Wo bleibt der Trennstrich?

6 07 2011

Ortsschild – Jede Woche lösen wir ein Rätsel des Alltags. Heute: der Einzeiler Kammgarnspinnerei.

Dieser Stadtteil ist benachteiligt. Schließlich erkennt man beim Vorbeifahren am Ortsschild „Kammgarnspinnerei“ in Bietigheim-Bissingen aufgrund der kleinen und engen Buchstaben recht spät, was da eigentlich steht. Das Hirn hat somit weniger Zeit, Namensassoziationen und -kenntnisse hervorzuspülen. Tamm grüßt einen Fremden schneller.

Selbst wenn der Tourist wissen sollte, dass es sich um eine alte Fabrik handelt, die sich 1856 ansiedelte und in deren aus Ziegelsteinen gemauerten Wohn- und Fabrikgebäuden heute Kammgarnspinnereier wohnen oder sich Eisenbahnmodellfreunde treffen, fragt er sich vielleicht, warum das Wort auf dem gelben Ortsschildgrund so zusammengepresst ist. Wenn er nicht bereits von einem der bemerkenswert häufig auftauchenden Blitzerkasten erwischt wird. Wir haben uns das gefragt.

Schließlich böten sich den 17 Buchstaben mit einem Trennstrich so einige Möglichkeiten, in die nächste Zeile zu hüpfen. Wo bleibt also der Trennstrich? Die Recherche führt uns zu Petra Jahnle, Werbetechnikmeistern des Schilderherstellers Seitz in Tamm, seit 25 Jahren in der Branche tätig: „Eine Trennung hatte ich noch nie, aber eine konkrete Vorschrift kenne ich nicht.“ Wobei es viele gibt. Beispiele sind Schildgröße, Schrift oder Abstand. Vorgeschrieben ist die DIN-Schrift, zur Auswahl stehen eine Mittel- und eine Engschrift, jede einzelne Buchstabenkombination hat einen bestimmten Abstand. Fehler kosten, schlimmstenfalls den Verlust des Gütesiegels. Straßenmeistereien seien angehalten bei Güte-Firmen zu bestellen, sagt Jahnle.

Sie verweist noch auf die RWB, die Richtlinien für die wegweisende Beschilderung außerhalb von Autobahnen, die das Bundesverkehrsministerium einführte. Der Unterpunkt 3.4. informiert über „Trennungen“. Es heißt: „Kann eine Zielangabe nicht in eine Zeile geschrieben werden, können lange Namen auch getrennt werden.“ Na bitte, Kammgarn-spinnerei wäre also möglich. Da wir aber unsicher sind, ob mit „Zielangabe“ auch Ortsschilder gemeint sind, zur Sicherheit noch die Nachfrage beim Ministerium, ob Trennen verboten ist: „Eine solche Vorschrift ist uns nicht bekannt“, teilt eine Sprecherin mit. Aber Jahnle ergänzt: „Kammgarnspinnerei liegt noch im lesbaren Bereich. Es ist immer besser für die Lesbarkeit, wenn der Ortsname am Stück geschrieben wird.“ Nun gut, vielleicht waren wir einfach zu empfindlich.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (5. Juli 2011)

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