FC Facebook_Chancen, Risiken und Realitäten des Amateurfußballs in sozialen Netzwerken

20 10 2010

Der Amateurkicker Rasmus Joost aus Tübingen hat soeben erfahren, dass er acht Wochen gesperrt wurde. Es ist der Abend des 24. September 2010 und es regnet. „Ich bin gespannt, was er nachher in Facebook posten wird“, sagt ein Mitspieler beim Trainingsbeginn. Vier Stunden später ist auf der Internetplattform zu lesen: „Harmloses Foulspiel am 05.09.2010, alle sind der Meinung gelb hätte gereicht, die Gegner lachen sich schlapp, dass es rot gibt…Das Verbandsgericht braucht bis heute, um sich zu entscheiden. 8 Wochen Sperre. Vielen Dank.“ Es entspinnt sich eine Diskussion mit Mitleidsbekundungen, Erklärungen, Sticheleien.

Doch die Geschichte des Gymnasiallehrers beginnt früher, an jenem 5. September um 15.30 Uhr. Joost foult in der Kreisliga-Partie seines SV Pfrondorf gegen die TSG Tübingen II an der Mittellinie den gegnerischen Spielmacher. Es kracht laut, der Gegner wälzt sich, der Schiedsrichter entscheidet auf Platzverweis. Knappe drei Stunden später sitzt Joost an seinem Computer. „3:5 gegen TSG verloren, ich nach 30 minuten mit glatt rot runter…danke herr schiedsrichter.“ 15 Kommentare werden auf den Eintrag folgen. Sie kommen von überall her, von alten Kollegen aus Norddeutschland, von Mitspielern desselben Klubs, von Freunden aus dem Nachbarort. „Ich nutze Facebook, um mit Mitspielern zu sprechen, um uns gegenseitig zu motivieren, um witzige Sachen über Ereignisse zu lesen und zu schreiben“, sagt der 27-Jährige.

Für die Kommunikation der Kicker gibt es viele soziale Netzwerke wie beispielsweise StudiVZ, SchülerVZ, twitter, Lokalisten oder easy2coach. Der Kapitän im Team der Internetplattformen ist aber Facebook. Das Netzwerk entstand im Februar 2004, Mark Zuckerberg heißt der Erfinder. Das US-Magazin „Forbes“ schätzt sein Vermögen auf 6,9 Milliarden US-Dollar, er rangiert damit auf Platz 35 der Liste der reichsten Amerikaner. Zuckerbergs Werk ist ein Imperium. 500 Millionen Nutzer weltweit, die Hälfte ist täglich online, im Durchschnitt hat ein User 130 Freunde und produziert monatlich 90 Inhalte (Kommentare, Links, Fotos, usw.). Über elf Millionen Deutsche sind der Plattform bisher beigetreten, es sind fast genauso viele männliche wie weibliche Mitglieder. Mittlerweile nutzen auch Fußballvereine im Amateurbereich Facebook, meist wurden die Klubseiten von aktiven Kickern angelegt.

Der SV Pfrondorf veröffentlichte die eigene Seite im Dezember 2009. Chris Willems ist der Administrator, der Chef des Klubs im virtuellen Bereich. „Man erreicht deutlich mehr Leute als direkt über die Vereinshomepage“, sagt er. 123 Facebook-Fans hat der Klub. 50 bis 60 Personen besuchen die Homepage pro Tag, 14 Prozent kommen über Links von Facebook. „Die Fans machen aber kaum etwas selbst, sondern reagieren eher auf Beiträge des Vereins“, sagt Willems. Die Pfrondorfer kündigen auf Facebook aktuelle Partien an, vernetzen Spielberichte von der eigenen Homepage und Videos der lokalen Zeitung, diskutieren über die Spielverläufe, vor allem bei positiven Ergebnissen. Tiefgründige Analysen bleiben dabei aus, „es wird oft weniger über Fußball gesprochen als über irgendeinen verzerrten Gesichtsausdruck auf den Fotos“, sagt SVP-Verteidiger Matthias Schanbacher. Sein Sturmkollege Dominik Kuti ist ein Fan der Spielfotos. „Man kann seinen Freunden in Facebook zeigen, wie geil Fußball ist, wie geil das Team ist“, sagt er.

