Klamauk, Poesie und gutes Essen

10 02 2011

Palazzo – Das neue Moderatorenduo hat auf der Suche nach Liebe das Gespür für den falschen Moment.

Dieser Schubser ist bestimmend – aber liebevoll zugleich. Fritz stößt zu Beginn der Show „Es(s)kapaden“ im Palazzo-Zelt auf dem Cannstatter Wasen seinen Halbbruder Anton von der Bühne, und die Rollenverteilung des Komikerduos wird damit sofort deutlich: Fritz führt durch den kulinarisch-artistischen Abend, Anton assistiert.

Fritz heißt abseits der Bühne Bernhard Altfeld, wurde im Jahr 1964 geboren, ging auf die Züricher Mimenschule, studierte Kunstpädagogik und -therapie und ist Halbschweizer. Anton alias Ralf Hafner ist vier Jahre älter und Schwabe, lernte Schlosser und Heilerziehungspfleger, spielt aber schon seit der Kindheit gerne Theater. 1994 lernten sie sich kennen, das Komikerduo „die Kavaliere“ entstand. Seit zwei Wochen führen sie als Conférenciers durch den Palazzo-Abend.

„Komik kann alles sein“, sagt Bernhard Altfeld, „es ist immer ein Bruch, eine Erwartung, die nicht erfüllt wird.“ Der Zuschauer muss die Situation kennen, erst dann könne eine Aktion die Lachwürze hineinbringen. Daher basiert ihr Auftritt auf der Grundidee, Anton mit einer Frau zu verkuppeln. Fritz versucht den Flirtprozess zu beschleunigen, aber Anton zerstört die Fortschritte durch plumpe, sexuelle Verbalvorstöße.

Dieser Gegensatz wird auf der Bühne zu einem amüsanten Zusammenspiel, zum Reizimpuls der Lachmuskeln, zum Garant des Erfolgs. „Ich bin der Gib-ihm-auf-die-Zwölf-Part“, sagt Hafner, „er sorgt für den Anspruch.“ Die klare Zuordnung des „weißen“ und des „roten“ Clowns, des seriösen und des doofen Spaßvogels, hat die Zusammenarbeit erleichtert. Die gleiche Ebene kann für Komiker aber recht schnell zum Nährboden der Konkurrenz werden. „Früher haben solche Konflikte lange gegärt, heute sprechen wir Probleme gleich an“, sagt Hafner, „aber durch die neuen Rollen gibt es kaum Schwierigkeiten.“ Ein Rollentausch findet auch beim Wechsel vom Rampen- ins Tageslicht statt.

Hier ist Hafner eher der Ernsthaftere und Altfeld spielt öfter den Schelm. Das zeigen auch die Profilbilder der Komiker auf der Internetplattform Facebook. Bei Hafner schmückt ein schlichtes Foto die Seite, Altfeld hat sich für einen Baumstamm entschieden, auf dem das Wort „Niveau“ eingeritzt ist. Das wiederum passt zu seinem Anspruch während der Vorführung, die auch voll von „Poesie“ sein solle. So rezitiert er im Laufe des Abends verschiedene Gedichte, macht ein Glockenspiel aus Gläsern oder singt.

Hafner steht ihm in nichts nach, seine Gedichte sind jedoch ungeschickt, seine Instrumente sind Flaschen, auf denen er Altfeld flötend begleitet. Beide bespaßen die Gäste auch während des Essens – ein gewagter Moment für eine Störung, doch das Publikum goutiert die Einlagen. Es ist eine durchdachte Show, die Elemente sind gut abgestimmt. In einer Szene blödelt Anton so lange herum, dass er zwar viele Publikumslacher erntet, aber Fritz ihn auch strafhypnotisiert und durch die Luft entschweben lässt. Das Publikum klatscht – ein Bild mit Symbolcharakter.

Der Kollege Anton animiert die Palazzo- Besucher eher zum Lachen, Fritz vor allem zum Applaus. So geben die Komiker einander Vorlagen, die der Partner verwertet. Eine Abstimmung, die funktioniert. Das wissen beide. „Jeder für sich, das wäre nicht so gut“, sagt Hafner. Motivieren muss sich aber jeder selbst. Lustlose Momente gibt es während des Auftritts kaum. Animiert wird das Duo durch die „erwartungsvollen Augen des Publikums“ (Altfeld) oder durch die „Erfahrung des Ankommens, das macht mich auch immer noch stolz“ (Hafner).

Auch im Gespräch wird das spürbar. Beide erzählen mit Elan von ihrer Arbeit, die Rollenverteilung ähnelt bezüglich der Präsenz jener auf der Bühne. Altfeld redet mehr, gestikuliert viel, fällt Hafner ins Wort. Er hält seinen Kollegen für „suchend, liebenswert und verspielt“, Hafner beschreibt Altfeld als „gewissenhaft, vertrauenswürdig und ehrlich“. Beide wohnen in Alfter bei Bonn, treffen sich privat aber kaum – das berge zu viel Streitpotenzial sagen die beiden Künstler.

Der Hauptkonflikt des Abends wird jedoch gelöst. Anton bekommt seine Frau, diesmal ist es die Zuschauerin Gertrud. Der vorgetäuschte Wangenkuss wird zum Mundbussi, und Anton verabschiedet sich mit den Worten: „Ein jeder Topf hot soin Deggel gfonda, und i bin glei mit Gertrud verschwonda.“ Irgendwie charmant, irgendwie doof, einfach komisch.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (9. Februar 2011)

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