„Ich bin nicht herzinfarktgefährdet“

4 10 2010

Er ist zurück an der alten Wirkungsstätte: in Ludwigsburg. Doch diesmal ist Markus Jochum nicht Spieler, sondern Coach. Am Sonntag, 17 Uhr, trifft er zum Saisonauftakt in der Basketball-Bundesliga (BBL) mit seinem neuen
Teamzu Hause auf die Artland Dragons.

Herr Jochum, Basketball, Tennis und Surfen sind Ihre drei Lieblingssportarten. Alle verbinden Kraft, Schnelligkeit und Kreativität. Sind das auch die Hauptmerkmale Ihrer Spielphilosophie?
Ja klar. Basketball hat sich gewandelt. Das Spiel ist heute sehr athletisch, hat eine hohe Intensität. Es wird anders verteidigt, weil am Mann viel mehr Körperkontakte zugelassen werden. Von daher braucht man Kraft und Athletik. Und die Kreativität macht dann den Unterschied aus in der Qualität der Spieler. Es geht darum, wie schnell man entscheidet, und wie oft die Entscheidungen richtig sind. Wenn die Denkprozesse zwischen den Handlungen zu lange dauern, dann funktioniert es nicht.

Wie sieht es mit der Kreativität in Ihrer Mannschaft aus?
Mit Jerry Green, Toby Bailey und Donatas Zavackas habe ich für die Startaufstellung drei dominante Spieler, die sehr ideenreich sind. Sie sind es gewöhnt besondere Rollen zu übernehmen, können gut mit Freiheiten auf dem Feld umgehen. Die Verletzung von Donatas hat einen sehr großen Einfluss auf unser Spiel, weil unsere Spielzüge einen sehr guten Werfer und Passgeber auf seiner Position voraussetzen. Das wirft uns zurück, aber wir schauen nach vorne und versuchen das zu kompensieren.

Bei der Saisoneröffnung gegen Nancy waren fünf Neuzugänge in der Startaufstellung. Warum haben Sie nicht mit alten Führungsspielern wie Domonic Jones weiter gearbeitet?
Ich habe die Mannschaft im letzten Jahr sehr genau analysiert. Da waren ein, zwei Spieler dabei, die hätte ich gerne behalten. Gerade Domonic Jones, der ein sympathischer Spieler ist, der sehr viel Energie mitbringt. Aber er hat nicht die Starterqualität, die ich erwarte. Ausschlaggebend war jedoch, dass ich David McCray mehr Verantwortung geben wollte und daher mit drei Guards rotieren möchte. Außerdem haben wir mit Besnik Bekteshi einen weiteren Guard, der langsam an die BBL-Aufgaben herangeführt werden soll.

Jones hat demnach nicht in Ihr Konzept gepasst. Wie sieht dieses denn konkret aus?
Das Spiel muss eine Struktur haben, es darf kein Hopp-oder-Topp-Basketball sein. Ich möchte einen schnellen Basketball spielen, der kontrolliert abläuft. Das heißt, nicht jeder Fastbreak muss abgeschlossen werden, wenn die Verteidigung bereits gut steht. Der Übergang von freiem, kreativem Spiel zu einem organisierten Aufbau muss passen. Das ist für mich sehr wichtig und war mit den Spielern aus dem letzten Jahr nicht möglich.

Manche Fans haben sich darüber beschwert, dass in Ludwigsburg schon wieder ein Neuanfang geplant ist. Was entgegnen Sie diesen Kritikern?
Mit einem neuen Trainer kommen immer auch neue Ideen, und in den letzten vier Jahren bin ich der vierte Trainer. Ein Neuaufbau sieht ja immer so aus, dass man nach seinen Vorstellungen einen Kader zusammenstellt. Und den ergänzt man im zweiten und dritten Jahr. Optimal ist es, wenn sich die Spieler von Jahr zu Jahr entwickeln und man jedes Jahr weniger Spieler verpflichten muss. Die Neuzugänge müssen dann nicht erst eine Struktur schaffen, sondern können sich in eine bestehende hineinfinden.

