Esslingen, Mexiko, London: über Umwege zu Olympia

26 02 2011

Taekwondo. Bruno Raab hätte mit dem Kampfsport fast aufgehört. Doch dann ist er nach Mittelamerika gegangen.

Diese Untersuchung sollte Sicherheit geben. Als Bruno Raab kürzlich den Arzt seines Vertrauens am Olympiastützpunkt Stuttgart aufgesucht hatte, weil er vor drei Wochen gestürzt war, wollte der Taekwondokämpfer vor allem grünes Licht für die deutschen Meisterschaften am Wochenende in Ingolstadt. Das Röntgenbild zeigte einen Bruch am rechten Außenfuß des 19-Jährigen. Vor ein paar Tagen stand er noch auf der Matte, kämpfen soll er jetzt nicht mehr. Die Gefahr, dass der Knochen verrutscht, ist zu groß. Raab ist Verletzungen gewohnt, acht Knochenbrüche, drei Bänderrisse und unzählige Kapselrisse stehen in seine Krankenakte. Taekwondo ist was für harte Jungs.

Er wird den physischen Schmerz auch diesmal verkraften. Doch die Enttäuschung ist umso größer. „Das ist emotional ein sehr wichtiges Turnier für mich“, sagt Raab, der erstmals für den SV Esslingen gestartet wäre. Die Familie hätte zugeschaut, der alten Konkurrenz aus der Jugend hätte er es gerne gezeigt. „Ich war mental und körperlich super drauf und hätte ein Ausrufezeichen gesetzt.“

Dabei hatte er vor einem halben Jahr fast mit dem Taekwondo aufgehört. Den Abschluss am Berufskolleg der Stuttgarter Cottaschule in der Tasche, fragte er sich: Was nun? Die Mutter – immer noch unglücklich mit der Sportwahl ihres Sohnes – stammt aus Mexiko, Bruno wollte mal etwas Neues, flog nach Puebla. One Way. Der Vater machte dort gerade bei Verwandten Urlaub, hatte einen Vorstellungstermin für seinen Sohn an der UDLAP-Universität vereinbart. Bruno ging hin, verkaufte sich gut, bekam ein Sportstipendium. Seit zwei Monaten ist er für das Fach Internationale Beziehungen eingeschrieben. „Das war eine Spontanaktion, ich hatte gar nicht geplant, dort zu studieren“, sagt er.

Aber er bereut den Schritt keineswegs. Schließlich zählt Mexiko zu den erfolgreichsten Taekwondonationen und sein Team Aztecas zu den besten in dem mittelamerikanischen Land, er hat also optimale Bedingungen für seine sportliche Entwicklung. Und persönlich gefällt ihm Mexiko schon jetzt: „Die Lebensfreude ist größer“, sagt Raab, „und die Frauen sind mir lieber. Attraktiver und warmherziger.“

Für Montag ist sein Rückflug terminiert, schließlich wollte er nächste Woche in seiner neuen Heimat an der regionalen Ausscheidungsrunde für die Olympischen Spiele 2012 in London teilnehmen. Der Fußbruch verhindert das nun. Raab hofft, dass ihm der Verband die Teilnahme am nationalen Qualifikationswettkampf dennoch genehmigt. „Mein größter Traum ist aber Rio 2016“, sagt er, Olympia am Fuße des Zuckerhuts. Dafür trainiert er jeden Morgen Kondition und Kraft, jeden Mittag auf der Matte und zweimal wöchentlich abends mit dem Landeskader. Gerade mit der zeitgleichen Studienbelastung „ist das nicht immer ganz einfach“, sagt Raab. Die Erfolge bestätigen aber seinen Ehrgeiz.

Er gewann deutsche Meistertitel, schlug sich bei Europameisterschaften gut, schaffte es ins Nationalteam, etablierte sich in Mexiko. „Ich bin mittlerweile nachdenklicher, wie ein Schachspieler, und warte auf Fehler des Gegners“, sagt Raab. Dennoch sei er ein offensiver Kämpfer. Neben den Erfahrungen in Mittelamerika half ihm auch ein sechsmonatiger Trainingsaufenthalt in Korea vor knapp vier Jahren.

„Mein größter Erfolg war aber das Sportstipendium in Mexiko.“ Danach sah es bei seinem ersten Taekwondokontakt nicht aus. In Tübingen stand Raab mit fünf Jahren erstmals auf der Matte und fing nach dem Verbeugen an zu heulen. „Gott sei Dank ist er stehen geblieben“, sagt Vater Markus Raab, Bürgermeister in Esslingen. Denn als der Tübinger Taekwondopionier Cataldo Creti durch die Nachwuchsreihen lief, sagte er zu Bruno: „Deine Fäuste sehen aus wie meine.“ Das Eis war gebrochen, Bruno ging von da an in jedes Training.

Creti und der ehemalige Bundestrainer Soo-Nam Park sind Raabs Hauptförderer. Er bezeichnet sie als „Meister“, weiß, was er ihnen zu verdanken hat. Deutschland ist heute aber Vergangenheit, die Zukunft soll jenseits des Atlantiks sein. „In Mexiko habe ich das letzte Lächeln gefunden“, sagt Bruno Raab. Dort möchte er es in die Nationalmannschaft schaffen – und von diesem Ziel wird ihn wohl auch die vierwöchige Zwangspause nicht abbringen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (25. Februar 2011)

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