitspensum der Analysten aus. „Das finde ich sehr gut“, sagt Munz, „zumal die Zusammenarbeit perfekt klappt.“

Seine Abteilung rangiert in der Liga „im oberen Drittel“, was Hardware, Software, Personal und Erfahrung angeht. Der FC Bayern und Borussia Dortmund sind führend. Ausbaupotenzial ist noch vorhanden. Zum Beispiel ist es denkbar, irgendwann einmal ausgewählte Szenen schon in der Halbzeitpause in die Kabine zu schicken, damit der Trainer je nach Bedarf die erste Spielhälfte direkt analysieren kann.

Auch Individualpakete für jeden Spieler sind möglich, also eine DVD oder eine Datei zum Herunterladen, mit allgemeinen Sequenzen, aber auch Szenen vom Athleten selbst und von dessen Gegenspieler in der nächsten Partie. Schließlich macht der 1. FC Köln das schon. Dort bekommen die Profis portable Geräte, auf denen Videomaterial abrufbar ist. So etwas hätte Mathias Munz wohl auch gern für den VfB – sowie für sich und seine Kumpels auf dem Bolzplatz.

 veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (6. Oktober 2011)

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