Andere Klubs machen es ähnlich, eine Regel ist Facebook im Amateurfußball aber nicht – noch nicht, denn die Tendenz steigt. Die Verantwortlichen des TSV Regglisweiler in der Nähe von Ulm verwenden Facebook als Organisationsmedium. Der Treffpunkt der jeweiligen Spiele wird genauso gepostet wie Termine für Mannschaftsausflüge. Der TV Nellingen im Raum Stuttgart dankt seinen Sponsoren auf virtuellem Weg. Im U18-Juniorenteam des Oberligaklubs TSG Balingen erleichtert Facebook die Kommunikation, „weil Spieler aus jüngeren und älteren Kadern dabei sind und im Netz alle direkt erreicht werden können“, sagt Jugendkoordinator Nico Willig. Bei den meisten Vereinsgruppen sind die Anwerbung von Zuschauern sowie Kommentare zu den eigenen Siegen am beliebtesten.

Dass mittels Ankündigen in Facebook mehr Zuschauer zu den Spielen gelockt werden, ist nicht nachgewiesen, die Chance ist jedoch höher. Denn durch die Verbreitung im Netz kontaktieren die Klubs auch die Zeitungsverweigerer. Facebook bietet ehemaligen Spielern, die aufgrund von Beruf oder Studium wegzogen und nur manchmal zum Kicken anreisen, darüber hinaus die Möglichkeit in Kontakt mit dem Klub zu bleiben. „Das ist super für mich, um einen kleinen Einblick zu bekommen, wie das Spiel gelaufen ist und die Stimmung zu mir ins Wohnzimmer nach München zu holen“, sagt Lukas Rief, durch die Entfernung mittlerweile nur noch sporadisch aktiv im Bezirk Alb.

Jessica Vogt kickt in der Frauen Verbandsliga beim VfB Bad Mergentheim. Sie gehe aufgrund von stichelnden Facebookeinträgen durchaus motivierter in ein Spiel. Dabei werde jedoch seltener ihr Verein angegriffen als vielmehr der Frauenfußball im Allgemeinen beleidigt. Sie nutzt das soziale Netzwerk allerdings kaum, um sich über den Gegner oder die eigene Liga zu informieren. In diesem Punkt sind sich die Fußballspieler einig. Die Fakten der Kontrahenten suchen sie auf http://www.fussball.de oder der jeweiligen Vereinshomepage. In den Facebookgruppen der Klubs tummeln sich meist nur Vereinsangehörige, Diskussionen verschiedener Lager über das anstehende Derby oder die Tabellensituation bleiben aus.

Die Pforzheimer Zeitung plant, solche Debatten auf der Facebookseite des Blattes in Zukunft loszutreten. Bewusst bestücken die Journalisten die Plattform aber noch nicht, sagt Online-Ressortleiter Thomas Kurtz und erzählt vom Erfolg der Amateurfußball-Videos der Die Ligen GmbH: „Die Leute klicken die Kreisliga wie blöd. Sie möchten nicht nur die Sportschau gucken, sondern auch sehen, wie Kieselborn gespielt hat.“ Es kommt häufiger vor, dass er 5000 bis 6000 Videoklicks zu einer Partie zählt. Die Filmchen sind in die Homepages der Lokalzeitungen eingebettet und werden auf Facebook verlinkt. Noch populärer sind die Videos im sozialen Netzwerk geworden, als die Lokalzeitungen begannen darüber abstimmen zu lassen. Seither wird kräftig um Stimmen für den eigenen Klub geworben.

Das Schwäbische Tagblatt war Vorreiter, führte die Umfrage zur Rückrunde der abgelaufenen Saison ein. Die Leser können nun selbst auswählen, welche Amateurpartie sie im Netz sehen wollen. Gute 2000 Stimmen waren der Teilnahmehöchstwert. „Die User liefern sich teilweise richtige Kämpfe“, sagt Jonas Bleeser von der Online-Redaktion. Die Video-Klickzahlen seien nicht so „berauschend“ gewesen, daher haben die Tagblatt-Journalisten das Voting eingeführt. „Die Videos sind eine tolle Ergänzung zur gedruckten Zeitung“, sagt Bleeser, „sie leben von der semiprofessionellen Anmutung, davon, dass man die Leute brüllen hört.“

