Eine rollende Heizung mit Trendpotenzial

11 05 2011

Seit April betreibt die Stadt ein mobiles Blockkraftwerk für das Mineralfreibad und das Schulzentrum.

In Bönnigheim gibt es jetzt Energie auf Rädern: Seit April steht am stadteigenen Mineralfreibad ein erdgasbetriebenes Blockheizkraftwerk (BHKW), welches das Wasser erwärmt. Nach der Badesaison wird der Anhänger, auf dem das Kraftwerk montiert ist, zum Schulzentrum rollen, um die dortige Heizungsanlage für ein halbes Jahr zu unterstützen. Das mobile BHKW ist einzigartig in der Region.

Werner Schlenker, Amtsleiter für Stadtpflege in Bönnigheim, begründet den Zuschlag für die rollende Variante mit der größeren Wirtschaftlichkeit der Anlage. Schließlich erhöhten sich die Betriebsstunden durch die Doppelfunktion. Den Denkanstoß gab jedoch der Wunsch, das Mineralfreibad steuerrechtlich in die Stadtwerke zu integrieren, und dieser sogenannte steuerliche Querverbund ist nun mit dem BHKW möglich. „Da wollten wir noch eins draufsetzen und sind auf die pfiffige Lösung mit dem beweglichen Kraftwerk gekommen“, sagt Schlenker.

Auch Adi Golbach, der Geschäftsführer des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung, nennt das Konzept „pfiffig“. „Ich kann mir vorstellen, dass das ein gutes Geschäftsmodell ist“, sagt er. Dennoch habe er seit der Installation des ersten mobilen BHKWs 1995 nichts mehr davon gehört. Insofern „kann man nicht von einem Trend sprechen“. Das sieht der Besigheimer Heinrich Blasenbrei, dessen Firma das BHKW in Bönnigheim installiert hat, ganz anders: „Die Gemeinden trauen sich da nur nicht ran.“ Für alle Kommunen mit großen Gebäudekomplexen und Freibädern eigne sich die bewegliche Heizung. „Hoffentlich gibt Bönnigheim einen Impuls“, sagt er.

Markus Keller ist Vertriebsingenieur bei der Firma Sokratherm. Der BHKW-Hersteller hat die mobile Variante erstmals auf den Markt gebracht. Der Vorteil liege im Ausbleiben von „Übertragungsverlusten“, die bei dezentraler Energieversorgung durch Leitungssysteme automatisch entstünden. Zudem bedeute eine größere Anzahl der Betriebsstunden des BHKWs, die durch zwei Standorte gewährleistet sei, einen ökonomischen Vorteil. Ein weiteres Argument sei der Verschleiß: Wenn die Anlage „wenig läuft, hat sie keine optimalen Betriebsbedingungen, was die Wartungskosten erhöhen kann“, sagt Keller. Auch er sieht jedoch keinen Techniktrend.

Genauso wie Andreas Weigel von KW Energie, dem Hersteller des Bönnigheimer Kraftwerks. „Aber das Potenzial ist vorhanden“, sagt der Geschäftsführer. Ausgeschöpft wurde es bisher aber nicht, wie die Statistik des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) zeigt. 26 mobile BHKWs deutschlandweit sind dort zugelassen. Das bedeutet zwar nicht, dass in der Republik nur 26 solcher Anlagen betrieben werden, doch eine Bafa-Sprecherin bestätigt die Seltenheit der mobilen Energiemodule. Woran aber liegt das?

In der Breite verhindern offenbar die Bedingungen einen Boom. So müssen zunächst überhaupt zwei Objekte vorhanden sein, die noch in keine Heizungsanlage integriert sind. In Bietigheim beispielsweise steht das Frei- direkt neben dem Hallenbad, somit ist eine Wärmeversorgung ganzjährig notwendig, eine mobile Variante sinnlos. Investitionskosten für die Anschlüsse an den Heizungsanlagen in den Freibädern, Schulen oder Rathäusern müssen genauso in die Wirtschaftlichkeitsrechnung einbezogen werden wie Transportkosten und der Installationsaufwand, der jedes halbe Jahr anfällt. Hinzu kommen Faktoren wie der Gas- und Strompreis. Außerdem ist ein mobiles BHKW nur bis zu einer bestimmten Leistungsgröße sinnvoll, „weil es sonst zu schwer für einen Anhänger ist“, sagt der Ingenieur Keller. „Und wenn eine Anlage ohnehin an einem Standort schon wirtschaftlich ist, dann ist der Reiz auch nicht mehr so groß.“

Der Besigheimer Blasenbrei konzentriert sich dennoch auf die Vorteile. „Bevor die Bäder bei den gestiegenen Energiekosten ganz schließen, sollen sie sich lieber mit solchen mobilen Anlagen retten“, sagt er, „sonst haben wir in ein paar Jahren viele Nichtschwimmer.“ In Bönnigheim wird das erst mal nicht passieren, das Freibad hat heute den zehnten Tag in dieser Saison geöffnet – und das Wasser ist warm.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 10. Mai 2011

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