Ein Brunnen plus zwei Stäbe ist gleich Russlandreise

22 04 2011

Der Abiturient Randolf Scholz präsentiert ein Matheprojekt bei einer Wissenschaftskonferenz in Moskau.

Der virtuelle Randolf Scholz verrät schon einiges über den realen. In seinem Facebook-Profil hat der Abiturient aus Ingersheim sechs Interessensfelder angegeben – Schach, Zauberwürfel, Mathematik, Segeln, Tischtennis und Judo. „Ich lebe nach dem Motto: für den Geist und für den Körper“, sagt der 19-Jährige, „hier möchte ich eine Balance halten.“

Das scheint ihm zu gelingen. Jedenfalls macht er einen sportlichen und cleveren Eindruck zugleich. Er spricht gern über sein Segelboot, das er zurzeit restauriert. Genauso gern erklärt er seine „Faszination“ für Mathematik und verwendet dabei Stift und Block, um die Zusammenhänge zu erklären. Er sucht stets den Blickkontakt und untermalt seine Erläuterungen mit Gesten. Danach versteht auch ein Zahlenfeind zumindest den Grundgedanken seines komplexen Betätigungsfelds.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass er vom 24. bis 29. April an einer internationalen Konferenz junger Wissenschaftler in Moskau teilnimmt und dort ein Mathematikprojekt vorstellen wird – auf Englisch.

Im vergangenen Jahr hat er sich für das Kepler-Seminar in Stuttgart beworben, eine Einrichtung, die seit einem Vierteljahrhundert mathematisch und naturwissenschaftlich-technisch besonders interessierte Oberstufenschüler fördert. Scholz wurde angenommen, besucht seither freitags vom Kepler-Seminar organisierte Vorlesungen an der Universität Stuttgart und lernte dort zwei Schüler kennen, mit denen er eine Mathematik-AG gründete. Die drei arbeiten unter der Mithilfe eines ehemaligen Professors an einem Projekt zum Thema „diophantischer Brunnen“. So nennen es jedenfalls Scholz und seine Kollegen Felix Dörre und Dean Hrle. Vereinfacht dargestellt, handelt es sich dabei um das Herausfinden eines Lösungswegs für einen Brunnen, dessen Seitenlängen ganzzahlig sind, und in den zwei Stäbe hineingeworfen werden. Dabei soll auch der Schnittpunkt der Stäbe in einer ganzzahligen Höhe möglichst flach über dem Brunnenboden liegen. Hier haben die Schüler herumgetüftelt und schließlich basierend auf dem Satz des Pythagoras, also Rechengesetzen bei rechtwinkligen Dreiecken, einen Lösungsweg gefunden. Diesen wird Scholz mit Hilfe von Computeranimationen in Russland vorstellen. „Das ist toll, um Kontakte zu knüpfen und um sich zu beweisen“, sagt der Schüler.

Beim Wettbewerb „Jugend forscht“ gewann das Team bereits den dritten Platz, für Moskau hofft Scholz auf mehr. „Dort zählt auch die Präsentation viel, und diesbezüglich haben wir ein gutes Feedback erhalten“, sagt er, „die Leute waren froh, Mathematik einmal verstanden zu haben.“ Scholz selbst kann das bereits länger von sich behaupten. Er mochte Zahlen schon immer, sein großes Faible begann in der neunten Klasse, als es in der Schule mit den Beweisen losging. Es reizt ihn, „Lösungswege selbst zu finden“, denn da ist „Kreativität gefordert“. Rechnen müsse der Mensch heute nämlich nicht mehr, das mache der PC, sagt Scholz. Daher gefällt ihm auch der aktuelle Mathematikunterricht an der Schule nicht. „Man rechnet nur, sollte aber lieber Verständnisaufgaben machen, um Mathematik auch wirklich zu verstehen“, sagt der 19-Jährige, der sein Lieblingsfach auch studieren möchte.

„Es ist schade, dass Mathematik in der Gesellschaft so einen schlechten Ruf hat“, sagt Scholz, „sie ist zwar kompliziert, aber das Logischste auf der Welt.“ Seine Mitschüler gratulieren ihm mittlerweile zu seiner Nominierung für Moskau, aber in der Mittelstufe fühlte er sich teilweise „außenseitermäßig“. Als Mathefan hat „man teilweise das Problem, als Freak zu gelten, aber mittlerweile bin ich akzeptiert“, sagt der Abiturient des Ellental-Gymnasiums in Bietigheim-Bissingen, der sich selbst als „ehrgeizig, aber bescheiden“ beschreibt.

Scholz kam mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder in der zweiten Klasse aus Sachsen nach Württemberg, entwickelte hier seine Zuneigung für Zahlen, Zusammenhänge und Beweise. „Faszinierend ist die Ewigkeit der Mathematik“, sagt Scholz, „der Satz des Pythagoras wird auch noch in Millionen Jahren Bestand haben.“ Einen ähnlichen mathematischen Zusammenhang zu entdecken, das wäre für Randolf Scholz ein Traum. Über Facebook könnte er diesen zumindest schneller verbreiten, als Pythagoras das einst konnte.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 21. April 2011

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