Der Verzicht auf die Sachertorte

14 11 2010

Es ist ein Donnerstag im August 2000. Morgen wird Matthias Steiner seinen 18. Geburtstag feiern. Zu Hause riecht es nach Schokolade und Marillenmarmelade – Zutaten für die Sachertorte der Mutter, die es jedes Jahr zum Fest gibt. Doch der junge Mann darf die Zuckerbombe zur Feier der Volljährigkeit nicht essen. Er sollte am besten für immer auf Sachertorte verzichten. Das hat der Gewichtheber soeben erfahren – die Ärzte haben bei ihm einen Diabetes mellitus Typ eins diagnostiziert. Sein Körper produziert kein Insulin, das Hormon ist aber lebensnotwendig. Er muss sich seit diesem Sommertag vor zehn Jahren das Insulin nun regelmäßig in den Körper spritzen.

Steiner kann sich noch an die Gefühle von damals erinnern. „Da kommt alles zusammen. Das ist wie ein riesiger Hammer, der dir auf den Kopf gedroschen wird“, sagt der Olympiasieger von 2008. „Dein schönes Leben ist vorbei.“ Er brauchte einige Wochen, bis er realisierte: „Ich bin ja gar nicht so krank und kann mein Leben relativ normal weiterführen.“ Der heute 28-jährige Österreicher, der inzwischen für Deutschland startet, hat sich mit der Krankheit arrangiert. Er passt den Diabetes dem Gewichtheben an und nicht mehr umgekehrt. „Der Sport macht es mir schon einfacher“, sagt er, „denn Bewegung und Sport sind unerlässlich für den Diabetiker.“

Der Olympiasieg in Peking machte Steiner zu einem Star – und durch die mediale Präsenz auch zu einem Vorbild für andere Diabetiker. Er tritt bei Veranstaltungen auf, spendet Mut, zeigt, wie man mit der Zuckerkrankheit glücklich und erfolgreich leben kann. Zum morgigen Weltdiabetestag wird er in Berlin sprechen, solche Termine sind ihm wichtig. Er erzählt dann von seinen Erfahrungen mit dem Diabetes, davon, dass seine Frau nachts die „Schlafpolizei“ spielt und ihn weckt, wenn er im Unterzucker anders atmet oder schnarcht.

Matthias Steiner steht trotz Diabetes mitten im Leben. Er wechselt die Windeln seines Sohnes Felix, schwitzt in der Trainingshalle, stemmt Gewichte im Wettstreit mit den Besten der Welt. Er beschloss kurz nach der Diagnose vier „sehr entscheidende Dinge“, wie er in seiner Biografie schreibt: die Krankheit nicht als Krankheit, sondern als neuen Lebensumstand zu begreifen; Ratschläge von Medizinern und Betroffenen nicht als Gesetz, sondern als Hilfe anzusehen, um große Fehler zu vermeiden; mittels Erfahrungen eine dauerhafte, lebbare Lösung zu finden; sich nicht von den Zielen abbringen zu lassen. „Man muss immer am Plan festhalten“, sagt er, „wenn man schon bei den Zielen Abstriche macht, ist auch die Umsetzung ein Problem.“

Er hat keine Abstriche gemacht – und ist zu einem der besten Gewichtheber der Welt aufgestiegen, gründete eine Familie und musste auch noch den Unfalltod seiner ersten Frau verarbeiten. Um das alles zu stemmen, bedarf es einer großen Disziplin. Diese Eigenschaft ist eine Konstante in Steiners Leben, sie begleitet ihn auch im Umgang mit dem Diabetes. Ein Zuckerkranker muss immer gut vorbereitet sein und eine „Notration“ dabeihaben, um trotz der Krankheit flexibel leben zu können, sagt Steiner. „Ich empfehle Trockenobst, Datteln oder Aprikosen. Die sind temperaturresistent und können im Winter und im Sommer im Auto herumliegen.“

Für den Diabetesexperten Matthias Blüher vom Uniklinikum Leipzig ist Steiner kein Wunder. Die Krankheit schränke ihn zwar ein, aber: „Als wesentliche Voraussetzung für den Leistungssport sehe ich den eisernen Willen. Das klingt banal, aber die Motivation macht tatsächlich 90 Prozent aus“, sagt Blüher. Die Worte des Experten lassen sich auf andere Lebensbereiche übertragen, und so eignet sich Steiner nicht nur für die Sportbegeisterten unter den etwa sechs Millionen Diabetikern in Deutschland als Vorbild.

Er hat den Kampf gegen die Krankheit nie aufgegeben und sich mit ihr arrangiert. Bei einer Sache regt sich Steiner aber immer noch auf. Wenn er nach dem Zähneputzen, kurz vor dem Schlafen noch einmal seinen Zuckerwert misst und sich eine Unterzuckerung andeutet, dann „nervt das am allermeisten“, sagt der Gewichtheber und ergänzt sein Credo im Kampf gegen den Diabetes: „Ich habe keine Wahl. Wenn man sich dessen bewusst ist, wird es einfacher.“ Vor der Zukunft fürchtet sich Matthias Steiner nicht, Respekt hat er aber. „Ich bin mir immer bewusst, was passieren kann. Das sollte man nie außer Acht lassen.“

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (13. November 2010)

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: