„Wichtig ist das Gesamtbild des Patienten“

30 05 2011

Der Physiotherapeut Jürgen Siegele spricht über Behandlungsfehler, häufige Beschwerden und die positiven Auswirkungen des Laufsports.

Herr Siegele, Sie haben in ihrem Vortrag beim Gesundheitssymposium am Rande des StZ-Laufes von moderner Physiotherapie gesprochen. Was unterscheidet diese von der traditionellen Form?
In der modernen Physiotherapie wird nicht nur dort behandelt, wo der Schmerz ist, sondern auch nach der Ursache der Symptome gesucht.

Heißt das, einige Physiotherapeuten behandeln ihre Patienten nicht richtig?
Sagen mir mal so. Zu mir kommen vielen Patienten, die schon in einer Behandlung waren, bei der nur die Symptome therapiert wurden. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um funktionelle Beeinträchtigungen, bei Verletzungen sieht es anders aus. Unterm Strich sollten bewährte Methoden mit den jüngeren wie der Osteopathie oder der manuellen Therapie kombiniert werden.

Was sollten Patienten bei einer Therapie erwarten können?
Das Gespräch im Vorfeld ist ganz entscheidend. Ist der Patient beispielsweise umgeknickt oder hatte er einen Autounfall sind Fragen, die dieser oftmals nicht mit seinen Problemen in Verbindung bringen würde. Anschließend sollten Tests an den Gelenken und den Weichteilen, also Muskeln, Sehnen und Bändern durchgeführt werden. Wichtig ist es, ein Gesamtbild vom Patienten zu bekommen und einem ganzheitlichen aber individuellen Ansatz zu folgen.

Welche Beschwerden müssen Sie am häufigsten behandeln?
Wirbelsäulenprobleme im Lenden- und Halsbereich, Kopfschmerzen, Achillessehnenbeschwerden, Knie-, Hüft- und Schulterprobleme…

…die vor allem wegen Bewegungsmangel auftreten?
Unter anderem. Es wäre gut, wenn sich jeder mindesten zwei Stunden pro Woche bewegt, am besten viermal 30 Minuten. Das machen viele durch die PC-Arbeit nicht mehr. Aber auch Unfälle und Überlastung sind mögliche Ursachen für die Beschwerden.

Viele der Teilnehmer des StZ-Laufes bewegen sich wahrscheinlich zwei Stunden pro Woche. Wie wirkt sich denn der Laufsport auf die Gesundheit aus?
Er ist nicht nur gut für das Herzkreislaufsystem sondern auch für den Bewegungsapparat. Die Bandscheibe ernährt sich beispielsweise durch Druck und Zug, was beim Laufen optimal erreicht wird.

Welche Beschwerden können andererseits durch das Laufen entstehen?
Beim Breitensportler kommen beispielsweise Achillessehnenbeschwerden häufig vor, weil sie oftmals die falsche Lauftechnik haben. Im Leistungssport sind es häufig Knochenhautreizungen durch Überbelastungen oder Zerrungen der Oberschenkelrückseite.

Das heißt für den Hobbyläufer wäre es wichtig, sich über die richtige Lauftechnik zu informieren?
Auf jeden Fall. Er könnte sich beispielsweise einer Laufgruppe anschließen. Dort gibt es erfahrene Läufer, die Fehler beim Laufen erkennen. Das Gesäß zu weit unten, der Kopf zu weit vorne sind mögliche Beobachtungen. Als Einsteiger ist es wichtig, organisiert und präventiv zu handeln…

…auch in Bezug auf Verletzungen?
Ja, auch bei kleineren Beschwerden sollten sie nicht lange warten, sondern medizinischen Rat aufsuchen. Denn größere Verletzungen gründen gerade im Laufsport oft in Bagatellen.

Zur Person: Jürgen Siegele ist Inhaber und Betreiber des Therapie- und Rehazentrums Bottwartal. Der Diplom-Physiotherapeut behandelt Breiten-, Leistungs- sowie Spitzensportler – darunter die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft. In seiner Therapie waren unter anderem auch Ralf Rangnick, Nils Schumann oder Andrea Berg.

veröffentlicht auf StZ-Online (29. Mai 2011)

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