Laufen für das Lächeln am Straßenrand

31 05 2011

Der Lauf, den Wataru Iino vor zwei Monaten absolviert hat, ist vor allem in einem Punkt ganz anders gewesen als der Stuttgarter Halbmarathon am Sonntag. „Nur Kamele und Skorpione jubelten uns zu“, sagt der Japaner. „Darum habe ich mich richtig auf die vielen Zuschauer und ihr Lächeln beim Stuttgarter-Zeitung-Lauf gefreut.“ Die Unterstützung des Publikums weiß Iino so sehr zu schätzen, weil er im April durch die Sahara gelaufen ist – beim diesjährigen Marathon des Sables.

Der 31-Jährige wagte die 240 Kilometer lange Herausforderung durch die Wüste bei 54 Grad Celsius, vier Prozent Luftfeuchtigkeit und mit einem zehn Kilogramm schweren Rucksack – gefüllt mit Essen, Schlafsack sowie weiterer Ausrüstung für die sechs Etappen in Marokko. Er überquerte nach einer Gesamtlaufzeit von 25:45,57 Stunden als 16. die Ziellinie, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Der Tokioter ist am Sonntag mit großem Ehrgeiz in den StZ-Lauf gegangen. Er wollte es unter die besten zehn schaffen und den Halbmarathon nach maximal 1:15 Stunden beenden. Dafür läuft er pro Monat rund 700 Kilometer, spickt sein Training zudem mit Intervallläufen. Physisch und mental ist er für sein Vorhaben also gerüstet gewesen, das zeigt schon das starke Ergebnis von Nordafrika. Auch am Sonntag war er erfolgreich. Er wurde in 1:15:35 Stunden Neunter. „Die Anfeuerungen der Zuschauer, besonders der Kinder, haben mich motiviert“, sagt er.

Kazuko Wakamatsu ist den StZ-Lauf entspannter angegangen. Sie startete beim Zehnkilometerlauf und nahm sich vor: „Ich möchte ins Ziel kommen und die Atmosphäre genießen.“ Das schaffte sie problemlos. „Beim nächsten Mal laufe ich aber schneller – und dann gehe ich auch den Halbmarathon an.“ Schließlich sei der StZ-Lauf „ein richtiger, regionaler Spaß-Event“. Beeindruckt hat Wakamatsu am Sonntag vor allem die Hilfsbereitschaft der anderen Läufer. „Die Stuttgarter waren so nett zu mir.“ Die Mutter eines vierjährigen Sohnes begeisterte sich erst an der Universität für Bewegung („Schulsport war schrecklich“), bestritt mittlerweile mehrere Marathons über die halbe und einen über die volle Distanz. Heute sagt sie: „Joggen ist gut für die Gesundheit und die Schönheit, Laufen ist wie ein Glückshormon und in Japan ein sehr populärer Sport.“ Bei dem sie außerdem ihre große Liebe kennenlernte.

Ihr Mann kam vor sieben Monaten zum Arbeiten für einige Zeit nach Deutschland und nahm die Familie aus Tokio mit. Wakamatsu kümmert sich um den Nachwuchs und läuft derzeit zwei Stunden in der Woche. „Das ist zu wenig, daher muss ich noch mehr trainieren“, sagt sie.

Iino lebt seit 2009 in Deutschland, er arbeitet beim Automobilkonzern Daimler als IT- und Mechanikingenieur. Und seit er in Stuttgart wohnt, läuft er auch mehr als früher in Japan. „Weil es so viel Natur, viele Hügel, Seen und Parks gibt“, sagt er. „Das liebe ich und kann daher gut entspannen.“ Auf die Verbundenheit zu seinem Land wies er aber dennoch deutlich hin. Iino trug während des StZ-Laufs an seiner Schirmmütze eine kleine japanische Flagge. Das habe aber nichts mit der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe zu tun, sagt er. Da spendet er lieber Geld, als Mitglied einer Wohltätigkeitsgemeinschaft geht für jeden seiner gelaufenen Kilometer derzeit monetäre Unterstützung nach Japan.

Und nach dem Ziel kamen sogar noch ein paar weitere dazu. Zum Auslaufen absolvierte er nach dem Halbmarathon nachmittags noch „lockere 20 Kilometer“.

Damit er sein Pensum gut übersteht, achtet Iino auch sehr auf die Ernährung. Ebenso wie Wakamatsu. Sie empfiehlt für Läufer als japanisches Schmankerl geschmorte Algen – diese sind reich an Nährstoffen – mit Karotten, Pilzen, Sojabohnen und gebratenem Tofu oder Reis mit eingelegten Pflaumen. Iino hat in der Vorbereitungsphase nur Müsli und Pasta gegessen. Wenn er noch Hunger hat, bäckt er sich einen „Grün-Tee-Kasutera“, einen typischen japanischen Rührkuchen. Für ihn steht schließlich immer wieder der nächste große Lauf an.

veröffentlicht auf StZ-Online (30. Mai 2011)

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