Mit Herz und System

14 12 2010

Ludwigsburg legt gegen Ulm nach einer desolaten ersten Hälfte eine furiose Aufholjagd hin und schafft mit dem 89:75 den vierten Erfolg nacheinander.

Es ist der richtige Zeitpunkt, sich feiern zu lassen. Toby Bailey hat soeben zum 64:56 getroffen – im Fallen und mit der Schlusssirene des dritten Viertels. Der US-Amerikaner steht auf, dreht sich zu den Fans, nimmt eine heroische Pose ein und genießt den Applaus. Er und sein Team haben das Lob in diesem Moment verdient, schließlich war es der beste Durchgang des Basketball-Bundesligisten EnBW Ludwigsburg beim 89:75-(34:48-)Derbysieg gegen Ulm. Vor 3326 Zuschauern in der Ludwigsburger Arena erkämpfte sich die Mannschaft des Trainers Markus Jochum nach einer desolaten ersten Hälfte mit einem furiosen 23:0-Lauf nach der Pause den vierten Sieg in Folge und bescherte dem Publikum erneut ein äußerst spannendes Spiel.

„Ich weiß noch nicht, ob ich die erste Hälfte schon verdaut habe“, sagte Jochum nach der Partie, „meine Spieler haben dann aber Charakter und Persönlichkeit gezeigt, und wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“ In der Pause habe er an „Herz und Intensität“ appelliert, aber „nicht über Basketball geredet“. Laut ist Jochum dabei geworden, aber „sachlich“ geblieben, wie der Manager Mario Probst sagte. Es waren die richtigen Worte, Ludwigsburg spielte fortan aggressiv, mutig und erfolgreich.

Dieser Wandel veranlasste Ulms Trainer Mike Taylor zu einem deutlichen Lob an die „physisch starke Defensive“ der Ludwigsburger. „Meine Spieler haben mittlerweile verstanden, dass Erfolg nur über die Verteidigung kommt“, sagte Jochum. Dass sich seine Mannschaft durch Leidenschaft und Glauben an das eigene Können aus schwierigen Situationen wie dem 14-Punkte-Rückstand zur Pause gegen Ulm herausziehen kann, hat sie in dieser Saison schon mehrmals bewiesen. Gegen Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte ist so eine Aufholjagd wie am Samstagabend aber kaum möglich, das wissen die Ludwigsburger.

„Aus der ersten Hälfte müssen wir lernen, damit so etwas nicht noch einmal passiert“, sagte Bailey, der mit 19 Punkten erfolgreichster Werfer war und mit seinen 63 erzielten Zählern aus den vergangenen vier siegreichen Partien den Aufschwung symbolisiert. „Wir passen die Bälle mit mehr System und viel besser als zu Saisonbeginn, daher bekomme ich nun bessere Würfe – und das Team vertraut mir.“

Ein weiterer Baustein des Erfolgs war die Rückkehr von Donatas Zavackas. Sein Treffer zum 53:56 gegen Ulm zeigte warum: Der Litauer vergab frei stehend erst einen einfachen Korbleger, um direkt nach dem Rebound von Alex Harris einen Drei-Punkte-Wurf zu treffen. „Das muss ein Spieler erst einmal machen“, lobte Jochum das Selbstvertrauen des Flügelspielers.

Das zeigte auch der 17-jährige Besnik Bekteshi bei seinem Heimdebüt. Der jüngste Bundesligaspieler dieser Saison warf in der letzten Sekunde des zweiten Abschnitts unter großer Bedrängnis seine ersten BBL-Punkte. „Er war vorbildlich und hat den Kollegen gezeigt: Ich bin da, wenn ihr weiter so spielt wie in Halbzeit eins“, sagte Jochum. Der Aufschwung basiere jedoch auf der Leistung des Teams und nicht eines Einzelnen. Das war auch gegen Ulm ersichtlich. Während bei den Gästen nur Per Günther und Robin Benzing zweistellig (je 18) punkteten, waren es bei Ludwigsburg gleich fünf Spieler.

„Die Play-offs sind definitiv möglich“, sagte Bailey anschließend, der schon in der nordamerikanischen Profiliga NBA für die Phoenix Suns auf dem Feld stand und seine Karriere nach dieser Saison beenden möchte. Der 35-jährige Flügelspieler schätzt die gute Stimmung im Team: „Mit den Jungs kommt man auf und neben dem Feld sehr gut aus.“ Manchmal sei zu viel Freundschaft jedoch „gefährlich“ für die Leistung. Das hat der holprige Saisonstart auch bestens gezeigt.

Mittlerweile erfüllt Ludwigsburg aber die eigenen Erwartungen – die erste Hälfte gegen Ulm ausgenommen – und ist am Sonntag beim Tabellenletzten Düsseldorf klarer Favorit. Heute gilt die ganze Kraft aber erst einmal der Regeneration, schließlich stand gestern die Weihnachtsfeier auf dem Programm. Und ein gutes Teamklima spricht da eher für ein längeres Fest.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (13. Dezember 2010)

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