2005 hatte Markus Kleber die Idee, Fußballvideos von Amateurkicks zu produzieren. Er dachte sich: Der unterklassige Fußball ist eine Nische, die in der Breite viele Leute interessiert. Fünf Jahre später hat Die Ligen GmbH vier Vollzeitkräfte, einen Pool von 30 Videoproduzenten und arbeitet für 125 Tageszeitungen. Die Firma produziert auch das „Spiel der Woche“ vom Württembergischen Fußballverband. Neben Fußball kamen andere Sportarten hinzu, Sponsoren, Trainer und Scouts erweiterten den Kundenkreis, das Thema Videoanalyse wurde wichtiger. „Als Amateurfußballer sind solche Aktionen toll“, sagt Frank Merkle vom TSV Dietenheim im Alb-Donau-Kreis, „man ist stolz, wenn man sich und seinen Verein auf öffentlichen Netzwerken und nicht nur auf der eigenen Homepage wieder findet.“ Andere Amateurkicker archivieren die Filme von besonderen Partien als Erinnerungsstücke. „Für uns sind die Videos von die-ligen.de natürlich Pflicht, um zu sehen, was der Gegner im vorigen Spiel richtig und falsch gemacht hat“, sagt der Balinger Nico Willig. Amateurfußball trifft hier auf Professionalität, Videoanalyse im Internet gibt es mittlerweile von der Kreis- bis in die Verbandsliga. Auch der komplette 90-Minuten-Film ist als Sichtungsmaterial zu erwerben. „Die Fußballvideos sind auf einen engen lokalen Kreis begrenzt, durch die sozialen Netzwerke kann man das ausweiten“, sagt Die-Ligen-Chef Kleber. Auf Facebook könnten sich Themen maximal entfalten, weil jeder an die Videos heran kommt. Er weiß aber auch, dass diese Offenheit Nachteile und Risiken mit sich bringt. Sie reichen von beleidigenden oder fremdenfeindlichen Kommentaren über Ausgrenzung internetscheuer Menschen bis zu einem Missbrauch der Vereinsnamen. Virtuelle Beleidigungen – oftmals im Schutz der Anonymität – stören die Amateurkicker allerdings nicht so sehr wie die Angriffe von Angesicht zu Angesicht. Affronts im Netz bergen für den Pfrondorfer Schanbacher vielmehr Motivations- als Aggressionspotential. „Weil es jeder lesen kann, ist man besonders heiß darauf, das Gegenteil zu beweisen“, sagt er.

Dass Rivalität auf Facebook betrieben wird – und das auch auf eine amüsante Weise – zeigt die „Feindschaft“ zwischen den Tübinger Vereinen TSV Lustnau und SV Pfrondorf. Ein TSV-Anhänger gründete nach Schaffung der Pfrondorfer Facebookseite die Gruppe „Kann diese Haselnuss mehr Fans als der SV Pfrondorf haben“, in Anlehnung an das Eichhörnchen im Vereinswappen des SVP. Das Ziel war zügig erreicht, 159 Personen haben mittlerweile den Gefällt-mir-Button geklickt, 123 Fans hat der SVP. Die Mitglieder erfreuten sich an Pfrondorfer Misserfolgen oder an Bildergalerien von toten Eichhörnchen. Der Eintrag der Gegengruppe „Ich wette dieses Klärwerk kann mehr Fans als der TSV LUSTNAU haben!!!!!“ (in Lustnau steht das Tübinger Klärwerk) folgte prompt, und die Pfrondorfer Anhänger haben diesen virtuellen Wettstreit mit 254 Mitgliedern bisher gewonnen.

Die Chancen von Amateurvereinen, Facebook sinnvoll zu nutzen, gehen aber über die reine Unterhaltung hinaus. Die Klubs können sich bei ihren Sponsoren bedanken, den Geldgebern eine Plattform bieten. Sie können selbst Marketing betreiben, neue Spieler und Financiers umwerben, auf sich aufmerksam machen, die Jugend durch zeitgemäße Kommunikationswege im Verein halten. Die Teams können sich organisieren, Zuschauer – vor allem auch mehr weibliche – anlocken, Spielberichte, Fotos und Videos präsentieren. Schwächen und Stärken des Gegners können analysiert, eigene Spielzüge auf Fehler untersucht werden. Die Chancen der Cyber-Community sind groß, die Gefahren schätzen die Amateurkicker dahingegen eher gering ein.

Soziale Netzwerke und Amateurfußball sind aber erst im Flirtstadium. Potential für eine große Liebe scheint vorhanden. Sportler, Klubs und Lokalmedien müssen dafür mehr auf die interaktiven Netzwerke setzen. Die Chancen stehen gut, denn „jeder freut sich, seinen Namen irgendwo zu lesen oder ein Bild von sich zu sehen“, sagt Mittelfeldspieler Michael Radunski aus der Nähe von Pforzheim. „Es hat etwas von Prominenz.“

(veröffentlicht im Magazin „im Spiel„, Ausgabe 05/2010)

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