Atommeiler: Orte wollen unabhängig sein

16 03 2011

Überrascht hören die Nachbarkommunen, dass Neckarwestheim I möglichst schnell stillgelegt wird. Der Schock über den Japan-GAU sitzt tief. Auch wer finanziell profitiert, will den Reaktor lieber heute als morgen loswerden.

Druck ablassen im Reaktorgebäude, Bergung der Menschen aus einem Umkreis von drei Kilometern, Ausgabe von Jodtabletten, die auch er in seinem Rathausschrank aufbewahrt: dem parteilosen Kirchheimer Bürgermeister und Kernkraftgegner Uwe Seibold hat eigentlich schon die erste Meldung vom atomaren Unfall in Japan gereicht. Schließlich sei das exakt der Ablauf, den auch die Orte um das Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN) laut dem Katastrophenschutz einzuhalten haben. Als er von den Maßnahmen um die Meiler Fukushima gehört habe, sei es ihm „eiskalt den Rücken heruntergelaufen“, so der Schultes. Tatsächlich hätten bereits besorgte Bürger bei ihm nachgefragt, ob man die Abwehrmedikamente notfalls bei ihm abholen könne, sagt Seibold: „Gebe Gott, dass wir die nie brauchen.“

Er sei misstrauisch, ob er den Atomausstieg noch erleben werde, hatte der Verwaltungschef noch vor wenigen Monaten erklärt, als die Laufzeit des 35 Jahre alten Blocks I des GKN verlängert wurde, das zwischen Neckarwestheim und Gemmrigheim steht. Dass dieser nun laut der Landesregierung möglichst rasch und für immer stillgelegt werden soll, kommt für die Kirchheimer extrem überraschend und doch mehr als gelegen. Der Ort liegt im Risikoumkreis, hat aber wirtschaftlich wenig profitiert. Immerhin: etliche Mitarbeiter des GKN wohnen in der Kommune, darunter der Betriebsarzt.

Das Personal inklusive Betriebsrat will die jüngsten Ereignisse nicht kommentieren. Ein EnBW-Sprecher sagt allerdings, die Stimmung sei „gedrückt“. Zumal das gute Abschneiden bei der gestrigen Sicherheitssonderprüfung nicht zu den Abschaltplänen passe. Insgesamt würden im GKN mehr als 1000 Menschen arbeiten. Im Atommeiler I seien rund 250 Menschen beschäftigt. Sollte der Block dauerhaft stillgelegt werden, bedeute das nicht automatisch das Aus für die Mitarbeiter, so der Unternehmenssprecher: „Unser hochqualifiziertes Personal benötigen wir auch in anderen Bereichen des Konzerns.“

In Gemmrigheim jedenfalls spricht die Apothekenchefin Rebecca Wolhoff derzeit mit vielen Bürgern über die Vorfälle in Japan. Ihr Eindruck ist aber, dass „die Arbeitsplätze in der Region die Leute mehr beschäftigen als die Jodtabletten“. „Fassungslos“ sei sie gewesen, als sie davon hörte, dass Ministerpräsident Mappus (CDU) die sofortige Stilllegung verkündete, sagt die Hausfrau Claudia Luithle: „Mit so einer Situation hat keiner gerechnet. Keiner weiß, in welche Richtung es weitergeht.“ Bisher hätten die Menschen im Ort zu der Einstellung geneigt, „uns wird schon nichts passieren. Aber durch den Vorfall in Japan denkt man schon anders nach“. Das bestätigen auch die Gasthausinhaber in der Gemeinde. „Jeder ist geschockt, jeder ist den Tränen nahe“, sagt ein Wirt, der nicht namentlich zitiert werden will: „Da denkt man an Japan und gleichzeitig an Neckarwestheim.“ Ein Thema für die Gäste sei aber zugleich auch die Sorge vor höheren Strompreisen, die mit der Abschaltung des Meilers wohl einhergehen würden.

Zudem ist der Meiler auch Auftraggeber für Dienstleister und Handwerker aus der näheren Umgebung. Das Ende des hiesigen Kernkraftwerks sei aus Unternehmersicht jedoch verkraftbar, sagt Norbert Polenta, Vorstand des Bundes der Selbstständigen in Besigheim und Exgemeinderat von Gemmrigheim: „Für die Geschäftswelt sind die Einschnitte nicht dramatisch.“ Außerdem gebe es auch bei einer Abschaltung noch viele Jahre Arbeit, meint auch der Neckarwestheimer Schultes Mario Dürr. Für den Rückbau brauche es mehr als zehn Jahre weiteres Personal. Dürrs Kommune bekommt 60 Prozent der GKN-Gewerbesteuer, der Rest fließt nach Gemmrigheim.

In den vergangenen Jahren habe sich dieser Betrag schrittweise reduziert, sagt die dortige Bürgermeisterin und FDP-Landtagsabgeordnete Monika Chef. Von zwei Millionen Euro jährlicher Gewerbesteuer hänge aber immer noch etwa die Hälfte am Meiler. Die Atomkraft befürworte sie nur, solange die alternativen Energiequellen nicht für die Versorgung ausreichten, sagt Chef. Weder wollte sie die Laufzeitverlängerung noch den atomaren Müll, der in das vor fünf Jahren eingerichtete erste Zwischenlager Baden-Württembergs auf dem GKN-Gelände gebracht wurde. Wenn man die Meiler abschalten könnte, wäre sie glücklich: „Meinetwegen lieber heute als morgen.“

Auch ihr Neckarwestheimer Kollege nimmt angesichts der Schreckensbilder aus Japan den Atomstromausfall gern in Kauf. „Wir müssen dann kleinere Brötchen backen“, sagt Dürr, „aber deshalb geht bei uns das Licht nicht aus.“

(veröffentlich in der Stuttgarter Zeitung am 16. März 2011, mit Miriam Hesse)

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