Ein Projekt mit unbekanntem Ausgang

2 02 2011

Siim-Sander Vene glänzt beim Ludwigsburger Sieg, doch die Zukunft des Esten ist offen.

Er hat die Antwort schon gekannt, doch Göttingens Trainer John Patrick musste seine Verwunderung in Worte fassen und sagte nach dem Gastspiel in Ludwigsburg: „Wer ist eigentlich dieser Siim-Sander Vene?“ Das haben sich bisher auch die Ludwigsburger Anhänger gefragt, doch seit dem 96:90-(47:44-)Sieg des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg gegen die BG Göttingen am Samstag ist klar: „Er ist in der Bundesliga angekommen“, wie Patrick fortfuhr, „wir haben nicht gedacht, dass er so gut ist.“

Vor 2850 Zuschauern in der Arena Ludwigsburg traf der 20-jährige estnische Nationalspieler jeden seiner sechs Wurfversuche, darunter fünf jenseits der Dreipunktelinie. Bei der anschließenden Ehrenrunde brauchte er am längsten, schließlich war sein Autogramm an diesem Abend begehrt. Vene war erst kurz vor Weihnachten vom litauischen Erstligisten Kaunas ausgeliehen worden, weil er selbst „auf einem höheren Level spielen wollte“ – und den Langzeitverletzten Ziyed Chennoufi bei den Ludwigsburgern ersetzen sollte.

„Der Beginn hier war hart“, sagte der Flügelspieler, „mitten in der Saison zu wechseln ist nicht einfach.“ Die Bundesliga sei physisch belastender, spieltechnisch schneller. Doch die Mannschaftskameraden haben ihm den Einstieg erleichtert, besonders der Litauer Donatas Zavackas, bei dem Vene das erste Weihnachtsfest fern der Familie verbringen konnte. „Er hat seine Zeit gebraucht“, sagte der Trainer Markus Jochum, „in den Spielen ging es aber Schritt für Schritt nach vorne.“ Er hält den 2,03 Meter großen Vene für einen „sehr guten Spieler“, dessen Stärke darin liegt, „nichts Wildes, Unüberlegtes“ zu tun.

Es war jedoch keineswegs nur eine Einmannvorstellung beim ersten Heimspiel 2011. Vor allem Jerry Green und John Bowler über die gesamte Spielzeit sowie Alex Harris nach der Pause überzeugten. Der aggressiven Göttinger Verteidigung wollten die Ludwigsburger mit ihren starken Werfern begegnen. Das ist mit Vene (17 Punkte) sowie Harris (18) gelungen, und Toby Bailey (8) war da, als es darauf ankam. Er traf den „wichtigsten Dreier des Spiels“ (Jochum) zum 90:84 im Schlussviertel. Green (19) suchte so vehement wie noch nie in dieser Saison den Weg zum Korb, und Bowler (17) ackerte verbissen und holte sich acht Rebounds.

Die gute Mannschaftsleistung veranlasste den Trainer zu einem Riesenkompliment nach einem „kampfbetonten Spiel, das kein Leckerbissen war, jedoch ein nächster Schritt in Richtung Play-offs“. Aber Ludwigsburg agierte trotz des verdienten Sieges in einigen Situationen nachlässig, verspielte immer wieder hohe Führungen, so dass Markus Jochum anfügte: „Der gute Tag von Vene täuschte über das hinweg, was im Argen lag.“

Die Entwicklung des jungen Esten wird auch dadurch beschleunigt, dass er sich im Training gegenseitig mit Bailey fordert, berichtete der Trainer. „Ich war erst gar kein so guter Werfer“, sagte Vene, der bereits mit 15 Jahren ins Nachbarland Litauen ging, um im Jugendprogramm des Spitzenclubs Zalgiris Kaunas gefördert zu werden. Dort ging es bergauf, denn die litauische Schule lege „viel Wert auf einen guten Wurf“. Er trainierte aber auch zusätzlich hart – mit seinem Vater und einer eigenen Ballmaschine. Angeeckt sind sie in der Familie damit nie, denn auch die Mutter und der Bruder sind oder waren aktiv.

Siim-Sander Vene kann sich vorstellen, länger in Ludwigsburg zu bleiben. „Doch das ist nicht nur meine Entscheidung“,, sagte er, denn er hat noch einen Vertrag in Litauen, und die Clubs müssen sich noch einigen. „Er ist ein Projekt“, sagte Jochum in die Zukunft blickend. Ausgang offen.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (31. Januar 2011)

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