Einer Ihrer Neuzugänge ist Jerry Green. Wie wichtig ist seine Rückkehr?
Die Aufbauposition ist die wichtigste in der Mannschaft. Ein Guard muss die Mannschaft führen können, den Ball auch in die Hand nehmen, wenn es brennt. Jerry war als Spielertyp mein Wunschkandidat. Dass er hier zudem eine Identifikationsfigur ist, verbessert die Voraussetzung für eine optimale Entwicklung der Mannschaft.

Wer soll noch Führungsqualitäten beweisen?
Die Spieler der Startaufstellung haben Einfluss auf dem Feld und auch daneben. Das läuft bisher sehr gut, auch wenn die Ergebnisse aus den Vorbereitungsspielen – ohne die Umstände betrachtet – nicht so toll aussehen. Wir haben mit John Bowler einen positiven Spieler, der Stimmung macht, der aber auch mal laut wird, wenn es nicht läuft. Toby Bailey hat viel Erfahrung, spricht viel mit den Mitspielern. Ich muss gar nicht so viele Erwartungen formulieren, weil sich vieles von selbst entwickelt.

Verletzungen, späte Transfers, sieben Niederlagen in elf Testspielen. Die Vorbereitung lief nicht optimal. Haben Sie Bauchschmerzen, dass der Saisonstart misslingen könnte?
Klar. Bauchschmerzen hat man als Trainer immer. Wenn wenigstens die Starting Line Up die letzten vier Wochen in der Vorbereitung zusammen hätte trainieren können, wäre es gut gewesen. Aber wir haben 34 Hauptrundenspiele und die Saison wird nicht in den ersten drei Wochen entschieden. Trotzdem ist ein guter Start wichtig, das gibt ein gutes Gefühl.

Was ist dieses Jahr möglich?
Ich kann noch keine Prognose wagen. Das geht nur, wenn man weiß, wie stark die eigene Mannschaft in Relation zu den anderen Teams wirklich ist. Hier wird etwas Neues in Bewegung gesetzt und da braucht man vor allem Geduld. Wir wollen das nächste Spiel gewinnen. Das wird das Ziel sein, das von Anfang bis Ende gelten wird.

Im Leistungssport geht es immer darum, sich zu steigern. Wo kann sich der Trainer Markus Jochum verbessern?
Ich arbeite als Coach jetzt erstmals mit extremen Persönlichkeiten, mit reinen Profis. Daraus resultieren andere Ansprüche und Erwartungen. Ich merke einfach, dass manche Ideen nicht umsetzbar sind, da die Spieler andere Ideen im Kopf haben oder es anders sehen. Da lernt man als Trainer immer dazu, eine gesunde Balance zu finden, welche Dinge man durchsetzt und wo man sich den Spielern anpasst. Mit Steve habe ich aber auch einen sehr guten und erfahrenen Berater, von dem ich viel lernen kann.

Sie gelten immer noch als genauso ehrgeizig wie zu Ihrer aktiven Zeit. Wollen Sie manchmal vielleicht zu viel?
Nein, das glaube ich nicht. Das würde heißen, ich verlange etwas, dass nicht möglich ist. Ich fordere ja nicht, dieses Jahr Deutscher Meister zu werden. Für mich ist es wichtig, aus jeder Trainingseinheit das Optimale herauszuholen. Nur so kann man auch im Wettkampf gut spielen.

Ehrgeizige Menschen können manchmal schlecht abschalten. Finden Sie nach nervenaufreibenden Arbeitstagen einen Ausgleich?
Jemand, der in sich ruht, bin ich sicherlich nicht. An den Tagen und in den Nächten nach den Spielen laufen diese komplett vor mir ab. Das bedeutet auch wenig Schlaf. Ganz abschalten kann ich nie. Aber ich bin nicht herzinfarktgefährdet und habe auch kein Magengeschwür.

veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung (29. September 2010)

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: